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Ulrich Schäfer-Newiger: Straße und Masse. Oskar Maria Grafs frühe Gedichte

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Ulrich Schäfer-Newiger

Straße und Masse.
Oskar Maria Grafs frühe Gedichte


Eine notwendige Ergänzung.



Wer von Oskar Maria Graf als „Dichter in der Münchner Räterepublik“ schreibt, darf redlicherweise gerade über seine Gedichte aus dieser Zeit und seine dichterische Entwicklung unmittelbar nach Zerschlagung der Räterepublik nicht schweigen. Und muss erklären: Was hat Oskar Maria Graf, der von 1894 bis 1967 lebte, der u.a. mit Rainer Maria Rilke befreundet war und den er über alles schätzte und bewunderte, überhaupt mit der Münchner Räterepublik zu tun? Und was hat seine Dichtung mit dieser Räterepublik zu tun? Kann es überhaupt gerechtfertigt sein, ihn als „Dichter in der Münchner Räterepublik“ zu bezeichnen? Denn anders als Toller und Mühsam war Graf kein gestaltender und Einfluss habender und nehmender Politiker, Führer oder auch Publizist der Räterepublik. Er hat da nichts vorangetrieben, entschieden oder mitbestimmt. Er war dabei. Er soll auch einiges wegen eines Trinkgelages verschlafen haben. Er war aber auch zeitlebens Anarchist. Er war Anarchist auch in der anarchistischen Münchner Räterepublik.

Graf war schon während des Militärdienstes, in dem er Befehle der Vorgesetzten mit schallendem Gelächter verweigert haben soll, in eine Nervenheilanstalt eingeliefert und schließlich als untauglich aus dem Militär entlassen worden. In München beteiligte er sich dann im Januar 1918 am Munitionsarbeiterstreik. Er war dabei, als Kurt Eisner am 7./8. November den „Freistaat Bayern“ (eine Bezeichnung, deren Herkunft mein heute gerne vergessen machen möchte, aber gerne beibehält) ausrief. Während der Dauer der Räterepublik vom 7. April bis zu ihrer gewaltsamen Niederschlagung am 2. Mai 1919 war er gelegentlich als Zensor für die bürgerliche Presse tätig.
¹  Einer Verhaftung nach der Niederschlagung der Räterepublik entging er nicht. Auf die Fürsprache von Rainer Maria Rilke wurde er wieder freigelassen. Danach arbeitete er kurz für eine Arbeiterbühne und engagierte sich bei den Gewerkschaften und der Roten Hilfe.

Gerade in diesem revolutionären, anarchistischen Zeitraum, nämlich 1918 und 1919, erschienen Grafs erste Gedichtbände mit den Titeln „Die Revolutionäre“ und „Amen und Anfang“. Graf hatte überhaupt seine „literarische Laufbahn“ nicht mit Prosa (für die er später bekannt werden sollte), sondern mit Gedichten begonnen. Und er schrieb auch zeitlebens Gedichte. Schon 1914 war es ihm als Zwanzigjährigen gelungen, seine ersten beiden Gedichte, „Knaben“ und „Mädchen“ in Franz Pfemferts Zeitschrift „Aktion“, die ein zentrales Organ des Expressionismus war, zu veröffentlichen. Schon in diesem ersten veröffentlichten Gedicht („Knaben“) ist thematisch angelegt, was zukünftig sein Leben lang der Impetus seines Schreibens, seines Widerstandes gegen die Macht und die Mächtigen, seiner Unruhe, seines Protestes war:

Wie aus Urtiefen und geheimnisvollen Räumen
ans Tageslicht gekommen,
wanken offnen Auges und doch traumversunken
wir durch Straßen,
die fremd und lärmend, bunt, beklemmend
uns umbrausen,
und wissen nicht, wo aus, wo hin. -


Hier beschreibt einer seine Herkunft, seinen Zustand, sein Getrieben-sein, sein Nichtwissen. Die Straße als emanzipatorischer Ort taucht bereits in diesem ersten Gedicht auf und wird sich gleichsam als roter Faden durch die zukünftigen Texte des Autors ziehen. Weiter heißt es an anderer Stelle: … sie möchten gern auf grüner Wiese spielen … / dann wieder durch die Straßen taumeln / wunschlüstern, trunken, fleischesdürstend. Die Straße ist hier auch existentieller Ort, in dem er wankt und taumelt aber auch vorwärtskommt. Nicht viel später wird er sich in einem anderen Gedicht als „Ewigen Wanderer“ bezeichnen. Das Gedicht „Knaben“ schließt wieder mit einem Bezug auf die Straße:

Doch etwas ist, das drückt uns alle nieder,
wie hemmend-schwere Last,
treibt schleppend, ziellos uns
durch nachterfüllte Straßen,
wo dunkelleuchtend, glitzernd,
verzweifelt in den Himmel jauchzend
endloses Leben still verblutet. --


Die Straße ist jetzt nachterfüllt, es verblutet endloses Leben auf ihr. Und das Unaussprechliche, noch Unbenennbare, das sie (ihn) niederdrückt, treibt die Knaben durch die Straßen. Damit ist ein immerwährendes, bis zuletzt anhaltendes Lebensgefühl Grafs beschrieben. So ist es kein Zufall, dass er seinem ersten Gedichtband, den er 1918 veröffentlicht und dem er den Titel „Die Revolutionäre“ gibt, als Motto drei Zeilen aus Walt Whitmans Gedicht „Gesang von der freien Straße“ voranstellt.   

„Die Revolutionäre“ das sind Gedichte voller expressionistischem Pathos, die bessere Zukunft beschwörend, den besseren, freien Menschen. Im Gedicht „Den Kommenden“ werden die Worte des Dichters gerichtet an Euch, die ihr klaglos das Kainsmal der Verdammten als /leidgemeißelte Furchen auf Euren Stirnen eingezeichnet habt. An anderer Stelle heißt es: Ihr hellhinstürmende, fernseherische Abenteurer / um Eures Iches willen, Ihr seid es, denen ich diese Worte zurufe, / von fern her, freudig Eures Kommens harrend ----. Der Dichter ist schon da, wo die Masse der Verdammten noch hinkommt, er ist Teil der revolutionären Avantgarde … In diesen Texten sind die Unterdrückten, die Menschenmassen, die verblichenen Helden, die revolutionäre Zukunft sein Thema (Kulturen, der Vergessenheit anheimgefallen und dem Unverstand, / erblühten neu und lohten auf zum Dom. /Altäre, die der Moder emsig gründete…)

Diese Gedichte enthalten in expressionistischer Manier Neologismen, Wort- und Bilderschöpfungen die überraschen und das Unaussprechbare aussprechen sollen. Beispiele seien: erinnerungsumgrottet, wundwacher Ruf, Uns aber flügeln Märsche, Mein Ichgott blüht sich wund an schwüler Dunkelheit, Alkovensphäre, verbäumt ein Platz, Schrittgemeng, oder, ein herrlich-wunderbarer Vers, der auf der Zunge zergeht:

Eine haspelnde Turmuhr, sägend Schläge ins Nachten lallend.

Wortgewaltige Entäußerungen sind das, aus heutiger Sicht vielleicht zu pathetisch. Aber wer weiß heute noch, was Pathos bedeutet. Schon die Titel der Gedichte Der Dichter der Stadt, Impressionen der Straße, Abend in der Stadt, zeigen: Graf ist der moderne Dichter, der Dichter der Städte, der Straßen, der Unbehaustheit, des Rausches.

Ich! Herbergloser Gott, ausgreifend in die Öde vieler Gewesen-
heiten. Ich -: Prometheus, Christus, Don Quichotte. Golgatha
fern irgendwo im roten Schein des Gewölks. Sterne. ...

(aus: "Finale")


Gott, Prometheus, Christus, Don Quichotte – darunter tat es dieser Dichter erst einmal nicht.

In seinem zweiten Gedichtband vom Herbst 1919 „Amen und Anfang“ setzt sich dieser thematische und poetologische Trend fort. Aber er erfährt eine Veränderung hin zum Proletarisch-Revolutionären. Als neuer Ort auch neuer Gedanken und Bilder kommt die Fabrik hinzu. In dem Gedicht „Fabrikheimgang“ heißt es: Nun hat uns wieder dieses Brüllgehäuses Fluchtor ausgespien / Lahmrückig und zermürbt wie totgeschundne Horde Vieh. Der Arbeiter (so auch ein Gedichttitel) erscheint in seinen Texten, dem an den Maschinen seine (Welt)Macht bewusst wird:

Nur wenn wir rußschwarz an Maschinenriesen
Den Tag zerstücken, gleich dem Holz, dem Eisen
Wird manchesmal, erfasst von geisterhaften Hebeln,
Ein plötzlicher Gedanke hell und wach, als ließen
Nur wir allein das Weltrad kreisen.

(Aus "Arbeiter")


Hinzu kommt in diesem Band in vielen Texten der Andere als Bruder, als zu beschützender Mitmensch, der wie alle leidet. Der Dichter wendet sich hin zum Kollektiv. In dem Gedicht Komm, Bruder wird der Andere zum Bruder:

Komm, Bruder, der du wie wir alle irrst auf fremden Pfaden!
Wir tragen allen Menschenschmerz zuerst -: Wandrer,
Pilgergleich düstre Städte durchkreuzend,
Die ausgesäet sind auf breites Land.


Die Verse sind hier konkreter, nicht mehr durchsetzt von Wortungetümen, das Pathetische wird greifbarer, vertrauter, direkter. In dem Gedicht Bitte wird der imaginäre Leser, der Mitstreiter, Bruder, aufgefordert Sei gut! also anders als die Anderen. Denn: Wir stehen alle nackt, zerschunden und besudelt / Und wissen nur: / Gutsein ist Balsam, / der alle Not vergessen lässt, / die lähmend liegt auf brachen Morgenwegen. Allenthalben sieht er die Menschen in Not, die lähmt und niederdrückt. Der Dichter wähnt sich mit den Erniedrigten solidarisch. Graf kennt in seiner heute vielleicht naiv anmutenden Empörung über den materiellen und existentiellen Notstand der Menschen keine Berührungsängste. In drei Texten die als „1., 2. Und 3. Gebet“ bezeichnet werden, ruft der er tatsächlich Gott oder auch den fremden Gott, den er nicht kennt, an, ruft ihn um Hilfe (lass niederregnen in verdorrte Herzen Anfangskraft, / Zeitenwunde bitten dich! / … Gib uns den Tod, dein Prüfen macht uns klein …)

An dieser Stelle mag alleine die Aufzählung  einiger weiterer Gedichttitel die Programmatik dieses zweiten Gedichtbandes deutlich machen: „Sterbende Fabrikarbeiterin“, „Gottverlassen“, „Joch“, „Trennung“; „Nähe“; „Glück“, „Mund“, „Dir“; „Du“ usw. Heimatlosigkeit, Einsamkeit, Entfremdung werden thematisiert, Gewalt, Schmerz, Angst und Widerstand.

Abgeschlossen wird dieser zweite Gedichtband von zwei Texten, die wieder anknüpfen an den Ausgangspunkt, den Anfang: Die Straße und das ewige Wandern. In dem Gedicht An die Straßen werden diese als Sehnsuchts- und Kraft- und Befreiungsort besungen:


In euch ist etwas wie die größte Inbrunst, Straßen /
…..
Ihr seid
Die wilden Bette, wo die Schrillheit
Alles heldisch-großen Lebens brütet –
…..
… Alleinheit fällt,
Wenn euch mein Fuß befühlt, asphaltne Riesenrücken!
Ich Pilger, noch von schwankender Hoffnung kommend
Erstarke, wenn ihr mich umarmt, von kühner Werkvollendung
Flammend.


Es ist heute kaum noch nachvollziehbar, dass die Straße als Symbol oder auch Metapher des Fortschreitens im Sinne eines Fort-Schrittes, eines Weiterkommens in eine zukünftige Freiheit gesehen werden kann. Mit ‚Straße‘ wird heute anderes assoziiert.

Im letzten Gedicht des Bandes mit dem Titel Der ewige Wanderer kehrt Graf zu seinen expressionistischen Anfängen zurück und greift das romantisches Motiv des unbehausten Wanderers, dies fliegenden Holländers (der Straße), des ruhelos Vorwärtstreibenden auf:


Aufstrahlt die Seele mich Trunkenen. Ich bin bereit.

Halleluja! Erde atmet mit mir!
Hinter mir liegen die zerschnittnen Städte,
Wo geschwertete Straßen in himmlische Felder züngeln,
Endlos durch furchthungerndes Land!

Den feuernden Sang ewiger Wanderschaft!
Halleluja! Ruheloses Vorwärts, das in mir glüht,
Unbekannten Zielen zu!
Was soll die Frage nach dem Grund, wo das Weiter wachpulst

Und die durchzitterte Stahlluft schwirrt vermilliontes Marsch-
Gedröhn
All der großen Schollenverächter. –


Man wird nicht fehlgehen in der Annahme, dass hier Erfahrungen, Eindrücke, Erlebnisse, Bilder und (Alp)Träume aus der Zeit der anarchistischen Machtergreifung in München subjektiven Ausdruck finden. Die Protagonisten dieser versuchten Machtergreifung waren gerade nicht gewählt im Sinne des bürgerlichen Parlamentarismus² und fühlten sich legitimiert von Massendemonstrationen auf der Straße, getragen von der Wut und der Sehnsucht von Menschen, die von Kriegserlebnissen geprägt und traumatisiert waren, von Armut und Hunger und die sich verraten fühlten von allem und allen. Graf mit seiner vermutlich nicht einmal spezifischen Biografie eines vom (damaligen) Dorf (Berg am Starnberger See) in die „große“ Stadt (München), in die Freiheit geflüchteten Gefangenen war ein nicht untypischer Vertreter dieser Generation, die nur optimistisch und pathetisch nach vorne und zynisch in die Vergangenheit und Gegenwart blicken konnten.

Geografischer und sozialer Ort dieser Revolte, dieses vergeblichen und untauglichen Versuches, alle alten politischen, kulturellen und gesellschaftlichen Strukturen aufzubrechen, war die Straße und war die Masse. Davon legt Oskar Maria Graf in seinen frühen Gedichten Zeugnis ab. Insofern war er in dieser Zeit ein Dichter, dessen Texte von der Befindlichkeit während und unmittelbar nach der Räterepublik und der ihr vorangegangenen Erfahrung eines jeden der unzähligen Einzelnen erzählen.

Später – in der großen Stadt New York und ihren tiefen Straßenschluchten - wird er solche Gedichte vollen Vorwärtsdrängens, voller sprachlichen Ungestüms, voller verrückter Bilder nicht mehr schreiben.



¹  Vergl. dazu insbesondere das instruktive Nachwort von Katrin Sorko in dem von ihr auch herausgegebenen Band gesammelter Gedichte, erschienen 2007 bei Matthes & Seitz in Berlin, unter dem Titel „Manchmal kommt es, dass wir Mörder sein müssen…“ Hingewiesen sei an dieser Stelle auch auf den von der Oskar-Maria-Graf Gesellschaft 1996 herausgegebenen und im List-Verlag erschienen Band ausgewählter Gedichte mit einem Nachwort von Thomas Kraft.
² Das Ergebnisse der Wahl zum verfassungsgebenden bayerischen Landtag am 12.01.1919 lautete: BVP: 35%, SPD: 33%, DVP: 14%, DNVP: 6%, USPD: 2,5%; die Kommunisten und Anarchisten hatten zum Wahlboykott aufgerufen.

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