Tobias Roth: Für Bartolomeo Colleoni - Signaturen

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Tobias Roth: Für Bartolomeo Colleoni

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Tobias Roth

Für Bartolomeo Colleoni

und Florian Promitzer


Vorbei an Dingen im bergamasker Land (hier also kommen die Figuren her), auf verknoteten Verkehrswegen, überblendet mit dem grünen Absatz die Berge. Unabsehbare Blöcke sind aus dem Gebirge gestanzt und leuchten weit über das Moos der Wälder. Vorbei an Steinschneidereien, Werkhallen, das Getümmel der Rohre und das Schreien der Sirenen. Namenlose Industrien, deren Vorgehensweise niemand versteht, Dämpfe steigen aus den kurzen Schornsteinen und selten etwas so blickdicht. Vorbei an Dingen, wir kreuzen dreimal die gleiche Schnellstraße und sacken schließlich ab zwischen die Maisfelder, beidseitig, verschwommen grüne Flächen. Langsam die Streifen der Weinreben, tiefe Fluchtpunkte im weiteren Grün. Plötzlich auf der Wasserscheide zwischen Venedig und Mailand: Plötzlich das Kastell in Malpaga. Der wuchtige Quader im Quadrat der Wirtschaftsgebäude. Auf drei Seiten des Kastells je ein Riegel Wohnhäuser, das ist das Wachstum eines halben Jahrtausends. Kein Wegweiser hat es angezeigt. Der einzige Wirt in dreimonatiger Sommerpause. Nicht einmal Katzen kreuzen die Straße, selbst die Wäscheleinen sind leer. Kargheit unter Äckern und angeblich jeden Morgen ein Gottesdienst. Drei Hoden, das Wappen des Hausherrn, an der Pforte der kleinen, abseitigen Kirche. Alle Tore sind verschlossen, das Kastell ist das ganze Dorf und hier gibt es noch keine Öffnungszeiten. Aber in die verlassene Ruine steigen wir mit Leichtigkeit ein (wir tun es für das einzige Standbild Venedigs, Statue aller Statuen). Über zwei

Zäune, nicht mehr. Noch klingt von der Fahrt das Mixtape in uns nach und wir nicken zu unseren Schritten. Freskenreste in den Kappen des Torhauses, wo das Brücklein über den trockenen Burggraben springt: bunte, gewundene Füllhörner ergießen sich als Wälder, als Städte, dort prunkt ein Perlenregen, dort strömt Wein auf die Wurzel einer Platane. Ein Füllhorn ragt ins Freie hinaus, weil ein breiter Riss im Torhaus die Lippen öffnet, findiger Sproß des Efeu: Landschaftsbeschreibung. Dann Reste von Sternbändern und heraldische Fetzen. Die Farben sind bleich geworden, mürbe, die Fülle ist gestockt unter den Rußschleiern des Alters. Hoch oben aber forsche Zinnen, denen die Haut abgezogen ist. Das Schlaglicht des Morgens wächst an ihnen hinauf. Bald kommt die Sonne, die seit Monaten das Gras verbrennt, nähert sich langsam mit Wärme, Farbe, Duft. Wir können nicht über den Graben. Was nicht Ruine ist, ist abgeschlossen, nur daran lässt sich der Unterschied erkennen. Wir gehen auf und ab. Es gibt bald nichts mehr zu sehen, aber die Fülle wird langsam wieder flüssig, blüht im Kopf auf und spiegelt sich in Kleinigkeiten wieder und wieder. Die Zeit, die auf allen Flächen liegt, als könnte man jedes Steinchen kippen und sie einschlürfen: süß in meinem Mund, aber bitter in meinem Magen. Das ist ein Graben, über den wir nicht können, und wir lehnen uns über das Mäuerchen, wieder und wieder, balancieren auf den Kanten, kippen die Steinchen, kippen die Splitter. Es gibt nichts Beständiges unter dem Mond, cosa ferma non è sotto la luna. Und: chiari, canuti e leggiadri penseri. Es ist uns nicht möglich, geradeaus zu blicken, wir mögen noch so still sitzen. Die Augen verfransen sich und gehen über die Mauer wie das Unkraut, das aus den Fugen wuchert, querfeldein durch die reinsten Formen. Ein paar Dutzend Kinder, ein Tod in einem bedeutungslosen Scharmützel oder einer schlussendlich erfolglosen Intrige, das fanden wir immer wieder. Der italische Subkontinent regiert von Jugendlichen und Irrsinnigen. Pracht, Genuss, allerdings. Die Gewalt tropft langsam in diesen süßen Ort der Erinnerung hinein, aus diesem süßen, stillzirpenden Ort der Natur heraus. Die Söldnerführer, die eine knappe Generation älter waren als Colleoni, haben ihre Laufbahn tatsächlich als Söhne und Lehrlinge von Metzgern begonnen, Erasmo da Narni und Niccolò Piccinino. Die Herrschaften der Stadtstaaten fürchteten diese Männer, bei denen sie unentwegt den Krieg in Auftrag gaben. Die Verträge wurden immer länger, aus Angst, sie könnten den Alteingesessenen einen Staatsstreich spielen. Gab man ihnen zu wenig Geld, vielleicht verloren sie dann den Krieg, gab man ihnen zu viel, führten sie vielleicht ihren eigenen. Diese Angst war durchaus begründet, aber die Handlungen waren so unvorhersehbar wie die Sicherungsmaßnahmen kurzsichtig. Francesco Bussone da Carmagnola, Sohn eines Bauern und später Schwiegersohn eines Herzogs, lief zu den Venezianern über und seine bloße Gegenwart machte die Republik so fahrig, dass sein Kopf bald über die Piazzetta di San Marco rollte. Grundlos, die Panik der Schüchternheit, der Einzelne in der Überzahl. Es gab keine Partei und Überzeugung, die Politik war flink und schlank in jener Zeit, kurz vor dem Durchschlag des Buchdrucks, wie später nicht mehr. Sigismondo Pandolfo Malatesta, dem Piero della Francesca einen Blick aus kaltem, leuchtendem Diamant auf sein Portrait gemalt hat, schnitt in Ravenna zwanzig Wagenladungen Marmor aus zwei Kirchen heraus, um in Rimini ein Mausoleum für seine Geliebte zu bauen. Einen Tempel, keine Kirche. Als er für die Venezianer in Griechenland kämpfte, stahl er, wie Reliquien, die Gebeine des Georgios Gemistos Plethon, eines Gelehrten, der das Christentum abschaffen und den griechischen Götterhimmel wiederbeleben wollte. Colleonis Kastell fiel durch diese Atmosphäre eines Nachts vom Himmel, in das Nichts hinein, vor den Toren mehrerer Städte. Ein Freundschaftspreis für den Vorgängerbau, ein Vermögen, das kaum ins Gewicht fällt, für die Festigkeit und Pracht des eigenen Hauses. Taumelnd wie wir, plötzlich so fest und plötzlich so weich, wie wir. Hopfen wuchert aus den eingestürzten Ställen, Ackerwinden baumeln in den geborstenen Dachstühlen, Brombeeren und Brennnesseln überschwemmen die zerbröckelten Säulenschäfte. Auf ihnen sitze ich wie ein Melonenesser, erregt im Gaumen meiner Augen. Ich habe nie gelernt, den Namen einer Frau zu singen, aber ich weiß, dass es diese Wälder gelernt haben, und jeder Farn, der seine Blätter über die Scherben des Kastells rollt, unterhält noch seine Beziehung zum abgerissenen Kopf des Orpheus. Die Vergangenheit spricht und spricht und wir beide stehen staunend und schweigend vor der Gegend, die Landschaft wird, denn unsere Augen hören zu und fragen zuweilen nach. Die wilden Kräuter verdampfen zwischen meinen Fingern, Oregano und Thymian, ich atme sie ein, uralt, wie sie schon ausgeatmet wurden, als man hier noch andere Sprachen sprach. Wieder und wieder gekostet, zur Probe in die Luft geworfen. Auch die Namen zwischen den Fingern zerrieben: die Übermütigen, Rücksichtslosen. Die nicht bereit waren, sich ein Joch aus den eigenen Halswirbeln zu schnitzen. Wo sich der Geruch der aufplatzenden Blüten und der einsinkenden Kadaver von Ferne nicht mehr unterscheiden lässt und die Kämpfe ohne Hinterlist im Hochsommer eingestellt werden. Wie schwach dagegen meine Hand, zerbrechlich meine Stirn: gerade genug, jene zu hassen, die jetzt diesen Landstrich regieren, gerade genug, den Schleier der Vergangenheit vor das Gesicht zu ziehen. Castruccio Castracani, nichts weiter als der Sohn eines mittelmäßigen Kaufmanns aus Lucca, ließ sich in Rom eine rote Robe schneidern, auf der gestickt stand: „Das ist der, den Gott will und auch in Zukunft wollen wird.“ In diesem Gewand spazierte er durch den Vatikan und diktierte dem Papst Bedingungen und zukünftige Kaiser. Man sagt, dass in Malpaga ein Stück dieser Robe zwischen Reliquiar und Ahnengalerie aufbewahrt wurde. Nur die Zikaden besingen das nackte Mauerwerk, zerkerbt und sich selbst überlassen, zwecklos. Nie eingenommen, nie ausgegraben, irgendwann verlassen. Hinter den robusten Backenzähnen dieser Werksteine muss der hohe bunte Saal sein, da sitzen die greisen Gedanken eines Feldherren, mitten in der Landschaft, die alles in sich saugt. Der Putz wird zu seinem Angedenken trocknen und ewig zerren die Jagdhunde aus Farbe an ihren Leinen. Er schlägt den Schleier über die Gesichter junger Frauen zurück, vor denen sich alle Fürsten der Erde beugen. Und da denkt er an den, der eine Nacht sechsunddreißig Stunden dauern ließ; verloren in den unabsehbaren Schlingen der Zöpfe, der Perlen im Golddraht. Er empfängt die Gesandten mehrerer Staaten, mit dem Stolz des Städters und dem Stolz des Bauern zugleich, mit unermesslichem Selbst. Nichts wird sich bewegen. Nicht nur daher kam es, dass ihn Francesco Sforza, selbstgemachter Herzog von Mailand, einen königlichen Hund nannte. Indessen fiel die Welt zwar aus der Mitte des Kosmos, aber der Wein blieb trächtig und die jungen Aprikosen raschelten im Wind wie die blassen Alpen am Horizont. Nichts wird sich bewegen. Die Flügelschläge der Tauben und Spatzen klatschen auf das Mauerwerk, auf die Fenster aus Pergament und Halbedelstein. Selten nur verwandeln zum Beginn eines neuen Jahres die kleinen Haufen körnigen Eises, die spärlichen Flächen Schnees die Ackerfurchen rund um die Burg zum Fell eines seltsamen Raubtiers, gegen das die hohen Kamine lodern. Feste reihen sich. Die Tage werden überdeckt von Tagen. Ein Theoretiker des Tanzes wird seine Biographie schreiben, er überwacht es mit müden Augen. Er tauft seine Tochter auf den Namen Medea, aber überlebt sie um ein paar Jahre. Und wieder kommt der Winter mit Nebelschwaden, der Sommer mit Mauerseglern und Schwalben, schlafend im Flug, und die Köpfe glühen wie die Körper, mit der Hand in der Erde wie im Papier. Als Wappen drei Hoden rot und silber. Santa Maria Maggiore in Bergamo erscheint wie ein Anhängsel neben der Kapelle, die sich Colleoni bauen ließ. Das Haus der himmlischen Heerscharen ist unvollendet, graubraun. Die Kapelle des Privatmanns ein vielfarbiger Exzess rund um seinen zukünftigen Sarg, ein senkrechter Garten aus verschiedenem Marmor. Innen grüßt der wüste, goldene Reiter mit dem knospenden Stab der Condotta herab; grober Geselle, aber alle Standbilder zeigen ihn unbewaffnet. Anderes hatte Galeazzo Maria Sforza vor, als er ihn zum Duell forderte, den vierzig Jahre älteren Greisen, auf freiem Feld Tausend gegen Tausend. Sforza wettete die Stadt Imola, Colleoni unterschrieb dafür, dass man seine Leiche als Trophäe im Mailänder Dom ausstellen könne. Die Diplomatie vereitelte das Duell, Dame Fortuna die Giftanschläge der folgenden Jahre. Für Roberto da Sanseverino, der Colleoni im Amt als Oberbefehlshaber der venezianischen Landstreitkräfte nachfolgte, errichtete man schließlich im Dom von Trient zum Spott ein Grabmal und bekleidete die Reiterstatue mit dem blutigen Harnisch und der blutigen Pferdedecke aus der Schlacht; er hatte das Amt kein Jahr überlebt. Aber die alten Herren. Michele Attendolo, einer der Vorgänger Colleonis im Amt, erreichte ebenso in aller Ruhe hohe Greisenalter. Attendolo erscheint schließlich auf einer Tafel Paolo Uccellos, als Sieger einer Schlacht bei San Romano, im Zentrum holt er aus und senkt er seinen Arm in die Zeit und den Raum hinein: Wohin sich das Schwert streckt, da entsteht erst Zeit, wohin sich die florentiner Lanzen neigen, da entsteht erst Raum. Die Erinnerung an die Tafel lässt mich zusammenzucken, ich fürchte um meinen Leib, denn Attendolos Pferd auf Uccellos Bild fletscht die Zähne, so geradeaus mir entgegen, als wollte es mir den Augapfel aus dem Gesicht beißen. Drei solche großen Tafeln gab es, alle drei ließ sich Lorenzo de’ Medici in seine Privatgemächer hängen, heute würde man sagen in die Via Camillo Cavour 3, und da, flimmernd hinter spiegelnder Luft, scheint wieder Colleonis Wappen rot und silber. Die langen Listen der Ortschaften, die einem Condottieren gehörten. Attendolo war auch Herrscher von Castelfranco Veneto, gerade auf der anderen Seite der Wasserscheide, die zwischen Mailand und Veneidg läuft, und Giorgione malte dort für Tuzio Costanzo, Condottiere über Zypern nach Asolo, den Abend des Festlandes hinter der Heiligen Jungfrau, fast misstrauenerregend in seiner Wahrheit, und Schrifttafeln an die Wände der Zimmer. Da neigen sich die Farben des Abends über die Hügel, die von Bäumen bewohnt werden und Ruinen, die singen wie von verlassenen Orten, aber alles Leben in dem Duft, den der Wind über das Bild streicht. Blüte ist in dem Himmel und Blüte ist in der Landschaft, mit den Jahren im Kreis, darüber wacht die Jungfrau in Stille. Der weißhaarige Schatten des herrschaftlichen Kriegers irrt in Malpaga, l’ombra canuta del Guerrier sovrano a Malpaga erra. Und: quei che Lorenzo Lotto il dipintore alzò fra i tralci della vigna vera. In dieser Landschaft, sind es diese Weinberge tatsächlich, die sich wieder senkten, die sahen und das große kosmische Jahr noch sehen werden? Colleonis Leiche wurde schließlich von den Advokaten betrogen und vielleicht war er glücklich genug, es bis zuletzt nicht zu ahnen. Nichts bewegt sich in Malpaga. Nicht nötig, seither. Die Pflanzen überschwemmen ungesehen die zerbrechlichen Mauern und was wir pflückten, ohne zu denken, blühenden Oregano und Steinnelken, fällt nun ungesehen wieder aus unseren Händen. Über zwei

Zäune, nicht weniger. Wir haben beide die meiste Zeit über geschwiegen; als wäre jetzt der Moment einer dritten Figur gekommen, die im Schlaf spricht, und die Beredsamkeit des überwucherten Gemäuers. Das Mixtape springt mit dem Motor an, wo wir es gelassen hatten, allmählich löst sich ein Scratch in seine Worten auf, kid, you know you can’t fuck with this, the original, und der Mittag springt uns als goldene Biene ins Auge, als wir langsam aus dem Schatten der Platane rollen. Die Landstraße verflüchtigt sich unter uns. Der Weg ist nun unheimlich kurz, denn alle Wegweiser führen zum Flughafen von Bergamo. Es ist gut so. Wir haben vergessen, die Platane mit Wein zu gießen. Unruhige Finger rücken die Sonnenbrillen zurecht und wir machen kehrt.

 
 
 

Castello di Malpaga

 
 
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