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Tobias Roth: Über die Eile

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Tobias Roth


Über die Eile

L’Ame et le Corps s’endorment ensemble. A mesure que le mouvement du sang se calme, un   doux sentiment de paix et de tranquilité se répand dans toute la Machine. Voiez ce Soldat   fatigué! Il ronfle dans la tranchée, au bruit de cent pièces de canon! Son Ame n’entend rien.
Seele und Körper schlafen gemeinsam. In dem Maße, wie sich die Bewegung des Blutes beruhigt, ergießt sich ein süßes Gefühl von Frieden und Ruhe durch die ganze Maschine. Seht diesen müden Soldaten! Er schnarcht im Schützengraben, mitten im Lärm von hundert Kanonen! Seine Seele hört nichts.

  
Julien Offray de la Mettrie, L’homme machine


In einem alten Buch, dem Libro del Cortegiano von Baldesar Castiglione, wird unter vielen anderen herrlichen Anekdoten auch diese erzählt: Ein wichtigtuerischer und eiliger Höfling findet am späten Vormittag Lorenzo de’ Medici noch in seinem Bett vor und macht ihm Vorwürfe, dass das Oberhaupt eines großen Stadtstaates nicht so lange schlafen dürfe. Er selbst hingegen sei an diesem Tag schon auf dem alten und auf dem neuen Marktplatz gewesen, anschließend habe er außerhalb der Mauern, vor der Porta a San Gallo, sportliche Übungen getrieben, und habe dann noch tausend andere Erledigungen gemacht – Lorenzo aber schlafe noch? Lorenzo antwortet ihm: Was ich während einer Stunde geträumt habe, ist mehr wert als das, was du in vier Stunden getan hast.

Ich würde niemals behaupten, dass es früher keine Eile gab, das wäre mir zu elegisch. Es fällt mir sogar schwer zu behaupten, dass es früher weniger Eile gab, es scheint so absurd. Lebensart, die sonder Eile ist, war immer selten. Ein Pessimist würde sagen, dass es immer nur die Inszenierungen von Ruhe gegeben hat. Einen Optimisten aber, der behauptet, es sei doch auch viel Gutes dabei heraus gekommen, dass unsere Welt schneller geworden ist, werde ich ziemlich schräg anschauen. Ob nun selten und in welchem Grade, finden sich doch Punkte, in denen sich ein Wachsen der Eile zu vollziehen scheint. Die Christen fingen irgendwann (im 2. Jahrhundert, in Nordafrika, im Gefolge Tertullians, so scheint es) an, pro mora finis zu beten, um den Aufschub des Endes. Ende aber heißt hier: Jüngstes Gericht und Wiederkehr des Gottes, der zu Zeit des Kaisers Tiberius zuletzt zugegen gewesen war. Was gibt es Eiligeres, als einen eigentlich ersehnten Besuch zu bitten, ein wenig später zu kommen? Eines vielleicht: Den Besuch irgendwann fortschicken, weil der Stachel der „Arbeit“ juckt. Aber ist das auch Beschleunigung? Gehen wir einen Kaiser zurück: Es begab sich zur Zeit des Kaisers Augustus, da brauchte ein Brief von Rom nach Jerusalem vierzehn Tage. Das braucht er heute noch. Indessen, zur Zeit des Gaius Iulius Caesar schrieb Quintus Hortensius Hortalus, seinerzeit berühmtester Redner Roms und Trendsetter des Verzehrs von Blauen Pfauen, einen Brief an den gegnerischen Anwalt Marcus Tullius Cicero, man solle doch den Gerichtstag verschieben, da er die Platanen vor seinem Landhaus mit Wein gießen wolle. Soviel Zeit muss sein. Als später dann Marcus Tullius Cicero der berühmteste Redner Roms war, schrieb er im Schatten seiner Bäume und seines Schreins für Amaltheia, der Nymphe mit dem Füllhorn, ein Buch mit dem Untertitel Über die Philosophie und dem Haupttitel Hortensius. Dieses Buch hat inzwischen irgend eine Eile verschlampt und wir müssen uns mit den Zitaten begnügen, die bei Augustinus von Hippo stehen. Man mag diesen Kerl und die Art und Weise, mit der sein Christentum von Algerien aus Europa formte, dorthin schicken wollen, wo der Pfeffer wächst, der Hortensius aber hatte für ihn mehr Erleuchtungskraft als die Bibel: So schreibt er über seine Studentenzeit in Karthago, die er mehr und mehr verriet, als er in die Schmach des Alters sank. Francesco Petrarca, der mit frühlingshafter Neugier so viele der Folterbänke, auf denen die Moderne liegt, eingeweiht hat, schrieb einen zauberhaften Text, in dem er sich in Gegenwart der personifizierten Wahrheit mit dem Kirchenvater Augustinus unterhält. Sie besprechen wortreich und -gewandt die verschiedenen Verblendungen und Sünden, in die Francesco auf Erden zum Nachteil seiner Seele verstrickt ist, darunter natürlich auch Stolz im Allgemeinen, dichterische Ruhmsucht im Besonderen. Am Ende des Textes verabschiedet sich Francesco plötzlich von Augustinus, mit knappen Worten, und zieht sich zu den Texten zurück, die noch geschrieben werden müssen. Francesco hat zu arbeiten, dafür nimmt er es auf sich, die Vision eines von ihm hoch verehrten Autors und Lehrers wegzuschicken. Der Bote Pheidippides, der tot zusammenbrach, nachdem er den Sieg bei Marathon mitgeteilt hatte, war bei seinem Lauf genau nicht in Eile, denn eilig sein heißt, noch etwas anderes tun zu wollen, nachdem man die momentane Eile überstanden zu haben glaubt. Ich bin eilig, wenn ich im gelandeten Flugzeug ungeduldig werde weil ich schnell mein Gepäck brauche weil ich schnell zu S-Bahn muss weil ich zu Hause nur kurz vorbeischauen kann weil ich einen Termin in der Innenstadt habe der sich um die Planung der nächsten Monate dreht die entscheidend für die Vorbereitung des nächsten Jahres sind. Die Eile geht immer in Ketten.

Das ist nicht irgendein teuflischer Kreis, der sich hier öffnet: Am Ende stehen wir alle bis zum Bauch im Eis (ché le lagrime prime fanno groppo, / e sì come visiere di cristallo, / rïempion sotto ’l ciglio tutto il coppo). Bis zum Hals im Eis, ohne leugnen zu können, dass wir schließlich selbst schuld sind; ohne sich bewegen zu können und die Glieder voller Eile. Mit einer gewissen Sehnsucht huschen unsere Augen zwischen den Staubfäden hin und her, die im Schlaglicht tanzen. Eine der wenigen Momente der Entspannung in Angelo Polizianos fulminanter Sylva in scabiem blicken genau dorthin: die ahnungslosen Körperchen, die man im Sommer / Häufig in den Spiralen der Sonne beim Spielen betrachten / Kann. (passim spiracula solis / Ludere lascivo). Außenherum nur scabies, Krätze, Tollwut, Krankheit, Selbstverlust, geschwinder Verfall. Das Problem der Zeit lauert auch hier überall hinter den Kulissen. Eile ist aber keine Schnelligkeit, etwa in einer Reihe von Handlungen. Ihre Bewegungsform führt zu der Erschöpfung eines Schattenboxers im Ganzfeld, wo es keinen Schatten gibt. Eile ist die Form einer Spaltung. Was ich schnell tun kann, kann ich mit Überzeugung und anstrengungslos tun, was ich eilig tue, niemals. Ein Musiker, der schnell spielt, ein Musiker, der eilig spielt: Zwei Welten. Die Eile entfesselt rege Tätigkeit, unbestritten, allewege mehr als ein glückverheißender Epikureismus (man kann kein Schwein aus der Herde der Eile sein, in ihrem Zeichen sammeln sich Vereinzelte), aber man erkennt sie an dem abendlichen Gefühl, erschöpft nach vieler Arbeit, gar nicht mehr zu wissen, was man alles getan hat. Die stehende Formulierung lautet blinder Aktionismus. Man reibt sich die Augen mehrmals, aber da war auch vor zwei Minuten schon kein Schleim mehr.

Ich liebe weniges so sehr wie den Schlaf. Selten erinnere ich meine Träume nach dem Erwachen, oder zumindest nicht lange. Dafür bin ich fast so dankbar wie für die Tiefe und Unbedingtheit meines Schlafes. Diese tiefe, konturlose Schwärze ist ohne Fehl, ist ohne alles, nichts ist so weich und anstrengungslos. Ich habe eine Sehnsucht nach dem Schlaf, die sich mit keiner anderen Sehsucht vergleichen lässt, einen Hunger und einen Durst, die nicht zum Gefühl schneidenden Mangels anwachsen müssen, um die totale Glorie ihres Ziels zu bezeichnen. Wenn der Apfel die Erkenntnis bezeichnet, die uns aus dem Paradies vertrieben hat, bezeichnet der Schlaf die Orange, die uns mit großem, sanftem Vergessen zurück trägt, zurück vor die Katastrophe der Vertreibung durch den sturköpfigen Gott und Engel, zurück vor alle seitherigen Katastrophen. Es geht mir weniger darum, nicht aufstehen zu wollen, als um den wiederholten Genuss, wieder einzuschlafen. Denn ich schlafe innerhalb von Sekunden wieder tief ein und bemerke keinen Unterschied, ob ich den Wecker um fünf, zehn oder dreißig Minuten verstellt habe. Und da ich wenig Zeit habe und viele Sucht nach diesem Schlendern im Rand des Schlafes, läutet der erste Wecker eine Stunde, bevor ich aufstehen muss, und ich schlafe noch ein dutzend Mal wieder ein. Ich schmiege mich in die Korona der Körperwärme, die der Schlaf aufgebaut hat, in die er wieder einsinkt. Als würde ein Moos um mich wachsen, das ich selbst bin. Als würde ich aus der kleinen Wachheit, die es mir erlaubt hat, den Wecker wieder um fünf Minuten zu verstellen, in das warme Wasser des Schlafes zurücksinken. Und ich weiß wie tief es ist, wann ich den Grund berühren werde, der mich als ganzer Schlaf erneut auslöscht. In der Bewegung dieses Sinkens, die man gerade noch bemerken kann, ist Seligkeit, nichts als der Gedanke an den stetig sich verkleinernden Abstand zum erneuten Schlaf. Alles verwischt. All die Unterscheidungen können ihre Stimme nicht erheben im Garten Eden des Halbschlafes, Gedankenfetzen und Bildsequenzen tauchen so gelassen auf wie sie gelassen gleich wieder verschwinden und vergessen werden. Eine Vollendung ist in diesem Einschlafen, in dem alles zusammenfließt, was je in meinem Kopf war, in dem zugleich alles flüchtig ist und nichts nach sich zieht, nichts entstehen lässt. In dieser Schwebe und Unschärfe ist der Stand völliger Unschuld. Der Kopf fließt im Selbstgespräch über von süßem Gestammel und lässt es alles ziehen, der Körper streckt sich und löst sich und verliert seine festen Konturen. Oft denke ich mir, dass ganze Wortfelder rund um religiöse Versenkung, Meditation, Erleuchtung nur auf der Sehnsucht nach dem dauernden Halbschlaf angepflanzt wurden und wachsen konnten. (Ich unterschreibe alles, was Dezső Kosztolányi durch den Mund des Kornél Esti über das Schlafen und das Verschlafen gesagt hat; denn auch er ist eine klassische Figur der Eile.)

Die Eile schleicht sich ein in der Art und Weise, wie wir die Welt vorfinden und ausfüllen, sie lässt sich in Probebohrungen nachweisen. Horaz bittet in seinem einunddreißigsten Carmen um Dauer und wirkliche Fülle, Hölderlin bittet, An die Parzen, um genügend Zeit, um noch etwas zu erledigen. Ein Ausschnitt:

Frui parates et valido mihi,
Latoe, dones et, precor, integra
cum mente nec turpem senectam
degere nec cithara carentem.

Genuss des Gegenwärtigen, Guten mir,
Apoll, und lasse mich mit gesundem Geist
Nicht in die Schmach des Alters sinken,
Niemals die Laute vermissen müssen.

Wie eilig dagegen:

Nur einen Sommer gönnt, ihr Gewaltigen!
 Und einen Herbst zu reifem Gesange mir,
    Daß williger mein Herz, vom süßen
       Spiele gesättiget, dann mir sterbe.

Beide nutzen die gleiche Strophenform und sprechen über die gleiche Sache; Hölderlin hat soviel Geschmack, sein Gedicht um eine Strophe kleiner zu machen. Zudem hat er wenig Zeit. Er hat so wenig Zeit, er muss sein Gedicht schließlich sogar über sein Leben hinaus und in Gedanken an die Unterwelt hinein treiben; er gönnt sich selbst nur einen Herbst; denn er scheint sich selbst den Gesang, den er im Auge hat, nicht zuzugestehen. Der Komparativ williger zeigt an, dass er so oder so gegen das Verfließen der Zeit ist. Noch ist er antikisch genug (oder wieder), um forsch von der Gottheit zu fordern, wie es sich gehört; aber was er wünscht, ist eilig. Horaz hat den Gesang, er will ihn weiter singen und weiß, was er dazu braucht. Es geht nicht darum, was Gesang ist und wer ihn erreicht hat. Es geht darum, wer ihn sich zugesteht, ohne sich um eine Bande von Nachgeborenen (wie uns) zu scheren. Für Horaz gibt es keine Zeit mehr, sondern nur noch das eigene Altern; er wendet sich an Apoll, der zuständig für ihn ist, nicht an die Parzen. Beide Gedichte sind im Ton der Endgültigkeit gesprochen, ihre Gattung könnte als das letzte Gebet des Dichters bezeichnet werden. Der Wunsch, der genau so gewünscht ist, dass es nach ihm bis zum Tod keinen weiteren Wunsch mehr brauchen wird, der die Bewegung des Lebens im reibungslosen Raum der Wunschlosigkeit vorgibt.
Wo Hölderlin sich einen Moment wünscht, wünscht Horaz sich den Rest eines Lebens, dessen Gelingen direkt mit der Gleichgültigkeit gegenüber seiner Länge korrespondiert. Weniger Eile kann man sich nicht wünschen. Hölderlin hat kaum einen Vers Zeit, um das Optimum (in der syntaktischen Form der totalen Unmöglichkeit des Zugriffs, der Vergangenheit) zu umreißen, Einmal / Lebt’ ich, wie Götter, Horaz hat in der Beschreibung seines Zustandes noch vor jedem Wunsch fast zwei Verse Zeit zu sagen: me pascunt olivae, / me cichorea levesque malvae: mich ernähr’n Oliven, / Mich die Salatblätter und die Malven. Nicht, dass sein Gedicht ausführlicher wäre, oder weniger schlank, ganz im Gegenteil. Horaz weiß (was er will), Hölderlin hofft (was er zugleich für unmöglich hält). Mit jener Strophe und jenen Worten, nec cithara carentem, beschließt übrigens Montaigne den dritten und letzten Band seiner Essais. Das spricht für sich. Montaigne aber sagt an andrer Stelle, dass er nur an seinen Essais arbeite, wenn er soviel Muße hat, dass ihm die Muße irgendwann zuviel wird. Man darf das nicht missverstehen; da ist sicherlich viel listige Koketterie im Spiel. Aber es klingt so, als würde auch er nur im Zustand tiefsitzender Eile an den Essais arbeiten.

Hybris gegenüber der Eile: Sie in (bernhardianisch allewege) perverser Manier als Herausforderung begreifen. Ins Hintertreffen geraten, Vorreiter sein oder Avantgarde, alles militärisches Vokabular. Wir sollten auf unseren Plätzen Standbilder für Giovanni delle Bande Nere aufrichten: Der hat die Avantgarde erfunden, konkreter Ahnherr unserer unseligen Metaphorik. Das mögen nur Wörter sein, aber sie werden unversehens Fleisch. Das diagnostizierte schon der so gewitzte, wie spröde Arzt Sebastian Brant, einige Zeit vor Giovanni (*1498), im Narrenschiff (*1494). Brant geht die Eile ganz nüchtern an, sie ist keine der Themen, bei denen er sich ereifert. Aber sie erhält ihr eigenes Schiff. Im Abschnitt Eyn gesellen schiff (die Nr.48 der Erstausgabe) wird das Gefährt voll mit Handwerkern, auch mit Dienstleistern im heutigen Verstand, geladen und dann heißt es kühl über die Selbstzerstörung durch die Eile:

Vff wolfeyl gaen / gat yederman
Vnd ist doch gantz keyn werschafft dran
Dann wenig kosten man dran leidt
Vnd würt als vff die yl bereydt
Das es alleyn eyn muster hab
Do mit die hantwerck gont vast ab
Moegent nit wol erneren sich
Was du nit duost / das duo doch ich
Vnd leg dar an keyn kost noch will
Echt ich alleyn moeg machen vil


Wohlfeilen Kauf liebt Jedermann,
Und ist doch kein Gewähr daran;
Denn wenig Kosten legt man an,
Wenn man in Eile schaffen kann,
Und wenn es nur ein Aussehn hab;
Damit die Handwerk gehen bergab,
Sie können kaum ernähren sich.
»Was du nicht tust, das tu nun ich
Und leg nicht Zeit noch Kosten an,
Wenn ich nur recht viel liefern kann!«

Wir bauen inzwischen nach dieser zum Spott geäußerten Maxime Hochhäuser, die nicht den Bruchteil eines Menschenlebens mehr halten sollen. Brant sagt es ein dutzend Verse weiter wörtlich: Eile verdirbt jede Arbeit. Was sich verändert, ist vielleicht nur (als eine Theorie des Fortschritts) unsere Fähigkeit, die Katastrophen zu reparieren, die unsere Eile verursacht hat. Aber gewiss hat auch Brant seine Projekte zur Verbesserung von Mitteleuropa und wie wir alle jeden Tag merkt auch er, dass es das eigene Unterfangen nicht immer verderben muss, wenn man eine Prise Eile in anderen anfacht. Auch Brant ist ein listiger Arzt und sieht den Nutzen, wenn nicht der konkreten, so doch der existenziellen Eile, als er (in der Nr.54) bemerkt: Selig der Mensch, der in sich trägt / Stets eine Furcht, die ihn bewegt.

Eile ist die Gangart, mit der beim Verlassen des Hauses die Frage auftaucht, ob man den Herd angelassen hat. Ich bemerke, wie das Auftauchen dieser Frage und ihrer nahen Verwandten in mir mit den Jahren zunimmt. Früher fragte ich mich das nie und habe auch ein paar Mal vergessen, den Herd auszuschalten, das Haus abzusperren; seit die Frage mich zuweilen anfällt, ist es nicht mehr vorgekommen. Diese Äußerung von Angst und Instinkt lag bislang immer falsch, und mit Instinkt kommen nur Fanatiker und Engel aus, wie Luhmann sagt. Ebenso höre ich zuweilen mein Telephon klingeln, obwohl es keinen Laut von sich gibt, fast ebenso oft höre ich es nicht, obwohl es in meiner Brusttasche klingelt. Wenn ich mich bei einer dieser beiden Fehlleistungen der Ohren ertappe, überfällt mich Scham. Die Eile quillt hervor, wie herbe Maiglöckchen, aus der Unlösbarkeit und Dringlichkeit der Frage, ob man seinen Instinkten trauen soll oder nicht. Die Eile beginnt zu wachsen, wo die Orakel beginnen zu schweigen. Wer nicht an seiner Eile leidet, lügt.

Ich glaube nicht, dass es nur an dem kindischen Verhältnis zum Tod liegt, das unsere Epoche vor all den kindlichen, duftenden Vergangenheiten auszeichnet, dass wir so eilig sind. Es kümmert uns nicht wirklich, was auf unseren Grabsteinen steht. Was uns Eile und Tod verbindet und sie aufeinander bezieht, wie sie noch nie aufeinander bezogen worden sind, ist die so ähnliche Art und Weise, die beiden zum Verschwinden bringen zu wollen. Aus den Augen, aus dem Sinn ist eine sehr falsche Redewendung, wie die meisten Redewendungen. Auch können wir es nicht ertragen, Kinder zu sehen, die sich die Hand als Tarnkappe vor die Augen halten, und keinen Unterschied zu uns festzustellen. Wir zielen darauf, dass es jeder sieht und niemand bemerkt, und umgekehrt. Deshalb kümmern wir uns um die Optimierung der Benutzeroberflächen, während das Problem der Lebensart sich keine Handbreit verschiebt. Da die Zeit nurmehr für die kleinsten Kammern des Tages reicht, die Sekunden, in denen die Übertragungsraten abgerechnet werden, greift auch die Kosmetik auf sie zu. Das ist es. Wir hecheln nach dem, was die Alten Kairos nannten: Der Gott des günstigen Moments, dessen einzige Locke vorne an der Stirn niemand zu fassen bekommt, der auch nur einen falschen Augenblick lang zögert. Wir sehnen uns nach dem, was die Alten sprezzatura nannten: Die Leichtigkeit der Ausführung, die alle Anstrengung und Vorbereitung erst verschleiert und dann tatsächlich ablegt. Darin brütet unsere Eile. Wir vergessen, dass diese beiden die Form einer Schenkung haben und die eines Zugriffs, der nicht heute schon auf morgen Nachmittag zugreifen kann. Wer einmal tiefe Eile fühlte, ist fast für alle Leichtigkeit verloren.









Kairos. Römischer Marmor nach dem Original von Lysippos.

Die Zivilisationskrankheiten, die Älteren und die Neueren Medien, der Flugverkehr, die Verdichtung der Fäden, die zwischen den Menschen laufen, und so weiter, das ist nur ein Entzündungsherd (unsere Adern sind längst Flussbett und Wurzel der Eile, unsere Augen und Finger, Luftwurzeln), ist nicht die Ursache der Eile, sondern ihr Symptom, die Erfüllung ihrer Wünsche (sie rankt wie Efeu an der Zeit hinauf, manchmal ist die schön, manchmal heilig, immer würgt sie). Die letzte S-Bahn noch erwischen wie einen guten Platz in der Warteschlange: Höchst vertraute Tätigkeiten. Wenn etwas in Eile geändert wird und selbst die Änderung eilig nochmals geändert wird, bevor sie überhaupt eintreten kann, das ist keine Ungeduld mehr, das ist die blanke Panik. Ich spreche nicht einmal von den Bologna-Reformen und dem achtstufigen Gymnasium, von Uraufführungen, die nicht wiederaufgenommen werden, von der systematischen Verheerung Europas. Das ist Schlechtigkeit und Kurzsicht, Unmengen Schwachsinn. Die Eile ist älter und schlimmer: Sie thront hoch in der leeren Luft, zieht ihre Wege durch die Wolken, leuchtend weiß ist ihr Mantel, strahlend ihr Haar, und das Schwirren ihrer Flügel sirrt schrill in unsere Ohren; so beschreibt Angelo Poliziano die Nemesis.

Neulich hatte ich einen Tag ohne Eile. Dieser Satz betrügt sich selbst, wie auch die Rede vom zweiwöchigen Urlaub, vom langen Wochenende, vom freien Tag ein Betrug ist vor der durchschlagenden Wirklichkeit der Eile, die keine Linderung kennt. Wenn ich einen Zeitraum angeben kann, dann war ich nur ein wenig gegen die Eile betäubt; sie selbst nämlich kann nicht ausgesetzt werden, wie sie auch keine Grade kennt. Ebenso liegt es mit der Freizeit; dass es dieses Wort überhaupt gibt, ist ein Menetekel der Eile. Es stammt, wie auch das Wort Arbeit, aus dem Bereich der körperlichen Gewalt. Schlägt man etwa das mittelhochdeutsche Wörterbuch von Matthias Lexer auf, findet man unter „Arbeit“ die Erklärung mühe, mühsal, not, kampfesnot, strafe, unter „Freizeit“ aber schlicht: friedenszeit, marktfrieden. Die Zeit, in der man sich nicht die mürben Rüben vor dem Mund wegmordet; kurze Verschnaufpause, Seltenheit. Auch seine heutige Bedeutung erhielt das Wort aus dem Mangel an dem, was es bezeichnet. Was knapp ist und immer knapper wird. Wie klein mein Vorgarten auch sein mag, solange ich von einem Garten sprechen kann, kann ich mir wünschen, dass der Tod mich dort, wie Montaigne zurecht träumt, beim Kohlpflanzen ereilt, ist der Hausstand in großer Ordnung. Ich erinnere mich an die Zeichnung eines Menschen, sonnenbadend im Liegestuhl, die Sonnenbrille ausladend, einen buntbeschirmten Cocktail in der Hand, und in der Sprechblase steht: Wer Stresssituationen kennt, weiß nicht, wovon ich rede. Unbefleckte Empfängnis der Zeit. Das ist die Wahrheit.

Der Mensch hat Fruchtfolgen. Dass das Feld dabei auch brach liegen muss, hat der Kunstdünger, den wir in uns stopfen, in die Vergessenheit abgeschoben. So geht alles in Ketten: Verwertbarkeit und nicht Selbstzweck. Wenn Abläufe optimiert werden sollen, geht es selten um ihre Beschleunigung, als vielmehr um ihre Vermehrung. Die berühmte und abscheuliche Äußerung Le Corbusiers, Die gekrümmte Straße ist der Weg des Esels, die gerade Straße ist der Weg des Menschen, steht für ein urbanistisches Programm, das die Innenstädte nicht in erster Linie in die Luft sprengen will, um die Transportmedien zu beschleunigen (aber schlussendlich!), sondern um zunächst auf deren rasant wachsende Zahl zu reagieren und sie zu fördern. Mit dem Einzelnen hatte es Corbusier grundsätzlich nicht sonderlich. Denn, wenn ich mich einmal als Einzelnen nehme: Ich will den Weg des Esels. Nicht nur, wenn ich mich durch Städte bewege, auch wenn ich reise, meine Augen durch ein Bild bewege, wenn ich esse und lese, wenn ich mich unterhalte, stets. Interessantere Angelegenheiten und eine verträgliche Menge zugleich. Der Weg des Esels ist das Horn der Fülle, ist Landschaft und Leben. Die geradesten Straßen, wo schlussendlich auch am schnellsten gefahren wird, sind bekanntlich Salzseen, Wüsten der Wüsten. Ich will den Weg des Esels. Zumeist nur weiß ich ihn nicht zu schätzen, weil ich so eilig bin.

Die Eile hat ihre eigene Euphorie und ihren eigenen Zorn. Beider Wappentier ist der Mensch, den man stets beim Telephonieren sieht, der aber nie erreichbar ist. Besonders eilige Menschen können vielleicht wie Clemens Brentano Gedichte über die Wüste schreiben, die noch schrecklicher sind als jede Wüste, und Frauen deshalb attraktiver finden, weil sie unfruchtbar sind. Aber der eigene Schatten geht wie ein Tier neben ihnen. Man kann nicht Schubert hören wollen, ohne zu wissen, was mit einem geschehen wird; so weiß auch jeder Raucher, was ihm blüht, aber ich kann versichern, dass das nichts hilft. Lass singen, Gesell, lass rauschen, / und wandre fröhlich nach (und hier meine ich ausnahmsweise einmal das Lied mit Musik) ist der einzige, oder, wie die Mathematiker zu sagen pflegen, der genau eine Trost, den Eilige haben können, am Ende des Tages, unwillig ins Bett zu gehen und im selben Moment schon unwilliger, morgen wieder aufzustehen. Von den dunklen Sonaten ganz zu schweigen. Oder wie es in der ersten Strophe eines sehr langen Gedichtes heißt:

Unter meinen stolzen Augen bröckelt es alles
In das Alter. Dann flehe ich die Welt an um ihre
Hellste, frühe Sonate, wenn ich sehe, wie einfach
Pflanzen ihre Wurzeln treiben durch unsre gegoss’nen
Steine, Tür und Tor dem Wasser zu öffnen, das unsre
Mauer ermordet. Alles andre verbrennt. Und am flachen
Atem unserer Eile prallt alles ab. Und die Zunge
Echos lag am Wegrand und blutete langsam.
Wie eine Schande beginne ich den Verfall zu bemerken,
Würde ich auch gehen, zu tanzen, zu trinken bei Lillas
Pastia,
und so weiter.


Dass das Rennen der Inbegriff des Wettkampfes ist, worin das Zeitmessen als purste Form des Kräftemessens erscheint, deutet auf die Verwandtschaft der Eile mit jedem Wettkampf. Eile kann, ich wiederhole mich, kein Genügen und kein Ende finden. Damit ist ein deftiger Wettkampf garantiert, der nicht nur fortdauert, sondern sich auch laufend hochschraubt. Wettkampf und Wettbewerb liegen eng beieinander, aber ein Unterschied besteht darin, dass ersterer sich in letzterem schraubt, seine Ketten durch ihn schleift. Im großen Wettbewerb ist der Sieg im einzelnen Wettkampf nur die Eintrittskarte für den nächsten Wettkampf. Wenn es nicht nur ein nächster, sondern auch ein größerer, schwererer, ehrenvollerer ist, dann achten wir es als einen Grund zur Freude. Dauert diese Bewegung an, verselbstständigt sie sich sogar und alle legen bei den Leichenspielen für Patroklos ohne Probe die Speere vor Agamemnon nieder und geben hin den prangenden Kampfpreis, dann achten wir es als Karriere. Durchhaltetest der Eile. Lässt die Frequenz des Nächstbesseren nach, versickert sie. Das alte Rom ist auch nicht an einem Tag unter das Straßenniveau des neuen Rom gesunken, aber ich lebe in dem festen Glauben, dass das, was wir an Rom Rom nennen und schätzen, wenn es je erbaut wurde, an einem Tag erbaut wurde. Pompeji ist selten, Musterbild der Entspannung, kein Gedanke an Fäulnis. Die Schwierigkeit, die Eile zu beenden, wenn es keine Asche regnet, aus Vulkanen, mit oder ohne Gletscher obenauf.

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