Wolfram Malte Fues: Über Lyrik. Eine Beobachtung - Signaturen

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Wolfram Malte Fues: Über Lyrik. Eine Beobachtung

Aus dem Notizbuch
 
 
 
 
 
 

Wolfram Malte Fues


Über Lyrik. Eine Beobachtung



Wie reden 30- bis 40jährige Lyrikerinnen und Lyriker heute über die Lyrik von 30- bis 40jährigen Lyrikerinnen und Lyrikern?

Häufig ist die Rede von der Semantik, von Wortsinn, Wortgebrauch, Wortfeld, von den Kriterien, die über die Auswahl entscheiden (sollen/müssen). Seltenheit, Mehrdeutigkeit, die grössere oder geringere Freiheit und Reichweite der Bedeutungs-Funktion kommen zur Sprache, manchmal auch Probleme der inneren und äusseren Grenzen lyriktauglichen Wort-Materials, grammatische oder syntaktische Fragen hingegen kaum.

Häufig ist die Rede von der Metaphorik, dem Ort und dem Rang ihrer Herkunft, ihrem ästhetischen Wert, ihrer Konsistenz und ihrer Konsequenz. Vermeintliche Unschärfen oder gar Brüche werden aufmerksam beobachtet und nachdrücklich kritisiert.

Häufig ist die Rede von der Musikalität eines Textes, der klanglichen und/oder melodiösen Qualität seiner Prosodie. Sie gilt als Kategorie, die den Gesamt-Eindruck eines Gedichts wesentlich moduliert und deshalb auf ihre Stimmigkeit hin sorgfältig geprüft werden muss. Zu phonologischer oder gar synästhetischer Analyse führt diese Prüfung allerdings kaum.

Selten ist die Rede von technischen Belangen. Metrik, Reimformen, Strophenbau, Zeilenfall, Alliteration, Assonanz sowie das Arsenal der Tropen beschäftigen diese Rede wenig bis gar nicht. Sie scheint die rhetorischen Grundlagen des Poetischen für unmassgeblich zu halten.  

Nie ist die Rede von der Epochalität eines Gedichts, seinen literaturgeschichtlichen Bezügen, seinem Umgang oder Nicht-Umgang mit ihnen. Jeder Text steht anscheinend am Nullpunkt der Literatur, ihrer Ur-Szene entsprungen wie Athene dem Haupt des Zeus.

Nie ist die Rede vom politischen und sozialen Kontext, in dem jeder literarische Text a priori steht, insofern er sich als veröffentlichter an eine wie immer geartete Öffentlichkeit richtet. Die Subjekte, die diese Rede führen, scheinen auf einer einsamen Insel zu wohnen, wo 30- bis 40jährige Lyrikerinnen und Lyriker niemandem begegnen als 30- bis 40jährigen Lyrikerinnen und Lyrikern.

Woran erinnert mich das alles? „In der Vorerkenntnis des ersten Gefühls und in dem Nachweis, dass es stimmt, erfüllt sich der hermeneutische Zirkel der Interpretation […] Hat mein Gefühl mich nicht getäuscht, so wird mir bei jedem Schritt, den ich tue, das Glück der Zustimmung zuteil […] Jeder Wahrnehmung winkt eine andere zu.“ (Emil Staiger) Werkimmanenz hiess das seinerzeit. In den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts.  

Basel, im November 2014

 
 
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