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Alexander Kluge: Russland-Kontainer

Rezensionen/Verlage


Franz Hofner

Alexander Kluge: Russland-Kontainer. Berlin (Suhrkamp) 2020. 444 Seiten. 34,00 Euro.

Alexander Kluges Russland – Kontainer.


„Ein Journalist wird seine persönliche Neugier an den Rahmen anpassen, den das Interesse des Lesers ihm setzt.“ Ein Autor, der solche pieksigen Sätze formuliert, wird Widerstand ernten, auch wenn der Piekser nur literarisch ist. Der tiefgreifendste Widerstand gegen einen Autor ist, auch das steckt in dem Satz (der aus der ‚Chronik der Gefühle‘ stammt), das Desinteresse - nicht das grobe, ignorierende Desinteresse, sondern das fein-subtile: das Drüberwegsehen.

So ist Kluge einer der bekanntesten Schriftsteller Deutschlands, und gleichzeitig - so scheint es mir wenigstens in meiner literarischen Blase – ist sein durch Serien von Preisen für das öffentliche Bewusstsein entsorgtes Werk wenig gelesen. Kluge ist die Nachteule unter den Schriftstellern der Gegenwart, einer der sich immer fremd anfühlte - so fremd, wie das von ihm ‚Zapperfalle‘ genannte Fernsehformat dctp auf Sat1 und RTL war, wo man ansonsten zu seinen Sendezeiten bei Produktionen wie Tutti-Frutti eher den Gegenpol zur Wissbegierde antraf.

Kluges Schreiben lebt vom Interesse für das Fremde, doch nicht im oben persiflierten journalistischen Sinn. Es liegt ihm fern, mehr oder weniger exotische O-Töne herbei zu zerren, um einen in der Regel altbekannten Zeigefinger mit der Farbe des Authentischen zu bemalen. Kluge springt hinüber und lässt sich erzählen - ob das nun Astrophysikerinnen sind, Geheimdienstler der Frühphase der Sowjetunion oder auch verstaubte Unterlagen aus kirgisischen Klöstern. Die Dinge scheinen sich unter seinen Händen zu finden, der Kontainer ist eine Wunderkiste, in der die Leserin vieles findet, in der Substanz größtenteils diesseits, im Detail, so lässt sich vermuten, oft auch jenseits der Grenze der Phantasie.

Einer, der dem Zeitgeschehen mit ausuferndem Interesse, historischer Bildung und einer für moderne Leser sicherlich erschreckend intensiven Verwendung von Verstand begegnet. In der „Chronik der Gefühle“, einem 2.000-Seiten-Werk aus dem Jahr 2000, war ein Autor zu entdecken, der sich unter anderem tatsächlich für die Lebenswirklichkeit der Menschen im Osten interessierte, also als Menschen, nicht nur als Belegexemplare für verfehlte Lebensentwürfe. Heute liest sich Kluge immer noch wie ein Fremdkörper: eine Literatur eigener Art. Einschüchternd weniger durch seine Fülle an Erfahrung - er tritt aktuell (14. Februar 2021) in sein 90stes Lebensjahr ein - sondern durch die ausgebildete Technik, Erfahrungen zu Wissen zu machen und dieses Wissen wieder in seinen Arbeiten erfahrbar zu machen: vor allem durch Techniken der Collage.

2020 erschienen zwei Bücher - der hier nur kurz zu erwähnende prächtige, unvergleichliche Parsifal-Kontainer bei Spector Books - edles Papier, edler Einband, tiefschwarz. Eine Sensation - und ich denke nicht, dass man ein sonderlicher Baselitz-Fan sein muss, um von diesem Buch begeistert zu sein. Ein Kunstband in vieler Hinsicht - die Klugeschen Miniaturen durchschießen als Glossen die Zeichnungen, oft Tuschebilder zu den immer aktuellen Parsifal-Themen und Figuren.

Und der Russland-Kontainer mit knapp 400 bebilderten, locker gesetzten Seiten bei Suhrkamp, edler Einband, edles Papier, ebenfalls farbiger Druck (in manchmal arg reduzierter Größe) - schon buchbinderisch ein Buch aus einer besseren Zeit.

Kontainer: ein Kluge-Format. Man könnte es Roman nennen, er liebäugelt mit der Bezeichnung, spricht dann aber von drei Essays, jeder eine reiche Folge von Episoden, geschnitten mal nach motivischer Nähe, mal nach Kontrast – eben so, wie ein erfahrener und immer noch experimenteller Filmemacher schneidet. Eine Collage. Ein altertümelnder Ansatz? Wie es die fast 90jährigen eben so machen, sein Buch enthält Fotos, Skizzen, Filmstills, Dokumente, Erzählungen, Biographisches, Treibgut eines aufmerksamen Zuhörers, bei dem die Sprecher ihre Unterlagen in guten Händen wissen. Wo das Medium sich dem Gelesen-Werden nicht fügen will, sind QR-Codes eingebaut, die die filmischen Referenzen unmittelbar erschließen.

Ein Kontainer. Das ist die Welt eines Sammlers, ins Große gedacht: eines Importeurs.

Angelandet ist also ein Russland-Kontainer, voll mit kurzen, unsentimental erzählten Geschichten in der vertrauten Klugeschen Diktion. Der Humor, der Schrecken, nichts davon wird auf dem Silbertablett präsentiert - es liegt am Leser, die Dinge zu gewichten:

„An ein Maschinengewehr mit Wasserkühlung wurde ein gusseiserner Topf angebaut, und fertig war der Schnapsbrenner.“

Die Namen sind, wie immer bei Kluge Legion, von Karl May über Kafka bis zu Alexander dem Großen, Benjamin und Stalin, der politische Zoo, die Geophysiker treten genauso auf wie Geostrategen, die Dichter und die Mystiker teilen sich die Seiten mit den kleinen Geheimdienstlern. Ein Buch wie geschaffen für den Hausarrest, hinter fast jeder Seite verbergen sich Hinweise, die weiterführen und zu einem zweiten Blick verführen.

Und doch: fragt man sich, wie der Russland-Kontainer irgendwie vom Eismeer vielleicht die Elbe hoch nach Hamburg geriet - man kann sich vorstellen, dass er dubiose Bewegungen hinter sich hatte, bis er halbwegs sicher in Berlin angekommen war, nur um mit dem Zusammenbruch der ostdeutschen Front Richtung Bayern transportiert zu werden, nach Starnberg. Vielleicht auch weiter Richtung Süden wie früher Görings feiste Beute-Züge oder die geheimen Flugzeug-Prototypen Hitlers, die Ziehkinder seiner bis ins Frühjahr 45 unentwegt erfinderischen Konstrukteure in der Garmischer Diaspora. Vielleicht vergrub sich Kluge zum Schreiben auch in eine Bergfestung, etwa, die Bilder legen es nahe, in Schloß Elmau oder weiter in die deutschem Zurüsten immer aufgeschlossene Schweiz.

Vielleicht gab es aber auch Verluste? Russland ist ein großes Land mit langer Geschichte. Es steht zu befürchten, dass auf dem Transport Material verloren ging, vielleicht gab es sogar einmal einen zweiten Kontainer, der bereits im Kattegat auf Grund lief?

Denn das Buch ist nicht ausgeglichen. Geschrieben im Andenken an die Russland-liebende und vor einigen Jahren verstorbene Schwester enthält es einen Blick auf das Land, der keine Ausgewogenheit anstrebt. Kluges Interesse galt immer schon dem Zerfall der Macht (ein großes Kapitel in der „Chronik der Gefühle“ war dem Thema bereits gewidmet) - hier ist Russland ein dankbares Feld. Die Kämpfe Napoleons sind im Kontainer intensiv geschildert, Hitlers Feldzüge eher am Rande. Die Seite des Machterhalts ist anderswo zu beschreiben, hier geht es nicht um Breschnew oder Putin und Sotschi, gar um Solschenizyns Blick, sondern eher um Puschkin, um Chlebnikow (in Mayröckers Übersetzung) und Florenski. Kluge hat die Wahl, und er hat sie getroffen. Er ist begeisterter Dilettant in naturwissenschaftlichen Fragen - enthalten ist eine höchst komische Diskussion, bei der sich Kluge von einem zu Hilfe gerufenen Mathematiker die komplexe Zahl i (Wurzel aus -1) erklären lässt. Dieser erklärt jedoch die Grundlagen der komplexen Wurzelfunktion - eine Riemannsche Fläche - was Kluge fälschlicherweise alles auf i bezieht und zu nicht einholbaren Spekulationen über die innere Natur komplexer Punkte abhebt.

Das Buch ist eine Einladung, sich mit Aspekten Russlands und seiner Geschichte, seiner Geographie, seinen Wissenschaftlern zu beschäftigen - es versucht nicht alle darzustellen. Das Land ist grausam, die Geschichte der Revolution ist grausam, das verschweigt Kluge nicht - doch diese Episoden sind eingebettet in ein Erzählen, das sie einem bestimmten Narrativ unterordnet - einer Geschichtsphilosophie, wenn man so will (und auch die Negation einer Geschichtsphilosophie als solche gelten lässt). Er liefert die Dinge nicht interpretationsfrei, schon der Versuch wäre ja töricht. Er legt dar, wie Menschen handeln - und wie sich Strukturen bilden, die dieses Handeln fördern oder ihm entgegenstehen. Die Auswahl des Erzählten setzt überwiegend dort an, wo die Menschen für die Nachwelt greifbar hervorgetreten sind – fast immer sind es Akademiker, der einfache Kosake entzieht sich einem solchen Blick.

Kluge ist ein gestischer Erzähler, er horcht nach Motiven, nach Spannungen, Formationen des Scheiterns - nach Harmonien im vielstimmigen Gespräch, aber ebenso darin nach den Stellen, wo blankes Metall kreischend aneinander schrappt - naive Positivität ist ihm nicht vorzuwerfen. Russland etwa - so klingt es bei Kluge, stößt die Perestroika fast unwillentlich zu – ein täppischer Riese, dem die Mütze über die Augen gerutscht war, und so stieß er das Glas Milch um und beim Bücken riss er das ganze Tischtuch hinab ... und wer da noch saß, war Gorbatschow, eine kurze Phase lang allein am Tisch, hantierend mit einem Besteck, das für ihn nicht gemacht war. Ähnlich die Revolutionswirren, ein Apparat, der gedacht war, um rational zu sein und dann Phobien entwickelte, die zwar eine Folge grausamen Scheiterns im Detail hervorbrachten, die doch nicht stark genug wurden, um tatsächlich das Gebilde zum Einsturz zu bringen. Kluge sieht die Menschen werkeln, aber er sieht und erzählt davon, dass sich die Dinge selten nach deren Gedanken richten.

Ein Tagebuch-Auszug vom 24 Dezember 2018 (S. 282) über ein Telefonat mit Habermas:

„Was ist das moderne Individuum für ein gesellschaftliches Kunstprodukt! Durchflossen von so viel anderen Kräften als denen des Ichs. Die Soziologie (...) ist nicht in der Hauptsache Sortierung der Außenwelt (...) sie handelt genauso von der Innenausstattung des Menschen. Was gehört zum Wissen von der Architektur des Subjekts? Dieses Subjekt ist von eigenem durchflossen, aber dieses Eigene läßt sich nicht unterscheiden von dem in ihm enthaltenen Fremden, ja es gründet sich auf einem „gesellschaftlichen Unbewußten“, das zugleich „eigen“ und „fremd“ ist. Habermas zögert, den Ausdruck „gesellschaftliches Unbewußtes“ zu akzeptieren (es ist aber am späten Nachmittag kein besserer zur Hand)“.

Alexander Kluge, so berichtet er im dritten, mit einigen biographischen Berichten angereicherten Text (die bis ins Jahr 2020 reichen) hat bereits 1982 auf der Monstra Internationale d’Arte Cinematografica den goldenen Löwen für sein Lebenswerk erhalten. 2019, 37 Jahre später, erhielt er den Klopstock-Preis für das Lebenswerk. Ein Mann, der mit Fassbinder, mit Reitz, mit Wenders umging, gut befreundet mit Heiner Müller, mit Luigi Nono, Habermas, Baselitz, natürlich Helge Schneider, mit unzähligen anderen, kommend aus und mit einer Zeit, als Nachdenken noch geholfen hat. Der Russland-Kontainer: sehr viel mehr als eine Kiste zum Stöbern, ein Buch, das man staunend bewundern kann, sich berieseln lassen von exotischen Erzählungen. Genauso kann man sich daran reiben, die Schlüsse und die Auswahl des Autors hinterfragen, sein Weltbild, seine impliziten Verbindungen kritisieren, gar als manipulativ ansehen. Beides scheint mir zulässig, beides gewinnt durch den Stoff, den das Buch bereitstellt, sowohl inhaltlich als auch literarisch. Denn die Manipulation ist im strengen Sinn wohl die wichtigste Aufgabe der Literatur: bekanntlich ist sie nicht dazu berufen, eigenes Denken zu ersetzen.


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