Ulrike Draesner: Subsong - Signaturen

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Ulrike Draesner: Subsong

Rezensionen
 



Michael Braun

STIMMEN  AUS  DEM KOLLEKTIVEN OHR


Ulrike Draesner und ihre „Subsongs“


Manchmal geschieht es, dass uns die Wörter zerfallen und die Vokale ihren Dienst verweigern. Dann kommt es zur Konsonantenballung und Verhärtung der Wörter, zu Zischlauten und zum Klangverlust, zum Gestotter. Das kann der poetischen Semantik durchaus nützen, etwa wenn Ernst Jandl den berühmten wie bedrohlichen „schtzngrmm“ durchquert. Der Entzug der Vokale wird auch bei Ulrike Draesner zur poetischen Strategie. Sie entdeckt das „Lied unter dem Lied“, den „Subsong“. Der Sprachraum des „Subsongs“ lebt von phonetischen und semantischen Verschiebungen. Von Konsonanten-Kombinatorik, die sich dann öffnet und weitet ins Vokalische hinein. Wie im Gedicht „lumpenbrust“: „brchnchsp / brchnchspr / brchnchsprch / brach nicht sprüh / bauch nicht früh / brauch nicht sprech / lippkarü! lippkarü!“ Es ist eine Vogelsprache, die hier imaginiert und transformiert wird in Menschensprache. Der „lippkarü!“-Protagonist ist in diesem Fall ein Papagei, um ihn flattern herum und „brauchen nicht sprech“ noch andere Vogelarten: das junge Amselweibchen, der Zaunkönig, der Waldrapp, der Hausrotschwanz oder auch der Hornrabe.
Aber ist das nicht eine unlösbare Aufgabe, die Sprachmusik der Vögel, die Vogelstimmen zu übersetzen in die Sprache des Gedichts? Der Komponist Olivier Messiaen hat einst jahrelang die Welt durchstreift, um den Gesang der Vögel zu protokollieren und die Vogelstimmen dann in Tonfolgen umzusetzen. Dabei zweifelte er daran, dass es irgendeine Menschenmusik geben kann, die der souveränen Freiheit des Vogellauts nahekommt. „brauch nicht sprech / lippkarü! lippkarü!“: Ulrike Draesner hat sich die Freiheit genommen, „das Lied unter dem Lied“ durchzubuchstabieren. Sie hat sich die Lizenz erteilt, die Sprachordnung und all ihre Konditionierungen und Konventionen in ihrem Gedichtbuch „Subsong“ außer Kraft zu setzen. In einem begleitenden Essay zu ihrem Gedichtband hat sie die Intentionen ihres Projekts beschrieben: „Dort, wo die Bedeutungsebenen der Sprache durch meine Art und Weise, mit ihr umzugehen, sich lockern – so dass die Bedeutungen, die Gefühlsvalenzen von Lauten und Konsonanten und Vokabeln, ihren Kombinationen und Variationen hörbar werden.“  

 
 

Es geht in Ulrike Draesners Gedichten immer um Lockerungen des syntaktischen und vokabulären Gefüges, um Auflösungen der Stereotypie, um Abweichungen, um Störungen der semantischen Ordnung. In Rhythmus, Bild und Sprache - so hat es Draesner schon vor Jahren in einem „Lettre“-Essay formuliert - sei das Gedicht „der Extrakt eines körperlichen Zustandes“, der nicht durch „simple Story-Wirklichkeit“ sichtbar gemacht werden könne, sondern nur durch „Störungen“ der semantischen Ordnung, durch „den krakeelenden oder tanzenden oder hüpfenden Schritt“ der Gedicht-Zeile. An krakeelenden, tanzenden und hüpfenden Vers-Bewegungen fehlt es in „Subsong“ nun tatsächlich nicht, im Gegenteil. Es geht nicht nur um Gedichte, die in veritabler imitatio die Nähe zur Vogelsprache suchen, sondern auch um spielerische Lautgedichte, in denen das Zur-Sprache-Kommen eines Kindes inszeniert wird („paprika mamrika“).

 
 

Dazu kommen einige Sonderformen poetischer Anverwandlung. In einem Kapitel sehen wir uns mit hinreißenden Oberflächenübersetzungen von Beatles-Songs konfrontiert. In ihre „Radikalübersetzungen“ von Shakespeare-Sonetten ("Twin spin", 2000) hatte Ulrike Draesner die Terminologien der Reproduktionsmedizin implantiert. In den „beatles-sub-songs“ gelingen der Dichterin nun ebenso anrührende wie herrlich komische Nachdichtungen, die primär nach poetischer Lautähnlichkeit oder Homophonie streben. Für den Klassiker „Yellow Submarine“ mit seinen balladesken Eingangszeilen:

„In the town where I was born / Lived a man who sailed to sea / And he told us of his life, / In the land of submarines“ findet Draesner eine wunderbar karnevaleske Nachdichtung: „In den Au`n, wo ich war Sporn,/ Mann im Lift »hu!« sagte »sieh!«, / tollte uns sein Leben vor / tief im Land der Suppmarie.“ Und in den Petrarca-Reminiszenzen der „subsongs aus dem kollektiven ohr“ erprobt die Dichterin die Möglichkeiten visueller Poesie. Denn die Liebesgedichte dieses Kapitels sind in ihrer typografischen Gestalt in die Form eines Lorbeerbäumchens gebracht, ein weiterer reizvoller Beleg für die außergewöhnliche poetische Spiellaune dieses Gedichtbuchs.
Aber die sprühende Spiellaune vermag nicht zu verdecken, dass es sich bei den „Subsongs“ in weiten Teilen um melancholische Melodien des Liebesschmerzes, um sarkastische Einkreisungen von Trennungs-Geschichten und um den horror vacui des Verlassenseins handelt. Ulrike Draesner hat ins Zentrum ihrer „Subsongs“ die Entzauberung des Liebeswunsches im Stadium der großen Ernüchterung gerückt. Und hier artikuliert sich „das Lied unter dem Lied“ eben nicht als „halb Rauschen halb Freude“, sondern als fragmentierte lyrische Rede, als Sprechen am Rand der Tonlosigkeit.
Und am Ende dieses 240 Seiten starken Gedichtbands kehrt der „Subsong“ noch einmal ganz an den Anfang zurück, zur „leiblichen genossenschaft“ zwischen Mutter und Tochter, die ja schon im ersten Kapitel als emphatische Erfahrung gemeinsamer Weltentdeckung aufgerufen worden war. Im Kapitel „sub mère détachée“ gelangt das poetische Spiel an sein Ende, setzt das lyrische Ich an zu einem Requiem auf das Sterben der Mutter, ohne jede experimentelle Geste, ganz in elegischer Narration.  In der Emphase des „Stirb und Werde“ gewinnt dieses stimmen- und formenreiche Gedichtbuch noch einmal eine neue dunkle Färbung: „die hosen meines verstorbenen vaters/ hängte sie in den garten/ ihre art der rache oder liebe/ tropfende polyesterbeine/ über den blumen/ die er pflanzte// und wirklich/ man trug ihn füße voran/ aus seinem haus// während sie auf vogelkrallen/ durch schlick und das unentschiedene/ leuchten/ eines morgens zieht/ (es hinter sich herzieht) // nach einer feuerstelle/ auf der sie unsere erinnerungen/ kocht nicht die bösen/ die sie lang/ vergessen hat// um im rauch aus diesem feuer/ als sumpfvogel zu steigen/ im schnabel einen die sonne/ versammelnden/ fisch// den sie uns zeigen will/ ihr letztes geschenk// ihr herzschlag/ sollte/ mich verfolgen// als das ei zerfiel/ und ich mich ansaugte/ an sie...“



Ulrike Draesner: Subsong. Gedichte. München (Luchterhand Literaturverlag) 2014. 240 Seiten, 18,99 Euro.

 
 
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