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Treffen junger Lesereihen mit Lyrik-Schwerpunkt

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»Nur ein Staunen kann dich (noch) retten«


Erstes Treffen junger Lesereihen mit Lyrik-Schwerpunkt im Lyrik Kabinett



Man hatte das Gefühl, einem Lyrikfrühling, der sich über den gesamten deutschsprachigen Raum erstreckt, beizuwohnen, an diesem dynamisch und abwechslungsreich gestalteten Abend, Samstag, den 21. Februar 2015. Auch an Transparenz fehlte es der Veranstaltung nicht, da man zunächst umfassend über Ergebnisse und Themenschwerpunkte dieses ersten Treffens der Veranstalter junger Lesereihen informiert wurde, bevor man eine unterhaltsame und dichte Lesung genießen durfte. Der Abend gliederte sich also in einen informativen und einen kreativen, oder anders gesagt, in einen theoretischen und einen praktischen Teil.

Von den Moderatoren Tristan Marquardt, Heike Fröhlich und Tillmann Severin wurden zunächst Diskussionsverlauf und Ergebnisse einer – am Tag zuvor und am Samstag bis in den Abend hinein stattfindenden – Klausurtagung vorgestellt und zusammengefasst. Dem Publikum, das abends dann zugelassen war, wurde es nun ermöglicht, den aktuellen Stand aus erster Hand zu erfahren.


 
 
 
 
 
 

V.l.n.r.: Tristan Marquardt, Ayna Steigerwald,
Daniel Bayerstorfer


 
 

An vielen Orten sind im letzten Jahr unabhängig voneinander junge Gruppierungen entstanden, um ehrenamtlich und ohne Kapital einen Rahmen für junge, noch nicht renommierte Autoren bzw. Lyriker zu schaffen. Diese Veranstaltungen sind in den jeweiligen Städten überaus erfolgreich und ziehen vor allem ein jüngeres Publikum an. Dabei ist es Ziel dieses ersten und bestimmt nicht letzten Treffens junger Lesereihen gewesen, Konzepte zu entwickeln, sich noch mehr zu vernetzen und Erfahrungen und Ideen auszutauschen.

Das Lyrik Kabinett in München als Austragungsort hätte für diesen Anlass kaum treffender gewählt sein können. Dass es auch für junge Akteure einen Platz bietet und so für alle Generationen aktueller deutschsprachiger Lyrik die Tür öffnet, kann nicht genug betont werden. Nicht zu vergessen, dass sich das Lyrik Kabinett ebenso auf privates Engagement stützt, ohne welches es diese einmalige Institution mit all ihren Facetten so nicht geben könnte.

Anwesend waren bei diesem ersten Treffen 13 Gruppierungen aus elf Städten.* Darunter auch Graz und Salzburg. Dabei konnte man nicht nur einen Eindruck von der jetzt schon erstaunlichen Reichweite dieser neuen Organe gewinnen, sondern auch unterschiedliche Konzepte kennenlernen, da jede Lesereihe von ihren Organisatoren beeinflusst wird und zunächst an örtliche Vorbedingungen gebunden ist.

Tristan Marquardt, der gemeinsam mit Tillmann Severin die Münchner Lesereihe »meine drei lyrischen ichs« veranstaltet und auch entscheidend an der Organisation des »Großen Tags der jungen Münchner Literatur« Anfang des Jahres mitgewirkt hat, betonte bei seiner Vorstellung der verschiedenen Gruppen vor allem den Reichtum an kreativer Innovation.

Zum Beispiel die Orte, die kreativen Räume: Derweil die einen in Lokalen auftreten (z.B. »Kabeljau & Dorsch« im Café Gelegenheiten in Berlin Neukölln, »niemerlang« in verschiedenen Leipziger Cafés und die seit letztem Oktober bestehende Lesereihe »Land in Sicht« im Cafe Fleur in Köln), lesen die Lyriker der »zwischen/miete« in Freiburg in wechselnden, privaten WGs. Dass auch der Privatraum für Lesungen genutzt wird und großen Zulauf verzeichnen kann, zeigt das Bedürfnis junger Leute nach einer gemütlichen Atmosphäre für die Präsentation von Lyrik. Auch gab es schon Lesungen in einem Gummibärchenladen sowie in einem Fleischwarenfachgeschäft. Nutzbaren Räumen scheinen keine Grenzen gesetzt zu sein.

Neben der breiten Palette an Vortragsorten ist auch eine Vielfalt der Formate und neuen Konzepte für Lesungen beeindruckend. Während die »Dichtungsfans« in Frankfurt u.a. in ihrer Reihe »Undercover« fremde Texte lesen und am Ende der Veranstaltung das Publikum entscheiden lassen, welcher am besten gefallen hat, ohne dass es informiert worden ist, wer ihn verfasst hat, werden beim »hörgeREDE-Festival« in Graz Performances präsentiert, die zwischen Lyrikern und Musikern 4-5 Monate lang erarbeitet worden sind. So wird eine musikalische Begleitung, zu der nach bestehendem Programm gelesen wird, vermieden. Vielmehr gilt es, eine Öffnung hin zum Dialogischen beider Formen zu generieren, damit ein gemeinsames künstlerisches Werk entsteht.

In jedem Fall, das haben alle Lesereihen trotz unterschiedlicher Präsentationsformen gemeinsam, steht der gelesene Text im Zentrum. Das Bedürfnis nach Raum für Lyrik gehe dabei mit dem Bestreben einher, eine angenehme und gemütliche Atmosphäre für Lyriker und Publikum zu schaffen, wodurch auch das Ausprobieren neuer Präsentationsformen erleichtert werde.
Tillmann Severin betonte, dass man durch die zu schaffende Atmosphäre, die allen Veranstaltern wichtig sei, mehr Aufmerksamkeit anstrebe und dafür ein gemeinsames Konzept entwickeln wolle, unter Weitergabe der Erfahrungswerte. Auf diese Weise möchte man die Lesereihen auch auf andere Städte ausweiten.

Heike Fröhlich ging, daran anknüpfend, auf Öffentlichkeitsarbeit ein und hob die Wichtigkeit der Mund-zu-Mund-Propaganda und ihre verstärkende Wirkung durch Social Media hervor. Man wolle auch den Kontakt zu Autoren pflegen, die bereits in den Lesereihen vorgetragen haben, und diese weiterhin begleiten. Vernetzung war und blieb eines der Hauptthemen des Treffens.

Die Praxis ziele zwar vor allem auf ein junges Publikum. Dabei wäre es aber eine spannende und bestimmt auf lange Sicht notwendige Aufgabe, die Kluft zwischen "traditionellem" Publikum und den jungen Lyrikbegeisterten zu überwinden.

Auch die Finanzierung scheint auf lange Sicht zum Problem zu werden. »Nichts treibt uns mehr um«, brachte es Tristan Marquardt auf den Punkt. Da ein Großteil der Lesereihen allein auf ehrenamtliches Engagement angewiesen sei – und die Tatsache, dass selbst Reihen wie die in München und Salzburg, als »rich kids«, um jeden Euro Unterstützung von der Stadt zu buhlen hätten, werde das Ziel, aus den Veranstaltungen dauerhafte Institutionen zu machen, zur großen Herausforderung.

Eine zusätzliche Quelle, aus der beispielsweise beim "Großen Tag der jungen Münchner Literatur" (am 24. Januar im Einstein Kultur) geschöpft wurde, sei die Querfinanzierung durch Partys und Eintrittsgeld, um allen jungen Autoren Gage und Reisekosten zahlen zu können.

Zwar empfinden sich die Lesereihen als Ergänzung zu bestehenden Literaturhäusern, aber nur in Freiburg scheint bisher eine Kooperation mit dem dortigen Literaturbüro gelungen zu sein. Auch durch den jüngst publizierten Beschwerdebrief der Leitung des Frankfurter Literaturhauses werde deutlich, dass die etablierten Institutionen die aufkommende junge Szene eher als Bedrohung denn als Bereicherung empfänden. Aufgrund dieser Situation sei ein gemeinsames und vernetztes Auftreten, die Verbündung der Akteure, umso wichtiger, wie sie beispielsweise schon von jungen Literaturmagazinen praktiziert werde.  

Das grundlegende Problem scheint, zusammengefasst, die Kommunikation mit dem institutionellen Literaturbetrieb zu sein. Dabei hätten doch auch junge Lyriker ohne Rang und Namen ein Anrecht darauf, anerkannt zu werden und sich als Literaten einer Stadt zu präsentieren. Der existierende scheinbar tiefe Graben zwischen etablierter Literatur und einer »Underground-Literaturszene« wäre nicht nötig, würden sich Lyrikinteressierte aller Altersgruppen austauschen und keine Hemmungen haben, aufeinander zuzugehen.

Man fragte sich, ein wenig beklommen, wie lange dieses Engagement ohne finanzielle Unterstützung aufrechterhalten werden könne, wenn auf Dauer von offizieller Seite keine oder zu wenig Unterstützung käme. Und ein »Wo sind wir in 10 Jahren?« wäre ohne einen ausreichenden finanziellen Rahmen nicht zu beantworten. Auf der anderen Seite befinde sich die junge Lyrikszene aber gerade am Anfang ihrer vernetzten Arbeit.
 
Die Kulturpolitik einer Stadt, so die Forderung, habe darauf achten, dass sich junge Autoren, der Nachwuchs, in den bestehenden Institutionen aufgenommen fühlten, inklusive der Freiheit, Eigenes zu schaffen und neue Konzepte zu entwickeln. Die Freiräume für Lyrik scheinen dabei unerschöpflich. Also sollte es auch im Sinne der Stadt sein, die kreativen Szenen zu fördern und ihnen dauerhaften Platz unter einem gemeinsamen Dach zu bieten. Dass sich ein Literaturhaus nur dem etablierten Literaturbetrieb verpflichtet fühle, sei befremdlich, zumal man so das junge Publikum, aber auch die jungen Lyriker verpasse. Kommunikation und Kooperation müssten unbedingt gefördert werden.   

Die am Nachmittag spontan entstandene Lesung, die sich als informeller Teil des Abends anschloss, zeigte die Lebendigkeit und Vielseitigkeit von Veranstaltern junger Lyrik, unter denen sich zugleich aber bereits publizierte, nicht mehr ganz so junge, erfolgreiche Lyriker befinden. Auf Carl-Christian Elze, der aus einem noch unveröffentlichten Zyklus mit dem Arbeitstitel: »Von Flughäfen und Geisterbahnen« las und damit eine besondere poetische Kraft aufwies, folgte eine amüsante Dialog-Lesung zwischen Christian Kreis aus Leipzig und Martin Piekar aus Frankfurt, die aufzeigte, wie sich Texte im Kontext des jeweils Anderen verändern.

Im zweiten Lese-Block kam Malte Abraham, einer der Initiatoren von Kabeljau & Dorsch aus Berlin, mit einem szenischen Text zu Wort, der sich thematisch mit der Arbeitswelt beschäftigt, was diesen Block im Vergleich zum ersten explizit politischer machte. Auch wurden davor Gedichte über Russland von Moritz Gause aus Jena vorgetragen, der das Stehpult benutzte.

Der dritte Block war der experimentellste. Die Münchner Tristan Marquardt, Ayna Steigerwald und Daniel Bayerstorfer lasen, dem Beispiel der »Undercover«-Reihe aus Frankfurt folgend, Texte ohne Namensnennung, was zu der interessanten Erfahrung führte, dass man tatsächlich den Text bewusster wahrnimmt, wenn man nicht weiß, von wem er stammt. Es wurde auch Live-Dichten, einmal schriftlich mithilfe von Laptop und Projektor, dann mündlich durch ein assoziatives Sprachspiel zwischen Marquardt und Bayerstorfer, vorgeführt.

 
 
 
 
 


Am Ende konnte man sagen, einem bunten, erfrischenden und inspirativen Abend zugehört zu haben. Es wäre zu wünschen, dass solche Veranstaltungen erhalten und ausgebaut werden, und die „Jungen“ wirklich das Gefühl bekommen, als Dichter in ihrer jeweiligen Stadt und darüber hinaus willkommen und erwünscht zu sein. Auch sollte dem Stammpublikum lyrischer Veranstaltungen die aktuelle Entwicklung jungen Schreibens nicht verschlossen werden – schön, wenn es somit zu einer Durchmischung des Publikums käme.


Katharina Kohm



*  Liste & Internetpräsenz der Organisatoren junger Lesereihen im deutschsprachigen Raum:

»dichtungsfans«, Frankfurt a. Main
http://dichtungsfans.tumblr.com/

»hausdurchsuchung«, Leipzig
http://www.hausdurchsuchung-leipzig.de/

»hoergeREDE«, Graz (festival for sound, art and new poetry)
http://2014.hoergerede.at/festival/

»Kabeljau & Dorsch«, Berlin
http://kabeljau-und-dorsch.de/

»kellerkultur«, Göttingen
http://kalender.goettingen.de/site/1/index.php?tid=530717&member=2

»kulturkeule«, Salzburg
http://mosaikzeitschrift.com/tag/kulturkeule/

»Land in Sicht«, Köln
http://www.landinsicht.koeln/

»Liaison«, München
http://www.literaturseiten-muenchen.de/2014/05/liaison-die-lesereihe-im-keller-der-kleinen-kunste-n%C2%B02/

»meine drei lyrischen ichs«, München
https://meinedreilyrischenichs.wordpress.com/

»niemerlang«, Leipzig
http://www.babelsprech.org/buehne-frei-niemerlang-berlinleipzig/

»prosanova«, Hildesheim (Literaturfestival, initiiert von der Zeitschrift für deutschsprachige Gegenwartsliteratur »bella triste«
http://bellatriste.de/?page_id=710)
http://prosanova.net/

»Wortwechsel«, Jena
http://www.wortwechsel-jena.de/3-jenaer-lyrikgesprach/

»zwischen/miete«, Freiburg
http://www.literaturbuero-freiburg.de/cms/zwischen_miete.452.0.html

 
 
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