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Andreas Altmann: Sommerferien

Gedichte > Gedichte der Woche

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Andreas Altmann

Sommerferien


Ich bin ein Lied, hast du gesagt, das immer wieder von vorn
gesungen wird und der Text im Verborgenen bleibt. Darüber
denke ich seit meiner Geburt nach. Und davor auch schon.
Nun wuchert das Grün in den Bäumen. So schnell kommen
meine Winteraugen nicht nach. Eigentlich schreibe ich das nur,
weil ich so lange geschwiegen habe. Nach Jahren war ich wieder
einmal an der Küste. Nichts ist von meinen Spuren übrig geblieben,
alles nur Kopfsache. Der Strand war leergefegt. Die Kindheit ist
ein Loch, aus dem alle Wege kriechen, die mir durchgegangen sind.
Viele glauben, mit dem eigenen Tod geht die Welt ein Stück unter.
Dabei ist es nur die Angst, die mir entgegengeht. Vor dem Fenster
schwingt der Weißdorn seine Arme und Regen tränt aus dem Gesicht
meiner Mutter. Ich hatte nichts vom Leben zu erwarten, das mir Vater
in den Mund gelegt hätte. Eine gähnende Leere könnte ich sagen.
Ich war so klein. Mutter hat mich in den Zug nach Frankenberg
gesetzt, 9 Kilometer. 10 Minuten später fuhr er nach Hainichen zurück.
Sie erwartete mich mit einem winkenden Taschentuch am Bahnsteig.
Das waren meine Sommerferien. Zu Hause lag der große Koffer
auf dem Schlafzimmerschrank, den sie aus Schlesien mitgebracht
und nie mehr geöffnet hat. Manchmal legte ich mein Ohr an seine
braune Holzhaut und hörte das Meer rauschen. Mein Freund Enrico
brachte Muscheln vom Ostseeurlaub mit seinen Eltern nach Sachsen.
Ich durfte sie nur anschauen, nicht berühren. Seine Haut war so
gebräunt wie meine weiß war. Ja, viele belächeln die Kinderjahre.
Diese Maske ist fest mit der Kopfhaut verwachsen. Ich frage mich,
was liegt auf dem Grund der Augen. Enricos Vater ist bei einem Unfall
tödlich verunglückt. Er fuhr einen himmelblauen Wartburg. Ich bin oft
ins Kino gegangen, Sperrsitz, 65 Pfennige. Alles alte Damen, am Einlass,
am Schalter, die Platzanweiserin. Das Gebäude ist seit vielen Jahren
abgerissen. Die Zeit erinnert sich nicht. Der Film läuft noch immer.


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