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William Butler Yeats: William Blake und die Phantasie

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William Butler Yeats

William Blake und die Phantasie



Es hat Menschen gegeben, die die Zukunft geliebt haben wie eine Geliebte, und die Zukunft hat ihren Atem mit dem ihrigen vermischt und ihr Haar um sie geschlungen, so daß sie vor dem Verständnis ihrer Zeit verborgen geblieben sind.
    William Blake war einer von jenen, und wenn seine Sprache verworren gewesen ist und dunkel, war es, weil er von Dingen geredet, die auszusprechen es ihm in der Welt seiner Umgebung an Vorbildern gefehlt hat. Er verkündet die Religion der Kunst, von der niemand um ihn herum auch nur geträumt hatte, und er verstand sie weit vollkommener als die tausende von feinen Geistern, die in unserer Zeit ihre Taufe empfangen haben, weil es am Anfang von allen großen Dingen, am Anfang der Liebe, am Anbeginn des Tages, beim Beginnen irgendeiner Arbeit, einen Augenblick gibt, wo wir ein tieferes Verständnis haben als jemals wieder, bis das Ganze vollendet ist.
    Zu seiner Zeit waren die Gebildeten der Ansicht, man könne sich mit Büchern der schönen Literatur wohl unterhalten, dagegen aber »etwas für seine Seele erwerben«, wenn man Predigten anhörte oder gewisse Dinge tat oder nicht tat. Wenn man sie fragte, warum ernste Menschen, wie sie, die großen Dichter so verehrten, gerieten sie aus Mangel an zureichenden Gründen in Verlegenheit. Heutzutage sind wir darüber einig, daß wir »etwas für unsere Seele erwerben«, wenn wir uns mit einem der großen Dichter aus alten Zeiten oder mit Shelley, Wordsworth, Goethe, Balzac oder Flaubert beschäftigen oder mit den Büchern von Tolstoi aus der Zeit, bevor er ein Prophet geworden und so in eine tiefere Klasse herabgesunken; wenn wir uns damit vergnügen, die Bilder von Whistler zu betrachten oder aber, mit geringerem Erwerb für unsere Seele, Predigten anhören und gewisse Dinge tun oder nicht tun. Wir schreiben über große Schriftsteller, sogar über solche, deren Schönheit einst als unheilig gegolten hätte, in Worten des Entzückens, wie sie unsere Väter für die Schönheiten und die Mysterien der Kirche gebraucht, und ganz gleichgültig, was wir mit den Lippen bekennen, glauben wir in unseren Herzen, ganz so wie Browning es in seinem einzigen, nicht in Versen geschriebenen Prosaessay ausgesprochen hat, schöne Dinge seien »brennend auf der Hand Gottes gelegen«, und wenn die Zeit hinzuschwinden begonnen, werde die Hand Gottes schwer auf dem schlechten Geschmack und der Gemeinheit ruhen. Zur Zeit, als noch kein Mensch diese Dinge glaubte, hat William Blake sie geglaubt und jene Predigten gegen die Philister begonnen, gleich denen des Mittelalters gegen die Sarazenen.
    Von Jakob Böhme und den alten Alchimisten hatte er gelernt, wie die Einbildungskraft die erste Äußerung des Göttlichen ist, »der Leib Gottes«, »die göttlichen Glieder«, und er zog den Schluß, den jene nicht gezogen, daß die Künste der Einbildungskraft die größten der geistlichen Offenbarungen seien, und die von den Künsten der Phantasie erweckte Zuneigung zu allen lebendigen Wesen, sündigen wie gerechten, sei jene Vergebung der Sünden, die Christus anbefohlen. Die Vernunft, und darunter verstand er Schlußfolgerungen aus den Beobachtungen der Sinne, bindet uns an die Sterblichkeit, weil an die Sinne, und sie trennt uns voneinander, weil sie uns die widerstreitenden Interessen zeigt; die Einbildungskraft aber scheidet uns von der Sterblichkeit vermöge der Ewigkeit des Schönen, und sie kettet uns aneinander, weil sie die geheimen Tore des Herzens auftut. Immer wieder verkündet er mit lauter Stimme, alles Leben sei heilig und es gebe nichts Unheiliges, außer den toten Dingen, der Lethargie, Grausamkeit und Furchtsamkeit und jener Verleugnung aller Phantasie, der Wurzel, aus der diese von alters her emporgewachsen. Leidenschaften sind, weil im höchsten Grade Leben, am meisten geheiligt – dies war zu seiner Zeit eine anstößige Paradoxie –, und auf ihren Flügeln soll der Mensch in das Reich der Ewigkeit eingehen. Dies meinte er so wörtlich genau, daß gewisse Zeichnungen zu »Vala«, wenn sie über die ersten schwachen Bleistiftskizzen und leichten Farbentönungen hinaus durchgeführt worden wären, zu seiner Zeit, und auch heutzutage noch, einen netten Skandal hervorgerufen hätten. Die Empfindungen jenes »törichten Leibes«, jenes »Phantoms aus Erde und Wasser« waren an sich selbst allerdings bloß halb lebendige, »vegetative« Wesenheiten, aber Leidenschaft, jene »ewige Glorie«, hat sie zu einem Teil des göttlichen Leibes gemacht.
    Infolge dieser Philosophie ist er ein einfacherer Dichter geblieben, als irgendeiner zu seiner Zeit, denn ihrethalben hat er sich damit zufrieden gegeben, jedes schöne Gefühl auszusprechen, das ihm in den Sinn kam, ohne sich um dessen Nützlichkeit zu kümmern oder es mit einer solchen in Beziehung zu bringen. Manchmal fühlt man, selbst wenn man Dichter aus einer besseren Zeit liest, z.B. Tennyson oder Wordsworth, wie sie alle Kraft und Einfachheit ihrer leidenschaftlichen Phantasien beeinträchtigt haben, weil sie sich darum gekümmert, ob sie dabei der Welt förderlich oder hinderlich, anstatt daran zu glauben, daß alle schönen Dinge »brennend auf der Hand Gottes gelegen« sind. Wenn man dagegen Blake liest, ist es, als schlüge einem ein Sprühregen aus einer unerschöpflichen Quelle von Schönheit ins Gesicht, und es sind nicht etwa nur die »Lieder der Unschuld«, die so wirken, oder jene lyrischen Gedichte, die er »Ideen von Gut und Böse« zu nennen vorhatte, sondern auch die »prophetischen Schriften«, wo er eine verworrene und dunkle Rede geführt, weil er von Dingen sprach, für die er in seiner Umgebung keine Vorbilder zu finden vermochte. Er war ein Symbolist, der seine Sinnbilder erfinden mußte; und seine englischen Grafschaften, den Stämmen Israels entsprechend, ebenso wie seine Berge und Flüsse mit ihrer Korrespondenz zu den Gliedern des menschlichen Leibes, sie sind geradeso willkürlich, wie ein Teil von dem Symbolismus in »Axel«, dem Werk des Symbolisten De L´Isle Adam, nur daß dort allerdings Ungereimtes in einem Ausmaße durcheinander geworfen wird, wie dies in »Axel« nicht der Fall ist. Blake hat nach einer Mythologie geschrien und hat versucht, selbst eine zu schaffen, weil er keine vorfinden konnte. Wäre er ein Katholik aus den Zeiten Dantes gewesen, dann möchten ihm Maria und die Engel wohl genügt haben; als ein Forscher unserer Tage hingegen hätte er seine Symbole von dort genommen, woher Wagner sie nahm: aus der nordischen Mythologie, oder wäre etwa, gestützt auf Professor Rhys, jener Fährte in die Mythologie von Wales gefolgt, die er in »Jerusalem« gefunden, oder er würde nach Irland gegangen sein – er ist wahrscheinlich ein Irländer gewesen – und hätte zu seinen Symbolen die heiligen Berge erkoren, an deren Abhängen der Landmann noch jetzt zauberhafte Feuer sieht und die Gottheiten, die noch nicht aus dem Glauben, wenn auch aus den Gebeten einfacher Herzen gewichen sind. Seine Rede wäre dann frei geblieben von jenen Ungereimtheiten, da er von Dingen sprach, die lange Zeit in Erregung untergetaucht gewesen, und er wäre weniger dunkel gewesen, weil eine überlieferte Mythologie an der Schwelle seiner Absichten und am Rande seiner heiligen Dunkelheit gestanden hätte. Wenn »Enitharmon« Freya geheißen hätte oder Gwydeon oder Danu, und hätte sie im alten Norwegen gelebt oder im alten Wales oder Irland, dann dürfte es uns ganz entgangen sein, daß, der sie geschaffen, ein Mystiker gewesen, und jene Hymne, die Enitharmon in »Vala« zur Harfe singt, möchte uns bloß an viele alte Hymnen gemahnen:

»Die Wonne des Weibes ist der Tod ihres Geliebten,
Der aus Liebe für sie dahinstirbt,
In Qualen wilder Eifersucht und in der Pein der Anbetung.
Des Liebenden Nacht lastet auf meinem Lied,
Und die neun Sphären jauchzen unter meinem mächtigen Zwang.
Sie singen unermüdlich nach Noten von meiner unsterblichen Hand,
Der feierlich schweigende Mond
Läßt die Harmonie lang auf meinen Gliedern widerhallen.
Die Vögel und die wilden Tiere freuen sich und spielen,
Und ein jedes sucht nach seinem Gefährten, seine innerste Lust zu zeigen.
Schrecklich und furchtbar zerreißen sie die untere Tiefe,
Die Tiefe erhebt ihr wildes Haupt,
Und verloren in unendlich schwebende Schwingen, entschwindet
sie mit einem Schrei.
Der schwindende Schrei stirbt ewig dahin,
Die lebendige Stimme lebt ewig in ihrer innersten Wonne.«


(1897)

 
 
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