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Tobias Roth: Aus Waben

Rezensionen



Jan Kuhlbrodt

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zu den Gedichten von Tobias Roth in "Aus Waben"


Was ist Geschichte? Die Summe der Ereignisse, oder Eräugnisse, wie Heidegger es putzig nennt?
Rekonstruktion und Erlebnis? Scherbe oder Prozess? Zerstörung oder Auferstehung? Ein Märchen aus uralten Zeiten, geht mir nicht aus dem Sinn. Aber irgendwie muss es in meinen Sinn gekommen sein. Das ist bei dem zitierten Heinetext natürlich kein Wunder, gehört er doch auf die eine oder andere Weise zum Hintergrundrauschen der europäischen Kultur, oder um einen gängigen Begriff zu benutzen, zum europäischen Diskurs. Und es ist kein deutscher Diskurs. Die nationalen Filter sind spät erst hinzugekommen. Auch Roths Texte speisen sich zuweilen aus einer Vergangenheit, als es dieses Politische Konstrukt, das wir Deutschland nennen, noch gar nicht gab. Seine Vorlieben für die Renaissance, gleich welcher geografischen Ausprägung, sind unverkennbar.

Eine biologische Theorie besagt, dass die Phylogenese gleich der Ontogenese sei, dass also jedes Individuum im Prozess seiner Werdung alle Entwicklungsphasen der Gattung durchläuft. Ich weiß nicht, ob diese Theorie inzwischen widerlegt ist, aber ich meine, dass Roth gewissermaßen einen entgegengesetzten Weg einschlägt.


Zum ersten Mal begegneten mir Texte von Tobias Roth, als ich in einer Wettbewerbsjury in Chemnitz saß. Es handelte sich um einen auch in diesem Band aufgenommenen Zyklus über einen Uhrmachermeister, und der Eingangstext hieß: Epitaph für Johann Assmann und uns.
Eine Chemnitzer Romanistin, die auch in der Jury saß, feierte diese Texte wie eine Offenbarung und kämpfte als Löwin für deren Bepreisung. Ihr Kampf führte zum Preis des Chemnitzer Buchhandels. Mich ließen die Texte damals merkwürdig ungerührt. Dass aber ist ein Beispiel dafür, wie wichtig für eine Rezeption der Raum und die Zeit sind, in denen wir Texten begegnen. Denn die Romanistin befand sich allein beruflich ohnehin im Kontakt mit Gedanken, die so etwas wie den Humus bilden für die Rothschen Dichtungen. Allerdings heißt das nicht, dass dieses Buch ein Romanistikstudium voraussetzt, sondern die Komposition des Bandes schafft gewissermaßen von sich aus die Erfüllung der Bedingung der Rezeption, und der von mir angesprochene Text findet sich im letzten Viertel des Buches.

Beim ersten Hineinblättern in den Band bleibt man natürlich zunächst einmal bei den Illustrationen stehen. Es handelt sich um Grafiken der in Hamburg lebenden Künstlerin Asuka Grün. Die Technik ihrer Arbeiten erinnert in ihren Verwischungen an Pastiches, als wollte der Stein seine Geschichte auch preisgeben. Aber das Zitierte ist vor allem Nachhall, ein Technikzitat. Nichts ist ungeformt und die Bildgebende Kultur setzt ihr Bild auf Bilder, schwimmt auf Tradition. Wiederkehrend natürlich und dem Titel des Buches geschuldet, die Biene. Jenes staatenbildende Insekt, dass für unsere Kultur so wichtig ist, für allerlei Vergleiche herhält, und das, trotzdem es Staaten bildet, Geschichte nicht kennt. Jeder Bienenstock ist die detailgetreue Nachbildung eines Bienenstocks. Natur halt. Kunst aber ist Verschiebung. Nicht in der Lage ein vorangegangenes Werk zu wiederholen. Wohl aber befähigt es in sich aufzunehmen.

Aus Waben setzt in der Gegenwart ein, dort wo sie sich noch gar nicht als geschichtliche zeigt. Zumindest auf den ersten Blick nicht, eine Alltagssituation. Anwesend ist Geschichte aber gleichwohl als Form und sie verschafft sich Geltung:


Die Luft war nachts durch das Gewitter
Wenig gekühlt und du sagst, ich hätte
Im Schlaf gelacht, und niemand begreift, wovon.


Vergangenheit also ist von Anfang an anwesend, aber eben als unbegriffene, als etwas, dass eine Reaktion auslöst, zumindest im Traum. Und worauf dieses Lachen gründet, erforscht das Buch, denn schon ein paar Gedichte weiter macht der Text sich auf, sie zu rekonstruieren.


Schweigend sehen wir den Boden der Luftschiffer vor uns.
Seine Vergangenheit ist meine Vorzeit, …


Zunächst die jüngste Vergangenheit also, oder besser eine, als es schon oder noch Luftschiffer gab. Auch hier schon begegnet sie uns als Bild. Aber immer weiter, im Gehen, Schritt für Schritt, legt sie sich frei, denn die Bewegung im Raum ist eine Bewegung in der Zeit, die unsortiert herumliegt als Artefakt, und irgendwann treffen wir eben auch auf oben genanntes Epitaph:


Eine deiner Uhren zeigt die Zeit unterm Atlas:
Neben Teilen des Tags, neben den Vierteln des Jahrs
Neben dem eisigen Herzog inmitten der Ahnen,
(…)


Und dieses Gedicht, das mir in der Jurysitzung so fremd war, ist mir nach dem Gang durch das Buch seltsam vertraut. Jedoch keine Sorge, Roths Gedichte sind keine didaktischen Exkurse, sondern in hohem Masse sinnlich, rennaisancegeschult eben.



Tobias Roth: Aus Waben. Gedichte. Berlin (Verlagshaus J. Frank) 2013. 96 Seiten. 13, 90 Euro.

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