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Wolfgang Martynkewicz: Tanz auf dem Pulverfass

Rezensionen



Michael Braun


EINE  ART  GEHIRNVERGIFTUNG


Wolfgang Martynkewicz untersucht die stärkste Droge der modernen Poesie: „Gottfried Benn, die Frauen und die Macht“



„Ich aber bin, wie gesagt, für Seitensprünge!“: Das ist die einzige „philosophische“ Maxime, an die sich der Dichterkönig und professionelle Liebeshochstapler Gottfried Benn zeit seines Lebens gehalten hat. Denn die amouröse Eroberung von Frauen im Modus eines permanenten Donjuanismus war für Benn nicht Ausnahmezustand, sondern Lebenselixier. Seine drei Ehen, die der Meister der promiskuitiven Umtriebe aus taktischen Gründen einging, dienten nur der Erledigung von Verwaltungsaufgaben und der alltagstechnischen Grundversorgung. Für die erotische Erfüllung waren indes seine Geliebten zuständig. Denn die Ehe, so spottete Benn, ist nur „eine Institution zur Lähmung des Geschlechtstriebes also eine christliche Einrichtung“. Die virtuose Logistik seiner Doppel- und Dreifach-Beziehungen ist in den zahlreichen Briefbänden zu seinen diversen Geliebten und in der Korrespondenz mit seinem devoten Brieffreund Friedrich Wilhelm Oelze hinlänglich dokumentiert. Erstaunlich an all seinen Musen-Eroberungen ist vor allem die Nachsicht und Versöhnungsbereitschaft der von ihm instrumentalisierten Frauen. Nur zweimal in den fünfzig Jahren seiner egomanischen Liebeskunst geriet seine Casanova-Position ins Wanken, drohte Benn die Kontrolle über das libidinöse Geschehen zu verlieren. Einmal erwischte es den alten Benn auf seiner finalen Liebesstrecke, als der behäbig gewordene Charmeur im August 1954 auf eine ungewohnt widerstandsbereite Muse traf, die Kinderbuchautorin Ursula Ziebarth, die den Dichterkönig mit massiven Liebeswünschen unter Druck setzte. Die renitente Muse aus Worpswede ließ sich auch durch seine ansonsten unwiderstehlichen Schmeicheleien nicht zur erotischen Teilzeitkraft umfunktionieren. Der alte Schwerenöter verlor irgendwann den Überblick, seine Devise „Gute Regie ist besser als Treue“ funktionierte nicht mehr.


Der zweite Fall einer unkontrollierbaren libidinösen Eigendynamik vollzog sich in Benns Beziehung zu Thea Sternheim (1883-1971), der zweiten Frau des Dramatikers Carl Sternheim, und deren Tochter Dorothea, genannt Mopsa Sternheim (1905-1954). Mutter und Tochter rivalisierten um die Gunst des sich immer wieder entziehenden Dichterkönigs – mit zuletzt ruinösen Folgen für Mopsa. Mit Thea Sternheim verband Benn eine platonische Freundschaft, die fast vierzig Jahre lang andauerte, obwohl sich Thea, eine bekennende Pazifistin und entschiedene Gegnerin aller deutschnationalen Aufplusterungen, vor Benns politischem Opportunismus ekelte. Schon bei der ersten Begegnung im Februar 1917, als Benn, der damals als Militärarzt in Brüssel in einem Prostituitierten-krankenhaus arbeitete, die Sternheims in deren Haus im Brüsseler Vorort La Hulpe besuchte, zeigte sich Thea irritiert über die politische Kälte des Dichters.

Diese Begegnung ist der Ausgangspunkt einer neuen Benn-Studie des Literaturwissenschaftlers Wolfgang Martynkewicz, der noch einmal das Thema „Benn, die Frauen und die Macht“ durchbuchstabiert, dabei aber viel weniger Nachsicht übt mit dem politischen Reaktionär Benn als seine großen Vorgänger, die Benn-Biographen Holger Hof, Helmut Lethen und Joachim Dyck. Martynkewicz hält es eher mit der scharfsinnigen Benn-Entzauberung Klaus Theweleits, der bereits 1988 in seinem „Buch der Könige“ überzeugend nachgewiesen hatte, dass am Rande dieses dichterischen Königswegs doch einige Frauenleichen liegen. Die Fakten zu Benns Erotomanie, sein appeasement an die Nazis und sein niederträchtiges Verhalten bei der Neuausrichtung der Preußischen Akademie der Künste nach Hitlers Machtergreifung sind in der Forschung zwar schon akribisch aufgearbeitet worden. Martynkewicz setzt aber einige neue Akzente, wenn er (manchmal unter Rückgriff auf sehr simple psychoanalytische Deutungen) den Fokus seiner Darstellung auf das Verhältnis Benns zu Thea und Mopsa Sternheim legt. Das Ergebnis ist eine Studie, die den Nachweis führen will, dass es den angeblichen politischen und ästhetischen Wandel Benns nach 1945, also in der von ihm selbst ausgerufenen „Phase II“, nie gegeben hat. Der Dichterkönig wird als reaktionärer Überzeugungstäter vorgeführt, der sich von 1917 bis zu seinem Tod 1956 treu geblieben ist in seinem politischen Opportunismus. Der Umstand, dass Benn  sich nach der Röhm-Affäre von den Nazis abwandte, 1936 wegen seiner expressionistischen Gedichte massiv attackiert wurde und 1938 dann Publikationsverbot erhielt, wird nur am Rande erwähnt. Der Benn des Jahres 1917, der keine Sekunde nach der Ursache des Großen Krieges fragt, sondern nur lapidar betont, dass er „ausgekämpft“ werden müsse und „Milde in keiner Hinsicht am Platze“ sei, dieser Benn unterscheide sich, so Martynkewicz, nicht vom Benn des Jahres 1933, der im Nationalsozialismus den Versuch sieht, „das wankende Abendland zu retten“. Und auch nach seinem glänzenden Comeback veröffentlicht er 1950 in seinem autobiografischen Text „Doppelleben“ noch einmal den „Lebensweg eines Intellektualisten“ aus dem Jahr 1934, in dem er sich als „reinblütiger Arier“ bezeichnet.
    Martynkewicz breitet – wie viele entlarvungswillige Kritiker vor ihm - die unappetitlichsten Aufsätze und Reden Benns aus den Jahren 1933/34 vor dem Leser aus, „Züchtung“ und „Der deutsche Staat und die Intellektuellen“, um die Kontinuität seines intellektuellen Versagens darzulegen. Das große Rätsel, wieso Thea und Mopsa Sternheim dem sphinxhaften Dichter trotz dessen politischer Unbelehrbarkeit auch nach 1945 verbunden blieben, vermag Martynkewicz indes nicht zu lösen. Im Gegensatz zu ihrer Mutter verfiel Mopsa Sternheim dem egomanischen Orpheus mit Haut und Haaren. Als Benn die Affäre mit der Zwanzigjährigen im August 1926 beenden wollte, reagierte sie mit einem Selbstmordversuch. Beide Frauen emigrierten 1932 bzw. 1933, noch bevor der Vernichtungswille der Nationalsozialisten zuerst Deutschland und dann Europa ins Verderben zog. Mopsa Sternheim hatte sich in Paris der Résistance angeschlossen, wurde von der Gestapo im Dezember 1943 inhaftiert und gefoltert und ein halbes Jahr im Konzentrationslager Ravensbrück interniert. Thea hatte sich voller Abscheu von Benn abgewandt, als der im April 1933 seine höhnische „Antwort an die literarischen Emigranten“ veröffentlicht hatte. Aber selbst in den Exiljahren ließ sie der Dichterkönig nicht los. Als sie 1949 Benns neue Bücher registriert, erlebt sie das als „eine Art Pfingstwunder“, „die feurigen Zungen, das Aufrauschen, das Brausen, das Erahnen des Schwererfassbaren, das Wortwerden des Unaussprechbaren“. Erst nach der Veröffentlichung von „Doppelleben“ ist der Zauber endgültig zu Ende, bricht sie den Kontakt zu Benn ab. Mopsa Sternheim, die nach dem Ende ihrer Affäre mit Benn schlimme Jahre der Drogensucht durchlebte, riskiert 1952 noch einmal ein Wiedersehen mit dem hassgeliebten Dichterkönig. In einem Brief an eine Freundin beschreibt sie danach das Dilemma all jener Benn-Bewunderer, die je in seinen Bannkreis gerieten: „Er ist für mich das, was er immer war, der einzige Mann, welcher einen Einfluss auf mich hatte. Es ist eine Art Gehirnvergiftung.“


Wolfgang Martynkewicz: Tanz auf dem Pulverfass. Gottfried Benn, die Frauen und die Macht. Berlin (Aufbau Verlag) 2017. 408 Seiten. 24,00 Euro.

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