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Timo Brandt: Kleine Replik auf Jan Kuhlbrodts und Slata Roschals kleine Repliken zu meinem Text

Diskurs / Poetik > Zur Kritik
Timo Brandt

Kleine Replik auf Jan Kuhlbrodts und Slata Roschals
kleine Repliken zu meinem Text:


Ich kann verstehen, dass der Eindruck aufkommt, ich wolle jegliche Debatte über Qualität relativieren oder unterbinden (verhindern, etc.).
    Allerdings gibt es in meinem Text auch ein paar Ansätze, die in andere Richtungen weisen, insofern fühlt es sich ein bisschen so an, als wäre der Text ziemlich schnell auf etwas heruntergebrochen worden.
    In der Tat würde ich die Debatten über Qualität sehr gerne gegen Debatten über Qualitäten eintauschen. Ich bin weit davon entfernt zu leugnen, dass Gedichte sich durch ihre Machart unterscheiden und damit auch "objektive" Qualitäten einhergehen; deshalb schrieb ich:

"Es gibt Werke, die herausragend sind, und welche, die es nicht sind; Werke, die elaboriert sind, und Werke mit sehr geringen Ansprüchen; manche Werke sind komplex und (un)ausdeutbar, manche zielen auf eine Botschaft ab, versuchen etwas möglichst prägnant zu formulieren. Aber deswegen ist nicht das eine ein gutes, das andere ein schlechtes Werk."

Ob die eine oder andere Qualität eine entscheidende ist, das will ich hinterfragt sehen. Warum sollte man die Qualität der perfekten Beherrschung der Technik über die des originellen Gedankens stellen?
    Doch nur weil einem selbst die eine Qualität eher zusagt (gefällt, wichtig erscheint) als die andere und nicht weil sie erwiesenermaßen "wirksamere, schönere, nachhaltigere" etc. Gedichte hervorbringt. Man kann darüber streiten, ob ein Gedicht bestimmte Qualitäten besitzt – wenn man gar keine feststellen kann, dann ist das natürlich schlecht. Aber eine Hierarchie aufzubauen und festlegen zu wollen, welche Qualitäten von Bedeutung sind und welche nicht, das leuchtet mir nicht ein oder dient dann halt zur Wahrung selbiger Hierarchie. Kategorisieren wir gerne Gedichte wie Gewächse und Tierarten, schauen wir uns ihre Lebensräume, ihre Verhaltensweisen an, reden wir darüber, wessen Beute sie sind, wessen Jäger, etc.
    Vielleicht sind manche Leute hauptsächlich an Vögeln und Strauchgewächsen interessiert. Aber deswegen muss man über Wiesengewächse und Insekten nicht die Nase rümpfen! Schreiben ist, diesen Gedanken will ich noch anbringen, darüber hinaus kein Topos oder Paradigma, wie jede Theorie hinsichtlich einer Oberklasse von Kunstwerken auf gewisse Weise propagiert; ein Kreis, den man nur betreten und nicht mehr verlassen darf. Schreiben (und auch die Ergebnisse) sind ein Prozess, Teil eines Prozesses, eines jeweils individuellen, aus dem sich keine Standorte extrahieren lassen, höchstens Sehenswürdigkeiten. Ich will aber auch kein Spielverderber sein. Wenn mir jemand sagen kann, was die eine verbindende Qualität der Gedichte von Sylvia Plath, Friedrich Hölderlin, William Carlos Williams und Barbara Köhler ist, werfe ich das Handtuch. Und auch ansonsten bin ich für jeden Hinweis auf andere Gesichtspunkte dankbar, ich stehe für das alles ein, was nicht heißt, dass ich mir 100 % sicher bin. Aber bitte nicht einfach nur sagen, ich mache es mir einfach. Das tue ich für meine Begriffe nicht. Finde es natürlich schön, was sich jetzt für ein Dialog ergeben hat!

Des Weiteren will ich noch antworten auf Slata Roschals Kritik zu meinem ersten Beitrag – sie scheint eine Begabung dafür zu haben, Flapsigkeiten und problematischere Formulierungen in meinen Texten ausfindig zu machen, so schon in ihrer Kritik zu meinem Gedichtband. Da kann man eigentlich nur dankbar sein, was ich auch bin, dennoch dazu noch Folgendes:
    Ich finde es schön, dass sie mit dem Begriff „Sättigung“ auf Wanderschaft geht, über das Kulinarische ausdehnt, aber ich hätte mir da schon auch gewünscht, dass sie erwähnt, dass ich den Begriff so nicht verwendet habe – man ist beim Schreiben von Kommentaren (so finde ich) verpflichtet dazu, einen Text, auf den verwiesen wird, (und die Verwendung der Begrifflichkeiten dort) nicht falsch darzustellen.
    Lyrik ist natürlich auf gewisse Weise Luxus, so wie die meisten kulturellen Praktiken, aber dann irgendwo auch wieder nicht und in Zeiten des Internets muss sie das auch in Sachen Papier nicht mehr sein. Ich plädiere ja auch nicht dafür, „schlechte“ Gedichte zu drucken, was Roschal indirekt behauptet, sondern ich habe lediglich über die Problematik der Zuordnung von „gut“ und „schlecht“ geschrieben; darüber, dass die Qualität von Gedichten vielleicht nicht unbedingt von einer kleinen Gruppe von spezifischen Merkmalen abhängt (sondern von einer größeren, die auch mit Kontexten und Absichten, Ambitionen, etc. zu tun hat).
    Wenn ich verlange, dass Lyrik u.a. „satt“ machen soll, dann will das heißen: ich will, dass Lyrik auch bei Leuten mit unterschiedlichstem Background ankommt, ihren Wunsch nach vielfältigen Bedürfnissen wie Sinn, Emotionen, nach dem Aufbrechen von Mustern etc. befriedigt und sich darum auch bemüht – ich sage nicht, dass alle Gedichte das tun müssen, sage nur, dass das auch eine Qualität ist. Und ich schäme mich nun nicht dafür, dass ich mir einen Kreis von Leser*innen von Lyrik vorstelle (und mich nicht damit abfinde, dass das Publikum für Lyrik gerade klein ist), der nicht nur aus Gourmets besteht. Das ist doch eine sehr aristokratische/elitäre Vorstellung – und was hat das mit Respekt zu tun? Warum hat jemand, der Lyrik liest, automatisch Respekt verdient? Vielleicht hat er/sie meine Zuneigung dadurch, es freut mich, aber Respekt, das hätte ich gern erläutert …
    Zum Sex: natürlich ist der Sexualakt zumeist kein öffentliches Ereignis, das Schreiben eines Gedichtes in den meisten Fällen auch nicht. Und ich gebe zu, der Vergleich zu den Bewertungskriterien hinkt, wenn man ihn bis an die Wurzel verfolgt – und ihn generell zu kritisieren, finde ich an dieser Stelle richtig und wichtig. Aber ich finde, dass auch hier die Verwendung in meinem Originaltext ein bisschen falsch dargestellt wird (überhaupt, im Ganzen). Ist ja nicht so, dass ich auf dem Thema herumreite. Ich benutzte diesen Vergleich als eines von mehreren Argumenten und baue nicht meine ganze Theorie darauf auf. Und ich tätige den Vergleich außerdem vor allem unter dem Aspekt der Vielfalt. Und auch wenn Literatur, im Gegensatz zur Sexualität, natürlich für Kritik empfänglich sein sollte, widerlegt diese Feststellung eben nicht, wofür ich werbe, nämlich dass auch die Kritik empfänglich sein muss für unterschiedliche Qualitäten in der Literatur.
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