Ulrich Zieger: Gedichte - Signaturen

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Ulrich Zieger: Gedichte

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Ulrich Zieger

Gedichte


narkotisierende wirkung des abends, bemondung,


Sie gingen über felder, sahen tannenspitzen, zypressen,
es war in frankreich – nein, ich meine Sie,
     man sagt mir, Sie lebten am land
     ; aber manchmal muß man seine kräfte wirklich schonen,
das ist sie noch nicht, die entsetzliche ökonomie,
der humorvolle tod, diese milde… am land sagten Sie,
     ich bekam eine ahnung vom leben am land,
    derer ich späterhin völlig vergaß,

jemand muß weit geritten sein für diese dame,
der ritter vor himmel zu fliehen scheint, welcher vor etwas
     zusammenstürzt, welches fällt

     ; das sind mechanisch aneinandergereihte wörter in einer
mir sonst fremden sprache; schreiben Sie, was Sie gehört haben
– nein, ich denke mir etwas aus
für die welt der zeitschriften,
ich denke mir etwas aus für die welt, die nichts
von sich weiß, der wir angehören.

(---)

 
 
 


wie man sich selbst aus der welt nimmt,


auf einem faden von rauch, vor einem nachtcafé mit roten vorhängen,
rotpunkten auf rotem grund, sind das lichtflecken…

eine wand, schwarz, voller unverständlicher zeichen –
gedächtnisübungen für weiße tage;

die gläsernen gehen, zu paaren geordnet, darinnen spazieren,
man glaubt, sie verschwänden mitsamt…:

aber alle gesichter, die rot waren, werden verblassen.

(---)

 
 
 


drei doppelpunkte,


etwas zwischen zwei personen ist schief gegangen
worte wurden falsch verstanden:

ich sah dich einsamer verlassener mit deiner reisetasche
ein alter vertreter einer immerwährenden alten idee,

dabei muß mir ein fehler unterlaufen sein
ich werde ihn gemacht haben nicht vor dir fliehen zu müssen,

du hast es erraten
so konntest du nicht davon schweigen,

es ist dadurch ein altes bild in mir zerrissen
ich kann es dir inzwischen nicht mehr zeigen:

von elfen sind beide personen gestört und in schiefe
worte auch die falsch verstanden wurden:

sie wohnten nicht lange genug bei den schlangenbeschwörern
nun fielen sie anflug von elfen anheim.

(---)

 
 
 


erinnerung an einen kalten krieg,


drei waren gemeinsam nach röcken gefahren,
der feind mit dem fahrzeug, der maler und ich
nietzsche, rief der maler, der große philosoph
haben Sie nietzsche gelesen
nein, sagte er, ich verstehe das nicht,

ich hörte viel und konnte damals noch nicht sprechen,
nur ab und an war mir ein brief gelungen, meist zur unzeit,
eine große kuh hatte das land betreten:

würde nun endlich der erdkreis sich schließen,
würde man sie lieben können, die warmfeuchten nüstern,
die rollenden augen, das widerkäuende maul…

ich denke es bleibt schwer so etwas später richtig einzuordnen –
damals am ende der siebziger jahre, das weiß ich jetzt,
war es unmöglich.

(---)

 
 
 


corneliu baba, entwürfe vor stofflichem rot,


die granatäpfel waren jedoch noch nicht reif,
selten unter bewölkungen konnte man zwar ihre farbe (sich

zuneigend) nennen,

doch blieben orkane der vortäuschung anlaß,

der garten barg weitere schätze,
die teils schon zu alt waren, um einen blick nicht nur (wie man es

nannte) zu fangen,


die absicht des blickes ist schwer zu durchschauen,
erst muß er gefangen sein, dann muß er sehr lange warten bis sich

die gefangenschaft auflöst,


wie liebe in haß oft beginnt
braucht der blick die vergeblichkeit ehe er eintritt,

man fürchtet nichts mehr in den gärten als das,
man verkleinert die längst handtuchschmalen, als schäme man sich

einer netten,

doch ziemlich verqueren person.


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Die fünf Gedichte aus Ulrich Zieger: Aufwartungen im Gehäus. Gedichte. Berlin (Edition Rugerup) 2011. 144 S. 17,90 Euro.

 
 
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