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Ulf Stolterfoht: neu-jerusalem

Rezensionen



Michael Braun

Das Schöneberger Himmelreich


Ulf Stolterfohts langes Gedicht „neu-jerusalem“



Ulf Stolterfoht, der bekannteste und umtriebigste Aktivist der experimentellen Poesie in Deutschland, hat ein religiöses Buch wider Willen geschrieben. Diese Feststellung ist für die Apologeten der reinen Lehre des experimentellen Gedichts sicher ein Sakrileg ersten Ranges. Und der Autor selber, das darf man unterstellen, wird über eine solche Lesart seines langen Gedichts „neu-jerusalem“, die von einer gewissermaßen unfreiwilligen Sakralisierung des poetischen Stoffs ausgeht, nicht sonderlich glücklich sein. Hat er doch an vielen Stellen seines Gedichts die einschlägigen Warntafeln aufgestellt und reichlich ironische Konterbande eingestreut, um eine naive Rezeption abzuwehren und die religiösen Strahlungen des Stoffs im Zaum zu halten.

Erst kürzlich hat ein kluger Exeget seiner Gedichte noch einmal die Prämissen jedweder Stolterfoht-Interpretation zusammengefasst. Stolterfohts Dichtung, so resümierte Daniel Graf in „Sprache im technischen Zeitalter“ (Heft 212, 2o14), interessiere sich vorwiegend für die instabilen Verhältnisse zwischen den Wörtern und ihren Bedeutungen; und sie arbeite stetig an einer Auflösung aller festen semantischen Bindungen. Für den Dichter sei es ein großes Sprach-vergnügen, den Transformationen und Kollisionen der Wörter bei ihrer Übersetzung in eine andere Sprache zuzusehen und auch aus Zufallseffekten Poesie zu generieren. Und auch Stolterfoht selbst hat schon häufiger gefragt, ob „Fehler-haftigkeit womöglich eine Existenzbedingung“ für die Poesie darstellt. All diese sprachkritischen Überlegungen passen aber nicht so recht zu „neu-jerusalem“.
Denn wie lässt sich ein religiöser Stoff auf Distanz halten, wenn erst einmal seine mythopoetischen Energien geweckt sind?

Bereits der Auftakt von „neu-jerusalem“ zitiert ja ausführlich, über vier Gedicht-Teile hinweg, die Lutherbibel, und zwar die entscheidenden Kapitel aus der Offenbarung des Johannes, dem phantasmagorischsten Buch des Neuen Testaments. Die langen Zitatstrecken werden ironisch relativiert durch allerlei lässige, beiläufige, kauzige Bemerkungen in „fünf briefen des verfassers“. Aber dieses ironische Versspiel kommt kaum an gegen den prophetischen Ton und die visionäre Wucht der apokalyptischen Verkündigung.

Worum geht es im einzelnen?
Das in neun Kapitel gegliederte langes Poem „neu-jerusalem“ behandelt ein großes Thema – nämlich die Auswanderungsbewegung radikaler Pietisten im 18. und 19. Jahrhundert nach Amerika und in den Kaukasus, wo sie ihr neues Himmelreich  errichten wollten. Wie es Ulf Stolterfohts Art ist, hat er sich den historischen Stoff in sprachanarchistischer Manier angeeignet und in eine Geschichte religiöser, politischer und ästhetischer Dissidenz umgewandelt. Seine gottesfürchtigen Pilger nach „neu-jerusalem“, die Wagenblast, Mutter Johanna, Herr Sebulon, Blutjesus oder auch Mösenfinger-Ludwig heißen, wollen ihr frommes Utopia in Berlin-Schöneberg errichten. Sie hängen vorwiegend einer naturmystischen und libertinistischen Spielart des Pietismus an, die sich offenbar am historischen Vorbild der sogenannten Buttlarschen Rotte orientiert, die um 1700 durch eine frühe Form der Libertinage und Sexbesessenheit öffentliche Aufmerksamkeit erregte. Bereits in seinem ethnologischen Gedicht „holzrauch über heslach“ (2007) hatte der Schwabe und Wahl-Berliner Stolterfoht die ausgefallenen nonkonformistischen Rituale einer antibürgerlichen Subkultur vergegenwärtigt. In seinem neuen Werk gilt seine Aufmerksamkeit einigen pietistischen Freigeistern, die in einem Kapitel sogar mit dem deutschen Bundeskriminalamt in Konflikt geraten.
Wenn Stolterfoht vom großen Aufbruch der Erweckten ins neue Utopia berichtet, dann mobilisiert er die für ihn typische Sprachkomik, die er aus der Erforschung der regionalen Wurzeln der frommen Pilger ableitet. Hier zeigt er seine sprachakrobatische Meisterschaft:


sie alle waren damals gleichfalls auf der strasse...
männer von rheydt; speckschweizer erweckte; predigtscheue von
beuthen; schwadron „ich diene“ und andere geschlechtsabweichler
laupheimer mucker; ledige mütter; sodomiten; böhme-versöhnte;
radikale marien und freie susannen (zum teil mit gliedpfannen);
versprengte gerenkte; die gelinden bringer von singen; klempe-/

rer; schweinfurter künder der durft...



In den sprachkomischen Furor brechen aber immer wieder religiöse Emphasen ein, visionäre Erleuchtungen und innige Bekenntnisse einzelner Figuren, die das profane Vorhaben einer „Entsemantisierung der Kunst“ – so das zentrale Credo Stolterfohts – ganz gehörig ins Wanken bringen. So auch, wenn aus der Innenperspektive von „Mutter Johanna“ naturmagische und pantheistische Phantasien zur Artikulation drängen:

schlafbaum, lilie, klee, bitterbirne, efeubaum, dauerklee: ich
weiß, dass du im schlafbaum wohnst. bist du in feindschaft
mit dem klee? ich weiß es eh. ich weiß so viel, ich weiß, dass
lilienkraft zerstäubt, so man die wurzel schont. ich weiß, dass
bitterbirne züchtig riecht. weiß, dass...mein gott, ich weiß

so vieles. ein bild von frau im efeubaum – allein, weil ich es
will. ich will, dass du mir einen schemel baust. den ring zer-
kaust. ich fühle dauerklee in mir...



Es gehört zu den großen Reizen dieses wunderbaren Buches, dass die semantische De-Regulierung, der sich der Autor verschrieben hat, nur punktuell gelingt und sich hinter dem Rücken der sprachexperimentellen Poetik ein starkes Comeback mythologischer Erzählkohärenz ankündigt. Der Autor entfaltet seine Geschichte pietistischer Renitenz in weiten erzählerischen Bögen, wobei diese narrativen Elemente sprachkritisch nur teilweise ironisch dekonstruierbar sind.
„Dieser text ist ein biest“, heißt es denn auch am Ende von „neu-jerusalem“. Und tatsächlich finden wir in diesem langen Gedicht so weite Strecken ekstatischer Monologe, nicht nur von der pietistischen Übermutter Johanna, sondern auch vom Charismatiker Wagenblast, dass die ironischen Depotenzierungsstrategien des Autors daran abprallen. „Religionen sind Gedichte“, hat der australische Weltpoet Les Murray einmal geschrieben. Diese Einsicht hat sich auch in Ulf Stolterfohts „neu-jerusalem“ durchgesetzt – auch wenn der Dichter selbst die semantischen Bindekräfte der Religion scheut wie der sprichwörtliche Teufel das Weihwasser.



Ulf Stolterfoht: neu-jerusalem. Gedicht. Kookbooks Verlag, Berlin 2015. 104 Seiten, 19,90 Euro.

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