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Şafak Sarıçiçek: Im Sandmoor ein Android

Rezensionen/Verlage


Noha Abdelrassoul

Şafak Sarıçiçek: Im Sandmoor ein Android. Gedichte. Berlin (Quintus-Verlag) 2021. 64 Seiten. 14,00 Euro

Wortmusik und Vieldeutigkeit in Şafak Sarıçiçeks „Im Sandmoor ein Android“


Der bildevozierende Titel „Im Sandmoor ein Android“ eröffnet gleich mehrere Assoziations-räume, die durch das gelungene Cover-Bild verstärkt werden: Es kommt eine Synthese aus Mensch und Maschine zum Ausdruck, eine Vergegenständlichung des Menschen und eine Personifikation des Androiden zugleich. Zusätzlich lässt sich durch die Klanggleichheit mit dem Betriebssystem „Android“ Datenverarbeitung und Speicherplatz assoziieren, auf den Menschen übertragen, Gedankenbildung und Gedächtnis. „Mnemosyne“, der Fluss der Erinnerung, heißt gleich das erste Gedicht.

Angeregt von drei unterschiedlichen Orten – dem Saal der juristischen Bibliothek in Heidelberg, der historischen Kunstsammlung aus psychiatrischen Anstalten „Sammlung Prinzhorn“ und Museen in Hamburg – sind die Gedichte der drei Kapitel entstanden. Dabei gibt es durchaus einige gemeinsame Motive, die sich durch den gesamten Gedichtband ziehen: ein ungewöhnliches Stadtbild, die Metamorphose des Ichs, seine allmähliche Auflösung, Zeit- und Raumüberschreitungen, Licht- und Schattenspiele und Illusionen.

Eine tragende Rolle beim Aufbau der einzelnen Gedichte spielen, wie bereits durch die Konsonanz und Assonanz im Titel vorausgedeutet wird, der Klang und der Rhythmus: Nicht wenige Gedichte lassen sich eher über klangliche als über semantische Assoziationen rezipieren. Komplexe Metaphern, bei denen der Bezug zum Beschriebenen sich nachvollziehen lässt, wechseln häufig mit Chiffren, die sich einer konven-tionellen Logik entziehen und den Gedankengang gezielt unterbrechen.

Für „die dichte Textur, Sprachgewalt und evokative Tiefe“ der Gedichte „Narbe“, „Brachycera“ und des Zyklus „Sammlung Prinzhorn“ verlieh eine Jury den diesjährigen Preis für Heidel-berger Autor*innen an Şafak Sarıçiçek.        

Nach dem Abitur an der deutschen Schule Istanbul studierte der 1992 geborene Dichter Rechtswissenschaften in Heidelberg und Kopenhagen. Er lebt und schreibt in Heidelberg, wo er sich an dem von ihm mitbegründeten literarischen Kreis Echolot für Literatur engagiert und sich zugleich auf sein Staatsexamen vorbereitet.

Sarıçiçeks freies Spiel mit den Wörtern, Klängen und Mythen erscheint dabei besonders plausibel im zweiten Kapitel „Sammlung Prinzhorn“, beschreibt doch der Psychiater und Kunsthistoriker Hans Prinzhorn 1922 einige der Kunstwerke seiner Sammlung als „freispielende lockere Assoziationsreihe, vielleicht an irgendeine Trugwahrnehmung sich anschließend“ und als „eine lockere Aneinanderreihung von Einfällen“.

In diesem Zyklus bezieht sich Sarıçiçek direkt auf Werke der Sonderausstellung „Ein mehrfacher Millionenwerth“ (Mai-Oktober 2020), zu der Bilder und Videos noch unter Sammlung Prinzhorn -Ein mehrfacher Millionenwerth. Fragile Schätze (ukl-hd.de) aufrufbar sind.

Agnes Richter, eine Näherin und Künstlerin, die 1895 ihre autobiographischen Notizen in ihr Jäckchen eingewoben hatte, wird im ersten Gedicht in Form einer einfühlenden Nacherzählung ihrer Lebensgeschichte, angesprochen: „In wunden Streifen hast du dein Sein geschrieben / war ein Jäcklein mit Worten /als Zwirn“. (S. 21) Danach folgt eher eine Spekulation, die nicht mehr nah an die Künstlerin führt, sondern durch das Streben nach einer klanglichen Assimilation begründet sein könnte: „Deinen Kopf gepustet in all die Falten / so kalten und in die warmen, die zarten / Zeitfesten.“ (S. 21)

Das zweite Gedicht nimmt die künstlerische Ambition von Else Blankenhorn zum Aus-gangspunkt.  Sie hatte während ihres Aufenthalts im Schweizer Sanatorium Bellevue eine Währung erfunden und malte Geldscheine, die sie mit blauen engelartigen Selbstporträts versehen hat. Mit dem Geld beabsichtigte sie, laut dem Informationstext der Sammlung Prinzhorn: „die physische Ernährung aller beerdigten, aber nicht gestorbenen Ehepaare am Tag der Auferstehung zu finanzieren“. Im Gedicht kommt sie direkt zu Wort:

„Ich will dir Engel drucken,
dem blauen Himmel
meines schmorenden Herzens

zur Tinte dir und den Fallenden
geben, geben diesen Schein“ (S. 22)
        
Mit bildhafter traumähnlicher Beschreibung wird man nah an ihre Gedankenwelt geführt:

„Sag, was habe ich denn,
außer den Drachen meiner Nächte,
was außer den Sphinxen meiner Ungeduld,
nur den Stern, nur Stern meiner Engel
er ist ein Blau“. (S. 22)
      
Einige der von Blankenhorn auf die Geldscheine gemalten Symbole werden auf die Metaphern des Gedichts übertragen. Dem Zyklus insgesamt jedoch liegen nicht nur die in der Sammlung Prinzhorn ausgestellten Kunstwerke zugrunde, sondern auch die Inschriften, die Bildbeschreibungen und die biographischen Daten, die über den Ausstellungskatalog des Museums zur Verfügung stehen. Es entsteht somit im Gedicht eine vieldeutige Fusion von Bild und Narrativ in Form eines imaginierten Monologs.

Auf die Arbeit „Hexenkopf/Landschaft“ (zwischen 1913 und 1917) von August Natterer, die in Form eines Dioramas ausgestellt worden ist, bezieht sich Sarıçiçek im vierten Gedicht. Ein Diorama ruft Bilder aus anderen Zeiten und von anderen Orten hervor, bringt Beweglichkeit und Stasis, Licht und Schatten ins Spiel und drückt somit die Illusion von Wirklichkeit aus. In Sarıçiçeks Gedicht wird vor allem die Absicht des Künstlers, mit jeder Zeichnungsebene eine neue Bedeutung zu produzieren, aufgegriffen und vermittelt, in dem die Technik des An- und Ausschaltens des Dioramas, mit der ein neues Bild entsteht, die Stropheneinteilung gestaltet:

„2- Diorama an

Hackerin der Stadt, Hekate hat         
falsche Sonnen gebracht       
und rote Wellen rollen über Acker, Äon, Feld        
und die Leinwand brennt, Codes erhaben.   

3- Diorama aus          

Wer in die Stadt steigt und sieht.      
Wer in die Stadt steigt, nicht siegt    
und siecht dahin in ihrem Kopfe      
nur seichte virtuelle Idee.“     (S. 25)

Durch die Bezüge auf die Sammlung Prinzhorn gewinnen die Gedichte eine weitere Bedeutungsebene. Diese Vieldeutigkeit, die ebenfalls durch die freie Gestaltung der Metaphern ermöglicht wird, eröffnet Lesenden einen zusätzlichen Vorstellungsraum. Zugleich tragen aber die wiederholten Übergänge zu Chiffren, analog zu der Technik des automatischen Schreibens, zu einer programmatischen Sinnverweigerung bei, so folgen sie eher klanglichen als semantischen Assoziationen. Häufig bilden sich gerade darüber besonders originelle Metaphern wie im Gedicht „Narbe“: „Als eine Narbe bin ich in dein Aug‘ gefallen“ und in „Miniatur“: „Ein älterer Wind trägt Gischt der Wüsten / Körnig spielt auf Leinwänden ein Android allein.“ Da, wo sie durch Wortmusik und synästhetische Wendungen traumähnlicher Darstellungen dient, erweist sich die formale Arbeit als besonders produktiv:
 
„am Sonnenmohn hängt träumend
Tau
Tau
Tau
zwischen dem Sirren der Libellen einer echten Zeit
und dem Tanz von Kirschraketen
rauscht das Gesicht der Träumerin“. (S. 33)


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