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Alfred Jarry: Von der hermetischen Finsternis

Diskurs/Poetik/Essay > Glossen

Alfred Jarry:

Aus: "Heldentaten und Lehren des Dr. Faustroll (Pataphysiker)", Kap. 24



VON DER HERMETISCHEN FINSTERNIS UND VOM KÖNIG,
DER DEN TOD ERWARTETE


FÜR RACHILDE



Nachdem wir den Strom Okeanos überquert hatten, der wegen der Stabilität seiner Oberfläche einer breiten Straße oder einem Boulevard sehr ähnlich ist, kamen wir in das Land der Kimmerier und der hermetischen Finsternis, das sich von ihm unterscheidet, wie sich zwei Ebenen nur unterscheiden können, die nicht flüssig sind, nämlich durch Größe und Unterteilung. Der Ort, wo die Sonne untergeht, hat inmitten der Windungen im Gekröse der Stadt die Gestalt des Wurmfortsatzes eines Blinddarms. Es gibt Sackgassen über Sackgassen, von denen sich einige zu Höhlen weiten. In einer von ihnen rundet sich das Tagesgestirn. Zum ersten Mal verstand ich, dass es möglich ist, die Unterseite des wahrnehmbaren Horizonts zu erreichen und die Sonne aus so großer Nähe zu betrachten.

Es gibt dort eine Kröte, deren Maul bis an die Oberfläche des Okeanos reicht und welche die Aufgabe hat, die gesunkene Scheibe zu verschlingen, so wie der Mond die Wolken vertilgt. Täglich kniet sie zu ihrer sich im Kreislauf wiederholenden Kommunion nieder; sogleich strömt ihr der Dampf aus den Nasenlöchern, und eine große Flamme lodert empor, die aus den Seelen einiger gespeist wird. Das ist es, was Platon die Verteilung der Seelen durch das Schicksal außerhalb des Pols nannte. Und durch den Bau ihrer Glieder ist ihr Niederknien auch ein Niederhocken. Die Dauer ihres verschlingenden Jubilierens ist also ohne Maß; und da sie mit kraftvoller Pünktlichkeit verdaut, wird ihrem Darm das durchziehende Gestirn nicht bewusst, das übrigens nicht assimilierbar ist. Es wühlt sich einen Weg durch die unterirdische Vielfalt der Erde und steigt am anderen Pol wieder auf, wo es sich von den Exkrementen reinigt, mit denen es sich beschmutzt hat. Aus dieser Lösung wird der Teufel Plural gezeugt.

In dem Land, wo die Sonne immer wieder untergeht, gibt es einen König, zu ihrem Schutz bestellt, und mit ähnlichem Schicksal, denn täglich erwartet er den Tod; einmal, so glaubt er, wird die Nacht ewig dauern, und er erkundigt sich nach der Verdauung der Horizontkröte. Aber er hat keine Zeit, das Gestirn zu betrachten, das mit wackelndem Wanst in die benachbarte Höhle eilt: auf seinem Nabel trägt er einen Spiegel, der es ihm reflektiert. Sein einziger Zeitvertreib ist die Erbauung an einem Kartenschloss, dem er jeden Morgen ein Stockwerk hinzufügt und wohin einmal im Monat die Herren der überseeischen Inseln Orgien feiern kommen. Wenn das Schloss einst zuviel Stockwerke zählen wird, wird das Gestirn auf seiner Bahn mit ihm zusammenstoßen, und es wird einen gewaltigen Kataklysmus geben. Aber der König hat wohlweislich Sorge getragen, es nicht in der ekliptischen Bahn zu errichten. Und das Schloss hält sich nur aufgrund seiner Höhe im Gleichgewicht.

Weil es dunkel war, als Backenbuckel unser As ans Ufer zog, erwartete der König, seiner Gewohnheit nach, den Tod, und die Kröte quakte bei ihrem Geschäft. Der Palast war schwarz ausgeschlagen und für die Leichen hatte man Chaiselongues vorbereitet und Zaubertränke, um das Bewusstsein im Todeskampf zu verdunkeln. Wenn Backenbuckel es auch nicht durch unbesonnen variierte Gesprächigkeit verriet, so schmeichelte er sich doch, Deontologe zu sein und glaubte sich verpflichtet, schwarze Kleidung anlegen und seinen Schädel, ähnlich einem bösartigen, versteinerten Meerigel, mit einem chapeau belge krönen zu müssen, dessen Lichtschwingungen sich in ähnlichen Wellen wie die auf seinem Anzug sammelten und dessen Gesicht der Hälfte eines erloschenen Erdballes glich.

Und die Nacht berechnete ihre Stunden, sodass man die Lampen anzündete.

Plötzlich grollte der absteigende Grimmdarm der Kröte, und die unverdauliche Speisekugel aus reinem Feuer nahm ihren gewohnten Weg zum Pol des Teufels Plural.

Die Metamorphose wurde sichtbar in der Trauer der Wandbehänge von leuchtendem rosarot. Man genoss die Zaubertränke durch die Röhren von Strohhalmen und da kleine Frauen auf dem Feuerrot der Chaiselongues hingelagert waren, glaubte Backenbuckel, dass es an der Zeit sei, sinnlich zu werden: Ha ha, stellte er summarisch fest, aber er bemerkte, dass wir seinen Gedankengang erraten und vor allem die Naivität seines chapeau belge entdeckt hatten, der mit dem störrischen Gepolter eines schmiedeeisernen Schweinigels auf den Teppich stürzte.


(1911)

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