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Tobias Roth: Singen und Vergessen

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Tobias Roth


Singen und Vergessen



Der Gemeinplatz, dass sich Komponisten zumeist auf mittelmäßige Dichter stützen, wenn sie sich der Gattung des Lieds zuwenden, ist genauso spannend wie die Frage, was die Sangbarkeit einer Dichtung eigentlich ausmacht; Sangbarkeit im Sinne der Vertonbarkeit durch einen funktional differenzierten Komponisten, also Sangbarkeit gerade als das Gegenteil des lyrischen Ureis der Einheit von Dichtung und Gesang, nämlich als Symptom eben des Auseinandertretens von Wort und Musik, als Moment nicht der Nähe, sondern der Wiederannäherung der Worte an die Musik. Augenmerke, die am Rand der Lyrik mitschwimmen und nicht (nicht mehr? ob je?) als Kerngeschäft verhandelt werden.
Die beiden Themen und ihre Implikationen: der schlechte Komponistengeschmack und die Selbstentfernung der beiden Gattungen, die ihre Wiederannäherung kostet: scheinen sich zudem vermischt zu haben, zumindest dahingehend, dass Sangbarkeit nur zum Teil eine strukturelle Sache, etwa eine strophische, zu sein scheint, sondern ebenso sehr eine inhaltliche: zunächst einmal im Zeichen der Simplizität. Am Brunnen vor dem Tore, / Da steht ein Lindenbaum ist freilich etwas anderes als sinnlicher sind Menschen / In dem Brand / Der Wüste / Lichttrunken und der Thiergeist ruhet / Mit ihnen. Simplizität steht unter dem Verdacht einer nicht gerade goldenen Mittelmäßigkeit, zumeist zurecht. Sangbare Lyrik also ganz anders als „musikalische“ Lyrik oder gar Lyrik „mit musikalischen Strukturen“ und dergl., was heute alles und nichts genannt wird, vermutlich dann, wenn eine Art von Komplexität bezeichnet werden soll. Was vertont worden ist, kann jedenfalls nicht völlig mittelmäßig im Sinne von völlig idiotisch sein, sonst hätte es kein Mensch vertont; das ist der einzige Punkt, an dem ich dem einleitenden Gemeinplatz zutiefst widerspreche, denn es klingt immer so, als mangele es den Kompositeurs am Witz.

Das Vertonte hat in jedem Falle verbesserte Überlebensbedingungen gegenüber dem bloß gedruckten oder gar bloß geschriebenen Mittleren. Wie der Lethe rücklings mehr und mehr über die Ufer tritt, zeigt uns die Musik eine Inselwelt, von ganz anderer Zahl und Form als das Gedruckte, das noch herausragt. Die Dichter, die auf oder unter den Titeln der massenhaft und so zierlich gedruckten Klavierlieder des 19. Jahrhunderts erscheinen, präsentieren einen ganz anderen Kanon als die Literaturgeschichten; von üblich verdächtigen Ausnahmen wie Uhland, Goethe, Heine, Eichendorff. Auflagenstärke gegen den Fluss des Vergessens, wie prosaisch!, denn natürlich ist alles, was je gedruckt wurde, noch irgendwo zu finden; aber so sehr zu suchen, um nichts Herausragendes aufzuspüren, ist ohne Forschungsauftrag ein selten müßiger Luxus. Sich von der Musik die Hand entlang der Regale des 19. Jahrhunderts führen zu lassen, ist da eine freudige Lösung und enttäuscht überraschend selten. Es gab in meinem Horizont keinen Grund, Gedichtbände von Georg Friedrich Daumer aus den Tiefen der Berliner Staatsbibliothek heraufzubeschwören, außer die Liebesliederwalzer op.52 von Johannes Brahms, wie ich einst keinen Grund für Wilhelm Müller außer Franz Schubert sah. (Beschwören statt bestellen, da die Staatsbibliothek im Moment des Bestellens noch gar nicht im Katalog verzeichnet hatte, ob einer der Bände den letzten Krieg überstanden hatte.) Wenn sich jener Grund aber einmal vollzogen hat und man das Buch in der Hand hält, muss man, schon aus Höflichkeit, versuchen, die Vertonung erstmal aus dem Spiel zu lassen (ein Stück Lethe abgraben). Ich kann mir nicht vorstellen, dass Daumer je Walzer im Sinn hatte.
















Georg Friedrich Daumer


Daumer steht unter Müller, soweit ich sehen kann, eine ganze Anzahl von Stufen. Was mich aber beim Hören von Brahms bereits begeistert hat, ist der Umstand, dass Daumer enorm ungelenk, fast könnte man sagen schlecht reimt, und ihn sein trotziger Wille zum Reim zu teils tollkühnen Lösungen treibt. Bezaubert von einem dieser Reime schaute ich also nach dem zweibändigen Gedichtband Polydora, ein weltpoetisches Liederbuch, in der Literarischen Anstalt Frankfurt a.M. 1855 gedruckt. Umwerfender Titel. Und wie die Zweibändigkeit schon anzeigt, schreibt Daumer ausgiebig, das noch umwerfendere Inhaltsverzeichnis versammelt Lieder aus 35 Nationen, zudem Sprüche aus einem guten Dutzend; nummernstarke Internationalität, wie man sie sonst nur an die Glocke etwa des Berliner Poesiefestivals hängt. Manche geographischen Angaben erscheinen mir merkwürdig bis erheiternd, aber ich weiß nicht, welche ich hier als Beispiel dafür angeben könnte, ohne zumindest verdachtsweise unkorrekt zu werden. Der Kreis ist jedenfalls bedeutend weiter als in bekannteren Sammlungen fernländisch kostümierter Liebeslyrik etwa der gerade abgelaufenen Goethezeit. Denn Liebeslyrik ist es, soweit ich sehen kann, bei Daumer sämtlich, und nach meinem ersten Eindruck klingt die Liebeslyrik in allen Ecken und Enden der Welt gleich. Kennt man alles schon, denkt man sich, unausweichlich, liedhafte Lyrik, nach Heine, aber ohne Heine, aber auch in diesem bekannten System findet sich Überraschendes; und ist es nicht überraschend, so ist es zuweilen schön gelöst. Und hin und wieder das völlige, lyrische, abgründige Rätsel, für das man, in gewisser Weise, starr vor Staunen (stupor deus, omnium ineptissimus), nichts anderes verantwortlich machen kann, als den Reim und seinen Sog. Das Bildfeld des Blitzes drängt sich mir auf, aber das stimmt natürlich nicht. Jedenfalls, der Reim, der mich schon beim Hören von Brahms so bezauberte ist die Nr.5 aus dem Kapitel Russisch-Polnische Kleinigkeiten, einer Sammlung von unzusammenhängenden Miniaturen zu je vier Versen:

O die Frauen, o die Frauen,
Wie sie Wonne thauen!
Wäre lang ein Mönch geworden,
Wären nicht die Frauen!


Der zweite Vers ist schlichtweg faszinierend. Es ist ja schon jede Körperflüssigkeit irgendwann irgendwo als Tau metaphorisiert worden, aber das in den Tau, als Metapher für besonders im Flux befindlichen Körper, wiederum eine Metapher hineingeschoben wird, obendrein mit dem sozialen Arkadianismus der Wonne, das ist schon eine kapitale Vorstellung. Was soll das heißen? Was auch immer, aber die Vorstellung passt zu jeder Variante, die etwa der Grimm angibt: thau ansetzen, erzeugen, thauig sein, wie thau niederflieszen (augen bei jean paul, wangen bei rückert, wimpern bei pyrker), mit thau netzen, in thauform bilden, wie thau niederflieszen lassen: eine Vorstellung schöner wie die andere, und die Freude, mit der der Vers es uns zuruft: Der ganzen Welt wollte man den Rücken kehren, wenn das nicht wäre! Tir’d with all these, from these would I be gone, / Save that, to die, I leave my love alone.*

Rätselhaft in seiner Bildwahl und -folge erscheint auch die Nr.11 aus dem Abschnitt Polnisch, die Brahms nicht vertont hat.


Umgehauen ist die Eiche;
Nimmer in die Luftbereiche
Ragt sie hoch und breit.
Habe dir mein Wort gegeben,
Und das gilt für’s ganze Leben,
Für die Ewigkeit.

Widersinnig. Vielleicht aber entsteht das Rätsel auch nur aus meinem stilistisch oder wie auch immer gelenkten ersten Eindruck, dass das mittelmäßige Lyrik sei (bspw. „nach Heine, aber ohne Heine“), der sich in der Erwartungshaltung schon statuiert hat, sodass nur ein gewisser Interpretationskredit gegeben wird. Vielleicht ist es ja auch gleißende Ironie, die die dauernd geschworene Übergabe des Herzens auf den Fall des Dauerhaftigkeitsbaums folgen lässt, und der Daumer wäre also: nach Heine, und strotzend von Heine. Oder von Diderot! Le premier serment que se firent deux êtres de chair, ce fut au pied d’un rocher qui tombait en poussière; ils attestèrent de leur constance un ciel qui n’est pas un instant le même. Aber Diderot und Heine haben ihre Bonität nachhaltig unter Beweis gestellt, viel Kredit gebe ich dem Daumer nicht; Stück für Stück vielleicht, ich bin mir nicht sicher. Verse wie Hölderlins sinnlicher sind Menschen / In dem Brand / Der Wüste / Lichttrunken und der Thiergeist ruhet / Mit ihnen bekommen von mir Rettungspakete geschnürt bis dorthinaus – bis zu dem Punkt, wo man anfängt, von Dichtung als prophetischer Rede zu sprechen. (Prophetie auch nur eine lyrische Gattung.) Sicherlich nicht der ganze Daumer, aber „Wonne thauen“ ist so eine Wendung, unbegrenzter Kredit, Sätze, wie Blumenberg sagt, vom höchsten Rang. Nach welchem Kriterium? Nach keinem anderen als dem, pure Nachdenklichkeit zu stiften und von sich nicht ablassen zu lassen. (Wie schlimm ist es hingegen, mit dieser Haltung an Texte heranzutreten, die man im Grunde gar nicht mag.)

In der Zwischenzeit muss man gar nicht lange nachschlagen, etwa in die Deutsche Biographie, um zu sehen, dass der Daumer erstaunliche Szenen in seinem Leben hat, völlig ohne Brahms, wie der Müller ohne Schubert. 1800 geboren, auf ein Gymnasium in Nürnberg gegangen, an dem Hegel Rektor war; als experimenteller Theologe Bücher in rascher Folge über Jahrzehnte hinweg; 1828 für ein Jahr erster Schutzbefohlener von Kaspar Hauser (in dessen Eintrag in der Neuen Deutschen Biographie übrigens sehr schön vom hypergeschäftigen Professor G. F. Daumer die Rede ist), 1840 gründet er den ersten deutschen Tierschutzverein. Unglaublich, was alles schon passiert ist.

* Shakespeares Sonett 66:
"Bins müde, möchte gehn - doch sterben hieße,
daß in all dem mein Lieb allein ich ließe."
(Übers. von Günter Plessow)

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