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Ulrike Draesner: Nibelungen. Heimsuchung.

Rezensionen



Michael Braun


Das tosende Licht

Ulrike Draesners poetische Neuinterpretation des Nibelungen-Epos



In einer finsteren Anmerkung zum Telos der Geschichtsphilosophie hat der Dichter Volker Braun einmal auf die blutige Spur der Grausamkeit verwiesen, die sich durch die Menschheitsgeschichte von Beginn an zieht. „Man kennt die Bestialität“, so Volker Braun in seiner Büchnerpreisrede aus dem Jahr 2000, „aber kaum noch die Menschheit. Wenn die Ideen begraben sind, kommen am Ende die Knochen heraus.“ Ein besonders erschreckendes Beispiel für die Kontinuität des Schreckens und der Bestialität liefert das um 1200 entstandene, von einem Anonymus verfasste Nibelungenlied, jenes verstörende Epos über Liebe, Liebesleid, Treue und Betrug, Raub und Brutalität, in dem das Gemetzel, das Blutbad über jeden Versuch der Versöhnung triumphiert. Der „Streit kühner Recken“, den die „Maere“ zu Beginn ankündigt, läuft am Ende der 9516 Verse und 39 „Aventiuren“ auf das gegenseitige verbissene Abschlachten der Burgunden und der Hunnen hinaus, mit nur wenigen Überlebenden. Kriemhild, die Königstochter am Wormser Hof der Burgunden, eine durch und durch „ehrenreiche Maid“, schwört in der Eingangsszene jeder Liebe ab, da sie nur Leid mit sich bringe. Eine in ihrer skeptischen Gewissheit überaus moderne Einsicht, die durch das lyrische Epos auf fürchterliche Weise beglaubigt wird.
Am Anfang nimmt ein Traum Kriemhilds bereits das Unheil vorweg: Sie träumt, sie ziehe einen Falken auf, der dann von zwei Adlern gejagt und zerfleischt wird. Und so wird dann im Verlauf der Geschichte auch die Liebe zwischen Kriemhild und Siegfried auf grauenhafte Weise zerstört. Und der Rachefeldzug Kriemhilds führt nur zur Ausweitung des Massenmords bis zur finalen Auslöschung fast aller Beteiligten. Das Nibelungenlied ist ein langes Gedicht voller Liebesschwüre und Intrigen, von raffinierten Irreführungen, Betrugsmanövern und Schlacht-beschreibungen, und kennt am Ende nur Verlierer.


Mit diesem poetischen Gewebe aus Mordtaten und Monstrositäten beschäftigt sich die Dichterin und promovierte Mediävistin Ulrike Draesner schon seit vielen Jahren. Nach ihrem großen Nibelungen-Essay über „ein Heldenideal, das aus dem Ruder lief“ (in ihrem Buch „Heimliche Helden“ von 2013) hat Draesner nun ein Gedichtbuch vorgelegt, das in lyrischen und erzählerischen Tiefbohrungen die Urszenen des erschütternden Epos freilegt. In vierzig Gedichten, einem Dialog und einem essayistisch angelegten Finale konzentriert sie sich auf die vier zentralen Gestalten des Nibelungenlieds: auf Kriemhild, Siegfried, Brunhild und Hagen, die jeweils aus ihrer Perspektive die abgründige Geschichte vom Untergang der Burgunden erzählen.

Zum bibliophilen Meisterwerk wird diese kühne Nibelungen-Anverwandlung durch die Illustrationen des Jugendstil-Buchgestalters Carl Otto Czeschka, die 1908 erstmals ein Nibelungen-Jugendbuch schmückten und nun mit Draesners „Nibelungen. Heimsuchung“ korrespondieren. Mit seiner Art von Ornamentik reduziert Czeschka das Pathos des Nibelungen-Stoffs. Dazu passt das Verfahren Ulrike Draesners: Einerseits erzeugt sie durch ihre Technik der schroffen Fügung, radikalen Verkürzung und Bündelung der unerhörten Geschehnisse eine ganz eigene poetische Traumsprache von hypnotisierender Wirkung. Andererseits bewegt sie sich in ihren Motiven weit genug weg von den Urszenen der Nibelungen, tief in die Moderne hinein, um den Liebesverrat von Gunther und Siegfried als das moderne Drama von Liebesunfähigkeit sichtbar zu machen. Ihre Technik ist die von suggestiven Wortspielen und einer einfallsreichen Assoziationskunst vorangetriebene Litanei, die Technik der Wiederholung, eine phonetisch intensive Suchbewegung tief in die Sprachkörper hinein, um auch die versehrten Körper der Nibelungen besser zu verstehen. Man muss nicht die verwirrenden Details des Nibelungen-Epos kennen, um von Draesners Evokationen der zentralen Motive berührt und fasziniert zu werden. Zu Beginn sehen wir die stickende Kriemhild (hier nach dem mittelhochdeutschen Original „kriemhilt“ genannt) in einem Farbenrausch, sie empfängt die Phantasmagorien der Liebe, repräsentiert in jenem Traum von dem Falken, der von zwei Adlern zerfleischt wird. „Die frauen sitzen auf bildern und träumen das nichts“ heißt das dritte Gedicht des Buches, das die Frauen in ihrem Status der permanent Betrogenen erkennbar macht. In ihrer essayistischen Annäherung an den Stoff („Immer wieder vergesse ich...“) markiert Draesner schließlich das „Ich“ als eine Leerstelle im mittelhochdeutschen Epos, das Individuum tritt zurück hinter dem Kollektiv: „Mittelalterliche Erzählwelten kennen Gefühle, aber bieten sie im Modus der Rüstung, des Panzers, des Gewandes und seines Glanzes dar.“ Eine unheimliche Szene ist auch der Dialog zwischen Kriemhilds Söhnen Gunter und Ortlieb, die sich in ein Computerspiel verstricken, in dem sie zugleich Spieler und Spielfiguren sind. Am Ende des Epos wendet sich dann der Blick auf das universale Gemetzel, das Schlachten und Zerstückeln der Körper, auf den Untergang im Inferno der Schlacht. In der „36. Aventiure“ lässt Kriemhild die Burgunden in den Rittersaal Etzels zurücktreiben und dann die noch Lebenden und die Toten in einer verheerenden Feuersglut niederbrennen. Das Höllenfeuer des rauschhaften Mordens entfaltet Draesner dann in einer radikalen Ästhetik des Schreckens, in einer apokalyptischen Bilderlandschaft, nur vergleichbar mit den Imaginationen eines Hieronymus Bosch:

das metzeln des hunnen im ofen sein
das tosende licht. speckig treibt glut    
fett aus holz das nichts mehr enthält.
männer schmelzen schädel gegen balken
gelehnt hält einer sich noch die hand
reines gebein vor augen die höhlen nur
flammen schlagen muster sackt wand
auf wand faucht das dach in den gang
bilden säulen neu aus körpern aus männern
sich bis knochen zerfließen rotorange
auf dem boden verdampfende schrift.
         noch immer ist es so: sie jagt
was sie sagt
. menschen in rüstungen
die hitze speichern körper verbacken
sind leicht. schreie aus mündern
die es nicht mehr gibt gehen auf
letzte fahrt durch der helme schlitz.
was brüllt ist der feuersturm selbst
die sich feiernde materie reißt nagel
nieten und jedes vergangene fest durch
jedes molekül der luft. noch immer ist es
so: sie jagt was sie sagt. die schatten:
rittertiere. als tanzten sie.


Die extrem schroff gefügten Bilder des Höllenfeuers weisen hier hinaus über das Blutbad im Rittersaal, sie zielen auf die katastrophischen Szenarien des Feuersturms in den bombardierten Städten des Zweiten Weltkriegs und auf die Endpunkte des Tötungswillens beim Untergang in Hiroshima und Nagasaki. Es sind die tanzenden Schatten der Versehrten und Verglühten, für alle Ewigkeit eingebrannt in Häuserwände.


Ulrike Draesner: Nibelungen. Heimsuchung. Mit den Illustrationen von Carl Otto Czeschka. Großformat. Reclam Verlag, Stuttgart 2016, 132 Seiten, 39,95 Euro.

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