Wolfgang Hilbig: Matière de la Poésie - Signaturen

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Wolfgang Hilbig: Matière de la Poésie

Münchner Anthologie
 
 

Wolfgang Hilbig                          

Matière de la Poésie



Das Meer verhüllt von Licht: verhüllt von Helligkeit ...
im Sinn von Licht: ein Lilienweiß um nichts zu sein
als Weiß der Lilien – und Meer um nichts als Meer
zu sein und ohne Maß: und Mond-Abwesenheit –
welch Leuchten das seine lange Überfahrt antritt
und jedes Land vergisst auf nichts bedacht als Ewigkeit -
das Meer: das nicht mehr Tag noch Nacht ist sondern Zeit.



(2001)

 
 

Wolfram Malte Fues



Wolfgang Hilbig - Matière de la Poésie (2001)



Mittag. In gleichmäßig zweimal dreihebigen Alexandrinern zu 12 Silben. Wolkenloser Himmel, das Meer von Licht, aber zugleich von Helligkeit verhüllt. Wo liegt der Unterschied? überlegen die folgenden drei Punkte, und antworten: „im Sinn von Licht“, während sie daran erinnern, dass ‚Sinn’ ursprünglich ‚reisen, streben, einer Richtung nachgehen’ bedeutet. Helligkeit als der „Sinn von Licht“ meint also die Richtung, in der das Meer und das Licht, das Licht und das Meer aufeinander zu streben. Die Helligkeit dieses Sinns erscheint als „Lilienweiß“, das sie nur bestimmt und erklärt, „um nichts zu sein als Weiß der Lilien“. Das Prädikat fügt seinem Subjekt nichts hinzu, es wiederholt dessen Bestimmtheit bloß, indem es sie umstellt und so ihre beiden Teile ins Gleiche setzt. Ergebnis unter dem Gedankenstrich: Das Meer, seine Hülle sowie die Verbindung beider enthüllen einander als eins und dasselbe, als Meer „ohne Maß“, das sich weder vermehren noch vermindern lässt. „Ohne Maß: und Mond-Abwesenheit - “ Halt, sagt der Doppelpunkt. Nicht so weiterlesen, als ob das ‚und’ bruchlos verknüpfte. Die Atem- und Denkpause, die er schafft, verlegt das, was das ‚und’ anfügt, vor ihn zurück und fordert dazu auf, den Schluss dieses Verses als fortführende Auslegung des bisher gezeichneten Bildes zu nehmen. Meer, nichts als Meer, ohne jede weitere Bestimmung, ohne Maß, heißt auch: in Abwesenheit, im Abweisen des Mondes, der dem Meer seine Ge-Zeiten und damit sein Maß vorschreibt. (Die Satz-Zeichen des Gedichts – drei Punkte, Gedankenstrich, Doppelpunkt – betreiben eine unterschwellige Gegen-Syntax, die den Ablauf seiner üblichen und vertrauten aufhalten und umbilden.)

Der Gedankenstrich am Ende dieses vierten Verses teilt das Gedicht in zwei Hälften. Das einfache, unbedingt eine Leuchten von Meer und Licht verwandelt sich nun in jemanden, der im fünften Vers eine Überfahrt antritt, eine Silbe über den bis hierher 12silbigen Alexandriner hinaus. Sie macht dieses Leuchten jedes Land vergessen, von dem es aufgebrochen sein könnte. Damit jedoch vergisst es alles, was zum Meer einen Unterschied macht, es vergisst, dass seine Reise eine Überfahrt von einem Ausgangs- zu einem Endpunkt sein soll und somit letztlich sich selbst als Reisenden. Dieses Vergessen des Vergessens als Hinausgehen über das Hinausgehen zeigt der sechste Vers mit einer weiteren zusätzlichen Silbe an. Der Vers endet, das Fazit seines doppelten Verstoßes gegen seine Form ziehend, mit einem doppeldeutigen „Als“: „auf nichts bedacht als Ewigkeit“. Einerseits ist dieses Leuchten auf nichts weiter bedacht als auf Ewigkeit, auf seinen bloßen und einfachen Augenblick, in dem Schein und Erscheinung, die Ansicht und ihre Gegenstände miteinander verschmelzen. Andererseits bedenkt es eben darin jenes Nichts, das allein diese Verschmelzung zur Ewigkeit vorzustellen weiß. Hiermit ist das Gedicht in seinem letzten Vers bei sich als seiner eigentümlichen Materie in korrekt 12silbigem Alexandriner angelangt: „das Meer: das nicht mehr Tag noch Nacht ist sondern Zeit.“ Das Tag und Nacht und Wasser und Land und Sonne und Mond in jeder möglichen Zeit-Folge, Zeit-Richtung, Zeit-Weise und demnach, wie das Meer am Mittag, reiner und also ewiger Augenblick ist, der sich nur wahrnehmen, aber nicht auffassen, beschreiben, begreifen lässt.

„Ein und dasselbe zu bejahen und zu verneinen misslingt uns: das ist ein subjektiver Erfahrungssatz, darin drückt sich keine ‚Nothwendigkeit’ aus, sondern nur ein Nicht-Vermögen.“ (Friedrich Nietzsche) Uns schon. Wolfgang Hilbigs Gedicht gelingt es. Wir halten die Zeitlichkeit der Sprache, ihr von Beziehungen und Ausschlüssen, Rücksichten und Vorahnungen in Grammatik und Syntax beherrschtes Nacheinander für eine notwendige Bedingung ihrer Existenz, während sie in Wirklichkeit nur eine der unseren ist, der sich die Sprache in unserem üblichen Gebrauch fügt. Das Gedicht nimmt diese Bedingung in einer Weise an, die sie aufhebt, während sie sich geltend macht, und die Sprache frei von ihr stellt. An dieser Freiheit erst hat die Poesie ihre Materie und ihr Material. Wir sind es seit Menschengedenken gewohnt, von Ewigkeit zu sprechen. Wir haben dabei eine eindrückliche Menge von Systemen, Ideen, Geschichten, Träumen und Phantasien entwickelt, die sie betreffen sollen, indem wir sie ansprechen. Das Wolfgang Hilbigs Poetik folgende Gedicht spricht Ewigkeit nicht an. Es spricht sie, während es sich spricht. In seiner Zeit und als seine Zeit.

„Die Literatur kann es sein, die der Gesellschaft ihre noch ungelösten Aufgaben stellt.“ (Wolfgang Hilbig) Seine Lyrik stellt ihr dafür ihre noch ungesprochene Sprache.



Basel, im Oktober 2013

 
 
 

Links Wolfgang Hilbig, rechts Wolfram Malte Fues

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