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Tim Holland: vom wuchern

Rezensionen



Jan Kuhlbrodt


Zu Tim Hollands "Vom Wuchern"



Ein Buch sei nach traditionellem Verständnis eine Sammlung von bedruckten, beschriebenen, bemalten oder auch leeren Blättern aus Papier oder anderen geeigneten Materialien, die mit einer Bindung und meistens auch mit einem Bucheinband (Umschlag) versehen ist. Laut Unesco-Definition sind Bücher nichtperiodische Publikationen mit einem Umfang von 49 Seiten oder mehr.
Wir haben es nach dieser Definition also beim Vorliegenden nicht mit einem Buch zu tun, eher mit einer Karte und einem Begleittext. Der Form nach also mit einem Ding, dass helfen soll, sich in einer Landschaft zu orientieren, indem es die Landschsaft stilisiert abbildet. Nun heißt das Ganze aber vom wuchern. Das Wuchern aber in eine Karte zu fassen, scheint paradox.

Auf der Vorderseite des Produktes aus grauem Karton findet sich der stilisierte Klappentext. Statt Buchstaben und Worte sind Balken, deren Inhalt sich rückseitig erschließt. Sprache als grafischer Rest, der sich aber auch hinten nicht als regelrechter Klappentext erweist, sondern als ein Gedicht in Blocksatz, das seine poetologischen Mittel durchspielt. Reim und Assonanz. Diese Mittel schaffen Text, lassen Sprache wuchern und binden sie zugleich in eine Ordnung zurück. Die Assoziation benutzt einen Sprachpfad.
Der Wald aber ist das außer Kontrolle geratene Gehege, ihn zu lieben und ihn zu fürchten ein restromantischer Impuls. Auch ihm im Herzen Anarchie zu unterstellen.
Dabei wuchert er bei uns doch nur noch, wo man ihn lässt. die bäume stammeln hier nur. Aber Holland entwickelt eine unbändige Lust mit den Doppel und Mehrfachbedeutungen der Worte zu spielen. Der Wald in Mitteleuropa ist künstlich. Noch keine Kunst. Kunst wird er erst, wo ihn der sprechende Maulwurf durchstreift und wo er auf einige Beckettzeilen trifft. Einen Ausschnitt aus dessen Werk Worstward ho. (Aufs Schlimmste zu. In deutscher Übersetzung.) Wuchert hier aus. Als sei das Zitat ein Samen gewesen. Fail better. Besser Scheitern ist letztlich das, was Beckett von der Kunst verlangt. Der Kunst besseres Scheitern ist ihr Gelingen.
Und wenn es ums Wuchern geht ist dem Text, wie es scheint, das Buch nicht genug und auch die grafische Gestalt der Schrift nicht. Also macht Holland ernst und verlässt die Gefilde. Aus dem Buch wird ein Blatt, eine Karte.

(Nicht zuletzt deshalb passt dieses Produkt auch so gut ins Konzept des Gutleut Verlags, der Gestaltungsmöglichkeiten durchspielt, dem Grafik und Text gleichermaßen wichtig sind. Gutleut ist übrigens ein Frankfurter Stadtteil, der sich hinter dem Bahnhof den Main entlang schiebt. Das nur, um Missverständnisse zu vermeiden. Ich habe dort oft in einem kleinen Park gesessen und Enten beobachtet, die einen Fahrradrahmen umschwammen, den jemand dort in den Fluss geworfen hatte.)

Auf der Karte Gedichte, Texte, die auf Texte verweisen, aufgegangene Samen. Die meisten Texte im Blocksatz, Texte die nach Herkunft fragen und Idendität.


hier hat erkenntnis system
eine notwendigkeit der nutzung
du bist der diskrete
untersuchungsausschuss
der meine emotionen diskutiert
und feinsäuberlich ablegt
du erkennst mich


Um das Wuchern im Zaum zu halten, ist die Karte in Planquadrate eingeteilt, und um Texte wiederzufinden hilft hier kein Inhaltsverzeichnis. Es gibt eine Legende, ein Register. Im Begleitheft aber verliert sich die Ordnung, variieren die Schriften, sind von Graphitzeichnungen, vielleicht ist es auch Kohle, also Reste von Bäumen, durchbrochen. Der Wald wird zur Fieberkurve und der Maulwurf sieht mit den Händen. Ein Buch, wenn man es denn so nennen darf, das klug ist und Spaß macht.


drift entlang der bisher vermuteten linie.



Tim Holland: vom wuchern. Frankfurt a.M. (gutleut verlag / reihe staben) 2016. Landkarte mit eingelegtem Heft, 56 Seiten. 19,00 Euro.

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