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Tobias Roth: Kirchspiele - Brescia, Santa Maria in Solario

Kunst



Nebenan ein großes Forum, römisch. Der Gebäudekomplex ist so weitläufig, Santa Giulia, Santa Maria in Solario und San Salvatore sind zu einem einzigen Gebäude zusammengewachsen. Bedrückend, aber schön, wie fremdartiges Vokabular. Als die Revolutionsarmee durchmarschiert, hört das Gebäude auf, Kirche zu sein. Heute ist es ein Museum und füllt sich aus sich selbst heraus, Grabungen und im Keller kommen weitere Gebäude zum Vorschein, Städte in den Untergeschossen. Die Städte sind älter als die Geschichte, manche Häuser machen es mit. Ohne Richtung, nur das Grundstück bleibt. In den oberen Stockwerken blühen die Fresken einer neueren Zeit und buchstabieren den Analphabeten die Geschichten aus. Santa Maria in Solario, weit oben: Ein nachthimmelüberkuppelter Raum, rundum freskiert, etwas Licht aus den Löchern, die in die Basis des Himmels gehauen sind; auch die Damen, liest dort das Volk, können ans Kreuz geschlagen werden, das ist Giulia, Patronin der Gefolterten. Der ganze Raum leergeräumt, keine Funktion mehr, keine Kirche. In der Mitte steht das Kreuz des Desiderius, das niemand datieren kann.
In den Keller, Vitrinen säumen den Weg. Unter dem letzten freigelegten Fußboden zog man die Scherben heraus, die einen Ton gaben, Scherben Metall, vom Grünspan zusammengehalten. Da ist die bronzene Sichel, über drei Jahrtausende vor uns, geh in den Baumarkt und kauf dir die Kopie; unsere Bäume und unsere Mägen verändern sich zu langsam. Der letzte freigelegte Fußboden, im Keller, ist bunt vom Mosaik dreier Villen, römische Republik, Bacchus mit dem Horn der Fülle, Spiralen und das florale Ausbrechen der Geometrie mit Flossen und Köpfen. Eine spätere Schicht reißt sich hinein: In die Kreise auf den Böden der Schlafzimmer wurden Kreise geschnitten, Grundpfeiler der langobardischen Holzhütten. (Eine Welt vorfinden, die man nicht nachbauen kann: fließend Warmwasser unter Mosaik, ungegerbtes Fell über Holz.) Das Finderpech der Grabräuber hinterlässt uns ungebrochene Stücke, Glas, das seit zweitausend Jahren das Haus nicht verlassen hat. Ungebrochene Stücke antikes Glas wie Brustkörbe groß. Zweitausend Jahre, in denen alle Tage einzeln vergehen. Farbloses Glas, bläuliches Glas, bunt durchmustertes Glas, was ist geschehen, all die Zeit über?, es ist unleugbar, aber sichtbar ist es nicht. Der Schritt zwischen die Vitrinen der Bronzezeit wie der Schritt zwischen die Vitrinen des Mittelalters. Erst bleiben nur Fibeln, dann bleiben auch Schwerter. Die Vitrine nur ein weiterer Kokon Erdreich diesseits der Sichel des Saturn. Unmengen ungebrochene Stücke Akanthusfries (pflanzt Akanthus in den Mund der Gebäude!). Und als Spolien verbaut in der Kirche eins darüber und als Spolien verbaut in der Kirche eins darüber. Ohne Richtung, nur das Grundstück bleibt. In den Wipfeln der Säulen lösen Bänder den Akanthus ab, Akanthus löst die Bänder ab.
Oben Santa Maria in Solario, ein nachthimmelüberkuppelter Raum, leer, keine Funktion, keine Kirche, etwas Licht fällt wie aus Löchern im Mosaikfußboden, im Schatten der Bäume und Säulenstümpfe. In der Mitte steht des Desiderius mannshohes Prozessionskreuz: auf beiden Seiten gebuckelt von 212 Schmucksteinen in Stein gravierte Portraits graviert als Rom noch ein ambitioniertes Dorf war aus Griechenland römische Kameen verfeinert wie später Camenen als römische Gläser Fibeln und Schwerter über den Rhein gingen Preziosen die die Franken glitzern sahen in der Mitte ein kleiner kapriziöser Leib am Kreuz Gold der Neuen Welt warum nicht mit großen Schritten zusammengetragen. Man muss angefangen haben, es zu bestücken, als der letzte Rauch über Rom erkaltet war und die Wanderer vor einer Welt standen, die sie nicht mehr nachbauen konnten. Der Folterbaum wird ein Schatzkästlein für den Verlauf, der in edlen Stein graviert ist, der übrig bleibt. Der Triumph einer folgenden Zeit, die der alten ihre Kostbarkeiten entreißt, Zusammenhang, Adel, Vitrinen, Zersetzung. Und Bewahrung, Sammlung ist Zerstreuung, eines auf das andere, ohne Richtung, das kann man dem Arschloch im Laboratorium, dem Arschloch im Pfahlbau nicht oft genug sagen.


(Brescia, Santa Maria in Solario)


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