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Amadé Esperer: Im Auge lacht der Augenblick

Rezensionen/Verlage


Stefan Hölscher

Amadé Esperer: Im Auge lacht der Augenblick. Bamberg (Erich Weiß Verlag) 2020. 114 Seiten. 12,00 Euro

Follíen und Prosafatrasien


Kurz ist gut. Im Internetzeitalter, in dem die Medien ihre User mit möglichst kurzen Verweilinvestments („Lesezeit 90 Sekunden“) zu ködern versuchen, gilt diese Maxime besonders. Dass Kürze Charme und einen ganz besonderen Erkenntniswert eröffnen kann, wussten Lyriker*innen und Aphoristiker*innen aber schon von jeher. Das Internet war gar nicht nötig dafür.
    In seinem vor einigen Wochen im Erich Weiß Verlag erschienenen Band „Im Auge lacht der Augenblick“ versammelt der Lyriker, Essayist, Übersetzer und Herausgeber Amadé Esperer nun auf gut 100 Seiten kurze Texte. Keine Lyrik allerdings, sondern „Kürzestgeschichten“, wie er sie in seinem „Vorwörtchen“ nennt, und zwar „Follíen“ und „Prosafatrasien“, womit er zugleich an prominenter Stelle ein von ihm nicht selten verwendetes Stilmittel einsetzt, das er in anderem Zusammenhang einmal „Punktmutation“ genannt hat, das Changieren von Wortbedeutungen durch den Austausch kleinster Bestandteile.
    Die gut 60 Follíen und Prosafatrasien in dem Band changieren nun allerdings nicht nur, was ihre Nennung anbelangt. Sie changieren ebenso zwischen den Gattungen: So nehmen sie, auch wenn sie auf dem Boden der Prosa fußen, deutliche Anleihen ebenso im Lyrischen wie im Philosophisch-Reflexiven auf. Und sie changieren auch in ihrer Stimmungs- und Tonlage zwischen ernster Betrachtung, leichtfüßigem Witz, absurdem Spiel und gesellschaftspolitischer Kritik. Bei allem Spiel zwischen den Formen und Farben sind sie eines jedoch sicher nicht, nämlich „Denkfragmente amorph“:

Ab- und Auftauchstation wurde er genannt. Der Trakt glich einer ultramodernen Stroke-Unit, wo mit grenzenloser Tropfenzählergeschwindigkeit Denkfragmente amorph zusam-mengeballt als glossolalische Gedankenklumpen in den freien Raum der Ontologien gespült wurden, um dort wie stehendes Licht im Kraftfeld präexistenter Muster kondensiert zu ver-harren, jeder Zeit erweck- und abrufbar zu neuen Sinnkon-glomeraten, wie es gerade passte. Überall baumelten die Kondensate von der Decke, an Möglichkeitsnestern festge-klebt wie ausgespuckter Kaugummi am Schuh der Vergäng-lichkeit. Dazwischen makulierte Flecken von Vergeblichkeit. Und über allem spannte sich der rotlichtverschobene Ereig-nishorizont einer untergehenden Kultur.

Esperer entwirft seine Kürzestgeschichten um gedanklich-lautlich-gegenstandsbezogene Gravitationsfelder herum; und dies auch da, wo die Skizzen wie sprachspielerische Assoziationen wirken:

Gänge.Gang.Gegangen
Es ging immer ein Gang irgendwohin. Kriechend, streckend, aufrecht. Der Gang und die Gänge, der Gängegang. Urform des Daseins. Jahrmillionen lang und Tunnel breit. Ein Lichtfleck am Anfang, am Ende eine Lichtung. Aussicht, Umsicht, Übersicht. Der Tunnel als Vorsicht und Rücksicht aufs Leben an der Luft. Doch oben auch künstliche Tunnel, verteufelte Tiefungen, vergötterte Riefungen. Schichten aus Schichtung und Richtung. Baggern, Drillen, Bohren. Wirrnis aus Leitungen, Rohren, Gräben, Kanälen, und Schächten. Eingänge, Zugänge, Fortgänge, Steilgänge, Zwischen-, Haupt- und Nebengänge. Quergänge, Seitengänge, Längsgänge, Abgänge, Endgänge, Blindgänge, Aufgänge, Draufgänge, Rückwärtsgänge. Abgänge. Fortgänge. Die Erdgeschichte ist durchsiebt von Untergängen.

Nicht selten haben die Geschichten auch eine zumindest in groben Zügen erkennbare Handlung, was ihre Nähe zur „Flash Fiction“ als Kurz-Kurzgeschichte dokumentiert. In den Handlungs-strängen begegnen den Lesenden dann so unterschiedlich akzentuierte Figuren mit ihren angedeuteten Erlebniszusammenhängen, dass unverkennbar wird, dass hier nicht einfach ein Autor aus seiner gediegenen Eigenperspektive poetisch-prosaisch angehaucht vor sich hin philosophiert. Gleichwohl enthält der Band eine nicht zu knappe Portion Philosophisches, allerdings niedrigschwellig zugänglich:

Welt am Filament
Die Welt ist in einer weltweiten Welt aus Geweben und Texturen wie eine Mücke in der Spinnenwebe enthalten, und allenthalben sind Menschen in der kleinsten aller Webewelten verfangen. Ohne, dass sie es wissen, hängen sie tagtäglich an Tausenden von Nanofädchen… Alles ist so abgestimmt, dass jeder Mensch, sobald er aus der schützenden Uterushülle geschlüpft ist, mit diesen feinen Fäden vielfach verwoben und umschlungen wird. Das geschieht unmerklich langsam und leise und still, so als geschähe es gar nicht. Doch irgendwann ist das Kind filamentiert und bewegt sich im Rahmen von lauter stummen unmerklich ziehenden und zerrenden Drahtgeflechten. Manche Kinder lesen Gulliver als Märchen und ahnen nicht, dass es kein Märchen ist… die Gefahr besteht, dass die fein gesponnenen Filamente zerreißen. Das geschieht gewissermaßen jede Nacht. Wenn der Mensch er selbst wird im Traum, und das Bewusstsein hinunter steigt in die dunklen Gewölbe der Wahrheit, fangen die feinen Fäden an zu zerreißen, bilden Risse im Gewebe, Löcher, Lichtungen. Und es zeigt sich, einen Traum lang, in den blitzenden Lichtgefilden der frei feuernden Synapsen der fadenfreie Mensch, genau so, wie er verzeichnet ist im Aleph-Buch der Freigeschöpfe. Nichts aber fürchten die menschenverwebenden Mächte so sehr wie die Leere, den Riss durch die Schöpfung der Nanoverstrickung.

„Risse“ im sonst so festgefügten Gewebe, „Löcher“ und „Lichtungen“ im Reich der „Nanoverstrickung“, so hätte Esperer seine Prosaminiaturen auch nennen können – wenn sie nicht schon auf einen anderen und wohl auch noch hübscheren Namen getauft worden wären: Follíen und Prosafatrasien.


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