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Adina Heidenreich: Am Ende der Stadt

Rezensionen/Verlage


Timo Brandt

Adina Heidenreich: Am Ende der Stadt. Gedichte. Halle (Mitteldeutscher Verlag) 2020. 80 Seiten. 10,00 Euro.

In den Ausläufern des Pathos


„Es stieg eine Stimme aus der
Erde hervor, und ich hörte sie
und nahm sie an und machte sie
zu meiner. […]
Ich werde ihre Worte aufschreiben
und so oft sagen, wie ich kann,
damit die Wahrheit, die Hoffnungen
gehört werden können
über der Erde.“

Pur, aber glatt. Es ist sonst nicht meine Art, eine Rezension mit einem Fazit zu beginnen, und dergleichen ist vermutlich noch etwas verwerflicher, da es sich um den Gedichtband einer jungen Autorin handelt („Am Ende der Stadt“ ist Heidenreichs zweiter Gedichtband). Aber in diesem Fall erscheint es mir zwecklos, drum herum zu reden und nicht direkt mit der Beurteilung zu beginnen.

Mit diesem Urteil will ich die Texte keineswegs endgültig verurteilen. Welche Qualitäten die Texte haben sollen, die man lesen will, das bleibt jedem/r selbst überlassen. Und Qualitäten haben die Texte von Adina Heidenreich, keine Frage; nur sind es eben nicht jene, die ich in der Lyrik für die relevantesten halte.

Eine Qualität ihrer Gedichte ist die Eigenschaft, die ich als pur bezeichnen würde. Man hat das Gefühl, man liest sehr persönliche Bekenntnisse, die Texte scheinen Ausdruck tiefgreifender Erfahrungen, Ängste, Sehnsüchte, nachgespürter Empfindungen zu sein. Diese Regungen werden nicht verhandelt, sondern vorgetragen wie etwas Unbestreitbares, Gesetztes, Aufragendes (und mitunter Welterschütterndes, Existenzielles).

Eben dort, in dieser Klar- und Direktheit, liegt für mich nun ein Problem: meiner Meinung nach bleibt zu wenig Platz für Dynamiken jenseits der vom lyrischen Ich aufgestellten Behauptungen. Glatt und ebenmäßig, meist wie aus einem Guss, kommen die Gedichte daher, darin eine Aussage, eine Geschichte, ein Bild. Das kann bestechend sein, wenn das Dargestellte einen Nerv trifft. Aber ebenso kann dieser Aufbau schnell eindimensional wirken, zumal, wenn die Gedichte bei aller Direktheit doch sehr vage bleiben.

Von hier aus ist es kein langer Weg zum zweiten Problem: Dass die Gedichte oft ein hohes Maß an Bedeutung veranschlagen, aber selten Bilder finden, die diese Bedeutung untermalen, illustrieren; sie stützen sie stattdessen vor allem durch Aussagen, Feststellungen. Es mag abgegriffen und auch deplatziert erscheinen, hier die alte Weisheit aus dem Creative-Writing-Kurs anzubringen, aber auch im Gedicht gilt letztlich: Show, don’t tell. Es braucht Bilder, es braucht Mehrdeutigkeit, erweiterte Dimensionen, um etwas mit Sprache lebendig werden zu lassen, damit es nicht bloße Mitteilung bleibt.

„Tod der Sprache. Geburt der Stille.
Nie wieder Lärm, nie wieder Gedanken
in Begriffe verwandeln,
nie wieder das Unfassbare beschreiben,
heißt: Nie wieder ein Mensch sein.“

Es gibt Gedichte und Zeilen in dem Band, die diese Kritik abwegig erscheinen lassen. Aus diesem Eingeständnis meinerseits ergibt sich jedoch ein weiterer Kritikpunkt, nämlich dass die Zusammenstellung der Gedichte in mancher Hinsicht nicht gelungen ist. Es gibt einige elaborierte Texte, auch manch spannende Formideen (in einem Gedicht wird mit der verschobenen Wiederholung von Zeilen gearbeitet) aber es gibt auch solche, bei denen ich das Gefühl habe, sie stammen aus den Anfängen von Heidenreichs Schreiben. Nichts gegen Pathos, aber es besteht ein Unterschied zwischen dem romantischen Pathos einer solchen Passage:  

„Ich habe jetzt die
Stille verstehen gelernt.
Du kannst nun wieder
zurückkommen,
mir deine Hand reichen
und sagen: »Es war nur
ein Test.«“

und dem gemäßigten Pathos dieses Bildes:

„Die Stadt schläft tief,
wie ein Kind,
so gleichmäßig ihr Atem
wie das Rauschen des letzten Zuges,
das Knistern in den alten Stromkästchen.“

Wenn sie im selben Gedichtband stehen, dann erscheint eines neben dem anderen ein bisschen schwülstig.

Als wie glaubwürdig erscheint mir ein Gefühl, eine Atmosphäre – eine wichtige Frage, in jeder Art von Literatur. Bei Heidenreich stoße ich mich immer wieder an der Intensität, die in den Worten angehäuft und behauptet wird, aber nicht von ihnen erzeugt wird. Das wäre anders zu werten, wenn ich das Gefühl hätte, dass die Gedichte lapidar oder glatt erscheinen wollen. Aber ich spüre den Nachdruck, der in den Texten hier und da aufscheint und der den Pathos rechtfertigen würde, wenn er denn zu mir durchdränge und ich etwas finden würde, in dem sich sein Glanz widerspiegelt.

Das alles ist eine durchaus von Geschmack gefärbte Sicht auf die Gedichte. Ich hoffe, ich konnte potenziellen Leser*innen einen Eindruck verschaffen, und vielleicht gibt es ja welche unter ihnen, die genau von den Aspekten angezogen werden, die mir so defizitär erscheinen. Auch ich nehme durchaus etwas mit aus dem Band: ein paar Funken Schmerz und Sehnsucht, verweht von der starken Bedeutungsabzielung; trotzdem habe ich sie aufblitzen sehen.


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