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Yevgeniy Breyger: flüchtige monde

Rezensionen



Alexandru Bulucz

Wer hat Angst vor der Dichtung?



Yevgeniy Breygers Gedichte in flüchtige monde sind jene Ungewissheiten, die in einer Klinik im Wartezimmer Platz nehmen, die, wenn sie es betreten, leise grüßen. In diesem Wartezimmer wird selten gesprochen, und wenn, dann flüsternd. Warum eigentlich? Vielleicht deshalb, weil jeder, der dort wartet, in diesem Moment darum weiß, dass es fifty-fifty um ihn steht und ihm eine Frist gesetzt werden könnte, eine befreiende Gewissheitsgrenze. Nach jedem Arztbesuch gehen seine Gedichte wieder nach Hause, offiziell gesund, weil organische Befunde an ihnen nicht nachweisbar sind. Die Grammatik stimmt – wie so oft bei jenen Schriftstellern, die in einer Sprache schreiben, die nicht ihre Muttersprache ist. Nichtsdestoweniger sind diese Gedichte krank, sie stellen eine Beziehung her zwischen Dichtung und Schizophrenie. Ihr Ich ist ein Schizophrener, der sich artikulieren kann, ja mehr noch ein artikulierter Spastiker, der gegen die Objektivierung seiner Individualität und seines Gefühlhaushalts mithilfe der (an sich kollektiven) Konvention ‚Sprache‘, die immer auf Verständigung aus ist, Berufung einlegt. Das ist der Widerspruch der Dichtung überhaupt, so auch in flüchtige monde. Die Dichtung ist die Darstellung dieses Widerspruchs, der so alt ist wie sie selbst.

Die Ausdrückbarkeit der Gefühle, die poetische Möglichkeit ihrer Expressivität, erweckt den Anschein, sie hätten eine Sinnrichtung oder einen Richtungssinn, sie seien auf etwas anderes als sich selbst ausrichtbar oder teleologisch für etwas anderes als sich selbst brauchbar. Das sind sie nicht. Einzig und allein wahr sind sie – und sinnlos. Diese elementare Einsicht Breygers hängt unter anderem damit zusammen, dass er auch in die Schmiede der Verfasserin von „Alle Gefühle sind wahr.“ geht. Das ist eine glückliche Fügung. Bei ihm wird diese Einsicht so formuliert: „hast du koinzidenzen bemerkt zwischen wasser, gefühlen, unbeholfenem strampeln?“ (92) Das ist der Zufall von Fließen, Fliehen oder Flucht und etwas Kindlichem, Vitalem, was die Sprache Breygers, die durch ihre Affiziertheit beeindruckt, ist. Die sprachliche Zügelung von Gefühltem führt nicht selten zum Schluss, dass Freiheit, die sich meistens als Gefühl der Freiheit manifestiert, etwas von der Sprache Abgekoppeltes ist – so wie bei Werner Söllner: „Freiheit, wort- / los zu sein! // Als sei jenseits der Sprache / eine andere flüssige Welt.“

Für Breyger dagegen ist die begriffliche Erkenntnis, die Hyperreflexivität, die erst besagten Schluss ermöglicht, sekundär. Primär ist in seinen Gedichten das, was Georges Bataille an einer zentralen Stelle seiner Inneren Erfahrung als „connaissance émotionelle“ bezeichnet, die gefühlsmäßige Erkenntnis. So gibt es in Breygers Gedichten noch eine „ungeschieden vorgestaltige Urwelt“, wie es in Martin Bubers Ich und Du heißt, eine überbordende Phantasie des Kindes als dessen andauernder Halbschlaf. Der Erwachsene mag dies als Unwissenheit von sich abtun, aber sie ist der „Trieb, sich alles zum Du zu machen, der Trieb zur Allbeziehung“ (Buber). Breyger verdinglicht nicht seine Umwelt, er spricht mit ihr, berührt sie. Sein Käfer-Gedicht zeugt davon: „aus den wässrigen untiefen einer sphäre erheben sich / fünf käfer, jung noch, / wackeln mit ihrem chitin.“ (63)

Zugleich ist es gerade die vorgestaltige Urwelt, in der sich (nicht nur) Breygers Gedichte bewegen, dasjenige, was die gegenwärtige Literaturkritik tiefer in die Krise stürzen lässt. Die poetische Fokussierung des Gefühlten, des Einzelnen und des Kleinen mündet in einen Hyperindividualismus des Dichters und bringt präzedenzlose poetische Formen hervor, an denen, weil sie keine Ausnahmen sind, die die Regel noch bestätigen könnten, die Maßstäbe des Kritikers sich als wertlos erweisen. Aber glücklicherweise ist es so. Die Dichtung kehrt bei Breyger zu ihrer formalen Abnormalität zurück; die Dichter ähneln wirbelnden Blütenblättern und schließlich sich freiversündigenden Schlangen: „wenn draußen blütenblätter wirbeln, / formieren sich aus ihnen schlangen, abnormal hungrige / schlangen.“ (76) Von diesem Formanarchismus zeugt wieder das Käfer-Gedicht, das Gespräch der fünf Käfer-Dichter, in dem der zweite Käfer der dichtende und erfindende Anarchist unter ihnen ist und als solcher den Preis der Einsamkeit zahlen und Kälte aushalten muss. Der Schauplatz des Gedichts ähnelt einer Kampfzone; der Anarchist, „breitet seine fühler aus in richtung der pole“, er verletzt und reizt Grenzen aus, ist Anfeindungen ausgesetzt, und dies vor allem deshalb, weil er seinem Hunger nach Individualität nachgeht: „1 ein ruhiger fideler freund, / 2 trist im körperbau, hat hunger, / 3, 4 und 5 wie 1. // 1, 3, 4, 5 spucken giftige ladungen in einen abguss, / scheuen den konflikt. // 2 breitet seine fühler aus in richtung der pole, / zitiert, was ihm einfällt, erfindet dazu: / ich komme aus dem wald, wo kälte eine währung ist. / das wesen der krankheit ist dort unklar, / entspricht dem gegenteil von hunger, also europa. / da kommt man um vor bergen. // 1, 3, 4, 5 befeuern 2 mit giftigster galle. / 2 zieht zurück.“ (63)

Der zweite Käfer, ein trister im kafkaesker Körperbau, vielleicht ein „krummer rücken“ (10), breitet seine Fühler nach Formgrenzen aus. Auch das ist die Wahrheit der Gefühle: Sie verformen, sie sind durch Formirrungen erreichte Irrformen. Nach jedem Arztbesuch bleibt das Wesen der Krankheit unklar. Der zweite Käfer ist vielleicht die letzte Sonnenblume (gewesen): „die erste sonnenblume sah nie den boden“, die letzte hat einen krummen Rücken, ist krank und schaut nach unten: „die letzte sonnenblume wurde krank, sah zu boden / vor demut. sah eine totenkolonie in der trockenen erde. / sah die eigenen wurzeln in ungekannter bewegung / kadaver umschließen. und nährte sich. / so entstanden die wiesen, so entstand der verfluchte himmel. / so der olymp.“ (67) Der Dichter als krankes Fundament von Wiesen, Himmel und Olymp? Der Dichter, den es als Anarchisten vielleicht gar nicht gab, wenn er nicht einmal eine Ausnahme sein kann? Ja!

Es muss ein solches Buch hin und wieder geschrieben werden, um einem klar zu machen, wie üppig, wie freigiebig, wie groß, wie klein, wie fragil die Welt ist.


Yevgeniy Breyger: flüchtige monde. Gedichte. Berlin (kookbooks) 2016. 96 S. 19,90 Euro.

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