William Shakespeare: Sonett 22 - 28 - Signaturen

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William Shakespeare: Sonett 22 - 28

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IV. 22–28: SILENT LOUE––presagers of my speaking breast

Ein Septett, das unmittelbar auf das vorige reagiert. Im Zentrum steht Sonett 25, in dem der Dichter auf Maximen zurückkommt, die er in 21 umrissen hatte: wahrhaftig schreiben, proud compare vermeiden. Of public honour and proud titles boast, das könne er nicht, er, den fortune of such triumph bars. Gleichwohl sei er unverrücklich –– Then happy I that loue and am beloued / Where I may not remoue, nor be remoued.

Die Sonette 2224 tragen zusammen, was ihn trotz seines Alters und trotz seiner Ungewandtheit als Schauspieler seiner selbst hoffnungsvoll stimmt, obwohl seine Gedichte nur domb presagers of my speaking breast (22) seien: O learne to read what silent loue hath writ / To heare with eies belongs to loues fine wit (23). Selig ist er, wenn er den Geliebten betrachtet, weiß aber auch, wie wenig Verlaß ist auf Auge und Herz: Yet eyes this cunning want to grace their art / They draw but what they see, know not the hart (24). Ein skeptisches Couplet, das seinen Schatten weit vorauswirft. [Dazu paßt vielleicht, daß hier thou und you (selbstgewisses Bekenntnis und ungeschützte Nähe) nebeneinander verwandt werden.]
Die Sonette 2628, die auf die Mittellinie folgen, klingen noch sehr viel skeptischer. Der Abstand zwischen Ich und Du scheint gewachsen und macht ihm Sorgen: But day doth daily draw my sorrowes longer / And night doth nightly make greefes length seeme stronger.

 
 
 
 
 


22.

 

MY glasse shall not perswade me I am ould,
So long as youth and thou are of one date,
But when in thee times forrwes I behould,
Then look I death my daies should expiate.
For all that beauty that doth couer thee,
Is but the seemely rayment of my heart,
Which in thy brest doth liue, as thine in me,
How can I then be elder then thou art?
O therefore loue be of thy selfe so wary,
As I not for my selfe, but for thee will,
Bearing thy heart which I will keepe so chary
As tender nurse her babe from faring ill,

Presume not on thy heart when mine is slaine,
Thou gau'st me thine not to giue backe againe.

Ich alt? Mein Spiegel überzeugt mich nicht.
Ist Jugend nicht genau so alt wie du?
Erst wenn ich seh, die Zeit furcht dein Gesicht,
erwarte ich den Tod in großer Ruh.
Da alle Anmut, angegossen dir,
ein schönes Kleid nur meines Herzens ist,
es lebt in deiner Brust wie deins in mir,
–– wie kann ich älter sein, als du es bist?
O deshalb, Lieber, sei auf dich bedacht,
wie ich es bin. Du stehst in meiner Hut;
dein Herze tragend halte ichs in Acht,
wie es die Amme mit dem Säugling tut.

Doch poch nicht auf dein Herz nach meinem Leben!
Du gabst es mir, es nicht zurückzugeben.

 
 
 
 


23.

 

AS an vnperfect actor on the stage,
Who with his feare is put besides his part,
Or some fierce thing repleat with too much rage,
Whose strengths abondance weakens his owne heart;
So I for feare of trust, forget to say,
The perfect ceremony of loues right,
And in mine owne loues strength seeme to decay,
Ore-charg’d with burthen of mine owne loues might
O let my books be then the eloquence,
And domb presagers of my speaking brest,
Who pleade for loue, and look for recompence,
More then that tonge that more hath more exprest.

O learne to read what silent loue hath writ,
To heare with eies belongs to loues fine wit.

Als hätte meine Rolle ich vergessen,
hätt Bühnenangst und träf den Part nicht recht,
als wär ich irgend so ein Wilder, dessen
zu große Wut zu große Stärke schwächt,
weiß ich die rechten Worte nicht zu finden
im Liebesdienst –– wo ist mein Mut geblieben? ––
und meiner Liebe Stärke scheint zu schwinden,
zu schwer die Last der Fähigkeit zu lieben.
So laß denn dies Papier beredsam–stumm
vorweisen, was mein Herz dir sagen müßte!
Um Liebe geht es, um Belohnung, um
mehr, als die Zunge auszudrücken wüßte.

Was schweigend Liebe schrieb, o lern es lesen!
Mit Augen Hören eignet ihrem Wesen.

 
 
 
 


24.

 

MIne eye hath play’d the painter and hath steeld,
Thy beauties forme in table of my heart,
My body is the frame wherein ti’s held,
And perspectiue it is best Painters art.
For through the Painter must you see his skill,
To finde where your true Image pictur’d lies,
Which in my bosomes shop is hanging stil,
That hath his windowes glazed with thine eyes:
Now see what good-turnes eyes for eies haue done,
Mine eyes haue drawne thy shape, and thine for me
Are windowes to my brest, where-through the Sun
Delights to peepe, to gaze therein on thee

Yet eyes this cunning want to grace their art
They draw but what they see, know not the hart.

Mein Auge spielt den Maler, und es stellt
dein Bild auf meines Herzens Staffelei;
mein Körper ist der Rahmen, der es hält,
und Durchblick ist die wahre Kunst dabei,
–– denn durch den Maler mußt du blicken, eh
dein Inbild du entdeckst, getreu gemalt,
es hängt in meiner Seele Atelier,
sein Fensterglas dein Augenpaar, und strahlt.
Nun sieh, was Augen Augen antun –– Wonne:
die meinen zeichneten dein Bild, die deinen
sind Fenster meiner Brust, durch die die Sonne,
um dich darin zu sehen, liebt zu scheinen.

Doch Augen zeichnen, was sie sehn –– nur das,
sie kennen nicht das Herz –– es fehlt etwas.

 
 
 
 


25.

 

LEt those who are in fauor with their stars,
Of publike honour and proud titles bost,
Whilst I whome fortune of such tryumph bars
Vnlookt for ioy in that I honour most;
Great Princes fauorites their faire leaues spread,
But as the Marygold at the suns eye,
And in them-selues their pride lies buried,
For at a frowne they in their glory die.
The painefull warrier famosed for worth,
After a thousand victories once foild,
Is from the booke of honour rased quite,
And all the rest forgot for which he toild:

Then happy I that loue and am beloued
Where I may not remoue, nor be remoued.

Wer Sternengunst genießt, der brüste sich
mit stolzen Titeln und Publizität
–– ich bleibe unbeachtet, aber ich
erfreu mich eines Glücks, das höher steht.
Die Günstlinge der Großen streben wie
die Ringelblume ihrer Sonne zu,
verdunkelt sich die Stirn, begraben sie
den Stolz, den Ruhm, auf sich gestellt, im Nu.
Der Krieger, leidvoll, kampfbewährt, beherzt,
nach tausend Siegen eine Niederlage,
ist aus dem Buch der Ehre ausgemerzt,
vergessen alle Mühsal seiner Tage.

Ich liebe und ich bin geliebt, bin glücklich
und weiche nicht zurück, bin unverrücklich.

 
 
 
 


26.

 

LOrd of my loue, to whome in vassalage
Thy merrit hath my dutie strongly knit;
To thee I send this written ambassage
To witnesse duty, not to shew my wit.
Duty so great, which wit so poore as mine
May make seeme bare, in wanting words to shew it;
But that I hope some good conceipt of thine
In thy soules thought (all naked) will bestow it:
Til whatsoeuer star that guides my mouing,
Points on me gratiously with faire aspect,
And puts apparrell on my tottered louing,
To show me worthy of their sweet respect,

Then may I dare to boast how I doe loue thee,
Til then, not show my head where thou maist proue me

Herr meiner Liebe, der du mich, verstrickt,
als wär ich dein Vasall, an dich gebunden,
vernimm denn diese Botschaft hier, geschickt,
Ergebenheit, nicht Witz dir zu bekunden
–– Ergebenheit so groß, daß, ach, mein Witz
armselig scheinen mag, nackt, ohne Wort,
doch, hoff ich, findet ein Gedankenblitz
in deiner Seele ihr den rechten Ort,
bis welcher Stern auch immer, der mich lenkt,
mir Zeichen gibt und Günstiges verheißt,
dem Lumpenkleid der Liebe Schimmer schenkt,
der deiner Achtung würdig mich erweist.

Dann wag ichs, wie ich liebe, stolz zu preisen;
noch zeig ichs nicht –– aus Scheu, es zu erweisen.

 
 
 
 


27.

 

WEary with toyle, I hast me to my bed,
The deare repose for lims with trauaill tired,
But then begins a iourny in my head
To worke my mind, when boddies work’s expired.
For then my thoughts (from far where I abide)
Intend a zelous pilgrimage to thee,
And keepe my drooping eye-lids open wide,
Looking on darknes which the blind doe see.
Saue that my soules imaginary sight
Presents their shaddoe to my sightles view,
Which like a iewell (hunge in gastly night)
Makes blacke night beautious, and her old face new.

Loe thus by day my lims, by night my mind,
For thee, and for my selfe, noe quiet finde.

Müd von der Müh –– ich haste, um zu ruhn,
ins Bett, die Glieder sind das Rennen leid;
doch nun beginnt mein Kopf sich umzutun,
der Körper schläft, das Hirn in Tätigkeit;
denn nun zu dir, so fern ich dir auch bin,
ist all mein Sinnen auf der Wanderschaft,
ich halt die Lider offen, starre in
die Dunkelheit wie Blinde –– schattenhaft
gibt meine Seele meinem blinden Blick
dein Bild zu schaun: Juwel in schwarzer Nacht
(es weist so schön die Finsternis zurück
und hat ihr altes Antlitz neu gemacht).

So ist es tags mein Körper, nachts mein Geist,
der dir und mir nicht weiß, was Ruhe heißt.

 
 
 
 


28.

 

HOw can I then returne in happy plight
That am debard the benifit of rest?
When daies oppression is not eazd by night,
But day by night and night by day oprest.
And each (though enimes to ethers raigne)
Doe in consent shake hands to torture me,
The one by toyle, the other to complaine
How far I toyle, still farther off from thee.
I tell the Day to please him thou art bright,
And do'st him grace when clouds doe blot the heauen:
So flatter I the swart complexiond night,
When sparkling stars twire not thou guil’st th’ eauen.

But day doth daily draw my sorrowes longer,
And night doth nightly make greefes length seeme stronger

Wie kann ich je denn wieder glücklich sein,
wenn Ruhe zu genießen mir verwehrt,
der Druck des Tags nicht nachts gelöst wird, nein,
die Nacht den Tag, der Tag die Nacht beschwert,
und beide, wenn auch Feinde sozusagen,
die Hand sich reichen, mich zu quälen, mir
der eine Mühsal schickt, die andre Klagen,
wie ich mich mühe, weit entfernt von dir?
Ich sag dem Tag zuliebe, du bist klar
und machst ihn hold, wenn Wolken ihn verdunkeln,
der schwarzen Nacht verspreche ich sogar,
du sprühest Gold, wenn Sterne nicht mehr funkeln.

Doch täglich zieht der Tag den Kummer länger,
und nächtlich macht die Nacht die Schwermut bänger.



Aus KRITIK DER LIEBE –– Shakespeare’s Sonnets & A Lover’s Complaint –– wiedergelesen und wiedergegeben von Günter Plessow. (c) Passau (Karl Stutz Verlag) 2003.

 
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