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Adolf Endler: Die Gedichte

Rezensionen / Verlage


Michael Braun

Adolf Endler: Die Gedichte. Herausgegeben von Robert Gillett und Astrid Köhler unter Mitarbeit von Brigitte Schreier-Endler und einem Nachwort von Peter Geist. Göttingen (Wallstein Verlag) 2019. 896 Seiten, 39,00 Euro.

Oh, diese prachtvolle Zankapfelernte heuer!
Adolf Endler, der „Tarzan vom Penzlauer Berg“, ist zurück


Kein Zweifel, „eine der verwachsensten Gurken der neueren Poesie“ ist nicht mehr im Angebot. Das widerborstige Gemüse wird im lyrischen Betrieb nirgendwo mehr verlangt und hat auch keine fanatischen Bewunderer mehr, die es bei jeder Gelegenheit als anarchistische Konterbande zur Geltung bringen.
    Adolf Endler, der sich immer gerne als „verwachsene Gurke“ porträtiert hat und wohl noch immer den Landesrekord in bizarren Pseudonymen hält – so etwa Ole Erdfladn, Lea Nordfeld, Bobbi Bumke Bergermann oder Bubi Blazezak – Adolf Endler ist heute, zehn Jahre nach seinem Tod, fast schon wieder vergessen. Und seine entschlossen subversive Methodik, das „Anschreiben gegen Festgeschriebenes“ in skurril ausschweifenden und oft lästerlichen Versen, schelmischen Selbstbezichtigungen und surrealistisch-komischen Entfesselungskünsten zu zelebrieren, ist nach 2009 nicht fortgesetzt worden.
    In den 1970er Jahren hat er sich einmal als asoziales Subjekt beschrieben, in einer jener drastischen Selbstanklagen, in denen er den Wächtern des realen Sozialismus die Liste seiner beklagenswerten Abweichungen direkt vor Augen hielt. Das Gedicht mit dem bezeichnenden Titel „Akte Endler“ beginnt so: „Wäscht sich oft nicht Zahnausfall Stinkt stark aus dem Rachen/ Auch Schweißfuß Liest die Tageszeitungen auf dem Klo/ Ausschließlich Hat niemals einen Schwarzen Anzug besessen/ Neigt zu Alleingängen einsamer Pilzsucher Säuft/…“ Und weil die Kulturpolitiker des SED-Staats in ihrer Paranoia niemals ruhten, nahmen sie die frivolen Bekenntnisse des Dichters Endler wörtlich und schmissen ihn 1979 aus dem Schriftstellerverband – nachdem dieser sich zuvor als Unterzeichner der Biermann-Petition unbeliebt gemacht hatte.

Die politische Unbotmäßigkeit und die ästhetische Dissidenz blieben bis zum Ende der DDR und auch darüber hinaus sein Markenzeichen. Als glühender Jungkommunist war der damals 25jährige Rheinländer 1955 in die DDR übergesiedelt – um nach einigen Jahren ernüchtert festzustellen, dass der ostdeutsche Weg des Sozialismus mit Lebenslügen gepflastert war. Bis zum großen Bruch 1963/64, so schrieb Endler in seinem großen Sammelwerk „Der Pudding der Apokalypse“ (1999), sei er den Weg eines sozialistischen Epigonen gegangen, ohne den Esprit seiner späteren Ketzereien. Ein 1961 entstandenes Gedicht über den russischen Poeten Sergej Jessenin leitete dann die ästhetische Wende ein. Es endet mit den Zeilen: „Ich habe meinen Adressaten wohl verpasst, / Und meine klare Botschaft klingt verrückt und wirr“.
 

Mit „Verwirrten klaren Botschaften“, so der Titel eines 1979 im Westen publizierten Gedichtbands, sorgte Endler fortan für Unruhe. Zu Vorbildern, die er später auch seinen jungen Freunden von der „Prenzlauer Berg Connection“ (eine Endlersche Begriffsprägung) nahelegte, erhob er die frühbarocken Dichter Johann Fischart und Quirinus Kuhlmann, die man durchaus als sprachbesessene Vorläufer der experimentellen Poesie rezipieren kann. Endler selbst outete sich bei jeder Gelegenheit als Nachfahre einer Tradition, die den Verfechtern der Realismus-Doktrin stets suspekt blieb – nämlich der des französischen Surrealismus. Der Dichter hat möglicherweise nie über einen „Schwarzen Anzug“ verfügt, gleichwohl blieb sein Evangelium die „Anthologie des Schwarzen Humors“ von André Breton.
    Je stärker ihn die DDR-Kulturpolitik isolierte, desto intensiver kultivierte er seine schwarzhumorig-phantasmagorische Poesie, die allen Konventionen eine Nase dreht. In seinem Spätwerk hat Endler ein großes Vergnügen an ironisch funkelnden Scherben und Satz- Splittern, immer darauf bedacht, die karnevalesken Pointen seiner Gedichte „in ein breitflächig gefächertes Gelächter auslaufen zu lassen“. So zieht Endler auch ein absurd-komisches „Resumé“, in dem er sein poetisches Vokabular auf seine Aktualität hin durchmustert und sich dabei selbst bezichtigt, Wörter wie „Wadenwickel“, „Hüfthalter“ und „Kronenverschluß“ oder auch ein Wesen wie den „Seepapagei“ notorisch verfehlt zu haben. Aber sind sie denn eine Vermisstenanzeige wert?

Indessen nicht der kleinste Seepapagei in meinem Scheiße-
      Gesamtwerk!
Um ehrlich zu sein: Das Gleiche gilt für den Hüfthalter oder den
       Kronenverschluß.
Und wie konnte ich fünfzig Jahre lang das Wörtchen
       »Wadenwickel« verfehlen?
Es gibt keine ausreichend lichte Erklärung für das und für dies
       und für das.

Als einer der Höhepunkte in der lästerlichen Dekonstruktion poetischer Valenz dürfen freilich die späten Notate „An den Rand des Hustler gekritzelt“ gelten, die erstmals in „Der Pudding der Apokalypse“ zu lesen waren. In ihrem mal kryptischen, mal ironisch-freihändigen Notat-Charakter sind diese lyrischen Sentenzen die Nachfolger von Günter Eichs „17 Formeln“ (von 1964), die sich auf enigmatisch verknotete Wortbildungen und Kalauer zurückziehen. Erste Spuren von Endlers Kritzeleien finden sich bereits in den „Heften des irren Fürsten“, die um 1978/79 entstanden – wobei sich erst in späteren Bearbeitungen aus den „Elegien“ eine skurrile Fragmentarik entwickelte: „Zum Beispiel unser Mitleid mit Hähnen.* Oder : Gestriegelte Mähnen, Belag auf den Zähnen und Landregensträhnen.* …Zähren, Schimären, Bären, aber wohin mit dem allen?“
    Nach langen Jahren der philologischen Erschließung des über zahlreiche Publikationen verstreuten Werks ist mit dreijähriger Verzögerung nun endlich die üppig kommentierte Gesamtausgabe aller publizierten Gedichte Adolf Endlers erschienen, herausgegeben von dem Kulturwissenschaftler Robert Gillett und der Germanistin Astrid Köhler. Das editorische Prinzip der beiden Herausgeber ist nachvollziehbar, sorgt aber nicht unbedingt für Übersichtlichkeit. Denn der Band orientiert sich zunächst an den beiden Werken, in denen Endler selbst seinen eigenen Werkkanon versammelte: nämlich am bereits erwähnten Sammelband „Der Pudding der Apokalypse“ von 1999 und an „Krähenüberkrächzte Rolltreppe“ von 2007, in dem Endler vor allem die kurzen Gedichte aus allen Werkphasen bündelte. Im zweiten und dritten Teil des fast 900 Seiten starken Bandes werden dann die frühen Veröffentlichungen dokumentiert, die Endler selbst in weiten Teilen als apologetisch verworfen hatte. Das befreiende Gelächter des Dichters Adolf Endler über die Anmaßungen der Macht und über die Kulturverwalter des SED-Staats ist dreißig Jahre nach dem Zusammenbruch der realsozialistischen Verheißung nicht mehr in all seinen Verzweigungen für heutige Leser verständlich. Aber es liefert noch immer die schönsten Materialien und Argumente für die Arbeit an der Selbstrelativierung der Dichter-Imago: „Oh diese prachtvolle Zankapfelernte heuer!, der Wachtelhund leicht angeschrägt!....Kommt Zeit, kommt Packeis.“
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