Direkt zum Seiteninhalt

Ulf Großmann: Nachtränder

Rezensionen / Verlage


Armin Steigenberger

Subtile Anklagen unter dem Schwarz


Kaleidoskop

die Farben der Welt kann ich nicht mehr hören
und das Sehen vergeht mir schon beim Gedanken
an den Geruch dieser Zeit kann ich mich nicht
gewöhnen und gegen das Schütteln
habe ich vom Arzt Tabletten bekommen

Der eigentliche Gesang findet unter dem Schwarz statt. Schon sehr lange ist mir ein Künstler (dessen Namen ich leider nicht mehr weiß) im Gedächtnis, ein junger Maler aus den späten 198oern, über den ich in jenen Tagen im TV einen Beitrag in einer Doku gesehen hatte. Er malte (ähnlich Gerhard Richter) großflächige Bilder in mehreren Sitzungen, farbenfroh und meist abstrakt, aber auch sporadisch mit gegenständlichen Motive wie Schmetterlingen, bunten Fischen und Blüten, oft mit kleinsten Pinseln fein und detailreich ausgestaltet, die er im letzten Durchgang mit schwarz glänzendem Lack fast komplett übermalte – sodass unter den sehr schwarzen Flächen nur noch an den Rändern Fragmente des Panaschierten stehenblieben. Der Titel und auch die Texte des Gedichtbandes Ulf Großmanns erinnerten mich daran. Manchmal blitzt ein Wort auf, das unter dem schwarzen Monochrom hervorlugt. Schon das Cover ist schwarz; in verwackelten Lichtreflexen funkeln Nachtränder.

Ulf Großmanns Lyrikdebüt¹ eines in Kürze 50-jährigen Autors macht es seinen Leser*innen nicht leicht. Erst nach einer ganzen Weile begann ich, die Texte liebzugewinnen – etwa zur Hälfte des Bandes, und erst in einer Art rückblickendem Verstehen. Vor allem die Veritabilität (und auch die Verletz-lichkeit), sprich eine beharrliche Wahrhaftigkeit, packte mich. Wo heute Gedichte sehr leicht klingen (wodurch sie erwartungsgemäß stromlinienförmiger und auch schicker werden), auch wenn sie Inhalte verhandeln, die im Grunde schwer fassbar sind und an die Nieren gehen, – ist es hier genau umgekehrt. Großmanns Texte waren für mich anfangs sehr schwer zugänglich, klangen bleischwer, entwickelten in ihrem Sound nicht wenig Pathos, Larmoyanz und Bitterkeit.

Sie fingen sprachlich in keiner Weise an, farbig zu schillern, blieben sich dafür selber treu in ihrer handfesten, geradezu trotzigen Ergriffenheit – also da, wo man heutzutage großen Spaß hat an sprachlich oft nahezu banalen, superleichten aber raffinierten Wortspielen und explizit Emotionales, „Herzerwärmendes“ vorsichtig ausklammert, sind Großmanns Gedichte schlicht, greifbar, „geerdet“ und einheitsschwarz im nackten Ornat unserer Nacht.

Aus dem Gedicht räumen:

(...)
ich überrede die Farbe
an der Wand zu bleiben
(…)

Es sind subtile Anklagen: Gedichte, bei denen einem das Lächeln (das manche der Bilder fast abverlangen) sofort wieder auf den Lippen einfrieren lässt. Die Bestatter, die Friedhofsmauern, die Narben sind das dingliche bzw. personelle Repertoire dieser Gedichte. Tod und Vergänglichkeit werden motivisch durchdekliniert. (...) mein kühler Prinz / kompostiert lehne ich mich / an das Gedächtnis des Baumes. Von unterhalb, aus dem Grabraum also, wird z. B. ein Vergissmeinnicht gepflanzt. Es sind die Keller, es ist verbrauchter Atem, der Räume füllt: eine dunkle Welt voller Seitenhiebe und Angriffe auf die Öde der zivilisatorisch zurecht geformten Welt Anspielungen auf zaunbegradigte Landschaften und manchmal auch kommentierend, Gesellschaftskritisches konstatie-rend.

Anfangs spürte ich bei Ulf Großmanns Gedichten einen starken Widerstand. Das hat etwas damit zu tun, dass mir die Gedichte auf den ersten Seiten des Bandes zu drastisch, zu ausgesprochen, zu inhalts-„schwer“, ja zu inhaltsfixiert erschienen und dass das, was ich sonst an Dichtung liebe, kaum stattfindet – nämlich all die poetisch kaum fassbaren Funde an der Schwelle des Kaum-noch-Sagbaren (auch wenn diese nunmehr unter Klischeeverdacht stehen), wo viele leisere Zwischentöne vernehmbar werden und ein lange abgewogenes Spiel aus Sprache und Inhalt sich Gehör verschafft, so dass quasi ein neuer Raum aufgeht, in dem man sich als Leser vorher noch nie befunden hat. So in etwa würde ich mein Erlebnis mit gegenwärtiger Poesie beschreiben wollen – für mich bislang das Reizvolle an zeitgenössischer Lyrik.

Bei Großmann passierte für mich zunächst ein fast ungebärdiger Einstieg, und zwar gleich in die Vollen, mit „krassen“ (!) (und fast zynischen) Bildern, die ich zudem sprachlich wenig reizvoll empfand. Hier verfloss für mein erstes Abwägen Authentisches und Fiktives sehr, zu sehr, ineinander – selbst die Gewohnheit zu rauchen fließt immer wieder 1:1 in die Gedichte. Ich dachte: Sie sind durchschaubar da, wo ich sie mir rätselhaft wünsche. Sie sind sachlich und konstatierend da, wo ich sie mir subjektiv und tastend wünsche. Diese Gedichte sagen von Anfang an hemmungslos Ich². – Superlativistische Selfies?

Morgenmelodie

Ich drücke den Tag
aus der Tube
die Zahnpasta
putze mit Radiomelodie
mein Lächeln perfekt
ich scheide aus und spüle
mich frisch pelle das Ei
mit allen Wassern gewaschen
plötzlich blutet
zurückgezogenes Zahnfleisch
das Radio hat schlechte Nachrichten
ich muss Tabletten einwerfen
mein Blick streift den Aschenbecher
ich trete auf der Stelle
meine Stelle
als Irrgärtner an
                     
Immer wieder las ich dieses Eingangsgedicht des Bands, ein erster, heftiger Vorgeschmack, fand keinen Zugang. Ein krasses Bild eines Tages, der sich aus der Tube quetschen lässt, vermischt mit Parodontose-Slogans aus der Zahnpastawerbung. Die Nuancen fehlten, die langsam einwirkenden Bilder – ohne effektöse Hingucker, pralle Sprache und reißerische Pointen. Zu laut! Zu grell! Zu ambitiös! Und so sehr ich gleich den Irrgärtner am Ende des allerersten Gedichtes mochte, der mich in meinem Stirnrunzeln noch einmal innehalten ließ, so sehr klebte an ihm auch ein Schildchen, auf dem stand: Ich bin eine originelle Pointe. Später im Buch kommen die Irrsplitter³ und so schienen mir also Zweifachkomposita (die ich in Gedichten ohnehin nicht sonderlich mag, die sich hier aber wild tummeln: Nachtränder Rasenstück Hausfluchten Irrsplitter Samtnetz Reizzehrung) ein recht probates Mittel zum Zweck, Poesie entstehen zu lassen. Und der Säbelzahn tigert durch den Kalauer.

Insgesamt schien es mir zunächst, dass Dinge, die längst keine*r mehr macht, die fast ausgestorben sind, hier zombiehaft auferstanden sind. Ein Gedichtband aus den späten 1980ern, 2018 erschienen? So lasen sich für mich die ersten zehn Texte als (sagen wir:) Elegien, in denen ein Wort wie „Seele noch ungebrochen ihr naiv-glorreiches Dasein feiert. Hätte ich nicht „einen Band vorher“ Konstantin Ames’ dritten Teil seiner sTiLe-Tetralogie gelesen, ich hätte mich vermutlich nicht so sehr über alles „Restelegische in diesem Band gewundert. Inmitten dieser Bekenntnisse und Selbsteinsichten dreht sich das ewige Hamsterrad eines frustrierten Arbeitnehmers, der nicht vom Fleck kommt. Die Gedichte sind fein und subtil da, wo man mitliest bzw. mitlesen muss, was sie nicht sagen. Von den Inhalten, von denen sie eigentlich künden, steht vermutlich nicht mehr als 2 bis 5 Prozent auf dem Papier. Der Rest ist übertüncht mit Schwärze. Mir erschien außerdem das sprachliche Repertoire sehr (um nicht zu sagen: zu) konventionell, nicht immer ausgeschöpft, um Sprache aufzubrechen, sprich ihr z. B. durch kleine Modifikationen neue Konnotationen abzuluchsen.

Und wo sind die messerscharfen, die kathartischen, die wahrnehmungssprengenden Tomas-Tranströmer-Bilder? Wo geht in diesen hintergründigen Anklagen Christine Lavant vorbei? Wo wird hier mit feinen Verschiebungen eines Ernst Jandl gearbeitet, mit meinetwegen Ginsbergschen Litaneien?

Moment ... kann ich mich so Gedichten nähern? Indem ich, meine eigene Nomenklatur herunter ratternd, einen Band defizitär abklopfe? Sollte ich nicht eher fragen: Was kann dieser Debütband, was andere Bände nicht können? Das scheint mir hier angemessener. Wenn jemand so spät debütiert und so viele lange Jahre sammelt, muss es dafür Gründe geben, vielleicht auch Abgründe.

ich melke den Himmel

ich fresse die Welt
und den Kühlschrank leer
im Spalier der Gummibärchen
kotz ich mich aus
ist meine Toilette still
unter den Schwingen
des Spülkastenadlers
bin ich sicher im Starrsinn
einer der besseren Tage           

Schließlich wurden mir Großmanns Gedichte von einem Dritten einmal beschrieben als „krank“ und „infizierend“. Kerstin Becker schrieb in ihrem Nachwort: Versehrte Stimmen vom Rand, aus dem Abseits, jenseits farbiger, sauerstoffreicher Wohlfühl-, Reise- und Wellnesszonen werden vernehmbar. Und sie schreibt weiter: Die auf wesentliche Daseins-Fixpunkte konzentrierten Gedichte bringen das Lebendgewicht vieler Entstehungsjahre mit. Und einmal mehr merkte ich, wie sehr man sich doch auch manchmal selbst im Weg steht mit seinen Erwartungshaltungen. Für mich müssen (– und diese Selbsteinsicht ist eigentlich schmerzlich!) Gedichte unterdessen einen ganzen Katalog erfüllen, obwohl es ja immer heißt: Gedichte müssen erst mal gar nix. Und trotzdem schlägt einem da so manches schnell auf den Magen.

Aus dem Gedicht Reduktion:

(…)
mit meiner Katze übte ich
das berufliche Wasserboarding
bis ich sie vergraben musste

ich schlief mit einer Frau
weniger zärtlich als nötig
sah ihr nicht in die Augen
(…)           

Liebe ist in Großmanns Dichtungen ein stetiger Auflösungsprozess, dem immer wieder mit bitterer Ironie begegnet wird. Das Gedicht Aussprache thematisiert das Ende einer Beziehung. Durch Lippen und Kussknopsen wird Erotik markiert, und mit der Verszeile so sollte man Abschiede diskutieren endigt das Gedicht. Im nachfolgenden Text vorerst heißt es dein Abschiedsbrief pinnt / im Korridor. Ein Beziehungsarchäologe tritt auf. Das Du in diesen Texten ist ein phantomartig fernes, schier unerreichbares Ideal, ein Hochglanzabzug. Das lyrische Ich kauft wieder Melancholie / in den gütigen Zimtläden. Gleichzeitig wird es buchstäblich desavouiert, dein glockiges Haar läutet blond / benudelte Werbung mit Gottes Segen. Hitchcocks Psycho wird aufgerufen, um den eigenen Zustand zu beschreiben, unter der Dusche wird an Bates gedacht.

Es sind Texte, denen man sich anders nähern muss. Was ich natürlich als Wessi – jeglicher Recherche zum Trotz – kaum wirklich hinbekomme: die DDR-Tristesse, um die es vermutlich auch geht, in den Bildern wiederzufinden oder gewisse (klandestine?) Codes eines Dichters, der im sozialistischen Ostdeutschland aufgewachsen ist, aufzuschlüsseln. Aber es müsste ja auch so gehen. Kerstin Beckers Klappentext war dabei eine große Hilfe, nicht gleich aufzugeben. Auch das lyrische Ich in den Texten gibt nicht auf. Ich glaube, es ist die Ernsthaftigkeit, die einen „dann doch“ bewegt. Wie wahrhaftig hier ein Autor am Suchen, Versuchen, am Hinterfragen ist. Dabei habe ich eigentlich ziemlich was gegen tagesformhafte Befindlichkeitslyrik. Wo ein*e Autor*in vor dem lauernden Miniobjektiv des eigenen Smartphones lümmelt und sich in allen erdenklichen Posen ständig selber textuell ablichtet. Ulf Großmanns Dichtung scheint mir dagegen regelrecht transparent und durchscheinend in ihrer Authentizität, zu 100 Prozent ehrlich, glaubwürdig durchlebt, „echt“. Ich glaube diesen Gedichten jedes Wort. Es ist tatsächlich überhaupt keine schöne Wahrheit, eher das Antiheldengesicht eines (wie es oft  abfällig heißt:) „Losers“, das man hier zu sehen bekommt. Gerade durch die Schriftart Courier mit ihrer breiten Typographie und dem engen Absatz entsteht eine ganz eigene Komposition.

Ordnungen

gelegentlich bin ich
am Leben beteiligt
als Eintagsfliege
für Sekunden
der Nachbar des Tages
trägt eine Sichel
für mich bei sich
gelegentlich habe ich ihm
ein Gesicht gegeben                    

Texte wie Kaleidoskop (siehe Anfang) liefern mir dann also doch noch das, was ich anfangs vermisst habe, nämlich das Spiel mit der Sprache um Wahrnehmung, die fluiden Objekte, wie sie sich sinnverschieben und wie ein Kaleidoskop changieren: in Erinnerungskomödien wird ein Lendenscherz getragen, der Ausblick zeigt im Titelgedicht ein gedürertes Rasenstück, die Worte entgleiten und entkleiden stehen direkt untereinander im Gedicht.

Geradezu erschüttert von Ulf Großmanns Gedichten, die unter die Haut gehen, deren durchgängige Morbidität ergreift, jedes Geistergesicht im Schaufenster, bleiben mir nach der Lektüre der Nachtränder Gedichte im Gedächtnis, die nicht zuletzt fragen, wie soll ich mir meine Trostlosigkeit beschreiben – starker Tobak aus Verlierersicht – über eine Welt der Aufschwünge, DAX-Kurven und geschönten Wirtschaftsprognosen. Das lyrische Ich dieser Gedichte gehört nicht dazu. Es spricht stattdessen bereits im allerersten Text vom Ausscheiden. Es sind vereinsamte, verlassene, in den Wohnungswinkeln vegetierende Protagonisten, die mit den unbezahlten Stromrechnungen / Aldibeuteln und dreckigen Hamstern mehr existieren müssen als leben können; Menschen, die am versprochenen Wohlstand nicht teilhaben. Hier bekommen Protagonisten „vom Rand“ eine Stimme, die der Dichter mit finsterer, goyaesker Pinselführung zeichnet. Menschen, die im Schatten kommerziellen Erfolgsgetöses, konsumistischem Überfluss und selbstbezüglicher Nabelschau ein nicht wahrgenommenes, außenseiterhaftes Dasein fristen. Der schleichend grassierenden Perversion des Geldmarktes, dem alltägliche Augenverschließen und dem Zugriff staatlicher Behörden schutzlos ausgeliefert.

Dennoch gibt es einen Widerstand, gibt es ein widerständiges lyrisches Ich, das versucht, sich selbst aus dem Schlamassel [zu] ziehen. Ulf Großmanns Gedichte haben das Potenzial aufzurütteln, gerade mit dem, was sie indirekt über jenes Außen sagen, das sich außerhalb des lyrischen Ich manifestiert. Sie stellen vieles in Frage, was uns als gesichert erscheint. Es braucht dazu vermutlich eine solch starke, drastische Sprache, um die Leser*innen mitzunehmen in diese Welt, um sie wachzurütteln und sie ihnen zu zeigen. Es gehört einiger Mut dazu, sich darauf einzulassen.
 

¹ Der Band ist tatsächlich Großmanns Lyrikdebüt, 2017 erschien der Erzählungsband Bescherung im Dresdner Buchverlag,
²  26 der 74 Gedichte fangen sogar mit “ich” an.
³  Im titelgebenden Gedicht Nachtränder.
⁴  Schwarze Affen / lausen meine Seele, aus dem Gedicht Tagesablauf.
⁵  Großmanns Gedicht elegisch beschwört eher eine grimmige Anti-Elegie.
⁶  Und ich gehe davon aus, dass im Sinne einer stetigen, zielgerichteten Optimierung vieles dabei ausgetauscht wurde.
⁷  Von Kerstin Becker im Nachwort als “DDR Nachhall” beschrieben.


Ulf Großmann (* 31. Dezember 1968 in Freiberg) ist ein deutscher Schriftsteller, Lyriker und Herausgeber. Großmann veröffentlicht Lyrik, Belletristik und Rezensionen in Zeit-schriften und Anthologien (u. a. außerdem, wortwerk, Das Magazin) und wirkt zudem als Herausgeber. Er war viele Jahre Redakteur der Zeitschrift für Literatur und Kunst Ostragehege. Neben zahlreichen Preisen und Auszeichnungen erhielt er zuletzt das Merck-Stipendium der Darmstädter Textwerkstatt (2013), die Auszeichnung Texte des Monats im Literaturhaus Zürich 2014, 2015 und 2016 sowie den Kammweg Förderpreis 2017. Ulf Großmann lebt und arbeitet in Dresden.
(bearbeitete Angaben aus Wikipedia)

Ulf Großmann: Nachtränder. Gedichte. Nettetal (Elif Verlag) 2018. 92 Seiten. 14,00 Euro.
Zurück zum Seiteninhalt