William Butler Yeats: Die Philosophie in den Dichtungen Shelleys - Signaturen

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William Butler Yeats: Die Philosophie in den Dichtungen Shelleys

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William Butler Yeats


Die Philosophie in den Dichtungen Shelleys




I. Die leitenden Gesichtspunkte


Als ich, ein Knabe noch, in Dublin lebte, gehörte ich einem Kreis von jungen Leuten an, die in einer Hauptstraße ein Zimmer gemietet hatten, um sich dort über Philosophie zu unterhalten. Meine Studiengenossen waren mehr und mehr in gewisse moderne Richtungen des mystischen Glaubens hineingezogen worden, und ich fand niemals jemanden, der meinen einen, unerschütterlichen Glauben geteilt hätte, daß nämlich alle Philosophie nur insoweit Bestand haben könne, als sie Poesie geworden, daß man anfangen sollte, sie in irgendeiner richtigen Ordnung aufzubauen, und dabei nichts zurückweisen dürfe, was geeignet wäre, zur Erweckung des Glaubens der Dichter zu dienen. Soweit ich mich nach so vielen Jahren meiner Gedanken noch entsinnen kann, dachte ich, daß, wenn ein mächtiger und gütiger Geist dieser Welt eine Bestimmung zugewiesen hat, wir diese leichter aus den Worten erraten könnten, die den Herzenswunsch der Welt in sich vereinen, als aus historischen Berichten, oder aus Spekulationen, bei denen das Herz verdorrt.
    Seit damals habe ich Träume und Gesichte sehr aufmerksam beachtet und bin nun sicher, daß die Einbildungskraft einen Weg hat, die Wahrheit zu erleuchten, den die Vernunft nicht kennt, und daß ihre Gebote, die gegeben werden, wenn der Leib in Ruhe ist und wenn die Vernunft schweigt, mehr bindend sind als irgendwelche, von denen wir wissen könnten. Ich habe den »Entfesselten Prometheus« wieder gelesen und gehofft, meine Freunde hätten sich in dieses Werk wie in ein heiliges Buch vertieft, denn ich meine, ihm gebührt unter den heiligen Büchern der Welt ein sogar noch höherer Rang, als ich damals geglaubt hatte. Ich erinnere mich noch, wie ich einmal zu einem Gelehrten hinging, ihn über die tiefere Bedeutung dieser Dichtung zu befragen, die ich mehr fühlte als begriff, und wie dieser mir sagte, es sei Godwins »Politische Gerechtigkeit« in Verse gesetzt, und Shelley sei ein roher Revolutionär gewesen, der geglaubt, der Sturz von Königen und Priestern werde die Menschheit erneuern. Ich zitierte die Zeilen von den Eisvögeln, die aufhören würden Fische zu fressen, und von den Giftblättern, die gute Nahrung geworden, um zu zeigen, wie Shelley mehr vorausgesehen als eine bloße politische Wiedergeburt, aber ich war zu furchtsam, auf diesem Argumente weiter zu beharren.
    Ich glaube noch immer, man kann nicht umhin, Shelley, jenem Gelehrten gleich, für einen vagen Denker zu halten, der gelegentlich hohe Poesie mit einer phantastischen Rhetorik verbindet, es sei denn, man vergliche jene Stellen miteinander, wo insbesondere die von ihm gepriesene Freiheit beschrieben wird, oder man habe jenes System des Glaubens entdeckt, das sich hinter ihnen verbirgt. Es müßte wohl als das Natürliche erscheinen, daß man sein Denken als voll von Subtilitäten erkennt; hat doch Shelleys Gattin berichtet, wie er in Zweifel gewesen, ob er ein Metaphysiker oder ein Dichter sein wolle, und mit Bedauern hat sie von seiner »Jagd nach dem Verborgenen« gesprochen; und von jenem »Entfesselten Prometheus«, den drei Generationen hindurch so viele für die in Reime gesetzte »politische Gerechtigkeit« gehalten haben, sagt sie: »Es bedarf eines Geistes, so fein und durchdringend wie der seine, um die mystischen Beziehungen zu verstehen, die sich überall in der Dichtung vorfinden. Sie entgehen dem gewöhnlichen Leser, zufolge ihrer Abstraktheit und Feinheit der Unterscheidung, sind jedoch weit davon entfernt, unklar zu sein. Es war seine Absicht, metaphysische Essays in Prosa über die Natur des Menschen zu schreiben, die dazu hätten dienen können, viel von dem deutlich zu machen, was in seinen Dichtungen unklar ist, so aber sind nur einige wenige verstreute Fragmente und Bemerkungen übrig geblieben.
    Ihm erschienen diese philosophischen Ansichten über Natur und Geist vom stärksten Hauch der Poesie durchdrungen.
    Aus diesen verstreuten Fragmenten und Bemerkungen, ebenso wie aus vielen anderen Stellen, gelangt man, wenn man sie in diesem Sinne versteht, bald dahin, zu begreifen, wie die Freiheit bei ihm soviel mehr gewesen als die der »Politischen Gerechtigkeit«, wie sie eins war mit der »Intellektualen Schönheit«, und daß die Wiedergeburt, die er vorausgesehen, weit mehr war als jene Erneuerung, die vielen politischen Träumern vorgeschwebt, und daß sie nicht zu ihrer Erfüllung gelangen konnte, bevor nicht die Stunden »die Zeit in der Ewigkeit zu Grabe getragen«. In seiner »Verteidigung der Dichtkunst«, dem tiefsten Essay über die Grundlagen der Poesie, den es im Englischen gibt, zeigt er, wie Dichter und Gesetzgeber ihre Stellung auf Grund desselben Rechtstitels einnehmen, der eine, da er seine Gesichte von der göttlichen Ordnung, von der intellektualen Schönheit in Worten, der andere, indem er sie in den Gestaltungen der menschlichen Gesellschaft zum Ausdruck bringt.
    »Die Dichter wurden, entsprechend den Umständen des Zeitalters und der Nation, in denen sie hervortraten, in den frühesten Zeiten Gesetzgeber genannt, oder Propheten, und in seinem Wesen begreift und vereint ein Dichter tatsächlich diese beiden Charaktere in sich. Er betrachtet nämlich nicht allein das Gegenwärtige, so wie es ist, auf das intensivste und entdeckt nicht allein jene Gesetze, denen die vorhandenen Dinge unterworfen sind: er erblickt auch im Gegenwärtigen das Zukünftige, und seine Gedanken sind die Keime von den Blüten und Früchten spätester Zeiten.« »Sprache, Farbe, Form, religiöse und bürgerliche Lebensgewohnheiten, sie sind alle Werkzeuge und Stoffe für die Dichtkunst.« Die Poesie ist »das Vollbringen von Handlungen, gemäß dem unabänderlichen Lauf der menschlichen Natur, wie er im Geiste des Schöpfers existiert, der selber Ebenbild aller andern Geister ist.« »Die Dichter sind aufgefordert worden, ihre Bürgerkrone an die Verstandesmenschen und an die Kaufleute abzutreten ... Es muß zugegeben werden, die Tätigkeit der Phantasie ist von allen am meisten beglückend, aber man muß bedenken, daß die der Vernunft die nützlichere ist ... Wenn der Mechaniker die Arbeit verkürzt und der Nationalökonom sie vereinigt, mögen sie sich wohl in acht nehmen, daß ihre Spekulationen aus Mangel an Beziehung zu jenen ersten Prinzipien der Einbildungskraft nicht, wie im modernen England geschehen, dahin zielen, die Gegensätze von Luxus und Armut zu verschärfen ... Die Reichen sind reicher geworden, die Armen ärmer ... solcherart sind stets die Wirkungen, die Folge einer ungezügelten Ausübung der Fähigkeit zu rechnen.«
    Diese Worte könnte beinahe Blake gesprochen haben, der dafürhielt, daß die Vernunft nicht nur Häßlichkeit hervorbringt, sondern auch alle anderen Übel. Die Bücher aller Weisheit sind in der Höhle der Zauberin des Atlas verborgen, einer seiner Verkörperungen der Schönheit, und wenn sie über den verzauberten Fluß schreitet, der ein Sinnbild alles Lebens ist, dann werfen die Priester ihre Tücke von sich, der König krönt einen Affen, seine eigene Hoheit zu verhöhnen, die Soldaten sammeln sich um die Amboße, ihre Schwerter in Pflugscharen umzuschmieden, die Liebenden werfen ihre Furchtsamkeit von sich, und Freunde werden vereint, während die Kraft, die in »Laon und Cythna« den Geist des Reformators erweckt, auf daß er kämpfe, und die selber gegen die Tyranneien dieser Welt ankämpft, sich zuerst als der Stern der Liebe und der Schönheit ankündigt. Und am Ende der »Ode an Neapel« ruft er dem »Geiste der Schönheit« zu, er möge die Tyranneien der Welt niederwerfen oder aber sie mit seinen »harmonisierenden Gluten« erfüllen. Den Geist der Schönheit nennt er Freiheit, weil der Despotismus und vielleicht auch alle Autorität überhaupt, da »der Mensch von starker Seele weder befiehlt noch gehorcht«, die Tugend von ihrem Pfade zur Schönheit abdrängt, und weil dieser Geist es ist, der uns durch jene Liebe leitet, deren Dienst die vollkommene Freiheit ist. Der Geist der Schönheit leitet alle Dinge durch Liebe, und immer wieder verkündet Shelley, die Liebe sei Erkenntnis der Schönheit in den Gedanken und in den Dingen, und daß durch sie alle Dinge geordnet worden, denn die Liebe ist es, die die Seele zu ihrer Äußerung in Gedanken und Handlungen antreibt, indem sie uns dahin bringt, daß wir »in allen Dingen, die da sind, eine Gemeinschaft mit dem zu erwecken suchen, was wir in uns selbst erleben.«
    »Wir sind in die Welt hineingeboren, und es gibt etwas in uns, was von dem Augenblick an, da wir leben, mehr und mehr nach seinem Gleichnis dürstet.« Wir haben »eine Seele innerhalb unserer Seele, die um ihr eigenes Paradies einen Kreis beschreibt, den Leiden, Sorge und Übel nicht zu überspringen wagen«, und wir arbeiten daran, jene Seele in vielen Spiegeln zu erblicken, auf daß wir sie um so reichlicher besitzen.
    Den Fortschritt der Welt hätte er kaum auf Wegen minder edler Arbeit gesucht, und er würde kaum dafür gewesen sein, daß wir dem Bösen widerstehen. In dem »Philosophischen Rückblick auf die Reform« fordert er die Reformer auf, »dem Angriff der Kavallerie mit gefalteten Armen standzuhalten«, falls sie abgesandt würde, ihre Versammlungen zu zerstreuen, »nicht weil tätiger Widerstand ungerechtfertigt wäre, sondern weil Mäßigung und Mut größere Vorteile mit sich brächten als der entscheidendste Sieg«; und er gibt ihnen in der »Maske der Anarchie« den gleichen Bescheid, denn die Freiheit, so verkündet das Gedicht, »ist Liebe«, und sie kann machen, daß der Reiche ihre Füße küßt und jenen gleich, die Christus gefolgt, all das Seine dahingibt, um ihr nachzufolgen durch die weite Welt.
    Er glaubt nicht, daß ohne eine Wiedergeburt der menschlichen Herzen die Reform der Gesellschaft jene Schönheit, jene göttliche Ordnung unter den Menschen heraufbringen kann. Sogar in der »Königin Mab«, die geschrieben wurde, ehe er seine tiefste Erkenntnis errungen hatte, oder vielmehr, bevor er die Worte gefunden, sie auszusprechen – ich glaube nämlich nicht, daß die Menschen sich in ihren innersten Gedanken stark verändern –, ist er offenbar weniger bemüht, den Glauben der Menschen zu beeinflussen, als vielmehr gegen jene Schlange zum Kampfe aufzurufen, die feiner ist als irgendein Tier des Feldes, gegen Ursache und Wirkung der Tyrannei. Immer wieder aufs neue behauptet er, die Starken, »reiner Begierden und einer allumfassenden Liebe« fähig, seien inmitten der Tyrannei glücklich, und er sieht den Tag herankommen, da »der Geist der Natur«, der Geist jener Schönheit seiner späteren Dichtungen, die ihren »Thron von inappellabler Macht« in jedem Herzen aufgeschlagen hat, die Menschen so tugendhaft gemacht haben wird, daß »königlicher Glanz seine Macht zu blenden verlieren und schweigend vorbeigehen wird; und vielleicht sogar der Handel, der Schacher mit allem, was menschliche Natur und Kunst uns beut, was Reichtum nicht erkaufen sollte«, ebenso geräuschlos aufhören wird.
    Tatsächlich ist er, der Hauptsache nach, stets ein Zeuge von jener »inappellablen Macht« gewesen. In »Julian und Maddalo« sagt Maddalo, die Seele sei machtlos, und bloß einer »düsteren Glocke im himmelerleuchteten Turme gleich, vermöge sie unseren Gedanken und unseren Begierden zu läuten, auf daß sie sich um das zerrissene Herz versammeln und beten«, aber Julian, mit dem Shelley sich selbst meint, antwortet, wie die Stifter von allen Religionen geantwortet haben:

»Die Schönheit, Wahrheit, Liebe, die wir sehnlich
Erstreben, ruhn sie nicht in unsern Seelen?
Und wären wir nicht schwach, ob dann wohl fehlen
Würde die Tat am Ziele unsres Strebens?«


Dagegen ist »Mont Blanc« eine verworrene Analogie, die feststellen soll, »wie die Seele ihre Quellen in jener geheimen Kraft der Dinge« habe, die »die Gedanken regiert und für die unendlichen Himmelswelten das Gesetz ist.« Er hat sogar geglaubt, die Menschen könnten unsterblich sein, wenn sie sündenlos wären, und seine Cythna fordert die Seeleute auf, sie sollten sich aller Gewissensbisse entschlagen, denn alles, was da lebt, sei ebenso schuldbefleckt wie sie. Daher kommt es, sagt sie, daß die Zeit die Menschen und ihre Gedanken für das Grab zeichnet. Und der »Rote Komet«, jenes Bild des Bösen in »Laon und Cythna«, brachte, als er den Krieg gegen den Stern der Schönheit begann, nicht allein »Furcht, Haß, Betrug und Tyrannei« mit sich, sondern auch »Tod, Verfall, Erdbeben, Meltau und bleichen Wahnsinn.«
    Wenn der rote Komet besiegt ist, wenn Jupiter von Demogorgon überwunden worden, wenn das Wahrwort der Königin Mab in Erfüllung gegangen, dann wird die sichtbare Natur wiederum in Vollendung erstehen. In einer seiner Noten zur »Königin Mab« erklärt Shelley, es gehöre »keine besondere Extravaganz dazu, anzunehmen ... daß zwischen den moralischen und den physischen Fortschritten der Spezies Mensch eine vollkommene Identität herrschen könne«, und er hält es für gewiß, »daß Weisheit mit Krankheit nicht verträglich ist und, bei dem gegenwärtigen Zustand der Klimate auf der Erde, Gesundheit im wahren und verständlichen Sinne des Wortes außerhalb des Bereichs der zivilisierten Menschheit liegt.« Im »Entfesselten Prometheus« sieht er wie in der Ekstase eines Heiligen, wie die Schiffe sich ohne jede Furcht vor Gefahren auf den Weltmeeren bewegen:

»... bei dem Glanz
Der Blumen, welche sich im Meere spiegeln,
Nur Duft und Wohlklang«,


und wie das Gift aus den grünen Dingen verschwindet und Grausamkeit aus allem Lebendigen, wie sogar die Kröten und Echsen schön werden und schließlich die Zeit »in der Ewigkeit zu Grabe getragen« wird. Diese Schönheit, diese göttliche Ordnung, an der alle Dinge in einer Art von Auferstehung des Leibes teilnehmen sollen, ist den Toten und den ekstatischen Seelen schon jetzt sichtbar, denn die Ekstase ist eine Art von Tod. Der sterbende Lionel hört den Gesang der Nachtigall und ruft:

»Hörst du nicht, wie Verheißung tönt
Aus ihres Liedes heitrer Lust,
Daß einst der Sterbende erwacht
In einer Welt voll Sonnenschein?

Daß Liebe, sich drängend Brust an Brust,
Daß Schlaf, wenn zerrissen des Lebens Macht,
Der Gedanke, der bis zu der Welt Grenzen dringt,
Musik, wenn der Geliebte singt,
Der Tod ist? So laß uns freudig nippen
Vom Kelch, den der Vogel uns kredenzt!«


Und an der berühmtesten Stelle in allen seinen Dichtungen singt er vom Tod als von einer Geliebten.
    »Das Leben, gleich einem Dom von vielfarbigem Glas, färbt den weißen Glanz der Ewigkeit.« »Stirb, wenn du mit dem sein willst, was du suchen wolltest«, und er sieht seinen eigenen herannahenden Tod in einer prophetischen Verzückung, denn »das Feuer, nach dem alle dürsten, überstrahlt ihn und verzehrt die letzten Wolken der kalten Sterblichkeit.« Nach seinem Tode wird er noch immer die Lebenden beeinflussen, denn obwohl Adonais »zu den brennenden Quellen geflohen, daher er gekommen«, und ein Teil ist von dem Ewigen, das unverlöschbar ein gleiches, durch Zeit und Wechsel glühen muß, und obwohl »erwacht vom Lebenstraum«, ist er doch nicht von der »jungen Dämmerung«, oder den »Höhlen der Wälder«, oder »den zarten Blüten und den Quellen« hinweggegangen. Er ist »Eins geworden mit der Natur«, seine Stimme wird »in aller Musik gehört«, und seine Gegenwart wird gefühlt, wo immer »die Kraft sich regen mag, die sein Wesen zu sich hinweggenommen«, er »spielt eine Rolle«, wenn sie die sterblichen Dinge in ihre vorgeschriebenen Formen zwingt, und er überschattet den Geist der Menschen in ihren höchsten Augenblicken, denn:

»... Wenn ein Menschengeist durchbricht
Der Erde Schranken in erhabnem Streben,
Und Lieb und Leben sitzen zu Gericht
Ob seinem Erdenlos, dort Tote leben
Gleich Friedenslüften, die durch Sturmesgrauen schweben.«


Von Shelleys Spekulationen darüber, »was sich mit diesem unschätzbaren Geist zutragen wird, wenn wir zum Sterben kommen«, sagt seine Gattin, »sie seien von einem mystischen Idealismus gefärbt gewesen; und einzelne Stanzen in der ›Empfindsamen Pflanze‹ drücken bis zu einem gewissen Grade den beinahe unaussprechbaren Gedanken aus, nicht daß wir in einen andern Zustand hineinsterben, wenn der gegenwärtige aufgehört hat, weil er aus irgendeinem erkennbaren oder verborgenen Grunde unserem Wesen nicht mehr entspricht, sondern daß jene, die sich über die gewöhnliche Menschennatur erhoben haben, schon vor unsern unvollkommenen Organen hinwegscheiden; sie verbleiben in ihrer ›Liebe, Lust und Schönheit‹, in einer Welt, die ihnen angemessen ist, und wir, beladen mit ›Irrtum, Unwissenheit und Streit‹, sehen sie nicht, bevor wir nicht durch Reinigung und Vervollkommnung uns ihrem höheren Zustand angepaßt haben.« Nicht allein verklärte Seelen, auch alle schönen Orte und Bewegungen, Gesten und Ereignisse, von denen wir glauben, sie hätten aufgehört zu sein, sind Teile geworden vom Ewigen.

»... doch in dem Leben
Voll Irrtum und voll wirrem Streben,
Wo nichts ist und Schein alles hüllt,
Wir selbst nur eines Traumes Bild,


Ist's ein bescheidner Glaube und
Doch tröstlich in der Seele Grund,
Zu meinen, daß der Tod ein leer
Schauspiel, wie alles andre wär.

Der Garten und die holde Maid
Und alles, was uns dort erfreut,
In Wahrheit sind vergangen nie;
Wir sind verändert, und nicht sie.

Denn Lieb, Lust, Schönheit, Licht vergehen,
In Tod und Wechsel: wir verstehen
Nicht ihre Macht, die wir kein Licht
Ertragen, weil's uns selbst gebricht.«


In seinen Spekulationen scheint er sich an jenem Gedächtnis der Natur erleuchtet zu haben, dem die Seher die Grundlage ihres Wissens zu verdanken vorgeben, aber ich weiß nicht, ob er gleich ihnen der Ansicht gewesen, daß alle Dinge, gute sowie böse, stets beharren, und »den Gedanken denken und die Tat tun«, wenn auch möglicherweise nicht selbstbewußt; oder ob er etwa geglaubt hat, »Liebe und Schönheit und Wonne« müßten immer bestehen bleiben. Die Stelle, wo die Königin Mab »alles Wissen von der Vergangenheit« erweckt, und von den guten und bösen Ereignissen aus alten und wunderbaren Zeiten, war nicht wahrscheinlicher, als sonst ein Teil des Triebwerks der Dichtung; aber alle Arten übernatürlichen Eingreifens in die Dichtkunst bilden einen Bestandteil der Überzeugungen des Altertums und werden es sogleich wiederum in jenen Geistern, die in starkem Idealismus bei ihnen verweilen. Es sind nicht allein die selig Entschlafenen, die dem Willen der intellektualen Schönheit gehorchen, sondern auch dienende Geister, entsprechend den »Devas« des Ostens, den »Elementargeistern« des mittelalterlichen Europa und den »Sidhe« des alten Irland; aber ihre allzuoft wiederkehrende Anwesenheit, vielleicht auch Shelleys Unkenntnis ihrer traditionellen Gestalten, geben manchen von seinen Dichtungen den Anschein haltloser Phantasterei. Wie überall in den Visionen der Mystiker und des gewöhnlichen Volkes in Irland, wechseln sie auch in seinen Dichtungen unaufhörlich miteinander ab, und gerade die Art dieser Abwechslung entfaltet in eigentümlicher Weise die glühenden Formen seines Geistes, befreit von allen Impulsen, die nicht aus ihm selbst oder aus einer übersinnlichen Kraft stammen. Dies sind »Strahlen aus einer ferneren Welt, die uns im Schlaf besuchen«, geistige Wesenheiten, deren Schatten die Wonne aller Sinne sind, Töne, »gefaltet in Zellen kristallenen Schweigens«, »Gesichte, schnell und süß und fremdartig«, die auf ihren Augenblick warten, »jeder in seiner dünnen Hülle, wie eine Chrysalide«, »Düfte« unter »immer blühenden Paradiesbäumen«, »Tränke«, die »seligen Schlaf verschaffen oder Tränen in »Wunder und Entzücken« wandeln können, »goldene Genien, wie sie zu den Dichtern Griechenlands im Traum geredet«, »Phantome«, die Gestaltungen der Künste werden, wenn »der Geist, der heiter aus der Umarmung der Schönheit hervorgeht«, »die gesammelten Strahlen der Wirklichkeit auf sie wirft«, »Wächter«, im »Luftreich menschlicher Gedanken« sich bewegend, »wie die Vögel im Wind oder der Fisch in der Welle«, oder den Gedanken der Menschen gleich, durch alle Dinge hindurch, und die sich dem Gedränge der seligen Stunden anschließen, wenn die Zeit verrinnt,

Wie der Flugfisch sich schnellt
Im indischen Belt
Und Seevögeln, halb im Schlaf, sich gesellt.


Diese Kräfte sind es, die Asia und Panthea leiten, so wie sie alle menschlichen Regungen bestimmen, sei es vermöge von Worten, die auf Baumblätter geschrieben sind, sei es durch sanfte Gesänge oder Wirbel von Echos, die »alle Geister auf jenen verborgenen Pfad ziehen«, oder durch die »hinsterbenden Düfte« von Blumen und durch das »Sonnenlicht des Sphärenstaubes« jenseits der Tore von Geburt und Tod, um den Demogorgon, die Ewigkeit, zu erwecken, auf daß der »gemalte Vorhang« hinweggezogen werde, »den wir das Leben nennen«. Es gibt auch dienende Geister der Häßlichkeit und alles Bösen, jenen gleich, die zu Prometheus gekommen.

»Wie von der Rose, wenn die Priesterin
Sie kniend pflückt, den Festkranz sich zu winden,
Ein Purpurhauch auf ihre Wangen fällt,
Also umkleidet uns der Schatten nur
Der unserm Opfer vorbestimmten Qual
Und gibt uns die Gestalt; sonst sind wir formlos,
Wie unsre Mutter Nacht«,


oder auch wie jene, deren Gestalten der Dichter im »Triumph des Lebens« sieht, wie sie von dem Siegeszug hinter dem Lebenswagen herkommen, wo »Hoffnung« sich in »Begierde« wandelt, Schatten, »zahlreich wie die abgestorbenen Blätter, die der herbstliche Abendwind von den Pappelbäumen schüttelt«, und denen gleich, von denen sie herkommen, bis sie, wenn ich die dunkle Rede richtig verstehe, von all den geschäftigen Phantomen umgeben sind, die dort leben wie von der Sonne geformte Wolken. Einige sitzen, gleich »schnatternden Affen«, andere wie »scheußliche Gerippe, ihre Brut dort hegend unter den Schatten von Dämonenschwingen«, und lachen, daß sie die Macht, die sie einst den Tyrannen der Erde geliehen, wiederum von ihnen zurückgenommen, andere »wie kleine Mücken und Fliegen« die Brauen von Rechtsgelehrten, Staatsmännern, Priestern und Philosophen umschwärmend, und wieder andere, die »wie mißfarbener Schnee auf schönen Busen und sonniges Haar fallen« und dort »auftauen durch Jugendglut, die sie verlöschen«, und viele, um »Schatten von Schatten zu werfen, die ihnen nicht gleichen«, die neu geformt sind von jenem Schöpferstrahl, in dem sie alle sich bewegen wie die Motten. Diese Geister der Schönheit und der Häßlichkeit sind Shelley sicherlich mehr gewesen als bloße Metaphern oder bildliche Sprache, ihm, der der Ansicht war, »Gedanken, welche wirkliche oder äußere Gegenstände genannt werden,« unterschieden sich von den »Halluzinationen, Träumen und den Ideen des Irrsinns« nur durch die Regelmäßigkeit ihrer Wiederkehr, und der jenen Unterschied noch mehr verwischt, wenn er berichtet, wie er zu dreien Malen, in Zwischenräumen von zwei oder mehr Jahren, genau denselben Traum wiedergeträumt, und der mit dem inneren Auge Bilder gesehen, die seine Nerven auf Tage hinaus zerrüttet hielten. Gestalten, die waren, als wenn

»...In der Luft ein dicht
Gewühl von Schatten schwebt, wie eine Herde
Vampire trübt tropischer Sonne Strahl,
Daß, eh genaht der Abend, es schon werde
Seltsame Nacht in einem indischen Tal«,


konnten unmöglich bloß ein metaphorisches und bildliches Dasein haben für jemand, der schreckerfüllt mit seinem eigenen Doppelgänger gesprochen, bei der Erscheinung eines Weibes mit Augen auf den Brüsten ohnmächtig geworden und, wenn wir dem Bericht der Mrs. Williams Glauben schenken wollen, einmal versucht hatte, einen Wald niederzubrennen, weil er geglaubt, ein Teufel, der versucht hatte, ihn zu töten, habe darin Zuflucht gesucht. Ich glaube, Shelley hat tatsächlich in sich das Zeitalter des Glaubens wiederum erweckt, obwohl es Zeiten gegeben, wo er gezweifelt hat, wie ja sogar die Heiligen gezweifelt haben, und er ist ein Revolutionär gewesen, weil er das Gebot vernommen hatte: »So ihr solches wisset, selig seid ihr, so ihr's tut.« Ich habe seinen »Entfesselten Prometheus« das erstemal nach vielen Jahren in den Wäldern von Drim-da-rod, unter den Hügeln von Echte wieder gelesen und manchmal nach Slievenan-Orr hinübergeblickt, wo, wie die Leute dort sagen, die letzte Schlacht der Welt ausgefochten werden wird, bis schließlich am dritten Tage ein Priester einen Kelch erheben und das Jahrtausend des Friedens beginnen wird. Und ich meine, dieser geheimnisvolle Gesang spricht einen Glauben aus, so einfach und alt, wie der jener Landleute, dabei in einer Form, einem neuen Zeitalter angemessen, das mit Blake begreift, daß der Heilige Geist ein »intellektueller Quell« ist, und die Arten und Grade der Schönheit die Abbilder sind von seiner Herrschaft.



II. Die vorherrschenden Symbole


Verhältnismäßig früh läßt Shelley die gefangene Cythna durch die Beschauung ihres eigenen Geistes weise werden in aller menschlichen Weisheit, und er läßt sie dieses Wissen in den Sand schreiben »in Zeichen«, »klaren einfachen Gestalten«, deren geringster Wechsel »eine feinere Sprache innerhalb der Sprache« gewesen und die »der Schlüssel der Wahrheiten« sind, die einst undeutlich im alten Croton gelehrt worden. Aus seinen Erzählungen der ersten Zeit und auch sonst aus vielem in all seinen Dichtungen geht hervor, wie stark die Faszination war, welche die Lehren der Magie und der magischen Philosophie auf seinen Geist ausgeübt hatten, und man kann sich kaum denken, er habe nicht über ihren Symbolen und Signaturen gegrübelt, wenn ich auch nicht nachzuweisen vermochte, daß er an diese Dinge je ein tieferes Studium gewendet.
    Neben unzähligen Bildern ohne die Bestimmtheit von Symbolen findet man viele, die sicherlich solche sind, und mit den Jahren begann er sie immer mehr in symbolischer Absicht zu verwenden. Ich stelle mir vor, als er seine früheren Dichtungen niederschrieb, gestattete er dem unterbewußten Leben, die Hände so fest an das Steuerruder seiner Phantasie zu legen, daß er sich nur wenig der abstrakten Bedeutung der Bilder bewußt war, die in der scheinbaren Trägheit seines Geistes aufstiegen. Wer auch nur die geringste Erfahrung von irgendwelchen mystischen Seelenzuständen hat, weiß, wie im Innern tiefe Symbole [Fußnote] fluten, deren Bedeutung man oft erst nach Jahren begreift, falls sie einen nicht zu dem Wahn verleiten, sie seien sinnlos. Auch glaube ich nicht, daß jemand, der diese Erfahrungen andauernd gemacht hat, nicht eines Tages in irgendeinem alten Buch oder etwa auf einem alten Denkmal ein seltsames oder verworrenes Bild gefunden haben sollte, das ihm vorgeschwebt hatte, und ihm nicht vielleicht bei der plötzlichen Überzeugung geschwindelt haben möchte, daß unser kleines Gedächtnis nur ein Teil ist von einem großen, das die Welt und die Gedanken der Menschen von Weltalter zu Weltalter erneut, und unsere Gedanken nicht, wie wir glauben, die Tiefe sind, sondern nur geringer Schaum über der Tiefe. Shelley hat dies begriffen, dies ergibt sich aus dem, was er von der Ewigkeit der schönen Dinge und dem Einfluß der Toten gesagt hat; ob er aber verstanden hat, daß das große Gedächtnis auch ein Aufenthaltsort der Symbole ist, von Bildern, die lebendige Seelen sind, kann ich nicht sagen.
    Sicherlich hat er von allen mystischen Zuständen Erfahrung gehabt, die tiefste ausgenommen, jene Vereinigung mit den geschaffenen Dingen, die zweifellos dem Aufgehen der Seele im ungeschaffenen Geist vorausgehen muß.
    In dem Fragment eines Essays über das Leben sagt er, ein einzelnes Erlebnis für eine allgemeine Erfahrung nehmend: »Erinnern wir uns nur der Empfindungen aus unserer Kinderzeit.... wir hatten, was immer wir sahen oder fühlten, selten von uns selbst unterschieden. Es schien gleichsam eine einzige Masse zu bilden. Es gibt Menschen, die in dieser Hinsicht durchaus Kinder geblieben sind. Jene, die dem Zustand unterworfen sind, den man Träumerei nennt, haben das Gefühl, als ob ihre Natur in dem sie umgebenden All aufgelöst wäre, oder als ob das Weltall um sie herum sich in ihrem Sein aufgelöst hätte«, und Shelley muß wohl erwartet haben, er werde Gedanken und Bilder von jenseits seines eigenen Geistes in gerade solchem Ausmaß erhalten, als sein Geist das Befangensein in einer besondern Zeit und einem bestimmten Ort überwand; glaubte er doch, alle Inspiration sei eine Art Tod; und so mußte er wohl begreifen, daß ein Bild, über die besonderen Bedingungen von Zeit und Raum hinausgewachsen, zum Symbol gewandelt, gleichsam über den Tod emporführt und eine lebendige Seele wird.
    Als Shelley im Jahre 1812 mit der Tochter Godwins den Kontinent bereiste, segelten sie einige große Ströme im offenen Boot hinab, und in der Vorrede zu »Laon und Cythna«, wo er die Umstände anführt, die dazu beigetragen haben, einen Dichter aus ihm zu machen, erwähnt er auch diese Reisen: »Mächtige Ströme bin ich hinabgesegelt, und die Sonne habe ich auf- und untergehen und die Sterne heraufkommen gesehen, da ich Tag und Nacht einen reißenden Fluß zwischen Bergen hinabgesegelt.« Er mag wohl auch eine Höhle gesehen haben, die einem Flüßchen, dem Ufer entlang, zum Bett geworden war, oder vielleicht dem Bergstrom bis zu seiner Quelle in einer Höhle gefolgt sein, denn seit seiner Rückkehr nach England tauchen in jedem längeren Gedicht stets mit der Bestimmtheit von Symbolen Flüsse und Ströme auf, die durch Höhlen fließen oder ihnen entspringen. Alastor gleitet in seinem Boot einen Fluß entlang in eine Höhle, und als er zum letzten Male die Gegenwart jenes Geistes verspürt, den er geliebt und dem er nachfolgt, geschieht es, daß er sein Bildnis im schweigenden Quell erblickt, und er stirbt, wo ein Fluß in eine »abgründliche Kluft« hinabstürzt. So wie er, erfüllt von Traurigkeit, so gleitet wiederum die »Zauberin des Atlas« voller Heiterkeit in ihrem Boot einen Fluß entlang, in eine Höhle hinab, und sie war auch dort zur Welt gekommen, wo dieser Fluß aus einer Höhle hervorgesprudelt; als Rousseau, der Typus des Dichters im »Triumph des Lebens« zu jener Vision erwachte, die das Leben war, da mußte es dort geschehen, wo ein Fluß einer Höhle entsprudelte; im »Epipsychidion« trifft der Dichter die böse Schöne »an einer Quelle unter der Laube von blauen Nachtschatten«; Cythna trägt ihr Kind, da sie in eine große Höhle eingekerkert worden, »zu einer Quelle, rund und stark, in der die eingesperrte Welle unaufhörlich sprang und kochte«, und ihr Geliebter Laon wird in einer hohen Säule durch eine Höhle mit einem faulen Tümpel drin nach seinem Gefängnis gebracht, und da er die besiegte Stadt sehen will, sitzt er an einem beschmutzten Quell auf dem Marktplatz ab und weist solcherart zugleich auf jenen Geist hin, der am Ende des »Entfesselten Prometheus« aus dem Innern einer Quelle auf dem Hauptplatz heraus die wiedergeborene Stadt betrachtet; nachdem Laon und Cythna gestorben sind, erwachen sie an einem Quell und treiben einen Fluß entlang ins Paradies hinein; am Ende aller Dinge leben Prometheus und Asia inmitten einer seligen Welt in einer Höhle, in der ein Quell »mit erweckendem Klang emporspringt«; an einer Quelle war es, an dem Ort, da unglücklich Liebende sich begegneten, wo Rosalind und Helena sich von ihrem Unglück erzählen, und unter einer Weide an einem Quell sollten die Zauberin und ihr Freund ihrer unglücklichen Liebe verfallen; in den kleineren Dichtungen und in den Fragmenten in Prosa hingegen werden Höhlen, Flüsse und Quellen stets als Metaphern gebraucht. Es mag sein, daß sein unterbewußtes Leben sich gelegentlich an eine flüchtige Szene geklammert und diese ohne andere Hilfe, als die jenes großen Gedächtnisses, in ein antikes Symbol umgeformt; aber ein so guter Platoniker wie Shelley dürfte kaum einer Höhle als eines Symboles gedacht haben, ohne sich dabei an Platons Höhle erinnert zu haben, die die Welt bedeutet, und ein Kenner wie er mochte dabei wohl auch an Porphyrs »Höhle der Nymphen« gemahnt worden sein.
    Vergleiche ich Porphyrs Beschreibung der Höhle, wo das Phäakenboot den Odysseus verlassen, mit der Shelleys von der Höhle der Zauberin des Atlas, um nur eine von vielen zu nennen, so finde ich es schwierig, anders darüber zu denken. Was deutet Homer, fragt Porphyr, dunkel mit der Höhle in Ithaka an, die er in den folgenden Versen beschreibt:

»Aber am Haupte der Bucht grünt weitumschattend ein Ölbaum.
Eine Grotte zunächst voll lieblich dämmernder Anmut
Ist den Nymphen geweiht, die man Najaden benennet.
Drinn auch stehen Mischkrüg und zweigehenkelte Urnen,
Alle von Stein, wo die Bienen Gewirk anlegen für Honig.
Drinn auch strecken sich lang Webstühle von Stein, wo die Nymphen
Schöne Gewand' aufziehn, meerpurpurne, Wunder dem Anblick:
Stets auch quillt es darin. Und zwo Türöffnungen hat sie:
Eine zum Norden gewandt, wodurch absteigen die Menschen;
Gegen den Süd die andere geheiligte: diese durchwandelt
Nie ein sterblicher Mensch, sie ist der Unsterblichen Eingang.«


Weiterhin bemerkt er, schon vor Homers Zeiten sei die Höhle ein Tempel gewesen, und daß »die Alten niemals Tempel erbauten, ohne sie mit fabelartigen Symbolen zu versehen«, und er geht dann auf eine Erklärung der Einzelheiten in Homers Beschreibung ein. Die Alten, sagt er, »haben die Höhle der Welt geweiht«, und sie hielten dafür, die »fließenden Gewässer« und die »Dunkelheit der Höhle« seien geeignete Symbole von dem, was die Welt enthält, und er ruft die Höhle des Zoroaster und ihre Quellen zu Zeugen an, und oft, sagt er, sind Höhlen die Symbole von »aller unsichtbaren Macht, denn ebenso wie die Höhlen finster und dunkel sind, ist es auch das Wesen von allen diesen Mächten«, und er zitiert auch einen verlorengegangenen Hymnus an den Apollon, um zu beweisen, daß Nymphen, die in Höhlen leben, die Menschen aus geistigen Quellen gespeist haben, und er behauptet, daß Quellen und Flüsse Gleichnisse der Zeugung sind, das Wort Nymphe werde »gemeinhin auf Seelen bezogen, die in die Zeugung hinabsteigen«, und daß die beiden Tore von Homers Höhle das Tor der Zeugung und das des Aufstieges durch den Tod zu den Göttern bedeuten, das Tor des Kalten und des Feuchten, und das der Hitze und des Feuers. Die Kälte, sagt er, bewirkt das Leben in der Welt, und die Hitze das Leben unter den Göttern, das Sternbild des Bechers aber ist an den Himmel gesetzt, nahe dem des Krebses, weil dies der Ort ist, wo die von der Milchstraße herabkommenden Seelen ihren Trunk von dem berauschenden kalten Getränk der Zeugung erhalten. Die »Mischkrüg und zweigehenkelten Urnen« aber sind den Najaden geweiht und, wie es den Anschein hat, zugleich Symbole des Bacchus; aus Stein aber bestehen sie wegen der Felsenbetten der Flüsse. Und die »Webstühle von Stein« sind ein Gleichnis der »Seelen, die in die Zeugung hinabsteigen«. Denn die Bildung des Fleisches erfolgt um oder auf den Knochen, die in den Leibern der Tiere den Steinen zu vergleichen sind, und auch darum, weil der Leib ein Gewand ist, das nicht allein die Seele umschließt, sondern auch alle sichtbaren Wesenheiten, denn »die Himmel werden von den Alten als ein Schleier bezeichnet, weil sie gewissermaßen die Kleidung der Himmlischen sind.« Die Bienen hausen nach Porphyr in den steinernen Mischkrügen und Urnen, weil Honig das Symbol war, unter dem die Alten den Genuß an der Zeugung verstanden haben. »Die Alten«, sagt er, »nannten die Seelen nicht allein Najaden, sondern auch Bienen, weil sie die bewirkende Ursache der Süßigkeit sind«, aber nicht alle Seelen, »die der Zeugung entgegengehen, werden Bienen genannt«, sondern nur jene, »die darin gerecht leben wollen und, nachdem sie den Göttern gefällige Dinge verrichtet, zu ihren verwandten Sternen zurückkehren werden. Die Biene liebt es nämlich, an den Platz zurückzukehren, von dem sie gekommen, und sie ist außerordentlich gerecht und mäßig.« Ich finde alle diese Einzelheiten in der Höhle der Zauberin des Atlas, der am ausführlichsten beschriebenen von Shelleys Höhlen wieder, abgesehen von den beiden Toren, die aber ein entferntes Echo haben in den Sommerreisen der Zauberin auf ihrem Höhlenfluß und in ihrem Winterschlaf in einem »unverlöschbaren Quell von rosenrotem Feuer«. An Stelle der Mischkrüge und der steinernen Urnen, voll von Honig, haben wir jene Sinnengenüsse, »luftige Klänge«, »eingefaltet in Zellen kristallnen Schweigens«, »Tränke, klar und süß«, »in Kristallphiolen«, an Stelle der Bienen Visionen, »jede in ihrer dünnen Hülle, gleich einer Chrysalide«; und statt der »Webstühle von Stein« und der »meerpurpurnen Gewänder« haben wir hier die Zauberin, spinnend und stickend, selber eine Najade, geboren von einer Atlantide, die »in einer Kammer von grauem Fels« gelegen, bis die Umarmung der Sonne sie in eine Wolke umgewandelt.
    Sieht man sich bei Shelley nach einer Erklärung der Höhle und der Quelle um, so findet man, wie eng seine Denkart der des Porphyr verwandt gewesen. Er erblickt im Denken einen Zustand jenes der Zeugung angehörigen Lebens, und er glaubt, die Wirklichkeit im Jenseits sei etwas vom Denken verschiedenes. In seinem Fragment »Über das Leben« schreibt er: »Es ist klar genug: die Grundlage aller Dinge kann nicht, wie die gemeine Philosophie annimmt, der Verstand sein. Der Verstand kann, soweit wir von seinen Eigentümlichkeiten irgendwie Kenntnis haben und wenn wir uns vor Augen halten, wie schal alles Argumentieren ist, niemals schöpferisch sein; er kann nur aufnehmen«; an einer anderen Stelle wiederum definiert er den Verstand als die Existenz. Wasser ist Shelleys großes Sinnbild der Existenz, und stets grübelt er über dessen geheimnisvolle Herkunft. In den Prosaschriften sagt er, daß der Gedanke nur mit Schwierigkeit die verwickelten und gewundenen Kammern besuchen kann, die er bewohnt. Er ist wie ein Fluß, dessen reißender und stetiger Strom weiterfließt... Die Höhlen des Geistes sind dunkel und schattig, oder durchdrungen von einem Schimmer, schön und hell, der aber nicht bis jenseits ihrer Tore hinausleuchtet. Als die Zauberin in ihrem Boot von dem Höhlenfluß hergekommen, der zweifellos ihr eigenes Schicksal bedeuten soll, gleitet sie den Nil entlang, an Moeris und den Mareotischen Seen vorbei, und alles Menschenleben sieht sie auf seinen Wassern in Schattenformen, die »niemals verlöschen aber immer zittern«, und in manch einer finstern unterirdischen Straße unter dem Nil sieht sie neue Höhlen dem Ufer des Nils entlang, und wie sie sich über die Unglücklichen hinbeugt, vergleicht sie das Element mit dem

»Sturmwind, der
Aufwühlt des Menschenlebens glattes Meer«,


und da sie das Wesen der Dinge sieht, wird von ihr gesagt, sie fahre »in der ruhigen Tiefe der großen Gewässer dahin, über die wir führerlos unsern Weg suchen müssen.« Alastor nennt den Fluß, dem er folgt, ein Abbild seines Geistes und glaubt, es werde ebenso schwer sein zu sagen, wo seine Gedanken nach seinem Tode sein werden, als wo jene Gewässer binnen kurzem sich im Ozean oder in dem Reich der Wolken befinden werden. In der Dichtung »Mont Blanc«, die so sehr mit eingeschobenen Beschreibungen überladen ist, daß man ihr logisches Gefüge ganz aus dem Auge verliert, vergleicht Shelley das Hindurchströmen des »Alls der Dinge« durch unseren Geist, die, wie er anderweitig auseinandersetzt, nichts als Gedanken sind, mit der durch die Schlucht hinabbrausenden Arve; und die unbekannten Quellen unserer Gedanken in »einer verborgenen Welt«, deren »Strahlen die Seele im Schlaf besuchen«, vergleicht er mit den Quellen der Arve zwischen Gletschern auf Bergeshöhen.
    An der Stelle, wo Cythna erzählt, wie sie an der Seewasserquelle in der Höhle, darin sie gefangen war, Zeichen in den Sand geschrieben, die »eine feinere Sprache innerhalb der Sprache« gewesen, berichtet sie, wie die »Höhle« ihres Geistes ihre Geheimnisse enthüllt, und von dem »einen Geist«, dem Vorbild von allen, »einer regungslosen Welle«, die »alle unbewegten Dinge zurückwirft«; und dann sagt sie, ganz unter der Gewalt des Symbols, sie sei weise geworden durch die Anschauung jener Bilder, die nach ihrem Willen aus der Quelle emporgestiegen. Immer wieder findet man eine vorübergehende Anspielung auf die Höhle, als den Geist des Menschen, oder auf die Höhlen seiner Jugend oder jene Mysterienhöhle, die wir mit dem Tode betreten, denn für Shelley sowohl als auch für Porphyr ist die Höhle mehr als ein Bild des Weltlebens. Sie kann irgendeine Art Leben der Eingeschlossenheit bedeuten, wie z. B., wenn sie der Asia und dem Prometheus zum Aufenthaltsort dient oder wenn es sich um die »stille Höhle der Poesie« handelt, und sie kann alle diese Bedeutungen zugleich haben oder aber auch vielleicht so wenig bedeuten wie gewisse alte religiöse Symbole, die der Gewohnheit von Jahrhunderten zufolge mit den Mustern eines Teppichs oder eines Gewirks verwoben worden sind.
    Als Shelley jene großen Flüsse entlangsegelte und die Höhlen sah oder zu sehen vermeinte, die sich in seinem Geiste mit Flüssen verbanden, da gewahrte er halb zerstörte Städte auf den Gipfeln der Hügel, und einmal zum wenigsten erscheint ein Turm, um eine symbolische Bedeutung anzunehmen, die das Gegenteil von der der Höhlen ist. Cythnas Geliebter wird durch die Höhle, wo sich eine beschmutzte Quelle befindet, in einen hohen Turm gebracht, denn da dieser den vorausblickenden Geist des Menschen bedeutet, so muß er, wenn die Welt ihn verstoßen, hin zu den »Türmen der gekrönten Mächte des Geistes«; es ist auch nicht möglich, daß Shelley jene frühere Gefangenschaft vergessen haben sollte, da er den Lionel wegen eines ähnlichen Vergehens, von Männern in einen Turm gefangensetzen ließ; und da ich weiß, wie schwer es ist eine symbolische Bedeutung zu vergessen, die man einmal gefunden, glaube ich, Shelley habe etwas mehr als eine romantische Szene vor sich gesehen, als er seinen Fürsten Athanasius in einem beleuchteten Turme über dem Meer geheimnisvollen Studien obliegen und den alten Einsiedler bei dem kranken Laon in einem halb verfallenen Turm Wache halten ließ, in welchen das Meer, was Cythna betrifft, hier zweifellos »der eine Geist«, glitzernden »Sand« und »die erlesensten Meermuscheln« hineinwarf. Der Turm, bei Maeterlinck ebenso bedeutungsvoll wie bei Shelley, ist wie das Meer, die Flüsse und die Höhlen mit den Quellen ein uraltes Symbol, das wahrscheinlich mit den Jahren in Shelleys Dichtungen noch mehr an Bedeutung gewonnen hätte. Der Kontrast zwischen dem Turm und der Höhle in »Laon und Cythna« deutet auf einen Gegensatz hin zwischen dem Geist, der nach außen blickt, nach dem Menschen und den Tieren, und demnach innen, auf sich selbst gerichteten. Ob nun dieser Gegensatz in Shelleys Geist vorhanden gewesen ist oder nicht, sicherlich trägt er zugleich, nebst wer weiß wieviel anderen unklaren Bedeutungen, dazu bei, der Dichtung etwas Geheimnisvolles und eine gewisse Färbung zu verleihen. Nur durch alte Symbole, durch Sinnbilder, die außer der einen oder den zwei Bedeutungen, auf die der Dichter gerade den Nachdruck legt oder von denen er sich halb und halb Rechenschaft zu geben vermag, noch unzähliger anderer Bedeutungen fähig sind, kann eine sehr subjektive Kunst der Unfruchtbarkeit und Seichtheit allzu bewußten Aufbaues entgehen und sich dem Überfluß und der Tiefe der Natur nähern. Der Dichter, der Wesenheiten und reine Ideen darstellen will, muß in dem Dämmerlicht, das von Symbol zu Symbol gleichsam wie zu den Enden der Welt hinüberschimmert, alles suchen, was Epiker und Dramatiker an Geheimnisvollem und Farbe in den Zufälligkeiten des Lebens finden.
    Das wichtigste und zutreffendste von allen Symbolen Shelleys, das er auch mit der vollkommensten Kenntnis seiner Bedeutung anwendet, ist das des Morgen- und Abendsterns. Stets geht dieser über Türmen und Flüssen auf und unter, und er ist der Thronsitz seines Genius. In der Gestalt eines Weibes verleitet er Rousseau, den vorbildlichen Dichter im »Triumph des Lebens«, sich der Macht des zerstörenden Lebenshungers auszusetzen, der Gewalt der Sonne, die wir zugleich als ein Symbol des Lebens erkennen, und es ist der Morgenstern, der in »Laon und Cythna« gegen das Prinzip des Bösen ankämpft, zuerst als ein Stern gegen einen blutroten Kometen, hier das Sinnbild alles Bösen, so wie im »Epipsychidion« das Bild der Unordnung; dann in der Gestalt einer Schlange, die mit einem Adler kämpft, Symbole, wie sie auch bei Blake und den Alchimisten vorkommen; im ersten Gesang von »Laon und Cythna« ist es der Morgenstern, der einem Weibe als geflügelter Jüngling erscheint und so die Menschheit inmitten ihrer Sorgen versinnbildlicht, während er hinwiederum in »Hellas« von den weheklagenden Weibern angerufen wird, die ihn »die Lampe der Freiheit«, den »Leuchtturm der Liebe« nennen und ihm nachfolgen möchten, dahin, wo er, entflohen den Tiefen der Nacht, sich unter jenen »königlosen Kontinenten« verbirgt, »sündenlos wie Eden«, und »unter Bergen und Inseln«, die »an der Saphir-See funkelnd«, nichts anderes sind, als den Sinnen entgegengesetzte Hemisphären, der Phantasie aber als eine ideale Welt, als das Reich der Toten erscheinen. In der »Ode an die Freiheit« wird dieser aufgetragen, sie solle die Weisheit aus der innersten Höhle des menschlichen Geistes herausgeleiten, so wie der Morgenstern die Sonne aus den Wolken emporführt. Wir wissen auch: wäre »Fürst Athanasius« vollendet worden, so hätte Shelley darin gezeigt, wie dieser den Pandemos, den niederen Genius des Gestirns gefunden, wie er dessen dann überdrüssig geworden, um schließlich beim Herannahen des Todes zu seinem wahren Genius, zur Urania, zu kommen, so wie der Tag am Abend dem Sterne begegnet. Es gibt tatsächlich kaum ein längeres Gedicht, wo man nicht den Stern als Symbol von Liebe, Freiheit, Weisheit oder Schönheit fände, oder als irgendeinen anderen Ausdruck jener »intellektualen Schönheit«, die dem Geiste Shelleys die innerste Macht der Welt bedeutet; und seinem schwachen und flüchtigen Licht opfert er alle Wünsche auf, die ihm erscheinen wie:

»Die Sehnsucht der Mott' nach dem Stern,
Die Sehnsucht nach etwas ganz fern
Von dem Kreis unserer Sorgen.«


Als die Lichtgestalt sich Rousseau genähert und mit der einen Hand Tau ausspendet, während sie mit den Füßen die Sterne austritt, – denn sie ist auch der Genius der Dämmerung –, bringt sie ihm einen Becher voll Vergessenheit und Liebe. Er trinkt, und sein Geist wird wie »Sand in der Wüste Labrador«, auf dem man die Fußspuren von Reh und Wolf sieht. Und dann bewegt sich das neue Gesicht, das Leben, das kalte Licht des Tages, vor ihm her, und was früher Vision war, wird zur unsichtbaren Gegenwart. Dasselbe Bild hat ihm auch vorgeschwebt, als er die Zeilen schrieb:

»Hesperus flieht vorm Erwachen der Nacht
Und keucht, in Schönheit leuchtend und schnell
Hineilend mild und hell.«


Obwohl ich nicht glaube, Shelley hätte um eines so deutlichen Symbols willen, wie es der Becher ist, nötig gehabt, auf Porphyrs Erzählung vorn kalten berauschenden Trunk zurückzugreifen, der den Seelen im Sternbilde des Bechers, nahe dem des Krebses gereicht wird, oder er wäre etwa nicht imstande gewesen, selber den Wolf, das Reh und die fortwährende Flucht des Sternes zu erfinden, wird seine Dichtung doch um so reicher und bewegter und verliert etwas vom Anschein leerer Phantasterei, wenn ich mir in Erinnerung rufe, daß dies alte Symbole sind, wie sie den Visionären auch heute noch in ihren Traumgesichten erscheinen. Weil der Wolf nur ein kräftigeres Symbol von Sehnsucht und Begierde ist, als der Hund, erinnern mich sein Wolf und Reh an jenen Hund und an das Reh in dem gälischen Gedicht, die Usheen sah, wie sie sich gegenseitig am Wasser jagten, bevor er den jungen Mann erblickte, der einem Weib mit einem goldenen Apfel folgte; sie erinnern mich auch an eine Geschichte aus Galway, wo erzählt wird, wie Niam, dessen Name Heiterkeit und Schönheit bedeutet, in der Gestalt eines Rehes zu Usheen kam, und ich entsinne mich zugleich einer Vision, die ein Freund von mir hatte, als er in einen schwarzblauen Vorhang starrte. Ich war damals mit einigen Hermetikern beisammen, und einer fragte den andern, ob er in dem Vorhang etwas sehen könne. Dieser blickte eine Zeitlang in den Vorhang hinein und sah dann einen Mann, der von einem schwarzen Hund durch einen Wald geführt wurde; und dann lag der Hund tot an einer Stelle, von der der Seher wußte, ohne angeben zu können warum, daß sie »die Begegnung der Sonnen« genannt werde, und der Mann folgte einem roten Hund, und der rote Hund wurde von einem Speer durchbohrt. Ein weißes Rehkalb erwartete den Mann außerhalb des Waldes, aber er blickte es nicht an, denn ein weißer Hund kam, und er folgte diesem zitternd; aber der Seher wußte, er werde schließlich dem Reh folgen und daß dieses ihn unter die Götter führen werde. Der gelehrteste von den Hermetikern sagte: »Ich kann die Bedeutung der Hunde nicht angeben, noch wo die »Begegnung der Sonnen« ist, aber ich glaube, das Rehkalb ist der Morgen- und Abendstern.« Ich meinerseits zweifle nicht daran, daß der Mann, als er das weiße Reh sah, im Begriffe stand, aus der Finsternis und Leidenschaft der Welt in den Tag einer teilweisen Wiedergeburt einzutreten, daß das Reh der Morgenstern war und bei seinem zweiten Erscheinen der Abendstern sein würde. Ich bin überzeugt: wir haben es hier mit nichts anderem als mit der Geschichte des Fürsten Athanasius zu tun, und was möglicherweise auch aus der Geschichte des Rousseau im »Triumph des Lebens« geworden wäre. Beide sind wiederum einmal von jenem großen Gedächtnis hervorgeschleudert worden, das, wenn die Menschen auch nicht mehr daran glauben wollen, immer noch die Mutter der Musen ist.
    Es mag dieses Gedächtnis gewesen sein oder ein Impuls aus seiner eigenen Natur, zu subtil, als daß sein Verstand ihm hätte folgen können, was Keats bei seiner Liebe zu den körperhaften Dingen, zur Präzision von Form und Farbe, von Erregungen, die durch das Fleisch schläfrig geworden sind, vermocht hat, die intellektuale Schönheit im Mond zu erblicken, und Blake, der in jener Kraft lebte, die er die ewige Wonne genannt, sie in der Sonne zu sehen, dort wo seine Verkörperung des dichterischen Genius an der Esse arbeitet. Sicher hatte es seinen guten Grund, wenn diese Männer eine so tiefe Freude an jenen beiden Lichtern fanden, deren Shelley nur mit Verdruß und Trauer gedacht hat. Der Mond ist von allen Sinnbildern das wandelbarste, nicht allein darum, weil er das Symbol des Wechsels ist; als Beherrscherin der Gewässer steht die Mondgöttin dem Leben des Instinktes und der Zeugung aller Dinge vor, denn, wie Porphyr sagt, sogar »das Auftauchen von Bildern in der Einbildungskraft« erfolgt durch einen »Überschuß von Feuchtigkeit«, und gleich einem kalten und wechselnden Feuer, »das in die entblößten Himmel gesetzt ist«, herrscht sie nicht allein über die Keuschheit, sondern auch über das freudlos eitle Hin- und Herfluten der gezeugten Dinge. Sei es nun, daß sie der Gottheit einen Leib schenkt oder den Erzengel Gabriel mit ihren Botschaften betraut, sei es, daß sie die Menschen in ihren glücklichsten Augenblicken überschattet, wie sie den Endymion besucht hat, oder aber das Leben verneint und ihre Pfeile abschießt –: weil sie kein flüchtiges Ideal ist, wird sie von den Kindern der Begierde nicht geliebt.
    Shelley konnte den Mond unmöglich anders als mit unfreundlichen Augen ansehen. Man nimmt an, daß er seine Gattin Marie zu einer Zeit, da er bei ihr eine Erkaltung zu bemerken glaubte, an jener Stelle des »Epipsychidion« beschrieben hat, wo ihn ein Weib, das dem Monde gleicht, in ihre Höhle geleitet und »Frost« über die See seines Geistes kriechen läßt, und Leben und Tod mit ihrer Silberstimme so verhext, daß sie von ihm fliehen und rufen: »Hinweg, zu uns gehört er nicht!« Wenn Shelley den Mond als Teil einer schönen Szenerie darstellt, kann er ihn wohl schön nennen: sobald er ihn aber personifiziert, sowie seine Worte unter den Einfluß jenes großen Gedächtnisses oder irgendeiner geheimnisvollen Welle aus der Tiefe unseres Wesens geraten, dann wird er feindselig, zumindest unfreundlich oder doch mitleidsvoll. Die Lippen des Mondes sind »blaß und eingefallen«, er ist »der kalte Mond« oder der »frostige und ungleichmäßige Mond«, oder ist »vergessen« und »dahinschwindend«, er »wandert« und »ist müde«, oder ist »blaß und grau«, oder »blaß vor Müdigkeit«, »freudlos wandelnd«, »immer wechselnd« und »ohne einen Gegenstand, würdig seiner Treue«, oder er ist »wie eine sterbende Frau«, die »aus ihrer Kammer herauswankt, geleitet von ihrem wahnsinnigen, schwächlich umherirrenden, schwindenden Hirn«; und selbst nur als Gestirn betrachtet, übt er einen bösen Einfluß aus, der die Lippen der Liebenden »düster« oder bleich erscheinen läßt. Ein Gegenstand der Freude wird der Mond nur, wenn »die Zeit in der Ewigkeit zu Grabe getragen worden«, denn dann erfüllt ihn der Geist der Erde, der schöpferische Menschengeist, mit seiner eigenen Heiterkeit. Shelley beschreibt den Geist der Erde und den des Mondes, die sich über dem Fluß ihres Lebens hinbewegen, in einer Stelle, die sich wie eine nur halb verstandene Vision liest. Der Mensch ist aus vielen Seelen zu der »einen harmonischen Seele« geworden, »alle Dinge fließen hin zu allen«, »vertraute Handlungen sind schön durch Liebe«, und bei dieser Wandlung strömt »ein Leben der Wonne« von Geist zu Geist, bis der Schnee »von den toten Bergen des Mondes gelockert ist.«
    Einige alte magische Autoren, ich erinnere mich nicht welche, geben an, man solle, wenn man den Wunsch hat, traurig zu sein, ein silbernes Bild des Mondes in der linken Hand halten; dagegen ein goldenes Bild der Sonne in der rechten, wenn man fröhlich sein wolle. Die Sonne ist das Sinnbild des Gefühlslebens, des Glaubens, der Freude, des Stolzes und der Kraft, in der Tat des gesamten Willenslebens und jener Schönheit, die weder aus der Entfernung anlockt, noch dadurch schön wird, daß sie sich hingibt, sondern die alle beglückt, weil sie die Schönheit ist. Taylor zitiert den Proklos, der die Sonne den Demiurgos von allem Fühlbaren nennt. Es war darum nur natürlich, daß Blake, der stets die Kraft gepriesen und alles Erhabene, das von sich selber überfließt, der Ansicht gewesen ist, die Kunst sei eine leidenschaftliche Tätigkeit, um die Menschen von dem Zweifel und der Verzweiflung fernzuhalten, daß er, dem Frauenliebe als ein Übel gegolten, wenn sie den männlichen Willen in Fesseln legt, den Genius der Dichtkunst nicht in einem weiblichen Gestirn erblicken konnte, sondern einzig in der Sonne, und daß er überall in seinen Dichtungen die Sonne und ihre Kraft bejubelt hat. Shelley dagegen sah die Sonne in einem weniger freundlichen Licht, den Fall ausgenommen, wo er von ihr Gebrauch macht, um die eigentümliche Schönheit der Emilia Viviani zu beschreiben, die »wie eine Verkörperung der Sonne war, wenn Licht in Liebe umgewandelt.« Es scheint: er hat sie mit ungetrübter Freude nur gesehen, wenn sie von Nebeln verschleiert war, wenn sie auf der Wasserfläche geschimmert oder schwach genug war, ihm gerade noch die Helligkeit seines eigenen Sternes zu verschleiern; und im »Triumph des Lebens«, dem einzigen Gedicht, in dem die Sonne einen Teil von dem ausgesprochenen Symbolismus bildet, ist ihre Kraft die Quelle aller Tyrannei. Sobald das Weib, das den Morgenstern darstellt, seinen Augen entschwunden ist, sieht Rousseau eine »neue Vision« in einem »kalten, leuchtenden Wagen« mit einem darüberschwebenden Regenbogen; und wie sie sich nähert, weicht der Schatten »von Blatt und Stein«, und die Seelen, die sie in Fesseln geschlagen, scheinen in jenem Lichte »zu tanzen wie die Stäubchen in einem Sonnenstrahl«, oder sie tanzen unter den Blumen, die in dem »grünen Kleid der Wüste« aufs neue emporgeblüht sind, uneingedenk des Unheils, dem sie entgegengehen.

»Dies sind die Großen, die Unvergeßnen,
Deren Stirn umwunden
Helm, Mitra, Krone, Strahlenkranz,«


und die einander trotzdem nicht gekannt. Sogar der »große Platon« ist darunter, weil er die Freude gekannt und die Sorge, und weil das Leben, das ihn nicht durch Gold oder Leiden, noch durch Alter und Trägheit unterjochen gekonnt, ihn durch die Liebe besiegt hat. Alle, die je gelebt haben, sind da, ausgenommen Christus und Sokrates und die »Geheiligten Wenigen«, die alles von sich geworfen, was das Leben beut, und zweifellos ihr ganzes Leben lang den Gestalten des flüchtigen Ideals nachgehangen oder die, »sobald sie die Welt mit einer lebendigen Flamme angerührt hatten, wie Adler nach dem Mittag ihrer Geburt zurückgeflogen.«
    Blake, der, trotzdem er sich stets dagegen verwahrt, gerne gelebt hat und stets von seiner Lebensfreude gesprochen, hätte in alten Zeiten sicherlich in einem Sonnentempel gebetet; Keats hingegen, der das Leben gerne hingenommen, wenn auch »mit einer köstlich eifrigen Gleichgültigkeit«, in einem Tempel des Mondes; aber ich bin der Ansicht, daß Shelley, der das Leben haßte, weil er mehr darin suchte, »als irgend jemand verstehen konnte«, in endlose Träumereien versunken, in einem Tempel des Sternes der unendlichen Sehnsucht umhergewandelt wäre.
    Auch glaube ich, als er vor einem Altar gekniet, auf dem eine Flamme in einer Lampe aus grünem Achat brannte, ist er von einer einzigen Vision heimgesucht worden: ein Boot, das einen breiten Fluß zwischen hohen Gebirgen mit Höhlen und Türmen hinabtreibt, dem Licht eines Sternes entgegen; und ich meine, Stimmen werden ihm zugerufen haben, es gäbe für jeden eine Szene, ein Abenteuer, ein Bild, das das Gleichnis seines verborgenen Lebens darstellt, denn die Weisheit spricht zuerst in Bildern; und daß dieses eine Gleichnis, wenn er nur sein Leben lang darüber brüten würde, seine von allem Wesenlosen und von der Ebbe und Flut der Welt befreite Seele in jene fernen Wohnstätten hingeleiten würde, wo die unsterblichen Götter alle jene erwarten, deren Seelen einfach geworden sind wie die Flammen, und deren Leiber ruhig geworden wie eine Lampe von Achat.
    Shelley aber kam zur Welt in einer Zeit, da die alte Weisheit verschwunden, und er war zufrieden, wenn er bloß Verse schrieb, oft sogar nur um der Verse willen.


(1900)


(Übersetzt von Friedrich Eckstein)

 
 
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