Steven Uhly: Sylvester - Signaturen

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Steven Uhly: Sylvester

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Steven Uhly


Sylvester



Sich selbst imitieren, es auf keinen Fall tun, davon werde ich handeln. Ich gehe durch die Straßen, die Gefühle, zehn Jahre auf den Tag, sogar das Knacken im Gehör bei jedem Schlucken vor Schreck über die Verdopplung der Vergangenheit mit Hilfe meiner Rückkehr in diese Stadt ist so, als hätte ich damals es auf mich heute abgesehen. Aber so genau ist das Leben nicht, sage ich mir, das Leben ist schlampig mit Jubiläen, wir feiern sie, um irgend etwas gerade zu rücken mit der Zahlenmagie, die sich entfaltet, nur weil wir irgendwann das Rechnen gelernt haben. Ich gehe im schneeweißen Schnee, eine Anspielung auf meine Unschuld, als ich vor zehn Jahren denselben Weg ging und noch nichts wusste von meiner Rückkehr verkleidet als Älterer mit versteckten Narben, die nur von einer Frau entdeckt werden können, nach meiner Irrfahrt von Insel zu Insel, auf jeder lebte eine Frau, an der ich mich verwandeln wollte zum Bleiben, in welcher Gestalt auch immer. Nichts mehr wird so wie früher sein, mein Held war im Irrtum, er war jener alte schäbige Bettler und das ganze Ende seiner Begierde erlebte er im Traum hinter dem Ofen bei den Dienstmägden, die nicht den Mut aufbrachten, ihrer Herrin zu beichten, dass ihr geliebter Gemahl kaum noch im Stande wäre, den Bogen neu zu spannen und alle Fremde zu vertreiben. Wie sein sterbender Hund endet mein Held, ich weiß es erst jetzt durch den Schmerz des Unglaubens, den ich fühle, seit ich zurückgekehrt bin in diese Stadt, die ich einst erobern wollte, wie einer, der weiß, dass alles längst ihm gehört, und dann doch geschlagen in See stechen musste, nicht eine Finte half mir, es zu vermeiden, und kein Brautgewand wurde gewoben und in keiner Nacht musste mein siegreicher Rivale das Gemach verlassen, weil sie Vollbrachtes wieder auftrennen wollte, als könnte man die Geschichte am Saum packen und in ihre Fäden zerlegen, um daraus neue Muster zu bilden und das Ergebnis wäre immer die eine Hochzeit mit mir, die erst ganz am Ende, wenn man schon halb erwacht ist aus dem Traum vom besseren Ende, willentlich vollzogen wird, ich hätte auch das hingenommen.

Aber es war alles ganz anders, man hat mich sogleich erkannt nach achteinhalb Jahren, man hat mich sogleich geliebt, die Rivalen hatten sich selbst aus dem Feld geschlagen, die Geschichte brachte ein neues Muster aus ihren langen Fäden hervor, und eines Tages auf den Tag zehn Jahre später gehe ich denselben Weg durch denselben Schnee und sehe noch meine Fußspuren von damals und trete hinein und genau in diesem Augenblick schnappt die Zahlenfalle zu. Es gibt ein Echogefühl, ich sehe, wie mein Jüngerer mich Älteren auf dem Papier entwirft, jetzt schreibt er, was sie so oft sagte, Wir hätten uns erst in zehn Jahren treffen sollen, schwarze Spuren im schneegleichen Blatt, ich verliere die Gegenwart meiner selbst, auch das Knacken im Gehör ist eine Folge des Überdrucks, mit dem sie damals kam und ging, Flut und Ebbe, Einatmen, Ausatmen, Hin- und Rückfahrt, meine Stadt, seine Stadt, die längst ihre Stadt geworden war, Lieben, Schreiben, Wissen und Zweifeln. Sie hat nichts aufgetrennt, sie hat zweimal den Telemachos geboren, sie ist verlassen worden, sie hat einen anderen geliebt und noch einen, und am Ende hat sie einen Anfang gemacht und mich im Exil besucht und wird mir ein Kind schenken, um zu beweisen, dass ihre Liebe trotzdem echt ist, und ich stehe vor dem gewobenen Muster und sehe die Ähnlichkeiten, hier ganz vorne diese Stelle, sie pocht wie mein Herz damals vor Angst über die Entdeckung, wie fest sie gebunden war an ihre Welt, als hätte sie ein Feuer gestohlen und wäre angeschmiedet an den Fels, der ihr Sicherheit gewährte und Schmerzen, weil er sie doch nicht einließ, weil er sie doch wund rieb und die Seele anfraß, Beischlaf um Beischlaf. Aber sie hatte sich verbrannt, das war die Wahrheit, an einem wie mir, der nichts ahnte von seiner Hitze und sich verzehrte nach ihrer Liebe, die immer da war und doch den Temperaturen der Zweifel nicht standhielt.

Ich bin ganz verwirrt stehen geblieben, der versilberte Himmel neigt sich in die Nacht, der Tag ist nur ein Atemholen der Dunkelheit, die sich wie der Schatten eines Schläfers auf uns legt, ich sehe die Menschen, sie ziehen ihre Beine nach im Schnee, eines ums andere, und rutschen doch durch ihr Schicksal, das Sichtbare erfüllt mich mit Klangmustern, die vor zehn Jahren zum ersten Mal gespielt wurden, all dies Beine-Nachziehen-und-es-ein-Gehen-Heißen habe ich schon einmal gesehen und mitgemacht, auch ihre Liebe erlosch wie damals wie durch Zauber, kaum, dass ich die Stadt betreten hatte, oder war es vorher? Ich bin zurückgekehrt und werde wieder abreisen, das ist die ganze Tatsache über die Irrfahrt, mein Held hat mich ahnungslos betrogen, statt seiner ewigen Jugend, seines vollkommenen Glücks schaue ich jetzt auf die Endlosschleifen, die seine Konjunktive durch die unvollendete Geschichte ziehen, und hätte er noch die Kraft und die Schönheit, den Bogen neu zu spannen, und gäbe es die Göttin, die ihn zurückverwandeln könnte in die Zeit der frisch aufgetrennten Geschichte, und wäre ich stärker und wüsste genauer, dass ich sie liebe, und könnte ich ihre hochschwangere Hülle durchbrechen und sie mit jener Gewissheit nehmen, die an die Stelle des Zögerns eine unserer berühmten Umarmungen blendet. Aber ich sitze in meinem Zimmer und denke daran, wie ich durch den Schnee ging vor wenigen Tagen und diesen Tag vorhersah, als wäre er die Auferstehung des einen Kalenderwechsels vor zehn Jahren, und als stünde mit ihm ich selbst als jener Jüngere wieder auf, dessen Stärke ihm nichts nützte, dessen Niederlage durch das Feuer in seiner Seele noch brennender wurde, deren Ascheregen bis heute niedergeht auf die Landschaft der Gegenwart und alles beschmutzt mit unheilvollen Vorahnungen oder Nachahnungen, den Schnee, das Papier, als müsste heute auf den Tag nach zehn Jahren der Augenblick gekommen sein, an dem sie uns wieder auftrennen wird und mein Ältersein gleich dazu, so dass ich wieder keinen Vorsprung vor mir selbst hätte und gewiss meine Fehler noch einmal beginge, oder gewiss noch einmal als Fehler beginge. Im Schnee, den die Nacht jetzt verdunkelt, stehe ich und stelle mir vor, wie ich am Schreibtisch sitze oder saß, ich weiß nicht genau, und versuche, mir alle Muster von der Seele zu bannen mit sinnvollen Spuren im Papier, und bin auch darin ein Plan meiner selbst, und habe auch darin nichts gelernt seit damals, bin auch darin nicht der, den ich nicht kenne, weil Kennen oder Nichtkennen nicht meine Frage an mich wäre, so dass ich eine geringste Sicherheit hätte, dass morgen nicht alles so gewesen sein wird wie auf den Tag vor zehn Jahren, als sie ihre Kälte durch die Winterluft schickte und mich verbrannte bis unter die Haut, bis in diese Zukunft der Vergangenheit, meinen einfachen Spaziergang, der mir allmählich zur unendlich langsamen Flucht im Kreis wird, und das Echogefühl ist stärker jetzt, und der Überdruck im Gehör, als sie damals die Tür wies mit hundert kleinen Gesten, erzeugt mir jetzt ein lauteres Knacken bei jedem Schlucken, und die Spuren von damals sind frischer in der Dunkelheit, und die Kälte spannt mir das Gesicht und verwandelt es unverhofft in einen altbekannten Unbekannten, der nie von hier fort gegangen ist, der zehn Jahre lang denselben Weg zurückgelegt hat und dabei glücklich gewesen ist, immer mit dieser Frau, immer mit denselben Kindern, die meine eigenen Telemachen wären, Symbole meines Sieges über alles Fremde, ich denke: ich wäre ein ahnungsloser Held, wäre es so gekommen, hätte es keine Irrfahrt gegeben, wären die Spuren im dunklen Schnee von gestern und genau deshalb schon alt, und das Papier spräche von anderen Gängen, während ich hier säße und mir die Geräusche im Haus anhören würde wie ein Klangmuster, das heute vor zehn Jahren begonnen hätte, anstatt hier zu sitzen und ein doppelt geschlagener Heimkehrer zu sein, für den immer nur der kürzeste Tag wichtig war, weil die Dunkelheit dann allmählich wieder kurzatmiger werden wird, während ich langsam den Rückweg durch die kälter werdende Luft antrete und jetzt schon das rosafarbene Haus sehe, das damals grün war, solche Dinge haben sich geändert, und ein paar weiße Haare habe ich auch, und ihr Gesicht trägt Narben vergangener Liebe, die man nicht fortküssen kann und die jeder entdeckt, so schön sie auch immer noch ist, an diesem mathematisch genau gedoppelten Jahresende. Was auch geschieht heute Nacht, es wird seine Hand ausstrecken durch zehn Jahre hindurch, ich werde einen Kampf dagegen kämpfen, von dem mein verlorener Held nichts weiß, einen Kampf um das Ältersein, gegen den Schnee von gestern und den Überdruck von einst. Jetzt bin ich angekommen, die Gartentür steht offen, der Weg ist frei, ich habe einen Schlüssel, jetzt spüre ich die Wärme im Inneren und steige die Treppe hinauf in mein Gästezimmer, jetzt setze ich mich wieder zu mir selbst an den Ort, an dem ich dies alles vor zehn Jahren geplant habe, und versuche, den sinnvollen Spuren im schneeweißen Papier ein Ende zu geben.

 
 
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