(Robert Stripling:) Verpasste Hauptwerke
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Adelheid van de Pimmelmann
Die Klolektüre der Stunde – „Verpasste Hauptwerke“
Ein Verriss
Im alltäglichen Broterwerb der Literaturkritik kommt es selten vor, dass eine Kritikerin ihren Geist zur Unerträglichkeit spitzen muss, um ein Werk vollkommen in die Bedeutungslosigkeit zurückzubombardieren. Zumeist bewegt sich die gewöhnliche Kritik im Flachgewässer des leichten, obszönen Halligallis – Werke werden ‚wegbesprochen‘; die Anstrengung fundamentaler Beweggründe gescheut und nur dann geleistet, wenn einem Autoren der Wind aus den Segeln zu nehmen ist, dessen narzisstische Betriebsgockelei die Stellung des Kritikers zu verletzen droht. Zumeist werden Verweise bemüht, der Text auf seine Bezüge befragt, das Produkt als ‚gelungen‘ oder ‚bemerkenswert‘ im Kontext bräsiger Kennerschaft klassifiziert. Kurzum: Die zeitgenössische Kritik agiert als selbstbeweihräuchernde Kirche der Angst, ziellos auf das gegenseitige Belobhudeln oder Vernichten mithilfe eines fragwürdigen Mit- und Gegeneinanders fixiert. Zuweilen kennen sich Kritiker und Autor sogar. Macht ist der Antrieb. Selbstlosigkeit suchen wir vergebens.
Für die jüngst durch den Dichter Robert Stripling herausgegeben Verpassten Hauptwerke ist jene Anstrengung von Nöten, die eine Rezension vielleicht alle Viertelhundert-jahre für das geschriebene Wort auf sich nimmt. Das ambitionierte Büchlein (328 Seiten kosten 21,99 €), erschienen im Berliner Verlag mikrotext, verschreibt sich dem grundsätzlich lobenswerten Unterfangen eine Kulturgeschich-te des Verpassten zu versammeln. Im Nachwort betont der Autor die Bedeutung der Begegnung mit der italienischen Ikone der ungeschriebenen Literatur Donna Lucia Calderón.
Wir erinnern uns an ähnlich umfangreiche Vorhaben, wie sie 1807 Cornelius Unterspeyer mit der Monographie Die anderen Lande. Verpasste Textleyn oder erst kürzlich, 1974 Marlene Stillderoop in Zappenduster. Werke Verschwundener leisteten – um nur zwei herausragende europäische Beispiele zu nennen.
Zwar betont der Herausgeber, „Literaturlisten des Alternativen“ (S. 319) seien in liebevoller, mühsamer Kleinarbeit entstanden, doch grade mit Blick auf die genannten Publikationen ist festzustellen, dass Stripling zahlreiche Zitate namhafter Denkerinnen und Denker wiederholt, die bereits bei Stollderoop und Unterspeyer veröffentlicht waren. Pionierarbeit im Sinne Calderóns wäre es gewesen, Sprachräume und Epochen zu erschließen, die bisher in der Kulturgeschichte des Verpassten weitgehend unterbelichtet bis gar nicht in Erscheinung getreten sind.
Doch nochmal ganz von vorn. Warum Stripling? Es wäre ein
Leichtes, dem jungen Dichter seinen Übermut und sein Alter vorzuwerfen, die
damit einhergehende Unerfahrenheit, sein eigenartig aus der Zeit gefallener
Pennäler-Humor – zudem das Aussehen! Doch wer die eher zweifelhafte Karriere
des auf dem Buchdeckel zurecht in Lachsfarbe gehaltenen Autors verfolgte, dem
muss die Frage erlaubt sein, ob der 1989 in Berlin Dahingeborene überhaupt der
Richtige für eine derartige Anthologie ist.
Stripling gehört wohl zu den überschätztesten Poeten seiner
Generation, welche an sich bereits als maßlos überschätzt und alsbald für die
Literaturgeschichte als restlos irrelevant eingestuft werden dürfte. Zuweilen
stellt sich die Frage, ob der von allen Seiten des gemeinen Schriftstellertums
ohnehin überstrapazierte Begriff „Dichter“ überhaupt zutrifft. Striplings noch
junges Werk – meist insgeheim und im Selbstverlag erschienen – beschränkt sich
zwar formal kaum, was für eine gewisse geistige Offenheit spräche, wiese es
nicht zugleich eine leider unangepasste und bis zur Unkenntlichkeit kastrierte
Sprachlogik auf – was den Verdacht auf einen eher beschränkten Verstand als nie
versiegenden Quell seiner Ergüsse aufkommen lässt. Kurzum: Was ist ein Buch?
Die Tiefe eines literarischen Unterfangens misst sich
ausschließlich an der Liebe ihres ersten Bewegers; erst das daraus entwickelte
Feingespür für die Kleinigkeiten der Sprache, der Mut des Loslassens aller
Bedeutsamkeit und die Stille eines Worts, das nicht im allumgebenden Lärm
medialer Überforderung mitzulärmen versucht, sondern im Willen desjenigen
Mitgefühls, das Mitleid gegen jene Sanftmut eintauscht, die sich zurücknimmt
und im Namen der Wahrheit ausschwärmt, adelt diejenigen seltenen Dichtergrößen,
denen zuzutrauen gewesen wäre und die es verdient gehabt hätten, als
Herausgeber der Verpassten Hauptwerke genannt zu sein. Stripling hingegen, (man verzeihe mir
diesen sprachlichen Ausfallschritt), diese Sau, wanzt sich an das Rampenlicht
einer ehrenvollen Aufgabe heran, der er weder gewachsen ist noch in Zukunft –
da lege ich mich fest – je gewachsen sein wird!
Auch dies scheint ein Symptom unserer Zeit: Ein
literarisches oder literaturwissenschaftliches Unterfangen wird im Kontext des
Marktes und seiner Gesetze geplant und verwirklicht, hoffend auf den geeigneten
Zeitpunkt der Veröffentlichung, der zwischen den zwei Damoklesschwertern des
zeitgenössischen Kunstbetriebs – der Verwertungslogik unsrer Konsumgesellschaft
einerseits und der Wichtigtuerei von Preisvergaben andererseits – das Maß des
Erfolgs diktiert. Wie viele sind schlicht zu früh oder zu spät dran?
Dass Stripling zum Herausgeber der Verpassten
Hauptwerke wurde, hat auch damit zu tun, dass
dieser umtriebige Köter bereits 2011 beim Kongress
der Namenlosen in Bologna und 2014 beim 14.
Symposium für Texte, Knödel und Kinkerlitzchen in Bremerhaven federführend in die Verantwortung geriet,
nachdem er sich den Organisatoren unangenehm aufgedrängelt hatte. Dieses
Verhalten wird immer üblicher in der Literaturszene: Menschen werden an ihrem
Umfang an Lärm, ihrem Rumgenetzwerke, ihrer ‚Passigkeit‘, denn an ihrer Sprache
– der „einzigen Ohnmacht, die eine Gewalt weiß“ (wie ich in Das
Maschinengewehr der Vernunft bemerkte)
– gemessen. Wann lernt der Literaturbetrieb, dass er nicht für sich, sondern
für andere ist? Womit ich nicht jene heroisch kämpfenden Wegbereiterinnen und
Wegbegleiter der herausragend unangepassten Literatur meine, sondern denjenigen
auf Stumpfsinn geeichten Teil des Betriebs, der sich an der Ottonormaligkeit
der Weltbevölkerung fettbereichert. Wann lernen Finanz- wie Kulturämter, dass
sie nicht zu herrschen, sondern zu dienen befugt sind?
Dass hier echte Schmuddelliteratur herausgegeben wurde,
beispielhaft für denjenigen Untergang, der uns mit dem Austritt aus dem 21.
Jahrhundert ringsum eingeholt haben wird, liegt auf der Hand. Insofern sind die
Verpassten Hauptwerke Symptom
unserer Zeit und die Kritik, die sich dem Büchlein nähert, muss sich gleichsam
an dem Anspruch messen lassen, als Kurmaßnahme derjenigen Krankheit zu gelten,
deren Symptom sich in dem diskutierten Werk manifestiert. Als gelegentliche
Klolektüre mögen die Verpassten Hauptwerke genügen; für komplett kenntnislose Idioten bietet das
Büchlein sogar tatsächlich einen launenhaften, durchschnittlich geratenen
Überblick über die Standardwerke des Verpassten. Die Krankheit, die sich daran
jedoch zeigt, ist der fehlende Drang des Buchs im Allgemeinen, weit hinter die
Wünsche der Leserinnen und Leser vorauszublicken, und den gemeinen
Menschenverstand unter sich zu lassen.
„Der Dialektiker überläßt seinem Gegner den Nachweis, kein
Idiot zu sein“, schreibt Nietzsche in seiner Götzen-Dämmerung, „er macht
wüthend, er macht zugleich hülflos.“. Wie erhellend wäre ein Buch gewesen, das
mit dem Presslufthammer zu philosophieren vermag – eine gescheite, zumindest
solide Zusammenstellung einer Kulturgeschichte des Verpassten hätte den vom
alten Fritz formulierten Anspruch am Dialektiker leisten können und der
Publikation eine Doppelbödigkeit verliehen, die ihresgleichen sucht.
*
„Bei der ‚Rezension‘ handelt es sich um die umgekehrte
Censio. ...“, heißt es in dem in den Verpassten
Hauptwerken zitierten Aphorismus des Kritikers
Paul Maathe. „Wer re-zensiert, überführt die Auslassung ins Sichtbare; eben
jene zensierten, zuvor weggelassenen Worte“ (S. 124). Was hat Stripling
weggelassen? Ich sage es ihnen: Alles! Und damit mehr als das Wesentliche.
Wir wissen, dass man es niemandem Recht machen kann. Doch
wozu sich verbiegen? Es wäre erfrischend gewesen, eine Anthologie vorzufinden,
die den finnischen Romancier Antti Kaalipää endlich der Nachwelt erschließt.
Auch fehlt die mexikanische Tortilla-Theoretikerin Penelope Iñárritu Gabriél.
Die Maltesische Dichterszene um Gerolamo Hugo muss man in dem leider durchweg
lückenhaften und vollständig subjektiv zusammengerammelten Büchlein ebenso
vergebens suchen, wie den marokkanischen Kameljockey Ilias Abadi Aït-Boutaïb,
der vor allem in den letzten Jahren mit zahlreichen Monographien zum
demographischen Wandel der Wüstenregion Erg Chebbi auf sich aufmerksam machte. Stattdessen ruht sich Stripling
vorwiegend auf den von Calderón bereits in den 70er Jahren erschlossenen
Literaturlisten aus und ergänzt sie hie und da durch ein Buch aus den von
seinen Wegbegleitern Peter Svagen, Yale O und Yang Cheng (denen er allen
jeweils einige Zeilen im Nachwort widmet) erarbeiteten Bibliotheken. Zur
Herkunft der Übersetzungen ist in dem Band nichts angegeben, zu vermuten ist,
dass Stripling selbst und sein im Hintergrund agierendes Team zahlreiche Texte
neu – und stümperhaft – ins Deutsche übertrugen.
Keine Frage, unsere Podien sitzen voll mit promovierter
Dichterschaft – die schwiegersohnhafte Blässhuhnhaftigkeit mit der sich
allenthalben ‚Literatur‘ auf den Sockel akademischen Rumgeblubbers hebt, ob
begleitet von Verlagsfunktionären, Agenten, Kulturpolitikern (und allesamt
*innen), oder der Wissenschaft, dem vergleichenden, gelegentlichen Kenner, der
falschen Demut wie unerträglichen Hochmut untertäniger, handwerklich
minderbemittelter Schreiberlinge oder umgeschulter Werbegrafiker – sie ekelt
die alte Schule des schweigenden Verstands nur noch an und langweilt jene
kindliche Freude in mir, mit der ich der Zukunft des Schreibens wieder ihren
Ursprung wünsche: Eine heimliche Sehnsucht nach Ausdruck. Stripling ist keine Ausnahme,
im Gegenteil. Das Unbequeme ist keine Restauration, sondern Schwarm einer
Zärtlichkeit, die den Genuss unserer Politik der Nächstenliebe und der Freude
am geteilten, ausgetauschten Sprachschatz weckt. Zu blumig? Wir müssten die
Zukunft befühlen, die Kunst!
Einzig lobend zu danken ist der intelligenten Aufmachung
(Gestaltung und Satz: Inga Israel) und der Platzierung des Büchleins im
Verlagsprogramm durch das verlegerische Genie von Nikola Richter, die wohl sehr
genau, so ist zu vermuten, um die Gunst der Stunde wusste – trotz des
Herausgebers. Kaum könnte ein schlimmeres Buch einen noch besseren Zeitpunkt
gefunden haben, als es den Verpassten Hauptwerken im Oktober 2018 gelang. Warum? In Zeiten von Fake News und
alternativen Fakten erscheint ein auf eigenwillige Weise offensichtlich
verlogenes Buch, das die allgemeine, um sich greifende geistige Verwirrung um
Wirklichkeit und Falschheit einer Aussage mit seiner Kurzweiligkeit zu
schlichten versucht. Die Verpassten Hauptwerke gewinnen für die Satire
zurück, was sich Rechtspopolisten (ja, ich habe Popo gesagt!) für ihre
schmutzigen Unterfangen anzueignen versuchten: Die Fiktion. Ihre Kraft ist es,
die denjenigen Witz schenkt, denen Humor noch als Schlüsselqualifikation und
Selbstreflexion als Grund eines Lachens gilt. Diese Klolektüre konnte zu keinem
übleren Zeitpunkt erscheinen; die Verpassten Hauptwerke sind die
Klolektüre der Stunde, die Gebrauchsanweisung für das persönliche Behördenkreuz
in uns, zusammengestellt von einem Armleuchter! Das Unding der Unmöglichkeit:
Dieses Büchlein ist das trojanische Pferd unter den Neuerscheinungen des 21.
Jahrhunderts. Im Sinne dieses visionären Kalküls kann man – ich wiederhole
mich: trotz des Herausgebers – den Verpassten Hauptwerken nur reißende
Absatzzahlen und den Weltruhm wünschen, der den in ihnen versammelten Insassen
zeitlebens verwehrt blieb. Stripling hingegen gehört geteert und gefedert, dann
durch das nächste Dorf getrieben und von seinen Befürwortern gesteinigt! Einzig
die Wahrheit macht uns fruchtbar. Die seltene Kunst des Gedichts ist der
Schlund derjenigen Einsamkeit, die um Welt einen Lastenkran erschreibt, sie aus
den Angeln zu heben. Alles andere ist dummes Gewäsch und Geschmeiß,
ekelerregend! Womit zu sagen bliebe, kaufen Sie dieses Buch, damit es wegkommt!
Adelheid
van de Pimmelmann, geboren 1929 in Leiden, lebt als
freie Kritikerin in Zierikzee und lehrte ein halbes Jahrhundert Literatur an
der Universiteit van Amsterdam und der University of Cambridge. Ihre Publikationen Von der Hand
zu weisen. Kritiken und Nicht
von der Hand zu weisen. Kritiken II,
sowie Das Flaggschiff der Medusa. Leichte
Versenkungen gelten heute als wegweisende Lektüren
der zeitgenössischen Literaturkritik.
Robert Stripling (Hg.): Verpasste Hauptwerke. Berlin (mikrotext) 2018. 328 Seiten. 21,99 Euro.