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Uljana Wolf: Drei Bögen : Böbrach

Münchner Anthologie

Uljana Wolf

Drei Bögen : Böbrach

     
Man hört auch: in die fichten gehen, verloren gehen, wegkommen
     – Grimmsches Wörterbuch

I

„ländlicher landstrich“. also lasten verteilen, schneedecken schichten auf ästen, kleines ächzen. dass auch die fichten nicht brechen ins schweigen. denn regen ist kreisstadt, neigen pflicht. entsprechend: „für die lage können wir nichts.“ nur für die grenzen und den hellen schein. der forst ist rein „it welcomes you“. die worte dazu sind weiß oder weg wie der letzte bus aus dem dorf. nachts rumpelt die stille im frost: der wald sei dem fremden



II

„zumutbar“. wie wallpaper, wo nur die augen wandern. wie einer am andern die stämme, sie stammen von hier, reichen dir keine papiere. aber einreißen bald und steht ein stammeln an der haltestelle. oder nacht, die grosse zelle, sperrt sich selber auf und zu. drin das hämmern, drin die stirn: „schauen bauen schneien freuen.“ diese sprache war mal firn, dann feriendings, die leuchtet jeden heim. und wo soll das sein: „schnurz“. aber bärwurz, bärwurz,



III

ein rändlicher anstrich im sinne von land, oder glänzender wandsinn brennt dir im kopf. wer kennt ein gespräch über fichten, wen fichts an wenn,  „bei stress fallen die nadeln eher ab“. also abnabeln, schnee adeln,  die alte unterkunft: „alles markenware“. kalte päckchen, einander in den mund, solange sie reichen. überm deckchen derweil null empfang. nur der wald treibt sein stöberndes amt, er nimmt dich in weiße abführungszeichen.


(2012)

Uljana Wolf: meine schönste lengevitch. Gedichte.

Berlin (Kookbooks) 2013. 80 S., 19,90 Euro.


Walter Fabian Schmid

Drei Bögen : Böbrach


Manchmal bekommt man erst mit der letzten Zeile eines Gedichtes den entscheidenden Hinweis, um mit Sicherheit sagen zu können, was der Kern eines Textes ist. Wer mit Böbrach noch nicht allzuviel anfangen kann, dem genügt vielleicht das Diktum „der wald sei dem fremden“, um auf das medial immer wieder präsente und umstrittene Asyl im Bayerischen Wald zu stossen. Dort, in der ehemaligen Pension „Ferienparadies“, wird die Idylle zu einer Isolation, denn das Heim ist so abgeschieden, dass es selbst der zuständige Integrationsbeauftragte der bayerischen Staats-regierung fast nicht gefunden hätte. Bis ins Dorf, das nicht mehr bietet als einen Getränkemarkt und ein Schnaps-Museum mit Bärwurz-Schaubrennerei, sind es zwei Kilometer, die nächsten, wirklichen Einkaufsmöglichkeiten liegen sechs Kilometer entfernt, die Busse fahren viermal täglich.

Dank „Nachbesserungen“ läuft mittlerweile wenigstens die Heizung, es gibt Handyempfang und einen Fernseher. Internet folgt, Sprachkurse sollen ebenso folgen und die Essenspakete werden bald eingestellt, damit die Flüchtlinge selbstbestimmt einkaufen können – „Das hilft auch gegen Langeweile“ (O-Ton Rosi Steinberger, Landtags-abgeordnete der Grünen). Genau diese Langeweile treibt die Flüchtlinge aber in den Wahnsinn, was bei Uljana Wolf zu „wandsinn“ wird, weil ihnen nichts bleibt ausser die Wand anzustarren. Erstveröffentlicht Anfang 2012 thematisieren Drei Bögen : Böbrach aber noch den Zeit-raum vor diesen „Nachbesserungen“.

Deswegen kann man den Texten auch nicht vorwerfen, sie würden Aversionen gegen die Asylunterkunft schüren, indem sie Mängel zu prominent beschwören; sondern sie nähern sich einfühlsam der Isolationssituation. Im Vorder-grund steht das – auch durch die Residenzpflicht verursachte – ausweglose Ausgesetztsein, das zusammen-trifft mit der Trostlosigkeit inmitten der bedrohlichen Ruhe des Waldes. Trotzdem wird der Gegend die vermeintliche Idylle nicht genommen, denn sie ist es ja, die beengt und laut bayerischem Flüchtlingsrat beinahe jeden Bewohner in psychiatrische Hände treibt.  

Wie viele Gedichte Uljana Wolfs ist auch dieser kleine Zyklus politisch motiviert. Da sich die Politik hier aber in die Geographie verlagert, geht Wolf logischer Weise den Weg über die Natur. Und über die Sprache. Die Konfrontation der Texte mit O-Tönen von Bewohnern und Entscheidungsträgern, die eine mögliche Änderung der Situation rigide an den Rand drängen, akzentuieren die vorherrschende Ausgrenzung durch Ignoranz. Und diese Ignoranz hat sich in die Sprache abgelagert wie Schnee in der Landschaft – sie belastet, deckt zu und verschweigt, gibt sich unschuldig weiss, aber schafft sogar aus und kriminalisiert, wo sie mit ihren „abführungszeichen“ zu Schrift wird, wie sie etwa in amtlichen Dokumenten landen könnte.

Als Ausdruck der raffinierten Poetik Uljana Wolfs sind Drei Bögen : Böbrach detailreiche, investigative Gedichte, die zunächst etwas naiv und leicht daherkommen. Aber hinter der verspielten Heiterkeit verbergen sich handfeste existenzielle Bedrohungen, die mit subtilen Bildern des Ein- und Ausgeschlossenseins verarbeitet werden.

Uljana Wolf

Walter Fabian Schmid

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