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Alf Larsen: Nachtgedanken (Anfang)

Gedichte > Klassiker

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Alf Larsen
Nachtgedanken
1951

übertragen von Klaus Anders

(Anfang)


...dieweil der Autor es nur für sich selber
zu einem Memorial und zu einer Aufrichtung
des finstern Schlafs in Fleisch und Blut
geschrieben hatte.
Jacob Böhme


Die Nacht existierte nicht für die Alten – bei allem, was sie von Sternenwelt wussten! Ihr astronomisches Wissen war nur die andere Seite ihres Wissens vom ewigen Licht. Friedell sagt von den Griechen: „Sie hatten kein Organ für die Nebeltage, für die Poesie der Herbststimmung, des Abendrots und des Mondscheins, für all das, was im Gefühlsleben des modernen Menschen eine so große Rolle spielt.“ Das ist richtig. Auch die Perser sahen die Nacht nicht, doch eigentümlich genug die alten Chinesen, ihre Poesie ist übergossen von Mondschein. Aber das hängt sicherlich damit zusammen, dass sie so „alt“, wie man glaubte, nicht mehr waren.

Novalis’ „Hymnen an die Nacht“ waren der Durchbruch von etwas Neuem, ein merkwürdiges Ereignis in der Geschichte der Bewusstseinsentwicklung. Poes „Ulalume“ und Baudelaires „Brumes et Pluies“ können als Meilensteine in dieser Entwicklung betrachtet werden. Nach und nach arbeiteten wir uns tiefer und tiefer in dieses Schattenreich hinein, und dort begann unser Denken zu leben, es ist ein Kind von Hoffnung und Verzweiflung.

Und in diesem Hades sollten wir eines Tages „die Sonne um Mitternacht sehen“...

Dass die Nacht der eigentliche Tag ist, weiß derjenige, welcher Nacht um Nacht gelegen und gedacht, im Geistigen gelebt hat. Bei Tageslicht ist es unmöglich, zum Geistigen vorzudringen, dieses Licht ist ja bloß eine Materialisation, eine Mauer vor dem Licht der Welt.
Hätte ich bei Tag nicht das Licht der Nacht bei mir, könnte ich unmöglich einen Gott im Sonnenaufgang sehen und einen Engel in der ersten Brise.

                                                                    *

Hätte ich nicht auch ein Leben in der Nacht, wäre der Tag für mich wie eine leere Schale. Die Nacht ist es, die den Tag mit Inhalt und Sinn füllt. In der Nacht ist meine Seele daheim, das fühle ich. Da fliegen Gedanken als Boten zwischen Himmel und Erde, da steht die Jakobsleiter, und ich sehe Engel auf- und niedersteigen.

                                                                     *

In der stillen, dunklen Nacht, wenn der Gedanke umherflattert wie ein Vogel, der keine Ruhe findet – o Vogel, warum gebärdest du dich so? Siehst du das innere Feuer der Erde durch die dünne Kruste?
                                                                       *

Gäbe es nicht die Nacht, hätten wir keine Gedanken. Der Tag könnte uns nur Konklusionen geben.
                                                                       *

Die Nacht und die Einsamkeit, das sind zwei Seiten ein und derselben Sache. Die Einsamkeit hüllt uns in eine Atmosphäre des Überirdischen, die eine Entsprechung zur sternbestrahlten Finsternis bildet. Deshalb sucht der denkende Mensch die Einsamkeit, um einen Funken des wahren Lichts zu empfangen; sie ist für ihn wie die Stille nach dem Sturm, von der es heißt, dass Gott darin sei.

                                                                        *


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