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Tamar Radzyner: Nichts will ich dir sagen

Rezensionen


Jan Kuhlbrodt

Zu Tamar Radzyner
 

Über die leblosen Körper
schreite ich
tausendfach vergrößert
durch den Tod in meiner Hand
mit milder Weisheit
mit leichtem Ekel
ich, der Ameisengott.

So endet ein Gedicht dieses Buches, das Ameisen heißt. Und auch folgende Zeilen birgt:

So nehme ich meine Zyklondose
sprühe Tod.

Alles, was man sagen kann, kann man klar sagen, schreibt Ludwig Wittgenstein in seinem Tractatus. Und natürlich bezieht er sich mit diesem Aphorismus nicht auf eine lyrische Produktion. Aber der Satz, dass man über das schweigen müsse, worüber man nicht sprechen könne, scheint in all seiner erschreckenden Banalität auch auf die Produktion lyrischer Texte übertragbar, kündet er doch von einem beredten Schweigen.

Seit einigen Jahren erscheinen unter dem Namen „Nadelstiche“ im Verlag der Theodor Kramer Gesellschaft Lyrikbände, die genau auf dieser Grenze anzusiedeln sind. Sie künden vom Unsagbaren, und sie sprechen das Unaus-sprechliche aus. Markieren den Zivilisationsbruch, der mit der Ermordung der europäischen Juden einhergegangen ist. Und alles, was diesen Vorgang versucht sprachlich zu fassen, muss letztlich an seiner Unbegreiflichkeit scheitern. Natürlich kann man die kalten Fakten aufzeigen. Aber man scheitert notwendig am Verstehen. Die Banalität des Bösen zu erfassen muss man sich letztlich dem Bösen gemein machen. Und hier vielleicht liegt die Crux. Denn wieder gut zu machen ist es nicht. Ein Fehler allerdings wäre es zu schweigen. In Wittgensteins Formulierung liegt ein Aktiv versteckt. Über etwas zu schweigen heißt nicht zu verstummen. Das Schweigen kann beredt sein. Und zu erzählen wäre die Zerstörung, die das Beschwiegene angerichtet hat.

Zuletzt erschien in der oben erwähnten Reihe ein Band mit Gedichten der 1927 in Polen in einer jüdischen Familie geborenen Lyrikerin Tamar Radzyner. Radzyner schloss sich während der deutschen Besetzung dem kommunistischen Widerstand an. Sie wurde nach Auschwitz deportiert und in verschiedenen Außenlagern zur Zwangsarbeit herangezogen. Sie überlebte. Anfang der fünfziger Jahre emigrierte sie aufgrund des anwachsenden Antisemitismus in Polen nach Österreich. Mit dem Land wechselte sie letztlich die Sprache.

Der Nachtfalter

Ein Nachtfalter
in meinem Zimmer
abends
vor der Lampe
eine Todesvorführung
Drang zur Selbstvernichtung
Angst vor der Selbstvernichtung
Am Tag
hinter dem Sesselbein
blind
halb verbrannt
auf die Lampe wartend
Ein verbrauchtes Symbol:
Das Licht und der Nachtfalter
Sollte man
auf die verbrauchten Symbole verzichten
müßte man
jedes Wort vergessen
Deshalb schone ich
mein zerfranstes Symbol
lasse es
hinter dem Sesselbein
sehnsüchtig
verrecken

Die Drastik, die in diesem Gedicht anklingt, zieht sich durch den ganzen Band. Die Sprache der Gedichte ist direkt, unumwunden, versucht nicht, durch Lyrismen etwas aushaltbar zu machen, was nicht aushaltbar ist. Und zuweilen begegnet man in ihren Texten einem rabenschwarzen Humor, der auch Georg Kreisler eignete, mit dem sie von 1971 bis 1974 an Kabarettprogrammen arbeitete.

Tamar Radzyner: Nichts will ich dir sagen. Gedichte und Chansons. Wien (Theodor Kramer Gesell-schaft) 2017. 182 Seiten. 21,00 Euro (für Mitglieder 16,80 €).
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