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Ulrik Farestad: Staub, Sterne, Pixel

Rezensionen / Verlage


Timo Brandt

„Schönheit, die retten soll, muss retten en masse“


„Während das Herz pocht im elegischen Leerlauf,
geht die Welt hymnisch in ihrer blinden Spur.“

In der Klappentextnotiz (von Henning Næss) zum Band von Ulrik Farestad heißt es: „Seine Gedichte stellen die großen Fragen, in vollem Ernst“ – eine durchaus hochgreifende, aber auch neugierig machende Ankündigung. Den Titel des Bandes sollte man in jedem Fall ernst nehmen, denn er ist sowohl im übertragenen als auch im tatsächlichen Sinne fast so etwas wie eine Programmatik. Immer wieder sind Sterne und Staub Instanzen in Farestads Gedichten und der Pixel – diese Einheit, die misst, wie detailliert etwas ist, wie gelungen die Nachahmung (also auch: wie nah das Digitale in seiner Auflösung der Realität schon kommt; vielleicht überflügelt es diese eines Tages, hat mehr Pixel als die Realität?) – ist das Werkzeug der Dialektik, das die Entitäten Staub und Sterne gleichsam dekonstruiert, aber auch verdeutlichen kann.

Im übertragenen Sinne steht Staub natürlich für Vergänglichkeit, Sterne für die Ewigkeit und Pixel für die Kunst, die zwischen beidem steht, die diesen großen Widersachern auf einem seltsamen Umweg zu entgehen scheint, ihnen zumindest einen eigenwilligen Spiegel vorhält.

„Fassade, sagen wir und meinen – die schöne Fläche,
die schmutzige Treppen verbirgt und dunkle Stuben,
Decke über Tiefenraum aus Staub und Stimmen.
Darum sind Fassaden etwas, dem wir misstrauen,
denn Wahrheit ist leicht zu verbergen unter Stuck und Putz
und Blendwerk, aufgestellt für unschuldsreine Blicke.
Ist irgendwo die Welt ohne Oberfläche,
und steigt nicht alle Form aus einem Abgrund?
Kann ein Moralist wüten gegen die eigene Haut?“

Programmatik ist ja immer schön und gut, aber kommen wir zu den Gedichten selbst – wo finden sie statt, wie verfahren sie? Tatsächlich verfolgt Farestad – abseits seiner Obsession mit dem Ewigen und dem Vergänglichen, ihren Variationen – sehr unterschiedliche Ansätze, und die Gedichte lassen sich formal und thematisch, abseits des bereits Angesprochenen, nicht wirklich auf einen Nenner bringen (Ich weiß auch nicht, ob die Gedichte wild zusammengestellt wurden oder chronologisch geordnet sind – die Auswahl für diesen Band wurde aus den zwei in Norwegen erschienen Einzelbänden getroffen, leider aber ohne Angabe, wie sie hier gereiht sind).

Der Band beginnt mit einer kurzen „Alltagsszene I“, im freiem Vers gehalten. Diese Alltagsszenen finden sich über den ganzen Band verstreut (und beschließen ihn auch).

Aber es gibt auch narrative, geradezu monologische oder elegische Langformen, Sonette und Prosagedichte, Liedhaftes und Formloses. Und damit nicht genug: die Bezüge sind ebenfalls sehr weit gestreut, reichen von John Keats über Beowulf, Warschau nach dem Krieg, Russland um 1000 n. Chr. und antike Motive, bis zu den Gedanken eines modernen Mujahed und Straßenbahnszenen, Stadtlandschaften.

„In manchen Städten zeugt Geschichte von sich selbst;
ihre Verachtung für jedermanns Hoffnung und Schmerzen,
für unsere weichen Körper und widerstreitenden Herzen,
überdeckt eine Scham – eine ständig tiefere Schuld“

Über einen Teil der Gedichte kann man wohl sagen, dass sie sich am Urbanen abarbeiten. Nicht nur die Alltagsszenen, sondern auch Texte, die eben in Warschau oder Vilnius spielen – der polnischen Hauptstadt ist ein ganzer Zyklus gewidmet, in dem die Stimmung, die Erinnerung, das ganze Empfinden für die Stadt mit Versen umgegraben wird, aufgeschüttet und weggeräumt, in Trümmer geredet und geisterhaft errichtet.

In diesem Zug zur Urbanität beheimatet, sich über den ganzen Band erstreckend, steckt der resignative, manchmal fast schon lapidare oder sogar abschätzige Tonfall von Farestads Lyrik. Sie ist nicht gefühllos oder plump, aber es wirkt so, als ermahne sie sich stets zur kühlen Distanz, als wolle sie eine Art Abschreckungspotenzial beinhalten. Aus diesem Potenzial entwickelt sie mitunter einen erhabenen Gestus, der in die Tiefe geht, dem aber auch der Hauch des Jovialen anhaftet. Er dringt zu Essentiellem durch, steigert sich aber manchmal auch allzu sehr in ein Kreisen hinein.

„Keiner stirbt als Erwachsener. Der Mensch reift
um einen Kern von Hilflosigkeit.
Der Rest, der Ertrag – Verstand, Ekstase,
Sprache – ist das Geschenk der Menschheit ans Bestehende.“

Doch diese resignative Beschichtung bekommt auch immer wieder Risse. Hier und da kann sich die Zärtlichkeit nicht ganz zusammenreißen und entzieht sich der schlichten Konstatierung – schon im epischen Atem seiner Langgedichte schwingt eine Ergriffenheit mit, aber es sind eher die kurzen Gedichte, in denen die Feststellungen und Einschätzungen unterschwellig zu Zerreißproben werden.

In einem Prosagedicht ruft er Rilke zu (auf dessen Gedicht „Der Schwan“ Bezug nehmend, das den Tod mit dem sanften Gleiten des Schwans ins und übers Wasser vergleicht, der vorher an Land unelegant dahinstakste):

„Aber suche nicht Trost in solchen Bildern. Die Natur sucht keinen Trost in dir.“

Doch stimmt das? Natürlich sucht Natur nicht nach Trost, aber dass ein solches Gefühl einfach in die Dinge sinkt und dann verschwindet, keinen Widerhall erzeugt, glaubt Farestad das wirklich? Es ist die Position eines Realisten, die er einnimmt – der aber dennoch mit seinem Blick stets nach transzendentalen Möglichkeiten Ausschau hält, sie teilweise geradezu erzwingt, dann wieder leichthändig aufdeckt.

„Ähneln wir auch Kindern, die wandern in einer Welt,
wo alles für Sinn und Hände etwas zu groß ist,
so können wir doch Farben sammeln und Figuren,
sie pflücken von kleinsten Krümeln des Universums,
für die Platz ist in unseren eigenen Setzerkästen.“

Ausschlagen, abschlagen tun diese Gedichte also mitunter, dann wieder reichen und bieten sie dar. Die im Titel dieser Rezension von Farestad beschworene „Schönheit en masse“ liefern sie zwar nicht, aber sie weisen ihre Spuren nach, auf deren Fährten sich viele bewegen, seien es die singenden Narren, nach Hause fahrende Menschen in den Straßenbahnen, der Jäger, der von der Göttin Diana nicht den Blick wenden kann und dessen Schicksal der Maler Tizian unbedingt einfangen wollte oder der Mujahed, der sich nach seinem Osloer Stadtteil sehnt.

Dieses Folgen der Fährten ist uns wohl allen gemein und Farestad selbst kann sich nicht ausnehmen: dieser Band ist auch sein eigenes Fährtenprotokoll. Vielleicht besteht das Universum nur aus Staub (Tod), Sternen (Ewigkeit) und Pixeln (Details). So what? Vielleicht ist Schönheit nur der Inbegriff eines Zusammenkommens von allen Kategorien in einem Gegenstand, in einem Moment. Aber diese Gedichte streichen, wie viele andere, während sie von diesem „nur“ ausladend sprechen, es auch ein wenig durch, untergraben seine Position.

Ein spannender Gedichtband! Und ein spannender Autor. Dank an den Übersetzer Klaus Anders und die Edition Rugerup, dass sie ihn für deutsche Leser*innen zugänglich gemacht haben.

„Ja, John – der Tod ist ein Kopist von Rang.
Sein Handwerk, wie du weißt, besteht.
Vom Tod, als Meister, lernt Schönheit ihr Geschick;
in Gips, in Pixeln bleibt ein Rest zurück.
Der Stern weiß, dieser Rest von dir ist spröd,
so stärkt er ihn zur Nacht – denn die ist lang.“


Ulrik Farestad: Staub, Sterne, Pixel. Gedichte. Aus dem Norwegischen übersetzt von Klaus Anders. Berlin (Edition Rugerup) 2018. 80 Seiten. 14,90 Euro.  
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