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Anna Griva: Der Maulwurf

Gedichte der Woche
Anna Griva
übersetzt von Jorgos Kartakis und Dirk Uwe Hansen


Der Maulwurf

Ich verkrieche mich tief unten
zwischen den Wurzeln der Bäume
und höre die Brandung,
das Schluchzen unterirdischer Welten.

Die Geschichte der Menschheit hängt
an meiner Hacke.

In dunklen Nächten
treffe ich die Mutter des Odysseus,
die strickt ihm ein Jäckchen,
für den Fall, dass er wieder zurückkehrt.
„Kalt ist es hier unten,“
sie nickt mir zu und lacht,
„das ist kein Ort für Überlebende.“

Wie kann ich ihr sagen,
dass sie einen unsichtbaren Faden hat,
dessen Knoten nicht binden,
sondern bei jedem Stich
das Deckchen der Morgenröte wieder
lautlos auftrennen.

Das werde ich ihr nicht sagen:
Die Maulwürfe nehmen das Ewige
nicht in den Mund,
sie graben nur.


In: Anna Griva: Glaub den Wörtern nicht. Sieh hin. Gedichte. Übersetzt von Jorgos Kartakis und Dirk Uwe Hansen. Leipzig (Verlag Reinecke & Voß) 2019. 92 Seiten. 10,00 Euro.

Und in Glykeria Basdeki, Niki Chalkiadaki, Katerina Chandrinou, Eleni Galani, Phoebe Giannisi, Anna Griva, Xenia Papadopoulou, Alexandra Sotirakoglou: Wo man spazierengehen kann und wo es Orangenbäume gibt. Gedichte. Übersetzt von Jorgos Kartakis und Dirk Uwe Hansen. Leipzig (Reinecke & Voß) 2018. 106 Seiten. 12,00 Euro.
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