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(Lukas Dubro, Tim Holland:) Kollaps und Hope Porn

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Jan Kuhlbrodt

(Lukas Dubro, Tim Holland:) Kollaps und Hope Porn. 13 Zukunftsaussichten. Augsburg (Maro Verlag) 2022. 160 Seiten. 24,00 Euro.

Die Renaissance der Utopie


Im Maro Verlag ist gerade eine Anthologie mit heißer brandaktueller Sciencefiction erschienen. Diese Sammlung ist einer Tagung, einer „Unkonferenz“, zu verdanken, die im Frühling am LCB stattfand – und versammelt eine Reihe von Versuchen zum Genre, die natürlich, wie in aufgeladenen Zeiten nicht anders zu erwarten, die Genregrenzen bis zum Zerreißen treiben: Sowohl inhaltlich als auch formal.
       Und wie die Texte die Formgrenzen ausloten, zerlegen einige auch tradierte Identitäten und führen deren scheinbar feste Grenzen ad absurdum. Das Individuum wird fluid.

Insofern weist die Sciencefiction, wo sie Zukunft prognostiziert, natürlich auf die Gegenwart, aus deren Widersprüchen und Verwerfungen sie sich speist.

„Wie sieht die Welt in 50, 100 oder 200 Jahren aus, wie verhalten sich die Pole »Science« und »Fiction« zuein-ander, und wie könnte ein »Queer Utopia« aussehen?“

„Kollaps und Hope Porn. 13 Zukunftsaussichten“ heißt die von Lukas Dubro und Tim Holland herausgegebene und von Marius Wenker großartig gestaltetet Anthologie. Und es finden sich lyrische und dramatische Texte darin, Essayistik und erzählende Prosa. Alles mit dem der Kunst inne-wohnenden Hang zum Experimentellen, der in der Phantastik wohl am sichtbarsten zu sich selbst findet.

Meine alte Liebe zur Sciencefiction korrespondierte schon immer mit der Philosophie und in den glücklichsten Momen-ten meines Lesens trafen sie aufeinander.

Theorie ist nämlich auch notwendig Sciencefiction, weil sie, wenn sie im Erfahrbaren verharrte, zu nichts nütze wäre, außer zur Beschreibung des Erfahrenen. Was nicht nichts ist, aber in der Reduktion auf sich selbst an Substanz verlöre; Theorie, die im Erfahrbaren verharrt, verschwände irgendwann mit dem Erfahrenen selbst, nicht einmal zur Erinnerung wäre sie in der Lage. Nur insoweit vielleicht, dass ein Ich sich in der Erinnerung selbst als Fremdes begegnet, und insofern einen neuen Erfahrungsraum öffnet.

Vielleicht ist gerade in Zeiten, da die Zukunft unbestimmter erscheint denn je, Sciencefiction das Genre der Stunde, ganz klassisch als Organ dystopischer Warnungen, aber eben auch von Utopien und emanzipatorischer Entwürfe. In den letzten Jahren meinte ich eine derartige Entwicklung beobachten zu können.


Anmerkung der Redaktion:
An "Eine Unkonferenz Spekulativen Fabulierens" beteiligt waren am 28. September 2022
Dietmar Dath, Daniel Falb, Alexander Graeff, Tim Holland, Rike Scheffler, Regina Kanyu Wang
und am 29. und 30. September
Jumoke Adeyanju, Svenja Viola Bungarten, Joshua Groß, Anna Hetzer, Samuel J. Kramer,
Benedikt Kuhn, Anja Kümmel, Rudi Nuss, Anne Oltscher, Philipp Schönthaler und Maxi Wallenhorst.

Im Buch vertreten sind Jumoke Adeyanju, Svenja Viola Bungarten, Lukas Dubro, Anna Hetzer,
Tim Holland, Joshua Groß, Samuel J. Kramer, Anja Kümmel, Benedikt Kuhn,
Anne Oltscher, Rudi Nuss, Philipp Schönthaler, Maxi Wallenhorst und Marius Wenker.


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