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Andrej Belyj: Der Philosoph schleudert die Kritik der reinen Vernunft auf den Tisch

Diskurs/Poetik/Essay > Glossen

Andrej Belyj

Aus: Die Zweite Symphonie, die Dramatische (Erster Teil), 1902


Der Philosoph klingelte. Als ihm geöffnet wurde, schleuderte er die Kritik der reinen Vernunft auf den Tisch; und er selbst fiel vor Trübsinn, bar jeder Gegenständlichkeit, auf das Bett.
Sein letzter Gedanke war dieser: "Kant ohne Platon ist ein Rumpf ohne Kopf." Er schlief ein, und im Traume war er wie ohne Kopf.
Und Immanuel Kanrs Büste auf dem Schreibtisch schüttelte vorwurfsvoll den Kopf und streckte dem schlafenden Philosophen die Zunge heraus.
Der Philosoph schlief. Und über ihm verdichteten sich die Schatten, immer und ewig die gleichen, rauhe und sanfte, erbarmungslos träumerische Schatten.
Die Ewigkeit selbst ging in der einsamen Wohnung umher; sie klopfte sacht an und lachte im Nachbarzimmer leicht auf.
Sie setzte sich in einen leeren Sessel und rückte die Porträts in den Futteralen zurecht.
Schon warfen die Bücherregale wüste Schatten, und die Schatten trafen sich, und indem sie sich trafen, verdichteten sie sich ... Sie versteckten sich geradezu im Schatten.

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