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Werner Söllner: o.T.

Münchner Anthologie
Werner Söllner
o.T.

Leg den Stift weg, es ist alles
gesagt. Zu deinen Füßen der Hund, ein warmes
schlafendes Säckchen, das immer mal schnauft, weil du
noch da bist. In den Regalen hinter dir Worte, Worte,
Worte. Plunder und Wunder. Erfüllung
und Leere. So viel gesprochen hast du, und nichts
gesagt. Nichts von der Wahrheit, vom Irrtum
noch weniger.

Vorm Fenster schreit eine Amsel, als wär sie losgelassen
aus der Hölle. Sonne und Erde, ein altes
Paar, zusammengehalten nur von der Anziehungskraft
der Angst voreinander. Ob aus dem Schoß des Schweigens
der eisige Atem des Glücks noch einmal zurückkehrt?

Keine Angst, kleiner Vogel. Und keine
Trauer. Um nichts und um niemand. Schneller
als du vergessen kannst, wird das Haus
leer sein. Die letzten Dinge abholbereit
am Straßenrand. Auch um dich, kleine
Chimäre im Weltraum, trauere nicht. Kein Gott, ein
glühender Eisklumpen jagt hinter dir her.

Nichts, träumt
der Hund, ist gesagt. Er sagt, es ist alles
geträumt.


in (Helge Pfannenschmidt, Nancy Hünger:) Das Gedicht  & sein Double. Die zeitgenössische Lyrikszene im Portrait. Mit Portraitfotos von Dirk Skiba (Duoton-Druck). Dresden (edition AZUR) 2018. S. 156f. 324 Seiten. 34,90 Euro.
Foto: Dirk Skiba
Alexandru Bulucz


Werner Söllner ist ein selten publizierender Lyriker. Bekomme ich von ihm neue Gedichte zu Gesicht, wie dasjenige in der Anthologie „Das Gedicht & sein Double“, wird mir bewusst, wie sehr ich seine Texte vermisst habe. Und dann setzt sein lyrisches Ich ausgerechnet mit einem Selbstbefehl an: „Leg den Stift weg“. Das ist niederschmetternd. Es wäre allerdings weitaus schlimmer, wenn dieser Selbstbefehl am Ende des Gedichts stünde, ihm nichts mehr folgte, weil das Ich ihm folgeleistet.
    Dem ist vielleicht deshalb nicht so, weil das Ich ein Hundeliebhaber ist und den Stift wenigstens um des Hundes und seines Schlafes willen nicht weglegen möchte. Wir haben es hier mit einer Schreibszene zu tun. Der Schriftsteller sitzt am Schreibtisch, darunter der schnaufende Hund, und denkt über das Weglegen des Schreibzeuges nach, das er just im selben Moment verwendet. Worin besteht die Kausalität? Schnauft der Hund, weil der Schriftsteller noch (schreibend) da ist? Oder schnauft er, weil er es lieber hätte, dass er, der Schriftsteller, nicht mehr (schreibend) da sei?
    Und wie die Form den Inhalt dabei beeinflusst! Durch den souveränen Einsatz eines Zeilensprungs – „weil“ ist nicht nur eine Subjunktion, sondern nicht zuletzt ein Befehl, ein weiterer, kein Selbstbefehl, sondern einer an den Hund: Der Hund solle weilen, bleiben. Währenddessen begreift sich das befehlende Ich im Fortgehen.
    Plötzlich wird das Selbstgespräch zu einem Gespräch zwischen Hamlet und seinem Berater Polonius. „Worte, Worte, Worte.“ Das war Hamlets Antwort auf Polonius’ Frage, was er denn gerade lese. Jeder kennt Situationen, in denen er liest, ohne dass dabei irgendein Sinn haften bleibt aus der Lektüre. Ein geistig abwesendes Lesen. Das wäre eine Möglichkeit, das Hamlet-Versatzstück in Werner Söllners Gedicht zu verstehen. Dass Hamlet seine Antwort in einer geistigen Abwesenheit gibt, zeigt sich ja daran, dass er auf Polonius‘ Folgefrage hin, „Worum geht es?“, wie in einem schlechten Film erschrocken aufwacht und mit einem Missverständnis antwortet: „Zwischen wem?“. Erst nach einer weiteren Frage referiert er schließlich über den Inhalt der Worte: „Schändlichkeiten“. Werner Söllners Ich geht nicht so weit: Es sagt nur „Plunder“.
    In den Regalen liegen die schändlichen plunderhaften buchstarken Wahrheits- und Irrtumsgeschichten, auch die eigenen, auch die selbstverfassten, insofern als sie „nichts von der Wahrheit, vom Irrtum noch weniger“ zu sagen im Stande sind. Und ist ein „weniger als nichts“ überhaupt möglich? In seinem Deutungsraum macht dieses Gedicht freilich auch für biographische Lesarten Platz.
    Auch seine Amsel entnimmt Werner Söllner indirekt dem Theaterstück. Als schreiende entspricht sie Hamlets „Blick, von Jammer so erfüllt, / Als wär’ er aus der Hölle losgelassen“, nachdem er von Ophelia zurückgewiesen wird. Und „losgelassen“, das meint hier vor allem „freigelassen“. Hamlet ist kein „entfesselter anstürmender Dämon“, sondern einer, der aus dem „Bann der Hölle zurückkehrt“, um über die Gräuel Zeugnis abzulegen, die dort stattfanden. Mit seinem Jammerblick ist er „ein Gespenst aus zweiter Hand“ (Zitate von Karl Werder). Es ist nicht ein Wortwechsel mit Hamlet, worüber Ophelia berichtet, sondern dessen „Blick“. Vielleicht sollen die auf Angst zurückgehenden Wahrheiten und Irrtümer gar nicht erst ausgesprochen werden, weil sie besser aufgehoben sind im Schweigen, in jenem Schweigen der schreienden Amsel.
    Das Gedicht ist als Triade aufgebaut. Es hangelt sich von der These über die Antithese zur Synthese. Es ist alles gesagt. Es ist nichts gesagt. Und damit, dass nichts gesagt ist, ist alles gesagt. Es ist alles Traum, darin sich These und Antithese als Synthese aufheben. Der Traum eines Hundes, auch wenn ich in der ersten Zeile der letzten Strophe lese, dass „nichts träumt“, also auch kein Hund.
    Dann schwenken meine Augen auf das Foto rechts neben dem Gedicht, und mir fällt Werner Söllners Rollkragenpullover auf. Ich denke an Martin Buber, für den das Ich „am Du zum Ich“ wird, und daran, dass in Werner Söllners Gedichten ersteres als Anhängsel des letzteren vorkommt: „Ich, das an den anderen, den vielen“, lautet eine Zeile aus einem anderen Gedicht. Mit der nächsten Zeile desselben Gedichts nimmt dieses Philosophem eine dramatische Wendung, und ein fremdbestimmtes Ich rückt in den Mittelpunkt: „Ich, das an den anderen, den vielen / anderen Rollen zerbricht“. Ich, der Hund, Hamlet, die Amsel – sie alle sind Rollen, Sprechrollen.
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