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Am Robbenkap

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Der andere Zustand



Robin Robertson, der schon im Juni zusammen mit Adonis, dem arabischen Poeten, in München den hochdotierten Petrarca-Preis erhalten hat, befreundet mit John Burnside, wie dieser 1955 geboren, beide Schotten, anfangs im Gespräch mit Jan Wagner, der in das Scots-English von Robertson einführt, Englisch mit schottisch-gälischen Einsprengseln.
Und Robertson liest in der keltischen Vortragsart, wie Pound, die Vokale und die Konsonanten trennend, feierlich die Verse ziehend. Nicht immer, aber bisweilen, sobald die alte Natur- und Sagenwelt durchschimmert.
Mythen sind für ihn ein moralischer Code, sagt er, wie zu leben und wie nicht. Daher seine Liebe zu Ovid, der immer wieder in den Gedichten durchscheint, ebenso zu Dante, zur (italienischen) Landschaft, aber vor allem zu den Metamorphosen, weil dort die griechischen Mythen komprimiert und modernisiert und (für die römische Welt) sozialisiert worden sind.


Das graue Meer wälzt sich im Schlaf,
Scheucht Möwen auf vom grünen Fels.

     (Anfang und Ende von: Aberdeen)



Robertson ist kein narrativer Schreiber, auch im Brotberuf Herausgeber für Poesie, er hat auch nicht vor, Prosa zu verfassen, denn Charaktere, Grundbestandteil von Geschichten, interessieren ihn keineswegs. Sein grimmiger Humor, mit Trauer und Schwärze gepaart, führt ihn zu bildstarken Metaphern – er feiert Dinge, obwohl sie dem Vergehen geweiht sind, und schreibt so, dass ihre Erlösung die Poesie ist – als anderer Zustand.

Winter in Hammersmith

Es ist so kalt heut nacht, zu kalt für Schnee,
doch es schneit. Durch den geschlossenen Vorhang
leuchtet das Schneelicht, dem ich als Junge
vom Fenster aus beim Fallen zusah.
Aber du bist nicht da, um mich wieder ins Bett
zu bringen, keiner von euch. Schau doch, der Schnee,
sagte ich, ganz gleich zu wem, ich friere,
so halte mich doch. Halte mich. Laß mich los.

Dies das ganze Gedicht, geschrieben, als seine Frau ihn verlassen hat. Dann weist er auf eine Analogie von Schloss = Verschluss zur (traditionell verbrämten) Lyrik hin:

Ein langsam-rauhes Gleiten, so sinkt der Schaft
des Schlüssels in seine Ummantelung,
ein Reiben an Graphit, ein Drängen
ins Innerste, des Schlosses Federn suchend.
   

(1. Strophe von der „Vermählung der Schlosserstochter“)


Schließlich liest Robin Robertson das titelgebende Gedicht seiner dieses Jahr bei Hanser erschíenenen Ausgabe, einer Edition des Lyrik Kabinetts, die leider nicht zweisprachig ist, übersetzt von Jan Wagner Am Robbenkap:

...

Man sagt, sie gehe jede Nacht hinaus, lege
Decken auf die Gräber, um sie warm zu halten.
Das Ausmaß ihrer Trauer sei erschreckend.

...

Und dann kommt Jan Wagner mit acht Gedichten zu Wort.

Vorweihnachtlich eingepackt war diese Veranstaltung, die im Rahmen des Literaturfestes München 2013 stattfand, durch ein gefühlvolles Zitherspiel Josef Brustmanns.

KK



Robin Robertson: Am Robbenkap. Gedichte. Aus dem Englischen von Jan Wagner. München (Edition Lyrik Kabinett bei Hanser) 2013. 72 S., 14,90 Euro.


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