Unica Zürn: Aller guten Dinge sind Drei - Signaturen

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Unica Zürn: Aller guten Dinge sind Drei

Münchner Anthologie
 

Unica Zürn

Aller guten Dinge sind Drei


Legenden sind Leid. Traurig
sind aller Guten. Drei Dinge
liegen in Dir: Du, Er, Es. Laugt
es Dir, dring' ein. Alle Tugend
luegt. Lange sind Drei in der
stillen Runde. Da ging er und die
Dinge sind alle irre. Tugend
ist der Ring in Galle, den Du
in Dir leidest. Runde Galgen
sind alle Ringe der Tugend. (i)

                                                         Ile de Ré, Frühling 1964


(Unica Zürn: Gesamtausgabe, Bd I., ANAGRAMME. Verlag Brinkmann & Bose, Berlin, 1988. Seite 122)

 


Jan Kuhlbrodt



Zu Unica Zürn


Unica Zürn passt nicht ganz in den zeitlichen Rahmen der Münchner Anthologie, denn sie starb am 19. Oktober 1970 in Berlin, andererseits passt sie sehr gut, denn ihr Werk wurde in der männerdominierten deutschen Nachkriegsgesellschaft verdeckt und verborgen.
Vielleicht braucht es fremde Einflüsse, um auf eigene Leerstellen aufmerksam zu werden. Ganz sicher braucht es das.
Zwei Leerstellen, die ich im letzten Jahr nur mühsam füllen konnte, waren die des weiblichen deutschsprachigen Surrealismus, Leerstellen, die die Namen Unica Zürn und Meret Oppenheim tragen und jetzt durch jene Autorinnen besetzt wurden, Künstlerinnen, die ich, jede auf ihre Art, zutiefst bewundere. (Diese pathetische Formulierung sei mir an dieser Stelle erlaubt.)
In beiden Fällen, aber vor allem in dem von Zürn, handelt es sich gewissermaßen um Rückkehrerinnen. Gespenster, die mir ungreifbar bislang durch den Diskurs schwebten.
Zürn wurde 1916 in Berlin geboren, in den Vierzigerjahren arbeitete sie bei der Ufa. 1953 lernte sie Hans Bellmer kennen, mit dem sie nach Paris ging. Sie unterhielt in den Folgejahren enge Kontakte zu den Surrealisten, unter anderen zu Arp, Breton und Michaux.

Wenn man in der Liste lieferbarer Bücher nach ihrem Namen sucht, ist die Ausbeute überschaubar, und im Falle Zürns landet man letztlich immer wieder bei einer wunderschön gestalteten Ausgabe des Berliner Verlages Brinkmann & Bose aus dem Jahre 1988.
Von der Mitherausgeberin Sabine Scholl erschien 1990 im Athenäum Verlag das Buch: Fehler Fallen Kunst. Noch immer scheint dieses Buch das umfangreichste zu Unica Zürn zu sein, noch immer ist Unica Zürn zumindest in Deutschland ein Geheimtipp. Deshalb bin ich auch der brasilianischen Autorin und Zeichnerin Érica Zíngano dankbar, von der gerade im Hochroth Verlag eine Hommage á Zürn erschienen ist. Zíngano und Zürn verbindet übrigens die Mehrfachbegabung, sowohl als Zeichnerinnen, als auch als Dichterinnen zu arbeiten.

Der Dichterische Fokus in Zürns Werk liegt auf dem Anagramm. Im Band 1 der Gesamtausgabe sind sie versammelt. Zum Verfahren schreibt Mitherausgeberin Sabine Scholl im Kommentarteil:
Über die Arbeitsmethode Zürns gibt ein Kalender Aufschluss. Dieses Strichheft zeigt, dass Zürn anstatt Buchstabenkärtchen oder bewegliche Lettern zu verwenden, sich nicht vom Papier gelöst hat. Die Ausgangszeile wurde mit jedem Versuch angeschrieben, dann die Buchstaben der gefundenen Worte ausgestrichen.

Ich muss zugeben, dass ich bislang das Anagramm als poetische Form nicht besonders ernst genommen habe, ich betrachtete es eher als barocke Spielerei oder Etüde. Wenn sich die Veränderung in meinem Bewusstsein vorher schon angedeutet hatte, so wurde sie mit der Lektüre Zürns nun vollends Ereignis.
Die vorwiegend technische, aber auch intuitive Fertigkeit des Anagrammatikers führt ihn zum Nullpunkt seines Materials und gleichzeitig zur Erfahrung der totalen Manipulation durch Sprache.“ schreibt Scholl im oben erwähnten Buch.
Anfang der Sechziger Jahre wurde Zürn paranoide Schizophrenie diagnostiziert, und sie starb 1970 durch Suizid.
Es scheint, als würde sich die Sprache ihres Erfahrungshintergrundes in der Technik entledigen. Einer Form von Befreiung also. Dennoch transportiert die befreite Sprache einen sprachlichen Gehalt. Das Spiel suspendiert das Gefühl. Und vielleicht ist vor allem diese Art von Befreiung das, was den Reiz dieser Lektüre ausmacht. Die Gebilde entlassen sich gewissermaßen selbst aus einem biographischen Kontext.

 

Unica Zürn: Zeichnung in Gesamtausgabe, Bd. 1,
© Verlag Brinkmann & Bose, 1988. S. 163.










Jan Kuhlbrodt










Unica Zürn

 
 
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