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Tobias Roth: Laß Pan die Welt verwalten

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Tobias Roth

Laß Pan die Welt verwalten

Zu Christian Morgensterns Horaz



Dass Christian Morgenstern lieber nicht als Dichter komischer Werke in Erinnerung geblieben wäre, und mögen seine Gedichte auch noch so sehr als Prüfstein und Beleg gelten, dass komische Lyrik ausgesprochen gute Lyrik sein kann, das geht bereits aus dem Briefwechsel in Bezug auf seine ersten Bücher hervor. So schrieb er, nachdem der Verleger Reinhard Piper 1910 Rechte an mehreren Büchern Morgensterns für Neuauflagen gekauft hatte, an Cassirer über das Tauschgeschäft, Humoristisches drucken lassen zu müssen, um Ernstes drucken lassen zu können: „Ich muss die Jugendsünde Horaz nolens volens neu herauskommen lassen und eine verkürzte Fassung von Ich und die Welt und Auf vielen Wegen teuer erkaufen.“ (Brief vom 12.6.1911) Ebenso, nur noch gröber, schrieb er in entsprechendem Sinn an Karl Walser, er möge die Jugendscherze „lieber begraben als neu herausgegeben sehen.“ (Briefentwurf 1911) Das Buch, um das es in diesen Briefstellen geht, heißt Horatius travestitus. Ein Studentenscherz. Nach In Phantas Schloss war dieser Band Morgensterns zweite Dichtung, entstanden wohl 1893 und 1894, als er gerade von München nach Berlin übergesiedelt war; „wohl“, denn Präzises lässt sich über die Entstehung leider nicht mehr sagen. Vieles deutet darauf hin, dass Konzept und eventuell auch Ausführung des Werkes ein Gemeinschaftsprojekt mit dem Jugendfreund Fritz Münster gewesen sind. Morgensterns Lebenssituation ist in dieser Zeit als durchaus gebeutelt zu beschreiben; seine Mutter war bereits 1881 an Tuberkulose gestorben, da war der Dichter zehn Jahre alt und hatte sich zu allem bitteren Überfluss bereits bei ihr mit der Krankheit angesteckt, und das Verhältnis zum Vater, der inzwischen zum dritten Mal geheiratet hatte, zerbrach in ebendiesen Jahren 1893/94. Schluss auch mit dem Jurastudium in München, auf nach Berlin.

Der Horatius travestitus besteht aus freien Übersetzungen nach den Oden des Horaz – ausgesprochen frei. Der Studentenscherz freilich geht eigentlich auf Verhältnisse des Gymnasiums ein; so schrieb Morgenstern am 8.11.1894 an Oskar Bie von Übersetzungen in „humoristisch-modernisiertem Sinne“ und dass die Gedichte „überall, wo gemütliche Männer mit Gymnasialvergangenheit sich finden, durchschlagenden Lacherfolg haben müssen. Das Ganze müsste natürlich recht gefällig ausgestattet werden und höchstens eine Mark kosten.“ Wirft man einen kurzen Blick in Morgenstern eigene Gymnasialvergangenheit, so findet man die Spur zu Horaz schon angelegt. Fern von überschwänglichem Lob heißt es von Seiten des Lateinlehrers am Gymnasium zu Sorau (Żary) im „Zeugnis der Reife für den Zögling“ vom 31.3.1892 doch immerhin: „Er besitzt eine befriedigende Kenntnis der Grammatik, Stilistik und Phraseologie und ist ziemlich sicher in deren Anwendung, wie der genügende Ausfall seiner Prüfungsarbeit bewies. Beim Übersetzen zeigte er verständige Auffassung und Gewandtheit; im Horaz besitzt er gute Kenntnisse.“ Ostern 1892 erschien dann auch eine erste Horaznachdichtung auf Latein in der Schülerzeitung des Sorauer Gymnasiums. Der Horatius travestitus schließlich erschien, ohne Angabe des Verfassernamens, im Februar 1897 im Hause Schuster und Loeffler; schon im Sommer desselben Jahres konnte eine zweite Auflage gedruckt werden.

Inwiefern eine freie Übersetzung? Man könnte den Duktus dieser Arbeit mit Erwin Panofsky als Disjunktion bezeichnen, das heißt: eine Trennung von Form und Inhalt, besonders in Bezug auf das Zeitkolorit. Panofsky prägte den Begriff in erster Linie für die mittelalterliche Kunst, in der man öfters einmal Dinge wie Caesar in Gestechrüstung sieht: antikes Personal in mittelalterlichem Kostüm. (Man kennt, in unterschiedlichen Härtegraden, diese Technik freilich bis heute, besonders wenn es sogenannt didaktisch darum geht, das Publikum irgendwo „abzuholen“ bzw. an der Nase herum zu führen; „Rock Me Amadeus“ und Konsorten.) Man könnte aber auch einfach einmal ein Beispiel bringen: Horazens Ode I. 9, die auf Vermittlung des Originals bedachte Übersetzung Eduard Mörikes, und Morgensterns Version.

 
 
 


Carmen I, 9


Vides ut alta stet nive candidum
Soracte, nec iam sustineant onus
        Silvae laborantes, geluque
                     Flumina constiterint acuto.

Dissolve frigus ligna super foco
Large reponens atque benignius
        Deprome quadrimum Sabina,
                    O Thaliarche, merum diota.

Permitte divis cetera; qui simul
Stravere ventos aequore fervido
        Deproeliantis, nec cupressi
                    Nec veteres agitantur orni.

Quid sit futurum cras, fuge quaerere et
Quem fors dierum cumque dabit lucro
        Adpone, nec dulcis amores
                    Sperne puer neque tu choreas,

Donec virenti canities abest
Morosa. Nunc et campus et areae
        Lenesque sub noctem susurri
                    Composita repetantur hora;

Nunc et latentis proditor intimo
Gratus puellae risus ab angulo
        Pignusque dereptum lacertis
                   Aut digito male pertinaci.


Carmen I, 9

Du siehst, im Schneeglanz flimmert Soraktes Haupt;
Und horch! der Wald ächzt, unter der schweren Last
        Erseufzen dumpf die Wipfel; Kälte
                  Fesselt die Wasser mit scharfem Hauche.

Vertreib den Winter! reichlich den Herd mit Holz
Versehn! Dann schenke Freund Thaliarchus uns
       Vierjähr'gen Weins, und ja genug, ein
                 Aus dem sabinischen Henkelkruge.

Befiehl der Götter Sorge das Übrige!
Sobald nach ihrem Wink von der Stürme Kampf
       Die Meeresbrandung ruht, so ruhn auch
                Alte Cypressen und Eschen wieder.

Was morgen sein wird, frage du nicht: Gewinn
Sei jeder Tag dir, den das Geschick verleiht;
       Und nicht der Liebe Lust, o Knabe,
                Achte gering noch die Reigentänze,

So lang die Jugend grünet und ferne sind
Des Alters Launen. Kampf und das Feld des Mars
       Und nachts der Liebe leises Flüstern
               Suche noch auf zur besprochnen Stunde;

Und jenes süße Lächeln vom Winkel her,
Wo das versteckte Mädchen sich selbst verrät
      Und du vom Arm und von dem spröd' sich
              Stellenden Finger das Pfand ihr abziehst.


Carmen I, 9

Du siehst, wie weiß, im glänzenden Schneegewand,    
der Kreuzberg steht, und wie der Viktoriapark   
      tief eingeschneit, wie Spree und Panke    
             Mäntel von Eis auf den Leib gezogen.  

Drum heize, Freundchen, spare die Kohlen nicht,    
und laß uns im behaglichen Stübchen dann   
     aus schönem alten Rum –  was meinst du? –   
             einen urkräftigen Steifen brauen!   

Laß Pan die Welt verwalten, dem Wintersturm,    
der mit dem Lenzwind heulende Schlachten schlägt,   
     gebieten! Beide werden schweigen,    
            daß sich kein Zweig mehr am Baume rüttelt.   

Was kann dich kümmern, was dir das Morgen bringt,    
des Lebens freue jeglichen Tag dich neu,   
     und walze froh mit süßen Mädchen    
           draußen in Halensee oder Treptow,   

solang zu Tanz und Kuß du noch jung genug!    
Zum Zirkus wandre, sieh dir ein Lustspiel an!   
     Vielleicht auch knüpf ein zart Verhältnis    
           an in dem Dämmer der Gaslaterne!   

Und sitzt du dann bei Dressel beim Dejeuner    
und deine Kleine hält die Serviette vor –   
     wie köstlich, wenn der scherzhaft Spröden    
           endlich den Kuß du, den süßen, raubtest!

 
 

Sehr schön auch, und wohl keines vermittelnden Mörikes bedürftig, ist die Umdichtung der Ode II, 19, eines stürmischen Gesanges auf Bacchus,

 
 
 

Bacchum in remotis carmina rupibus
vidi docentem, credite posteri,
Nymphasque discentis et auris
capripedum Satyrorum acutas

euhoe, recenti mens trepidat metu,
plenoque Bacchi pectore turbidum
laetatur. euhoe, parce Liber,
parce gravi metuende thyrso,

 
 

mit der Morgenstern eine polternde Übertragung des Weingenusses auf den Biergenuss vollzieht, und mittels des legendären Königs Gambrinus die herrliche Entsprechung für Bacchus findet: eine Person, ein mythischer Erfinder und der Name für das Getränk in einem (Gambrinus heißt unter anderem ein gar nicht schlechtes Bier der Ottakringer Brauerei im Wiener 16.). So geht es bei Morgenstern:

 
 
 

Gambrinus selber sah ich am Nockherberg  
Kneip'nlieder lehren – glaub es, ungläubig Volk! –
Vor saubrer Münchner Kellermadeln
und der Studenten gespitzten Ohren.

Rum plum! Noch bebt der Leib mir vom Biergenuß,  
und aus mir redet stürmisch der Gerstensaft –
rum plum, o schone mein, Gambrinus,
Gott mit dem schrecklichen Tier im Wappen.

Die Radiweiber laßt mich besingen laut,  
das Hofbräuhaus, die Brezel mit Salz beschneit,
das Bockbier, das aus Steinzylindern
ölig wie Honig den Schlund hinabläuft!

Besingen auch die wartende Ehefrau [...]

 
 

Travestitus hat Morgenstern seinen Horaz genannt und damit eine Gattungszuweisung vorgenommen, die man bezweifeln kann. Ob man mit Maurice Cureau, dem Herausgeber der großen kommentierten Morgenstern-Ausgabe, darauf hinweist, dass Travestie fehlgeht, da Horaz als solcher nicht verspottet wird, oder ob man es mit Gérard Genette unschätzbarem terminologischen Großentwurf in den Palimpsestes hält, wo Travestie als stilistische Transposition gefasst wird – auch das reicht offensichtlich nicht aus, um die Texte zu fassen; glücklicherweise, wie es bei Genette heißt, ist das einzelne Werk eben immer komplexer als die Gattung, in der man es verschubladen will. Was vielleicht etwas weiter hilft ist der Begriff des rifacimento, das nocheinmal-Schreiben eines Werkes, das (mit einem ganz brauchbaren Buchstabenkalauer) Wiederschreiben und Widerschreiben. Das muss nicht immer komisch sein, auch wenn es strukturell in allernächste Nähe kommt; man vergleiche etwa so unterschiedliche Werke wie Giovanni Rucellais Le api (1539, eine Bearbeitung von Vergils Georgica IV) oder Ulrike Draesners Twin spin (2000, eine, wie es im Untertitel heißt, „Radikalübersetzung“ einiger Sonette Shakespeares), wunderbare rifacimenti.
Das Werk wird nocheinmal geschrieben und es entsteht eine literarische Situation, die überhaupt nurnoch im Wortfeld des Paradoxen beschrieben werden kann, denn es entstehen neue Werke, die keine neuen Werke sind, ein Dichter spricht durch den anderen hindurch, aber keiner von beiden wird Bauchredner, auch von Zitaten kann man kaum sprechen, während freilich gilt: und umgekehrt. Es geht um Aktualisierung, ein neuer Inhalt fließt herein, Disjunktion zeigt ihren künstlerisch-konstruktiven Charakter. Oskar Pastiors 33 Gedichte nach Sonetten Francesco Petrarcas bilden wohl einen anderen Grenzfall. Neues Kostüm kann angelegt werden, ohne dass die Struktur und Gangart des Vorlagetextes berührt werden müsste. Die Gattung – und das sieht man bei Morgenstern unter Festbeleuchtung – zeigt das verbreitete Verständnis, die Vergangenheit sei eine stabile, statische Größe, als Missverständnis. Vielmehr wird deutlich, dass die Vergangenheit dynamisch bleibt und mit jedem Zugriff wieder verändert wird; daraus erklärt sich auch der vielfältige Zugriff, den die scheinbar statische Buchstabenordnung literarischer Werke erfahren kann oder über sich ergehen lassen muss. Was an Morgensterns rifacimento tatsächlich voller Spott ist, bezieht sich auf genau diese Ebene der Textes und seiner Geschichte; dazu gleich mehr: vorerst noch mehr Material und mehr Fragen.

Denn schließlich ist noch die Frage bedeutsam, welchen Horaz sich Morgenstern für seinen Scherz ausgewählt hat. Es ist, unverkennbar, das „Schwein aus der Herde Epikurs“, als das sich Horaz in seinem Brief I,4,10 an Tibull bezeichnet hat, es geht um Liebe, Wein und entspanntes, gutes Leben; anakreontisch ist dieser Horaz auch genannt worden, was mir nun entschieden zu harmlos ist. Es ist allerdings nicht der kritische und spöttische Horaz der Satiren und Epoden, der die längste Zeit der nachantiken Horazrezeption dominierte: aber auf dessen Gleis wird Morgenstern bald einschwenken, zumal unter dem eingangs erwähnten Überdruß am Gelächter „gemütlicher Männer mit Gymnasialvergangenheit“.

Es gibt zwei Werke von Horaz von Christian Morgenstern. Im zweiten steigerte Morgenstern die Verfügungsgewalt über den antiken Dichter noch weiter, der kreative Zugriff verschärft sich, die Transformation wird zu einer (damit ich ebenfalls ein wenig an Konzepten und Begriffen biege) transformatio ex nihilo. Morgenstern gibt Gedichte aus dem Nachlass des Horaz heraus. Die Herausgeberfiktion ist dabei denkbar schlicht, das lakonische Vorwort lautet: „Es ist dem Übersetzer gelungen, in einer kleinen unbekannten Stadt Italiens das Manuskript eines fünften Buches Oden des Horatius ausfindig zu machen.“ Man müsste also nur das Wörtchen „ausfindig“ streichen; Morgenstern schrieb den Nachlass 1910 auf Sizilien. Wie bereits bei den freien Übersetzungen findet sich nur eine Auswahl aus dem Odenbuch bzw. den Odenbüchern, es ist kein geschlossenes Werk; auch das lateinische Original enthält uns der Herausgeber vor. Ganz anders aber ist die Selbsteinschätzung Morgensterns, was diese neuen Gedichte betrifft, er will sie durchaus gedruckt sehen, und diese Selbsteinschätzung wurde von seinem Umfeld geteilt. So schrieb Jugendfreund und Kollege Friedrich Kayssler am 30.11.1911 in ungestümem Tone: „Na, und die alten Oden! Ach, Junge, es ist schon mehr als ein Studentenscherz, es ist eben ein echter Künstlerscherz, der nicht veralten kann.“ Was den Unterschied macht, brachte Christian in einem Brief an Amélie Morgenstern vom 17.7.1911 auf den Punkt eines einzigen Wortes: im Unterschied zum Horatius travestitus sind die Gedichte aus dem Nachlass „zeitsatirisch“.

Der Nachlass erschien erstmals in der dritten, erweiterten Auflage des Horatius travestitus 1911, nun auch unter Angabe des Verfassers, bei Piper. Das Lächeln der satirischen Wahrheit, dessen Schutzpatron ebenfalls Horaz ist (Satire 1,1,24: „ridentem dicere verum / quid vetat?“, lachend die Wahrheit zu sagen, was steht dagegen?), nimmt nun einen sardonischen Unterton an. Aus dem Nachlass des Horaz zuckt die Geißel gegen die Kriegstreiber, wie im wohl bekanntesten Gedicht der Sammlung:


 
 
 

Laß sie Dreadnoughts bauen und aber Dreadnoughts
und vom Luftschiffkreuzer das Heil erwarten!
Unerträglich würden auf Erden sonst die
          Tage des Glückes.

Alles lebt in dulci jubilo, nirgends
haust die Pest, der Hunger, die Not, die Sorge.
Singend gehn die Völker zu Bett, und singend
          gehn sie zum Frühstück.

Müssen Patrioten da nicht zu Werken
kriegerischer Gewalt zusammentreten
und dem kannibalischen Wohl der Völker
         Schropfköpfe setzen?

Laß sie Dreadnoughts bauen und aber Dreadnoughts
und vom Luftschiffkreuzer das Heil erwarten!
Unerträglich würden auf Erden sonst die
         Tage des Glückes.

 
 

Die Schlachtschiffklasse der Dreadnoughts, deren gleichnamiges Typenschiff 1906 vom Stapel lief und durch seine völlige Überlegenheit gegenüber älteren Daten ein heftiger Stimulator des Wettrüstens wurde, bildet das 160 Meter lange Kürzel eines Irrsinns, der nach dem Muster der verkehrten Welt die Rettung vor dem Glück verspricht. Erstaunlich scheint, dass solche Gedichte Horaz in den Mund gelegt werden, wozu, fragt es sich, braucht es seine Maske? Lässt sich Gesellschaftskritik in sapphischem Odenmaß nicht auch ohne Nachlassfiktion treiben? Es erschließt sich wohl nur aus der Zusammenschau mit dem gut 17 Jahre älteren Horatius travestitus und der Rückbindung an das, was der Untertitel des Studentenscherzes in seiner Reserve hielt. Die volle und doppelte satirische Richtung, die der Struktur nach bereits in den frühen Gedichten enthalten war, wird nun vom schärferen Ton des Nachlasses deutlicher hervorgetrieben. Weiterhin aber ist Morgenstern auch hier kein galliger Satiriker, er arbeitet mit Spott (erst sanft, dann bitter) und nicht mit Häme (erst bitter, dann leer).

Was in erster Linie hier Horaz zugesprochen wird, ist ein schier grenzenloser prophetischer Skopus, vor dessen Grundsätzlichkeit alles, auch ein hypermodernes Schlachtschiff, zum Fliegendreck schrumpft. Deutlich wird die Mechanik der Satire als Operation der Vergrößerung und Verkleinerung. Der unausgesprochene Horizont des Edlen, Hilfreichen und Guten erscheint auch unter dieser Brille, da mit Horaz nicht nur an einen Kollegen des satirischen Registers angeschlossen wird, sondern auch der Kern des europäischen Kanons mit Satire infiziert und als Satiriker erneut in Stellung gebracht wird. Niemand lässt sich gern eine Satire an den Kopf werfen, aber die Satiren des Horaz müssen wohl auch Stutzer und Geldverleiher und sonstige Witzfiguren, über die Horaz spottet, lesen. Dem entgeht man nur durch eine Manipulation und Entschärfung der Lesegewohnheit; oder der eigentliche epikureische Ruf des Horaz geht gleich verloren (gleißendes Paradox des Lateinunterrichts, als Hausaufgabe die berühmte und schöne Ode I,11 (carpe diem, quam minimum credula postero) übersetzen zu müssen, während draußen Sommer ist). Diese Verharmlosung ist es, die Morgenstern wieder scharfmacht, das ist es, was er dem konkreten, zeitgenössischen Fall zuführt. In seinen Dreadnoughts steckt nicht nur der Kommentar auf eine hochaktuelle Situation, sondern auch die Analyse eines Umgangs mit Vergangenheit (d.h. einer Mentalität), die schon längst gleichsam einen Dreadnoughtfluchtpunkt angenommen hatte und ihre Bildungsbestände über lange Zeit hinweg einer im Blick des Satirikers stumpfsinnigen Manipulation unterworfen hat, um sich zu halten und immer noch größeren Stumpfsinn zu garantieren. Dass all das unter dem Panier, man müsse das Glück der Welt verhindern, geschieht und so einen glatt gedrehten Anti-Horaz hervorgebracht hat, liegt schließlich im Gedicht auf der Hand; auf der Hand liegt so auch der spezifisch teutonische Konvergenzpunkt von Stumpfsinn und Irrsinn.

Was auf den ersten Blick und v.a. im frühen Horatius travestitus noch versöhnliche Züge trug, entwirft also auf den zweiten Blick und im Nachlass deutlich eine zweite Zielscheibe der Satire, namentlich die eines bestimmten Horaz-Bildes. Was Travestie treffen könnte, ist nicht der Dichter, sondern seine Rezeption. Es ist jenes (für jeden Dichter wahrhaft schröckliche) Bild, das nur den Gipskopf zeigt und in dem (auf dem Weg vom Fleisch der Lippen in den Gips) die ethische Forderung nicht mehr hörbar ist vor lauter Bildung und Gehirnsbiedermeier. Morgenstern spielt gleichsam mit Horaz gegen ein Horaz-Bild, und darin ist noch die Kriegsbemalung des dichtenden Schülers erkennbar: Gegen die Spießbürger, gegen ihre Bildungsform, aber innerhalb ihrer Bildungsinhalte, Kraft des Kanons an jeder Zensur vorbei. Der Lehrer, der schließlich begreift, wie vielfältig er verspottet wurde, aber auch der „gemütliche Mann mit Gymnasialvergangenheit“, den es ebenso trifft, wird nicht umhinkommen, den brillanten Schüler zu loben: jeder Schritt zur Entschlüsselung von dessen Leistung wird dann zu einem Schritt tiefer in den Spott hinein.

Wohin es mit Dreadnoughts und aber Dreadnoughts ging, musste Christian Morgenstern indessen nicht mehr erleben. Er starb vor hundert Jahren in Meran, am 31.3.1914, im Alter von 42 Jahren.


 
 
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