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Wespennest Nr. 176

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Michael Braun

Zeitschrift des Monats
Wespennest Nr. 176

Thomas Kling - »Ein Brudermord erneut?«


Ein junger Schamane schaut uns an: Auf seinem Kopf trägt er ein entvölkertes Wespennest, dazu passend einen schwarz-gelb gestreiften Wespenpullover. Es ist die mythenbildende Fotografie, die der Schweizer Maler, Fotograf und Kunstsammler Andreas Züst im Mai 1985 von dem jungen Dichter Thomas Kling (1957-2005) gemacht hat. Es ist zugleich das ikonische Zeichen für das Bildprogramm des Dichters, der schon früh die Wespe zu seinem poetischen Wappentier erwählt hatte. So darf man es auch als besondere Pointe verstehen, wenn nun die aktuelle Ausgabe der österreichischen Literaturzeitschrift Wespennest (Nr. 176) eine hochambivalente Erinnerung an den Sprachekstatiker Thomas Kling veröffentlicht. Autor ist einer der frühesten Freunde Klings, der Germanist und Übersetzungswissenschaftler Andreas F. Kelletat, der den Dichter Ende der 1970er Jahre an der Kölner Universität kennengelernt und sich umgehend mit ihm angefreundet hatte. Kelletats Rückblick auf die wechselhafte Geschichte dieser Freundschaft ist von einiger Bitterkeit geprägt. Denn auch diese Dichterfreundschaft war – wie so viele Dichterfreundschaften - krisenanfällig und endete schließlich in einem Zerwürfnis. Als „Bruder Flint“ hat der junge Thomas Kling seinen Freund bezeichnet; bereits in den 1980er Jahren zeigten sich indes Risse in dieser brüderlichen Verbundenheit. Klings ersten Gedichtband der zustand vor dem untergang, der 1977 im Düsseldorfer Kleinverlag Schell-Scheerenberg erschien, unterzog der Freund einer vernichtenden Kritik; später ging Kling auf Distanz zu seinem Erstling. Bei der Veröffentlichung des Bogendrucks amptate = stattplan, der 1983 in Köln erschien und heute ein begehrtes Sammlerobjekt ist, fungierte Kelletat dann als Mitherausgeber; neun Gedichte aus amptate fanden später Eingang in Klings offizielles Debüt, den Band erprobung herzstärkender mittel von 1986.
    Was ist nun von der brüderlichen Verbundenheit von Thomas Kling und Andreas Kelletat geblieben? Die Erzählung „Amptat, Ach je“, die Kelletat im Wespennest publiziert, verzeichnet die Erschütterungen, die das poetische Trutzbündnis bald unterhöhlten. Dabei wählt Kelletat wählt nicht eine Ich-Perspektive, sondern lässt ein Alter Ego agieren, Martin bzw. „Sotter“ Sottkowski, der auch als Erzähler zweier autobiographischer Romane firmiert, die Kelletat in den vergangenen Jahren vorgelegt hat. Unterstellt man eine weitgehende Identität zwischen dem Autor und seiner Kunstfigur Sottkowski, so bröckelt die schwierige Freundschaft zwischen Kelletat und Kling bereits in Finnland, wo beide in den frühen 1980er Jahren Pläne schmiedeten für die ersten „Sprachinstallationen“ Klings und für eine neue deutsch-finnisch-schwedisch-russische Literaturzeitschrift. „Bald aber“, kommentiert der Erzähler, „störte er sich daran, wie Thomas gezielt die Pose des zornigen jungen Mannes einzunehmen schien, wie er nur noch darauf zu schielen schien, welcher Kritiker bei welcher Lesung seine Augenbrauen in welcher Richtung verzog.“ Und schon kurz nach der ersten großen Rezension des Kling-Debüts erprobung herzstärkender mittel in der FAZ, die Kelletat 1986 selbst verfasst hat, „erkannte er seinen Freund und Bruder in dessen Briefen kaum noch wieder, so überdreht schien ihm der auf diesen billigen Ruhm zu reagieren.“ Zum endgültigen Bruch kommt es aber erst, als der bereits todkranke Kling im Dezember 2004 für die ZEIT eine Rezension des finnischen Nationalepos Kalevala verfasste, das damals in einer Neuübersetzung von Gisbert Jänicke erschienen war. „Sottkowski“, heißt es nun, war über das Postskriptum dieses Artikels „außer sich geraten vor Wut“ und „hatte seinem aufflammenden Hass gegen seinen gewesenen Freund freien Lauf gelassen in einem Brief“. Der besagte Brief wird, so darf man annehmen, im Wespennest in voller Länge zitiert, der Stein des Anstoßes, Klings Kalevala-Kritik, lässt sich in der Nachlasspublikation „Thomas Kling: Das brennende Archiv“ (hg. von Norbert Wehr und Ute Langanky, Berlin 2011) nachlesen, freilich ohne jenes „fatale P.S.“, das den damaligen Wut-Brief von „Sottkowski“ ausgelöst hatte. Der „aufflammende Hass“ von „Bruder Flint“ wurde damals durch eine der Kalevala-Rezension angefügte Bemerkung Klings zu einer von dem Dichter Manfred Peter Hein edierten Anthologie zur finnischen Lyrik ausgelöst. Das Schwanken zwischen Brüderlichkeitsempfindung und blanker Wut ist in Kelletats sorgfältig komponiertem Erinnerungstext deutlich zu spüren. Da ist einerseits die wehmütige Erinnerung an den verlorenen Bruder, andererseits aber auch eine Lust an entblößenden Indiskretionen, etwa in einer Sentenz wie: „Thomas war nicht schwul, jedenfalls nicht richtig…“. Der Text endet mit einer Mutmaßung, die über das Thomas Kling-Porträt hinausweist und auf die Beziehung des Erzählers zu seinem leiblichen Bruder deutet, ein Aspekt, der nur durch die Lektüre der Erinnerungsromane von Andreas Kelletat zu erkunden wäre: „Ein Brudermord erneut? War es das?“

Wespennest, Nr. 176 (Mai 2019), zeitschrift für brauchbare texte und bilder. Rembrandtstr. 31/4, A-1020 Wien. 104 Seiten, 12 Euro. www.wespennest.at
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