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Volker Sielaff: Überall Welt

Rezensionen



Timo Brandt


Wie man spürendes am Leben Sein aufzeichnet



„Manchmal genügt ein einziger, bedenkenswerter Satz und ich spüre mich wieder“


Keine der Eintragungen in Volker Sielaffs Journal endet mit einem Punkt. Und das nicht, weil diese Aufzeichnungen syntaktische Fragmente sind. Sondern weil da, wo sie hingelangen, die Welt noch nicht zu Ende ist. Sie reicht in diesem Moment bis dahin, aber zu Ende ist sie dort nicht – denn sie ist überall.

Die Phänomene dieser Welt breiten sich aus in Zeit und Raum. Und in einem dritten Feld, einer weiteren Dimension: dem menschlichen Geist – als Begriffe, Bezugspunkte, Verschmelzungen, Vorstellungen. Sielaffs Aufzeichnungen halten die Balance zwischen diesen Dimensionen. Es sind somit keine in sich selbst bohrenden und das eigene Denken rekapitulierenden Überlegungen, keine havarierenden Gedankenspiele, zumindest geraten sie äußerst selten zu einer reinen Innen-Ansicht.


„Diese Aufzeichnungen sind meine Rundum-Augen, meine Fühler, ausgestreckt in die Welt“


„Im Gartenrestaurant der Kieselsteinbrunnen, in dem die Spatzen planschen, flügelschlagend wasseraufspritzend, um wieder auf den Rand des Brunnens zu hüpfen, einige mit an der Unterseite blassgelben Schnäbeln, Fell zerzaust; und die Wespen in den Löwenzahnblüten, und der schäumende Bach, und der zum zweiten Mal in diesem Jahr blühende Kastanienbaum, oben am Brückenkopf“


Vielmehr sind es Notizen über das Reisen auf dem weiten Meer der Wahrnehmung; jede Notiz eine Insel, eine aus dem Wasser auftauchende Flosse, ein Riff, ein aufziehender Sturm, ein Tauchgang. Es kommen immer wieder Strömungen in diesem Gewässer auf, die eine Zeit lang, oft nur für ein-zwei Eintragungen, die Richtung bestimmen, dann wechselt das Sujet schon wieder.
    Es gibt allerdings durchgehende Motive und auch zentrale Figuren. Eine davon ist das Kind, eine andere die Frau. Diese archetypischen Formulierungen, die für die beiden wichtigen Menschen gewählt wurden, geben den Aufzeichnungen den Anstrich von etwas Urtümlichen, einem Anbeginn; einer Weltschöpfung, die nicht nur abschöpft, sondern auch gleichsam erschafft. Die Schrift als verweisendes und zugleich für sich selbst stehendes Medium.


Auf den ersten Seiten der über 10 Jahre hinweg reichenden Einträge, wird das Kind geboren, ist eine Zeit lang das alleinige Zentrum der Aufzeichnungen, und danach eine wichtige Konstante, und die Lesenden können seine Entwicklung (und in dieser Entwicklung das Vorbeiziehen der Jahre) miterleben:

„Nach dem Erwachen öffnet das Kind den Mund und lässt ein lautes lustvolles Gähnen hören. Er fährt ihm mit seinem Finger über den Nasenrücken, und sofort schläft es wieder ein“


„Das Kind erzählt, dass es gerade einen Menschen in eine Fliege verwandelt habe, und fragt mich, ob ich das nicht in eines meiner Gedichte hineinschreiben wolle. Freude, dass es mich – zum ersten Mal – auf meine Gedichte anspricht, und gleich mit einem konkreten Vorschlag, einem Angebot“


Das Vorbeiziehen der Jahre. Kaum ein Eintrag ist länger als eine Seite, und die meisten Jahre nehmen nicht mehr als zwanzig Seiten ein. Alles, was zwischen den filigranen Aufzeichnungen liegt ist also riesig, gigantisch, eine Unmenge an Zeit. Und doch ist in den wenigen Aufzeichnungen eines Jahres derart viel enthalten, was luzid die Existenz, die lebendige Regung ergreift und abbildet, so dicht, dass sie als Klammer für die Vorstellung eines Jahres fungieren könnten. Jahre ziehen schließlich auch in der eigenen Wahrnehmung durchaus schnell vorbei; Sielaffs Aufzeichnungen sind auch eine Entsprechung dieses Verfliegens. Letztlich bestehen unser Dasein und unsere Erinnerung aus Szenen, Momenten, in ihnen kommen sich Wahrnehmung und Welt am nächsten – bei allem, was darüber hinausgeht, müssen wir bereits mit Vorstellungen hantieren.

„Sie erzählt ihm, sehr langsam und sich an fast jedes Wort, jede Vokabel einzeln erinnernd, von einem Moment, in dem sie >>einfach da<< gewesen sei. Sie habe in einem Park unter sehr alten Bäumen gesessen und habe die Blätter fallen sehen: und jedes fiel anders herab


Nun habe ich viel über das Aufragende, Metaphysische in diesem Buch geschrieben. Aber diese Betrachtungsweise allein würde ihm nicht gerecht werden. Denn es sind die kleinen Schritte, die Bewegungen und Verschiebungen auf kleinster Ebene, die den Aufzeichnungen ihre literarische Gestalt geben.

Das fängt bereits damit an, dass vom Ich dann und wann als „er“ oder „ihm“ die Rede ist. Dieses Passive, das den Schreibenden und das wahrnehmendes Subjekt nicht mehr dezidiert gleichsetzt, lässt das Geschilderte belassener, unberührter erscheinen.

Überhaupt ist der Aspekt der Belassenheit – ja, fast könnte man sagen: Friedlichkeit – ein wichtiges Merkmal. Sie bestimmt den Ton, wird mit fast jeder Formulierung bestärkt und zum Ausdruck gebracht. Deswegen haben die Einträge, trotz ihrer Weltfülle, ihrer Nähe zum Beschriebenen, nie etwas Pralles, Ausladendes, sondern nehmen immer eine gewisse Entfernung ein. Selbst wenn das Sujet etwas Aufwühlendes oder Auffälliges beinhaltet.

„Gerade hatte er noch da Grün der Waldhügel miteinander verglichen – da rollt ein Güterzug voller Panzer und anderem schwerem Militärgerät über die Eisenbahnbrücke von Hausach im Schwarzwald“


Was wiederum nicht heißt, dass sich in den Aufzeichnungen nicht einiges offenbart. Nur ist diese Offenbarung keine erstrahlende oder breit angeleuchtete. Sie hebt eher fein ab. Manchmal in einfachen Feststellungen, in Miniaturen wie:

„Verweilen, nicht bleiben“

„Geräusch des Regens, Ganzheitsgefühl“

„Die Bäume stehen knietief im Gras“


Dann wieder ist sie hintersinnig, geradezu verborgen, wie etwa bei jener Botschaft, die an der Tür einer Buchhandlung hängt; erst beim zweiten Lesen bemerkt man, dass sie zweischneidig ist. Denn darf für einen Theologen nicht eigentlich nur die Bibel gelten? Oder dürfte sie nicht zumindest durchaus genug sein?

„Hüte dich vor Menschen, die nur ein Buch besitzen. Auf der Schiefertafel neben der Tür der Buchhandlung, Thomas von Aquin“

Und natürlich gibt es auch leicht anekdotische Eintragungen:

„Ich freute mich darauf, ein paar Minuten Radio zu hören, doch dann ging es um das Wort des Jahres und ich schaltete gleich wieder aus“


Der sanfte, tiefe Einschlag des Momentes. Es ist schön, wie Volker Sielaff immer wieder mit dieser Erfahrung arbeitet, sie mit jeder neuen Aufzeichnung ein wenig anders und doch mit klarem Fokus zu skizzieren versucht und den Texten dadurch eine geradezu entdeckerische Note verleiht. Auch mag ich seine Behutsamkeit, die aber nichts Fahriges hat, sondern sehr bestimmt ist, selbst in ihrer Zurückhaltung. Geradezu hinreißend sind die überraschenden, an lyrische Methoden erinnernden Verknüpfungen, die aus mancher Beobachtung erwachsen.

„Herbstbeginn: Wenn der Nachbar mich zum ersten Mal fragt, ob es kalt draußen sei (7. Oktober)

„Der Briefkasten ist leer am Morgen, aber zwischen den Speichen seines Rades stecken die gelben Blätter als Zeichen des Herbstes“


Während wir leben, umhergehen, verschwindet ein Großteil unseres Wahrnehmens scheinbar spurlos in uns. Doch wenn jemand anders plötzlich von einer eindrücklichen Situation, einer bestimmten Naturlandschaft oder Kindheitserinnerungen spricht, merken wir, dass viele Wahrnehmungssplitter tief in unseren Weltvorstellungen stecken.

„Überall Welt“ besteht aus lauter noch nicht gesplitterten Wahrnehmungsbildern. Es sind Aufzeichnungen, die sich auf die Welt einlassen, auf die eigene Wahrnehmung. Ein meditatives Leseerlebnis, eine tiefgehende und zugleich luftige Lehrstunde in Sachen Aufmerksamkeit. Ein rundum helles, tiefes Buch. Es erinnert mich an eine Zeile des amerikanischen Dichters Kenneth Koch:

„Ich bin viel öfter, als ich denke, dass ich bin.“


Volker Sielaff: Überall Welt. Ein Journal. Dresden (edition AZUR) 2016. 152 Seiten. 19,90 Euro.


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