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Stefan Schmitzer: okzident express. falsch erinnerte lieder

Rezensionen / Verlage


Timo Brandt

Im/vom/mit dem Chaos singen, aber in was stimmt man da ein (und wo-zu)?


„wenn wir uns an das zeug erinnern das wir irgendwie irgendwann und sei es bloß jetzt im nachhinein daher im sinne der hashtag #autofiktion unsere hashtag #lieder genannt haben werden . dann erinnern wir uns falsch an die unschuld des richtigen . nicht wahr“

Wären Stefan Schmitzers Langgedichte aus „okzident express“ Filme, würden sie vermutlich mit sehr vielen Überblendungen, harten Schnitten, flackernden Effekten und schwer-dröhnenden bis verwirrend süßlichen Stimmen aus dem Off arbeiten und auf an Mainstream gewöhnte Zuschauer*innen schrill und grell wirken, obwohl sie gar nicht so schrill und grell wären.

Diese Einleitung vor allem deshalb, weil ich glaube, dass diese Gedichte sich teilweise auf so krasse Art „gebärden“, zur Gebärde werden, in ihrem Mix aus Zitaten, Referenzen, Anspielungen, Brüchen in Sprache und Narrativ, in der Abwechslung von Groß- und Kleinschreibung, dass potenzielle Leser*innen sie allzu schnell aus der Hand legen könnten, mit dem Argument: das überfordert mich, das ist mir zu viel, zu arg, zu sonderbar.

Ich habe diese erste Phase auch durchlaufen und zu Anfang erschienen mir die Gedichte wie Granaten, die man mir mit gezogenem Stößel in die Hand drückt, aber weil ich keine Ahnung habe, gegen wen oder was sie eigentlich geworfen werden sollen (verschiedene gebrüllte Anweisungen im Ohr, oder doch Warnungen?) – oder wo in den Gedichten überhaupt oben, unten und erste-vierte Wand ist + doppelte Böden – explodieren sie mir in der Hand und ich kam mir als Leser vor wie das in Kauf genommene Opfer in der Statistik eines Krieges, den der Dichter Schmitzer mit der Welt, mit der Weltkultur oder einfach mit sich selbst austrägt.

Aber stellenweise habe ich dann doch noch einen Weg in das Buch gefunden – oder zumindest das Gefühl gehabt, die Atmosphäre in den „Liedern“ zu verstehen. Dazu später mehr, aber erstmal zurück, zum Titel.

Denn der ist ja durchaus vielschichtig, und es wäre fatal, wenn man ihn eindeutig als Verweis auf den Orient-Express, den berühmten Zug zwischen Paris und Konstantinopel/Istanbul, versteht.

Vielleicht wird da der Okzident „express“ geliefert, kompakt und gut verpackt an die Hirnschwelle gestellt? Oder ist mit dem Okzident-Express der Flüchtlings-„zug“ gemeint? Oder greifen die Gedichte wahrhaftig den Glamour von der Vorstellung eines Okzident-Expresses an/auf, in dem das westliche Bildungsgut seit Jahrzehnten frohgemut in unserem Kopf, will heißen: im Kreis herumreist (durchaus gespeist vom Denken aus anderen Kreisen, diese aber einfach aufnehmend), auf wunderschönen Strecken, während der Zug der Menschheit zur gleichen Zeit auf einen Abgrund zurast?  

„und was geht mich das an?
[…]
antwort: für mich der ich ein bissl mehr als eine hütte überm haupte hábe
gibt’s erschtns zu verliern die diese oder jene gábe
wenn allgemein sich aufgebäum(e)t wird
und ich verstehe auch zweitens sowieso die welt nicht mehr

der fortschritt ist kaputtgegangen
[…]
ich versteh das alles nicht wo
kommt die panik weltweit her dass jeder zu seinem dings
weil ja die andern auch und überhaupt
wenn es im fernsehen weltweit game of thrones und song contest hat –

was wollt ihr noch? das is die frage.
weil míhír reicht game of thrones und songcontest ja auch
[…]
bin ich defekt?“

Alle drei (und noch mehr) Varianten lösen die Texte auf ihre Weise ein. Schmitzer stellt seinen Gedichten viele Werke aus dem westlichen Bildungskanon (von Trakl über Ovid bis zur Bibel) voran und durchzieht sie auch teilweise damit, baut auf ihnen auf, aber spricht dabei eben sowohl über weltliche Katastrophen als auch über geistige, ideelle. Meinem Geschmack nach übertreibt er es dabei hier und dort, vor allem mit seinen Reflexionsreflexen, sodass jede Reflexion irgendwann wie eine Biene ist, die mit ihrem Stich auch gleich wieder stirbt.

Auch die Balance zwischen Agitation und Poesie gelingt ihm nicht immer, aber da, wo sie gelingt, versteht man, warum er sich darum bemüht, und dieses Verständnis macht auch im Misslungenen einiges sichtbar.

Und an den besten Stellen sind die Gedichte für mich vor allem Gesänge von Angst und Wahnsinn, kreis(ch)end unter den Nadeln der zeitgeistigen Plattenspieler, die Firmenlogos und Doktrin-Dokumente, Kainsmale und anderes auf jeden Zentimeter menschlicher Haut tätowieren – oder zumindest zu tätowieren drohen. Manchmal erwecken sie den Eindruck, einfach nur Dickicht zu sein – aber selbst dann bilden sie mitunter das Dickicht ab, das die Welt geworden ist, umwuchert von Informationen, die sich in immer neuen, stets zu beachtenden Schichten um die Dinge legen, zu denen man kaum mehr durchkommt.

Zwischen Schnodder und Kulturanalyse, Spott und Verzweiflung, haben Schmitzers „falsch erinnerte lieder“ manchmal ein bisschen zu wenig Lesende im Blick, ihre Manie macht sie schwierig, aber auch agil, diese Manie trägt und transportiert auch ihre Botschaft, ihre Idee. Engagierte Lyrik, politische Gedichte werden es immer schwer haben, denn sie gehen eine unnatürliche Verbindung ein, bewegen sich dorthin, wo eine weltfremde, korrumpierte, entkernte Sprache herrscht. Schon mal versucht, Kerne zurück in die Dinge zu tragen, aus denen sie entfernt wurden? Hochachtung vor einem, der es, meines Erachtens, immer wieder versucht!


Stefan Schmitzer: okzident express. falsch erinnerte lieder. Graz (Literaturverlag Droschl) 2019. 72 Seiten. 16,00 Euro.
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