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Tom Schulz: Reisewarnung für Länder Meere Eisberge

Rezensionen / Verlage


Gerald Fiebig

„der Müll riecht nach dem Abendland“
Tom Schulz' neuer Gedichtband „Reisewarnung für Länder Meere Eisberge“ ist ein Meisterwerk (nicht nur) der politischen Lyrik


Tom Schulz ist eine der wichtigsten Stimmen der deutschsprachigen Lyrik seiner Generation, also der in den 1970er Jahren geborenen. Das sollte inzwischen außer Zweifel stehen. Mit seinem neuen Gedichtband rückt ein Aspekt seines Schaffens weiter denn je in den Vordergrund: Mit „Reisewarnung für Länder Meere Eisberge“ zeigt sich Tom Schulz als der beste politische Lyriker der deutschen Gegenwartsliteratur – und zwar in zweierlei Hinsicht. Zum Ersten in dem Sinne, dass er für im landläufigen Sinne „politische Themen“ eine Form findet, die die lyrische Qualität seiner Sprache nicht an die Tagesaktualität bzw. Didaktik verrät. Zum Zweiten aber auch in der Hinsicht, dass die Texte auch dann, wenn sie sich dem Genre des „Reisegedichts“ oder des „Naturgedichts“ zuordnen lassen, stets die politisch-gesellschaftliche Bedingtheit (und oft: Bedrohtheit) ihrer Gegenstände mit im Blick haben.

Beispiele für den erstgenannten Aspekt sind etwa die Texte des Zyklus' „Schwarze Ampeln“, in denen die Verwerfungen der bundesrepublikanischen Gesellschaft auf unterschiedliche Weise in den Blick kommen. Eine von Schulz' Methoden ist dabei das Gedicht als Geschichtsbild, wie hier etwa die Texte „Ausflug ins Elbsandsteingebirge“ und „Fortschritt Bischofs-werda“: „Alles ist schiefgegangen. / Das Sein war so schwach wie das Bewusstsein. / Die Kegelbahn, unterspült – das Kulturhaus verlor früh / das Gedächtnis.“ Dem Gedicht gelingt hier, was in anderen Textformen leicht ins Apologetische oder wohlfeil Dämonisierende kippen könnte – eine Konstellation vorzuführen, aus der heraus Menschen zu reaktionären Menschenfeinden werden:

„Hier trafen sich die Kameraden mit Schruppscheiben, Bolzen- / Schneidern. Dies war in einem Winter, als sich die Menschen // in Glas verwandelten und durchscheinend wurden. […] Man verkauft niemals ganz / seine Haut, aber die Hände gehören einem nicht mehr.“
    Daneben pflegt Schulz auch ein Modell, das ich als die vor Wut schäumende Tirade bezeichnen möchte – ein Modell des politischen (Lang-) Gedichts, für das Hans Magnus Enzensberger mit seinem Band „Landessprache“ (1960) den nach wie vor gültigen Maßstab gesetzt hat. Das Evozieren von Wut gegen Missstände, vermischt mit Trauer angesichts der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen, ist ja eine der vornehmsten Aufgaben politischer Kunst. Denn ohne Affekt – oder, wie die Politikwissenschaftlerin Chantal Mouffe es formuliert: „die politische Mobilisierung von Leidenschaften innerhalb des Spektrums des demokratischen Prozesses“ – wird aus einer politischen Analyse bzw. Konzeption keine Handlung. Wut muss sich natürlich gegen etwas richten, so wie eine politische Haltung (so Mouffe) nicht ohne eine Wir-Sie-Beziehung auskommt. Dies birgt im künstlerischen Kontext immer die Gefahr, sich in einem unterkomplexen Anprangern zu erschöpfen – das, was Bob Dylan einst als „finger pointing songs“ bezeichnete, gibt es ja auch in anderen Kunstformen. Als Lyriker kann Tom Schulz die vielgestaltige Malaise des Lebens im neoliberalen Kapitalismus ins Blickfeld setzen, ohne auf einen Begriff wie „neoliberaler Kapitalismus“ zurückgreifen zu müssen: „Mit der Aussicht auf neue Eigentumswohnungen und Lofts, mit / der Aussicht auf ein Apartment mit Aussicht, bezahlt von lebenden / Waren, abbezahlt vom Maschinensold: Ein Kreislauf aus Gier und / Fertigteilen, aus Ceranfeldern und Missgunst, aus Bausparverträgen / und staatlichen Zuwendungen für die, die etwas besitzen.“ Dabei ist er aber eben klug genug, nicht zu vergessen, dass „wir“ (die wir im reichen Norden des Globus sitzen und Lyrik bzw. Lyrikrezensionen schreiben können) im globalen Maßstab eher nicht Teil der Lösung, sondern des Problems sind – und unser „Wir“ sich daher nicht allzu sehr in der moralischen Überlegenheit suhlen sollte. Das wirklich Politische an Schulz' Tiraden ist, dass sie die Selbsthinterfragung, das Es-könnte-alles-anders-sein, in ihre Form bereits eingebaut haben: „Wer spricht hier, nicht das Gedicht. Wer sabbert und geifert / mit nichts als Anmaßung und Rage, wer duldet und schweigt / und betet zum Klatschmohn und Räucherstäbchen? […] Öffne die Augen / sagt das Gedicht, es spricht immer von mehr als der Gegenwart.“
    Dieses „Mehr“ kann einerseits die Erinnerung an eine Geschichte früherer emanzipatorischer Kämpfe sein, etwa wenn das lyrische Ich den Spuren der Verbannung des kommunistischen Dichters Jannis Ritsos auf der griechischen Insel Leros folgt. Das Gedicht ist hier aber nicht nur Gedenk-Mal für einen Dichterkollegen, sondern blendet auch die harsche zeitgenössische Realität nicht aus – und die heißt auf griechischen Inseln: „Guten Morgen, Sonnenschein. Der junge Mann heißt Khalid / wohnt im Asylbewerberheim. Hat ein Skateboard unterm Arm / sagt zum lyrischen Ich: Ich habe die Fluchtlinie bis / hierher genommen. The borders are closed.
    Viele der Gedichte in „Reisewarnung“ sind in der Tat Reisegedichte, aus Italien, Lateinamerika etwa, und sie bestechen wie immer bei Schulz durch die immense Vielgestaltigkeit der lyrischen Bilder, die sich aus sinnlicher Präzision, Sprachspielen und immer wieder eben der metaphorischen Vergegenständlichung sozialer Verhältnisse speisen. Nicht nur, aber speziell aufgrund des letztgenannten Aspekts würde ich den neuen Band in meinem persönlichen Kanon zwischen dem bereits genannten Enzensberger-Band und Pablo Nerudas „Aufenthalt auf Erden“ einordnen.
    Bei aller Schönheit der Texte über die bittere Schönheit der bereisten Orte ist sich das reisende lyrische Ich bewusst und bringt uns zu Bewusstsein, dass die „touristische“ Perspektive selbst Teil des Problems ist, so etwa in „Siracusa – ein Tag im Leben“: „Wer soll die Tyrannen richten? / Welcher Bürge steht für uns ein, die wir mit einer überhöhten / Kohlenmonoxyd-Bilanz durch die Alte Welt pesen? Die wir in / jeder Stadt nur ein paar nasse, verschmutzte Handtücher hinter- / lassen. „Zurück, du rettest den Freund nicht mehr“ – ich weiß / dieses Jahrhundert nach der schwarzen Null hält uns nicht aus.“
    Wie eine Naturlyrik der vom Verschwinden bedrohten Natur aussehen kann, wurde im deutschsprachigen Kontext ja vor nicht allzu langer Zeit mit der Anthologie „all dies hier, Majestät, ist deins“ zur Diskussion gestellt. Ein besonders gelungenes Beispiel einer solchen „Lyrik im Anthropozän“ zeigt uns Tom Schulz in seinem neuen Band mit dem Zyklus „Das Auge der Feuerqualle“. Indem er unsere Zivilisation von ihrem Müll her betrachtet, vom „dirt behind the daydream“ (Gang of Four), spricht er die bittere Wahrheit über sie aus: „In den Pools schwimmen Schildkröten. / ISO-zertifizierter Strand. Ein ganzer Flohmarkt // von der Brandung angespült. Tausche / Einwegrasierer gegen eine wasserfeste Bibel. / Papierschiffe, blauer Beton, senffarbene Unterhosen / – die Blase platzt, anders als gedacht.“


Tom Schulz: Reisewarnung für Länder Meere Eisberge. Berlin (Hanser Berlin) 2019. 128 Seiten. 19,00 Euro.
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