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(Diverse:) Brotjobs & Literatur

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Martina Hefter

(Iuditha Balint, Julia Dathe, Kathrin Schadt, Christoph Wenzel): Brotjobs und Literatur. Mit Beiträgen von Philipp Böhm, Crauss, Dominik Dombrowski, Özlem Özgül Dündar, Dinçer Güçyeter, Johanna Hansen, Adrian Kasnitz, Ulrich Koch, Thorsten Krämer, Stan Lafleur, Isabelle Lehn, Swantje Lichtenstein, Daniela Seel, Sabine Schiffner, Sabine Scho, Janna Steenfatt, Michael Schweißinger, Karosh Taha, Juliane Ziese. Berlin (Verbrecher Verlag) 2021. 200 Seiten. 19,00 Euro.


Brotjobs und Literatur

Eigentlich mag ich gar nicht so viel über meine Situation als Künstlerin schreiben. Ich würde lieber mein Tanzworkout machen. Das mache ich dann natürlich noch.
Es gehört aber zu meinem Beruf mit dazu, das hier zu schreiben. Also wird es gemacht.
Es ist auch wichtig.
Ich will, dass diese Position gehört wird.
Denn oft ist es so, dass eine Gruppe was sagt und dann wird es für allgemeingültig gehalten.

Eine befreundete Romanautorin glaubte bis vor einem Monat, ich (und mit mir meine Familie) würde von Hartz IV leben. Ich fände nichts Ehrenrühriges daran, aber ich stelle es trotzdem richtig: Ich lebe ausschließlich von meiner Arbeit als Künstlerin. Und zwar seit Erscheinen meines ersten Buches im Jahr 2001.
Ich schreibe überwiegend Lyrik und szenische Texte und bin auch noch Performancekünstlerin. Ich habe zwei Töchter. Erst als sie auf der Welt waren, ging das mit dem Schreiben richtig los, und es ging gut, auch finanziell.
Ich habe meinen Töchtern Klavier- Flöten- Tanz- und Akrobatikunterricht finanziert.
Ich habe keine reichen Eltern.
Ich habe keinen gut verdienenden Partner.
Ich habe kein Abitur.
Meine Bücher kommen so gut wie nie in die zweite Auflage.
Ich bin eher eine kleine Nummer in der Literatur.
Ich habe trotzdem ausreichend Geld.
Für meine Zwecke ausreichend.
Ich habe keinen Brotjob.

“Autor*innen haben meist Brotjobs”, lautet der erste Satz im Vorwort des Buches “Brotjobs und Literatur”. Was ist ein Brot-job? Wenn man bei Aldi an der Kasse sitzt. Wenn man kellnern geht. Wenn man Direktorin einer Bank ist. Wenn man bei Amazon Pakete wuchtet. U.v.m.

Ich bin gelernte Künstlerin.
Ich mache meine Arbeit sehr gern.
Ich nehme mir das Recht heraus, dass ich nur diese Arbeit mache und sonst keine.
Ich kann auch gar nichts anderes.

Was ist “Schreiben” als Beruf? Worin genau besteht die Tätigkeit?
“Vom literarischen Schreiben allein lebt fast niemand”, heißt es im Vorwort.
Kann man das jemals erwartet haben? Ein*e Beiträger*in im Buch, die vom Schreiben mittler-weile leben kann, bekennt zugleich, zu verschweigen (hauptsächlich vor sich selbst), dass der Verkauf der Bücher einen geringen Anteil daran hat. Wenn die Person schreibt: “Ich mache alles für Geld, was mit Schreiben zu tun hat”, scheint es so zu sein, dass dieses “alles” eher lästig ist und nicht zum Schreiben dazu gehört, nicht Teilbereiche des Berufs sind.
Auch die Scham, als Schriftsteller*in leben zu wollen, und nicht etwa einem “nützlichen” Beruf nachzugehen, wird in mehreren Beiträgen des Buches thematisiert. In einem der Texte heißt es, dass der*die Autor*in im Vergleich zur Arbeit einer Bäckerin etwas tut, das nicht notwendig im Leben gebraucht wird.

Würde ich das auch so sehen? Nein. Kunst ist etwas fürs Leben Essentielles, sonst hätte sich die Menschheit im Lauf ihrer Entwicklung dieser Praxis längst entledigt. Es lässt sich nur nicht so eindeutig physiologisch nachweisen wie beim Essen oder Trinken. Das meine ich völlig ernst.

Ein großer Teil meines Einkommens besteht aus Honoraren für Lesungen.
Ich werde oft zu Lesungen eingeladen.
Lesungen sind für mich elementarer, wünschenswerter Bestandteil schriftstellerischer Arbeit.
Die unmittelbare Erfahrung, wie ein Text aufgenommen wird.
Austausch, Herzeigen, Auftreten mit anderen.
Ich bekomme den halben Monatslohn einer Aldi-Verkäuferin für eine Stunde Lesung und Gespräch. Ich bekomme eine bezahlte Zugfahrt, während der ich lesen, nachdenken oder einfach nur aus dem Fenster schauen kann. Ein Hotelzimmer mit Frühstücksbuffet.
Das ist ein ziemlich luxuriöser Teil meiner Arbeit, finde ich.
Vielleicht werde ich ja genau deswegen häufig eingeladen: Weil ich Lesungen gern mache. Wenn man eine Lesung gern macht, erscheint sie womöglich für alle Beteiligten als gelingend.

Im Vorwort von “Brotjobs und Literatur” steht, das Lesen sei anstrengend und unterbezahlt. Das Publikum stelle “immer die gleichen Fragen”. Ein Beitrag definiert das Publikum als “die vornehmsten Damen des Dorfes”, die “in etwas zu heller Stimmung von ihrer emotionalen Erfahrung mit Rilke sprechen, ohne sich einen Reim auf die gerade erst vorgetragenen zeitgenössischen Stimmungsbilder machen zu können.” Vielleicht würde ich jemanden, der so von seinem Publikum spricht, auch nicht zu einer Lesung einladen.

Ich will nicht die Probleme des Berufs kleinreden. Es gibt keine Rente. Wenn man krank ist, fällt die Lesung schlimmstenfalls aus. Nach wie vor gibt es Ungleichheiten und Diskriminierung. Förderstrukturen müssen modernisiert und angepasst, Honorare müssen ggf. erhöht und vor allem pünktlich bezahlt werden. Das sind unbedingt Themen, über die man reden muss. Nur wenige Beiträge in “Brotjobs und Literatur” tun das in Form von konkreten Vorschlägen.
Lässt sich so gut über eine Erhöhung der Honorare reden, wenn auf der anderen Seite der Brotjob als Basis für einen Beruf als Künstler*in dann doch wieder als das Normale, auch als das Vernünftige dargestellt wird?

Bringt es etwas, sich in eine Art Wettbewerb zu stellen, wer die schwierigste Situation als Autor*in zu meistern hat - je höher die Schwierigkeitsstufe, desto wertvoller die künstlerische Arbeit? In einem der Beiträge wird (neben dem üblichen Schreibschulen-Bashing) als Normalfall wieder mal das Arztkind herbei bemüht, das in Berlin wohnt, sich künstlerisch betätigt und dem wirkliche existenzielle Nöte per se abgesprochen werden. Als ob die deutschsprachige Gegenwartsliteratur nur von solchen Leuten geschrieben würde. Und: kann man künstlerische Arbeit generell abwerten, wenn sie tatsächlich mal von einem reichen, weißen Arztsohn stammen sollte? Das finde ich ziemlich gefährlich. Das ist mir auch ein bisschen zu einfach. Dahinter verbirgt sich auch eine ganz schön protestantische, irgendwie sehr deutsche Einstellung, und eine, die im Zusammenhang mit einigen Kunstgattungen ja immer geäußert wird: dass diese Kunst nur dann gut ist, wenn sie unter harten Bedingungen entstand.

Ich möchte ehrlich gesagt auch mal den Gedanken haben dürfen, dass die Ergebnisse meiner Arbeit, oder sagen wir ruhig mal: mein beruflicher Erfolg nicht nur wegen bestimmter Privilegien zustande kam (dass ich welche habe, wie wir alle in einer westlichen Gesellschaft, ist schon klar). Sondern dass meine Arbeit vielleicht einfach mal bei einer größeren Gruppe von Leuten einen Nerv trifft.

Gefallen hat mir ein Beitrag, der für mich nachvollziehbar darstellt, was künstlerische Arbeit bedeutet. Den Drang in sich zu spüren, künstlerisch vielfältig zu arbeiten. Nicht ruhen zu können. Vieles – oder alles – machen zu wollen. Rücksichtslos sein. Keine Zeit haben für einen Brotjob. Darauf beharren, dass wir ein Recht darauf haben, unseren Beruf in Vollzeit auszuüben. Mit “wir” sind selbstverständlich nicht nur die Arztkinder und die Schreibschulbesucher*innen gemeint. Würde dieses Recht gesellschaftlich mehr anerkannt, gäbe es auch bessere Förderung, und man könnte die Debatten über Diskriminierung von der Frage nach dem Brotjob entkoppeln. Oder ein anderer Beitrag, der die Unbedingtheit des Bekenntnisses zu künstlerischer Arbeit betont.

Ich arbeite sehr gern. Ich arbeite sehr viel. Ich arbeite eigentlich immer. Ich arbeite auf jeden Fall 50 Stunden die Woche. Ich bin unendlich dankbar, dass ich diese Arbeit machen kann. Und dass ich die Konstitution dazu habe: Ich bin beharrlich und unerschrocken. Wer die Unsicherheit des Jobs nicht aushält, macht ihn auch nicht. Oder hört sehr früh wieder auf.

Eine andere Säule meines Einkommens ist das Unterrichten an den Literaturinstituten und auch an einer Kunsthochschule. Ich würde keinen festen Professorinnenjob haben wollen, aber immer wieder für begrenzte Zeit zu unterrichten, auch das ist essentiell für meine eigene künstlerische Arbeit.
Mit den allerneuesten Arbeitsweisen in Kontakt kommen. Zu sehen, was gerade entsteht an Haltungen und Stimmen. Nicht einrosten. Nicht stehen bleiben auf eigenen Positionen. Input kriegen. Austausch haben.
Ich unterrichte sehr gern. Vielleicht mochten deswegen bisher die Studierenden meine Seminare ganz gern. Vielleicht bekomme ich deswegen immer mal wieder Anfragen.

Es kommt immer häufiger vor, dass mich Studierende nicht nur wegen fachlicher Fragen kontaktieren. In letzter Zeit steigt ihr Bedürfnis nach einem generellen Zuspruch oder Rat, wie und ob sie sich als Künstler*innen positionieren sollen. Jungen Leuten, die Feuer und Flamme sind für das, was sie gerade machen, habe ich noch nie gesagt: Such dir lieber noch einen Brotjob. Ich gebe ihnen Tipps für konkrete Fördermöglichkeiten oder sage ihnen, wohin man seine Texte schicken kann für eine erste Veröffentlichung. Dann sage ich, dass sie unbedingt weitermachen und sich nicht entmutigen lassen sollen. Notfalls kann man tatsächlich mal kurz zur Arbeitsagentur gehen, ich finde überhaupt nichts Schlimmes dabei. Drei meiner Studierenden in den letzten Jahren haben inzwischen ihre Bücher veröffentlicht und Stipendien bekommen. Das macht mich sehr glücklich.

Wir haben ein Recht darauf zu sagen, dass, was wir machen, gut ist und wert, dass man es sich ansieht, liest, anhört und Geld dafür bezahlt (so lange wir im Kapitalismus leben zumindest). Wie eine Bäckerin ja auch von ihrem Brot sagen kann, dass es gut ist und wert, gekauft zu werden, ohne dass jemand sie für größenwahnsinnig hält.

Wir brauchen neben allen berechtigten Debatten über Diversität, Gleichberechtigung, Diskriminierung, usw. auch eine über die Unbedingtheit des Anspruchs, Kunst machen zu wollen. Und was das überhaupt bedeutet.
Und vielleicht müssen wir unsere Sichtweisen, wie das Leben so aussieht für uns, die wir in einem wohlhabenden mitteleuropäischen Land leben (und zwar egal, welcher Herkunft) auch mal diskutieren. Denn wir klagen generell auf ganz schön hohem Niveau.


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