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Zwischen den Kriegen

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Michael Braun

Zeitschrift des Monats


LOB  DES FINISMUS

Zwischen den Kriegen. Blätter gegen die Zeit Hefte 1-26.

Literarische Rebellen haben seit je eine Vorliebe für den kulturellen Kahlschlag, für die Nullansage und das schwungvolle Abräumen des geistig schwerfälligen Honoratiorentums. So war es auch bei der Proklamation der „heißen Lyrik“, die zwei junge Hamburger Dichter ab 1953 in der tief konservativ gefärbten Nachkriegsliteratur etablieren wollten, als ein Akt des Partisanentums wider die literarische Weltflucht in Adenauerdeutschland. Was Werner Riegel und Peter Rühmkorf zum Jahreswechsel 1952/53 dem literarischen Establishment in Form von „Blättern gegen die Zeit“ vor die Nase knallten, war mehr als nur ein kleiner elitärer Fehdehandschuh. Ihr literarisches Kampfblatt „Zwischen den Kriegen“, das in langen Nächten mit der Schreibmaschine auf Matrizen getippt und in Eigenregie auf einer kurbelbetriebenen Walze vervielfältigt wurde, war keine hektographierte Geringfügigkeit, sondern ein literarisch aufregendes Magazin mit Hang zur robusten Polemik. Die nur 12-24 Seiten starken Hefte zirkulierten meist in einer schmalen Auflage von 120 Exemplaren und wurden an einige Freunde und Bekannte wie fundamentaloppositionelle Kassiber weitergereicht.
    Werner Riegel, 1925 in Danzig geboren, hatte die traumatisierenden Weltkriegsschlachten in Italien, Frankreich und Belgien erlebt, wurde zweimal verwundet und kam als radikaler Pazifist über Braunschweig nach Hamburg, wo er zunächst als Nachtwächter und später als Bürobote einer Firma für Südfrüchte, Häute und Gewürze arbeitete. Mit dem vier Jahre jüngeren Peter Rühmkorf, einem aufstrebenden Germanistikstudenten, der gerade Hans Henny Jahnn kennengelernt hatte, verbündete sich Riegel zu einem dissidentischen Zwei-Mann-Unternehmen. Riegel lebte damals mit seiner Frau und seinem kleinen Sohn in einer winzigen Dachwohnung, Rühmkorf residierte in einer Studentenbude mit Aussicht auf Hamburger Hinterhöfe. Handwerklich blieb ihre Zeitschrift ein Produkt der arte povera; ihr poetischer Ertrag war jedoch enorm. Waren am ersten Heft noch Albert Thomsen und Klaus Rainer Röhl beteiligt, der später überaus erfolgreiche Gründer des linken Magazins „Konkret“, schlugen Riegel und Rühmkorf in „Zwischen den Kriegen“ ab Heft 2 einen genuin literarischen Kurs ein, vom Pazifismus beseelt, aber mit literarischem Entdeckerehrgeiz. Die programmatischen Stichworte lauteten: „Finismus“ und „Schizographie“. Den „Finismus“ definierte Riegel als eine von Untergangsahnungen durchzogene Poetik der nonkonformistischen Zeitdiagnose. „Finismus, es liegt im Wort, schreibt das Ende, die Untergangsphase auf seine Fahne, ein Analogon zur Decadence, zum Fin de siècle um die Jahrhundertwende, jedoch auf breiterer Basis … Fin de siècle ist ein geistesgeschichtlicher Provinzialismus, Finismus hat kontinentale Ausmaße.“ Das war mit dem leichten Größenwahn des selbstbewussten Polemikers gesprochen – und hatte dennoch seine Berechtigung. 26 Nummern von „Zwischen den Kriegen“ erschienen von 1952 bis 1956 – der Krebstod Werner Riegels am 11. Juli 1956 setzte all dem ein jähes Ende. In diesen vier Jahren haben Riegel und Rühmkorf einige wirkungsmächtige Marksteine gesetzt. Zwar ging Rühmkorf in späteren Jahren auf Halbdistanz zu seinem Jugendprojekt, unverkennbar aber sind seine Interventionen in „Zwischen den Kriegen“ bereits funkelnde Vorläufer seiner späteren essayistischen Meisterstücke. Gerade sein epochaler Aufsatz „Das lyrische Weltbild der Nachkriegsdeutschen“ (1962) ist in seinem dreiteiligen Essay „Wie ein Gedicht entsteht“ (Heft 5-7 in „Zwischen den Kriegen“) schon präfiguriert. Derweil propagierte Riegel in seinen essayistischen Einlassungen seine großen Vorbilder, die damals vollkommen verdrängten Pioniere des literarischen Expressionismus. Viele Jahre vor der ersten großen Expressionismus-Ausstellung in Marbach stellte Riegel in „Zwischen den Kriegen“ die Propheten der literarischen Moderne vor: Carl Einstein, Ferdinand Hardekopf, Ernst Wilhelm Lotz und Jakob van Hoddis. Die Kampfansagen des Duos Riegel/Rühmkorf erreichten zwar nur den inner circle der Eingeweihten. Positive Resonanz kam immerhin von Kurt Hiller, der einst selbst 1912 Herausgeber der ersten expressionistischen Anthologie „Der Kondor“ gewesen war. Hiller wurde neben Hans Henny Jahnn und Richard Huelsenbeck einer der wenigen prominenten Mitarbeiter von „Zwischen den Kriegen“. Um die Zahl der Mitwirkenden zu vermehren, erfanden sich Riegel und Rühmkorf noch mehrere Pseudonyme, wobei „Leslie Meier“ (Rühmkorf) später auch als Gründer eines „Lyrik-Schlachthofs“ von sich reden machte. Als Poet kultivierte Riegel einen forcierten Benn-Sound, mit möglichst originellen Endreimen und lässigem Parlando-Ton. Zum Beispiel im Gedicht „Seidiger Mohn“, gedruckt im Dezember 1954 in „Zwischen den Kriegen“:

Seidiger Mohn und sMG,
Iris und Instinkt,
Wenn eine späte Kalliope
Unsere Story bringt.
Das jadefarbene Abenteuer,
Das über uns fließt,
Wenn sich ins Mündungsfeuer
Unsere Seele ergießt.

Den Rauch von Lublin
Im Cerebrum –
Wann vergaßen wir ihn!
Aber der Wind schlägt um.
Was wollt ihr noch wissen?
Es hat keinen Zweck.
Ich reiße von euren fiesen
Fressen die Hoffnung weg.
                     
Zeichnung von Peter Rühmkorf

Dass „Zwischen den Kriegen“, dieses kleine publizistische Wunderwerk, nun wieder greifbar ist, verdanken wir einer opulenten Faksimile-Ausgabe der Zeitschrift, die dank der Förderung durch die Arno Schmidt Stiftung im Wallstein Verlag realisiert werden konnte. Als Herausgeber und Verfasser eines umfangreichen Kommentars fungiert der Literaturwissenschaftler Martin Kölbel, der in seinem Nachwort auch die subkutane Konkurrenz zwischen Riegel und Rühmkorf bloßlegt. Der großformatige 600 Seiten-Klotz hat bei allen Verdiensten auch einige schmerzhafte Nachteile. Da ist nicht nur der Preis von 50 Euro zu nennen, der aus dem einstigen Low Budget-Projekt ein Werk für wenige Philologen-Insider macht. Seltsam mutet auch an, dass die vielfältigen Verdienste von Gunnar Fritzsche, der von 2006 bis 2010 auf eigene Kosten eine vierbändige Werner Riegel-Werkausgabe (Literarisches Bureau Christ & Fez, Stuttgart 2006-2010) auf die Beine gestellt hat, nur an versteckter Stelle vermerkt werden. Hinzu kommt, dass die schnoddrig-aggressive Selbstverortung Riegels in seinem Essay „Heiße Lyrik“ nur lückenhaft kommentiert wird. In diesem Manifest fegt er nämlich an einer Stelle seine literarischen Konkurrenten mit herben Bemerkungen vom Feld. Einer dieser Konkurrenten auf dem Terrain der unabhängigen Zeitschriften war Rainer Maria Gerhardt (1927-1954), der Herausgeber der „Fragmente“ und zugleich der erste Übersetzer von Ezra Pound, der sich im Alter von 27 Jahren das Leben nahm. Rainer Maria Gerhardts „Fragmente“ wie auch Alexander Kovals Magazin „Lot“ waren für den Polemiker Riegel nur Versager: „Diese Lyriker heute: man kann ihnen nicht vergeben, wenn man weiß, was sie tun. Die einen haben die Tendenz zur Tendenz, die andern die Tendenz zum Formalismus.  Jene, meist so borniert wie blöd, fasziniert vom eigenen Muskelspiel; diese, so blasiert wie blöd, berauscht vom eignen Zungenschlag. Beide Vereine haben Untergruppen gebildet, Sektionen, Klubs oder Kader, jenachdem welche Großmacht der Weltliteratur ihnen die Terminologie und den Nachschub liefert … Am andern Ende des Stranges, zum Aufhängen ist das, ziehen die Formalisten, die mit Vorsatz Langweiligen, die Hochstapler der Sprache, die Stammbilderstürmer aus dem Studio Frankfurt, die Schnell- und Leichtfertigen der »Fragmente«, die Nebligen, die Qualligen der »Konturen«, die Ausgewogenen, die auf Quatsch Geeichten vom »Lot«. Sie geben typographische Mätzchen für Revolution der Lyrik aus, Interpunktionszeichen für Gedanken, die Senkgruben unter ihrer Schädelplatte für Bregen, Kalauer für Esprit, Anleihen aus dem Gilgameschepos für das prälogische Genie ihrer Hirnrinde und Phrenesie für Dichtung.“ Über diese Kampfansage gegen die Zeitschriften der Kollegen erfährt man im Kommentar der Faksimile-Ausgabe nur wenig, Rainer Maria Gerhardt, dessen von 1948 bis 1954 edierte Zeitschrift „Fragmente“ noch 2007 in einer Werkausgabe des Wallstein Verlags gewürdigt wurde, wird z.B. gar nicht erst erwähnt. Stattdessen heißt es: „Literarisch steht »Zwischen den Kriegen« in den 1950er Jahren allein auf weiter Flur.“ Dabei wäre gerade der Kontext aufzuarbeiten, die wahlverwandten dissidentischen Zeitschriften-Initiativen, also die ebenfalls in diesen Jahren begründeten Zeitschriften „Akzente“, „Fragmente“ oder eben „Das Lot“. Hier könnte eine Gegengeschichte der modernen Lyrik einsetzen.


Zwischen den Kriegen. Blätter gegen die Zeit. Eine Zeitschrift von Werner Riegel und Peter Rühmkorf. Herausgegeben von Martin Kölbel. Wallstein Verlag, Göttingen 2019, 616 Seiten, 50,00 Euro.
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