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Thomas Kunst: Kolonien und Manschettenknöpfe

Rezensionen



Timo Brandt

Wie man noch zu einem freien Umgang mit den Dingen vorstößt



„wir schossen auf
Alles, was sich dem Anschein nach
Nicht mehr bewegte, so unterbanden
wir die moderne Ethnologie noch ausstehender
Höflichkeitsmuster, bleibe immer
Da, wo es belebt ist, aber meide alle
Öffentlichen Plätze“


Kolonien, das ist ein Begriff, mit dem man oft so etwas wie Exotik, Ferne und Reichtum verbindet, aber natürlich auch Abhängigkeit und Unterdrückung; Manschettenknöpfe schließen den Ärmelaufschlag, wohlverziert oft, sind also gut für Stil und Schein, aber eigentlich nutzlos.

Mit beiden Titelworten könnte man nette Analogien zur Dichtung basteln. Schließt ein Gedicht den schönen Schein ab, hält ihn zusammen wie ein Manschettenknopf? Sind Gedichte die exotischen Kolonien der Sprache, unter der Herrschaft allgemeiner Begrifflichkeiten stehend, sich dieser Herrschaft aber entledigend, sie abschüttelnd? Sind Gedichte also dienlich oder unabhängig? Accessoires oder sich selbst bestimmende, bedeutende Präsenz?

„Der Liebestaumel ist ein muskelfrischer
Gedichtverlauf mit Äpfeln an den Rändern.
Die Säure stößt sich an den Vorderzähnen.
Gebietsverlassenheit zum Gegenlehnen.“


Man hat das Gefühl, Thomas Kunst lotet durchaus diese Fragen in seinen neuen Gedichten aus. Sie haben das persönliche Inventar, den gefächerten autobiographischen Inhalt und den rasanten Anstrich des ganz und gar Unpersönlichen. In ihrer fast schon ungezwungenen, teilweise chaotisch, teilweise rigoros zu nennenden Art, scheinen sie zunächst ein gutes Beispiel für eine Dichtung, die sich auf das Viele einlässt, aber augenscheinlich selten auf Konkretes hinauswill; stattdessen sprachlich belebt, was dem Dichter gerade aus der Erinnerung oder der Vorstellung in die Hände fällt, was sich an Eindrücklichem und Ausdrücklichem anbietet.

Die Stürme, zu denen einige seiner Gedichte ausarten und in denen viele Eindrücke und Einflüsse zusammengeheftet sind, die mal wie eine Verarbeitung wirken, dann wieder wie eine ruhelose anschließende Imaginationswälzung: das alles hat den Beigeschmack der Anarchie.


Das Faszinierende ist, dass mir diese freie, ruhelose Form der Darstellung geholfen hat, zu den Momenten dieser Gedichte vorzustoßen; denn wenn sich nichts festmachen lässt, ist alles Anstoß, Rückstoß, Vorstoß. Mit Momenten meine ich die klare Linse, die sich immer wieder auftut und durch die man einen Blick auf etwas Greifbares werfen kann; sie ist wie ein Schalter, der das Gedicht auf on stellt. Ich kann mir gut vorstellen, dass dies nicht die eigentliche Absicht hinter den Gedichten ist – aber so habe ich einen Zugang gefunden.

Zum Beispiel in einem der ersten Gedichte, das in Malawi startet und allerlei durcheinandergewürfelte, aufblitzende Sentenzen zu Ostafrika anführt und in dem früh die Zeilen:

„dem Elend war nicht
Die geringste Regierbarkeit anzusehen“


vorkommen. Obgleich ich mich in diesem Gedicht nicht bis ins Letzte zurechtfinde, geht von der Formulierung eine Art Impuls aus, der auch andere Sätze vor meinem Auge anwirft, in Bewegung versetzt. Von diesem Satz ausgehend, kann ich anfangen, über das Gedicht nachzudenken.

Ähnlich bei anderen verdichtenden Passagen, die einen angeschnittenen Kosmos scheinbar nur kurz abhandeln, wie um ihn aus dem Weg zu räumen, ihn aber gerade auf diese Weise nicht frontal thematisieren zu müssen, wodurch das Zwanghafte, lediglich Zielgerichtete einer lyrischen Erörterung oder Illuminierung entfällt – stattdessen kann man sich leicht in den geschaffenen Zwischenräumen aufhalten und selbst die Bedeutungsnuancen anfüllen. So kann ich mithilfe folgender Zeilen alte Schulzeiten mit dazugehörigen Emotionen und Bildern aufrufen:

„nachmittags, die maximale
Helligkeit in meinem Hausaufgabenheft, heute habe ich
Erfahren, dass ich meine Schere verloren
Habe, Schere, Zirkel und Kleber, reine, ungefochtene
Gestüte auf dem Heimweg, go home“


Den Gegensatz zu dieser scheinbar punktuellen, willkürlichen Wirkung bildet der in anderen Gedichten vorkommende, ebenso rasant arrangierte autobiographische Touch, der allerdings in seinen inhaltlichen Ausformungen mitunter wiederum etwas Surreales hat. Da gibt es beispielsweise ein Gedicht, „Der Umbau des Bades“, in dem das lyrische Ich und seine im Rollstuhl sitzende Mutter zu den Furz-Weltmeisterschaften in Milwaukee fliegen und die Szenerie zwischen entstellter Komik und Erbarmungswürdigkeit changiert.

Und dann sind da noch die formal strengeren Gedichte, die oftmals einen ätzenden Beigeschmack haben, etwas sehr Kritisches und Unbeugsames ausstrahlen – eine engagierte Note erklingt darin.

„Genau genommen hoffe ich auf Klärung.
Geduld und Irrsinn führen nie zum Ziel.
Jahrhundertstrophen bleiben ohne Ehrung
Gelingt durch Glück und Penetranz das Spiel
Betreuter Anpassung ans Geld, wieviel
Verändert sich, wenn Jamben durch Verlage
Verschiedener Herkunft rinnen, infantil
Genug, zu glauben, dass sei nicht die Frage.“


Bei der wiederholten Lektüre mancher Gedichte kommt mir fast alles hochpolitisch vor, und ich begreife nicht, wie ich sie zu Anfang als verspielt, als ungezwungen und frei wahrnehmen konnte. Es ist sicherlich ein wenig vermessen zu behaupten, dass meine Erfahrungen mit diesen Gedichten den Standard darstellen, bestimmt springt vielen mein zweiter Eindruck als Erstes ins Gesicht. Und doch würde ich behaupten: diese Gedichte täuschen einen zunächst. Was zunächst windig und unbeschwert und sprunghaft wirkt, brodelt und bockt, eruiert und zündelt.

Kurzum, als Fazit bleibt mir nur mein Eindruck, dass diese Gedichte ungesicherte Erscheinungen sind. Fassaden, die mit großen blinkenden Leuchtschriften auf ihre Nichtfassadenhaftigkeit hinweisen. Eindrucksschwellen, die ich übertrete, ohne es bemerkt zu haben. Was ich aber mitten in den Gedichten immer wieder auffinde: eine Form des Arrangements und der Inszenierung, die eine gewisse Freiheit ausstrahlt, eine ungezwungenere Begegnung mit der sprachlichen Ausformung.


Thomas Kunst: Kolonien und Manschettenknöpfe. Gedichte. Berlin (Suhrkamp) 2017. 125 Seiten. 20,00 Euro.

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