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Transistor 1

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Michael Braun

Zeitschrift des Monats


Transistor 1. Zeitschrift für zeitgenössische Lyrik



„Ein gut Teil dessen, was heute als Lyrik angeboten wird und prosperiert, ist steckengebliebene Prosa, ist Schwundform des Essays, ist Tagebuch im Stammel-Look.“
  So nassforsch und begrifflich rustikal attackierte der große Germanist Peter Wapnewski vor nunmehr vierzig Jahren die sich im Gewand eines neuen Subjektivismus präsentierende Poesie der 1970er Jahre. In einer wuchtigen Polemik in der ZEIT formulierte er damals einen Generalverdacht gegen die Gegenwartslyrik, der bis heute nachwirkt – und auch bei so manch oberflächlichem Leser der Dichtung des 21. Jahrhunderts grimmige Zustimmung auslöst.
    Wapnewski generierte mit seiner Philippika einen heftigen Streit um die Ästhetizität der damals auf eine (fragwürdige) sinnliche Unmittelbarkeit gerichteten Erlebnispoesie. Ihm assistierte 1977 mit heftigen Vorwürfen in Richtung der Repräsentanten der „Alltagslyrik“ der leidenschaftliche Literaturwissenschaftler Jörg Drews. Widerspruch kam fast nur von Jürgen Theobaldy, der die riskante These ausstreute, „dass Gedichte heute nicht aus Verzweiflung vor der Unzulänglichkeit der Sprache geschrieben werden, sondern vor der Unzulänglichkeit der Welt“.
    Unter den völlig veränderten medientechnischen Bedingungen des 21. Jahrhunderts, in dem das Reden und Schreiben über Dichtung in einer sehr beschränkten Partikular-Öffentlichkeit stattfindet, positioniert sich nun eine neue Lyrik-Zeitschrift, die sich vor allem den ästhetischen Strategien und Artikulationsformen innerhalb der Jungen Lyrik widmet. Freilich mit einem ganz anderen Erkenntnisinteresse als dem Wapnewski-Furor des Jahres 1977.
 „Transistor“, die „Zeitschrift für zeitgenössische Lyrik“, wird von Saskia Warzecha, David Frühauf und Alexander Kappe herausgegeben, drei jungen Stimmen der Gegenwartspoesie. Alle drei haben am Leipziger Literaturinstitut studiert, alle drei sind Jahrgang 1987.  Für das erste Heft haben die drei „Transistor“-Macher für ihre kritische Momentaufnahme der „vielfältigen Lyrikproduktion“ die inspiriertesten und kundigsten Stimmen der derzeitigen Lyrik-Debatte eingeladen: nämlich den Literaturwissenschaftler Maximilian Mengeringhaus und die Lyriker Hendrik Jackson und Alexandru Bulucz.  Mengeringhaus brilliert schon seit einiger Zeit mit lyrik-kritischen Interventionen im „Logbuch Suhrkamp“, etwa mit einem Beitrag zu Walter Höllerers legendären „Thesen zum langen Gedicht“. In „Transistor“ erinnert er nun daran, dass eine Lyrik-Kritik, die ihren Namen verdient, ohne Grundkenntnisse in Gattungstheorie und Hermeneutik nicht zu haben ist. Ein so formidabler Kopf wie Peter Szondi (1929-1971), der zwar in der Literaturwissenschaft zu den Pflichtautoren gehört, dessen Name indes in den Lyrik-Diskussionen der letzten Jahre kaum präsent war, ist im Grunde auch für die heutige Lyrik-Kritik ein Wegweiser. Szondis Forderung, poetische Werke mit einer Versenkung in die „Logik ihres Produziertseins“ zu erschließen, ist immer noch die Conditio sine qua non der Lyrik-Kritik. „Es braucht eine für die Lyrik relevante Hermeneutik“, so bilanziert nun Mengeringhaus, „die Performances lesen kann und medienkombinatorisch nicht sogleich überfordert ist.“ Mit ähnlicher Eloquenz ziehen in „Transistor“ auch Hendrik Jackson und Alexandru Bulucz ihre Argumentations-Linien. Jackson verweist in der Tradition der Frühromantik auf die „Interferenzen zwischen Kritik und Poesie“ und formuliert seine Erwartungen an eine Kritik, die sich vom Ritual der „Zurecht- und Platzanweisungen“ emanzipiert und mit „Schwärmen umhertorkelnder Zeichen“ auf Augenhöhe mit der Poesie bleibt. Bulucz diagnostiziert in seiner „Analogien“-Collage die „unbekömmliche Asymmetrie“ der „Literaturliteratur“: „Literatur, die den Namen verdient, ist eine unbekömmliche Asymmetrie, die ist ein >overlap<, ein Überstand, ein Überhang, doch stets mit Kontext.“
    Daneben steht der Protest von Karla Reimert-Montasser gegen eine „Lyrikkritik als männliche Deutungsmaschine“ -  tatsächlich gibt es außer Insa Wilke, Beate Tröger, Maren Jäger und Kristina Maidt-Zinke kaum Lyrik-Kritikerinnen, die öffentlich sichtbar sind.
    Die Beiträge zur Lyrikkritik im „Transistor“-Dossier werden flankiert von einigen bedeutenden lyrischen Erstveröffentlichungen, u.a. dem phänomenalen Lyrik-Zyklus „Königreich des Regens“, mit dem Yevgenij Breyger im März den Leonce-und-Lena-Preis errang.
    Was indes fehlt in dieser äußerst bemerkenswerten Momentaufnahme der gegenwärtigen Lyrik, sind kritische Tiefbohrungen in einzelnen Werken, wagemutige Duelle zwischen ästhetischen Positionen, argumentationsgestützte Angriffe oder Verteidigungen bestimmter Gedichtbücher. Den boshaften Gestus der Totalverwerfung einer bestimmten Schreibweise, wie ihn einst Wapnewski praktizierte, wird niemand vermissen. Sehr wohl aber die Interventionen für oder gegen ein exemplarisches lyrisches Werk der Gegenwart. Eine Lyrikkritik ohne Beispiele aber bleibt eine leere Drohung.


Transistor 1. Zeitschrift für zeitgenössische Lyrik. 124 Seiten, 8 Euro.
transistor@posteo.de
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