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Stefan Ripplinger: Mallarmés Menge

Rezensionen / Verlage


Vincent Sauer

Entdünkelung

Stefan Ripplinger legt in „Mallarmés Menge“ die soziale und politische Dimension im Werk des Dichters offen

Ja nicht anfassen! Gütesiegel A! Seit über hundert Jahr! Es scheint nicht ratsam, Poesie mit Prädikaten wie „hermetisch“, „sublim“ oder „absolut“ zu versehen. Ehrfürchtige Vitrinen-Putzer in den Reihen von Wissenschaft und Kritik behelfen sich gerne dieses Tricks, um zu verhindern, dass vermeintlich weniger qualifizierte Leser, die keine Zeit für den beständigen Trab durch den Kanon haben, sich überhaupt erst trauen, irgendetwas mit diesen Texten anzufangen, sie für sich entdecken. Dass als besonders „schwierig“ gepriesene oder verschriene Gedichte auch bei den Lesern etwas in Gang setzen können, denen es nicht darum geht, der gewiefteste Interpret einer Strophe zu sein, scheint ausgeschlossen. Am besten einfach staunen, schweigen, Ergriffenheit beteuern.

So wird nicht selten mit Stéphane Mallarmé verfahren. Sein Schaffen rechnet man in Lehrwerken blindlings der l’art pour l’art zu, ein Begriff, von dem keiner so recht sagen kann, was das sein soll und wem damit geholfen ist. Gegen das Schal-Werden Mallarmés im Kanon der so modrig werdenden Moderne eilten in den letzten Jahren immer wieder französische Philosophen zu Hilfe. Alain Badiou, Jacques Rancière, Quentin Meillassoux betätigten sich allesamt als Mallarmé-Leser und -Exegeten. Aus dem deutschsprachigen Raum finden sich wenig Veröffentlichungen zum allzu oft als „Dichterfürsten“ letztlich verunglimpften Mallarmé, der sich die meiste Zeit als Englisch-Lehrer verdingte und bescheiden lebte — auch wenn sich bei seinen berühmten, dienstäglichen Soirées Dichter wie Valéry, Gide, Yeats, Wilde oder Rilke und George um ihn versammelten. Stefan Ripplinger legt mit „Mallarmés Menge“ nun einen Essay vor, der kenntnisreich und eindringlich eine Lesart des Werks vorstellt, die ein politisches Moment dieser Poesie hervorkehrt, dabei aber nichts mit falschen Indienstnahmen und Vereinnahmungen zu tun hat.

Mallarmé lebte in bewegten Zeiten: Geboren wurde er 1842 in Paris, also im Ersten Kaiserreich. Als er 1898 starb, währte seit 17 Jahren die Dritte Republik. In dieses halbe Jahrhundert fallen Ereignisse wie der Putsch Napoleons III., die Pariser Commune, die Dreyfus-Affäre, der Panama-Skandal. Der Staat steckt ständig in der Krise, es herrscht der Hochkapitalismus. Mallarmé äußert kein Lob für die Pariser Kommunarden, engagiert sich nicht wie etwa der Romancier Emile Zola in der Affäre um den jüdischen Artillerie-Hauptmann Dreyfus: Mallarmés Politik einer „Menge“ hat nichts mit Anfeuern aus sicherer Ferne oder exponiertem Einschreiten/ Engagement zu tun.

Gerade in seiner „Selbstständigkeit“, zeigt Ripplinger, steckt der „Hebammendienst“ dieses Dichters für die (mögliche soziale, nicht nur kunst-immanent poetische) Revolution. „Er dichtet für die Menschen, spricht aber nicht ihre Sprache. Er spricht jedenfalls die Sprache nicht, die sie gerade sprechen.“

Dieser „Hebammendienst“ wird durch kein wohlwollendes Gut-Zureden abgeleistet oder im Dichten großer Betroffenheits-Oden. Ripplinger diskutiert die Darstellung von Armut in einigen Gedichten Mallarmés, etwa „Makabre Minne“, aber etwas anderes ist für ihn entscheidend. Am Anfang beschäftigt sich der Essay eingehend mit einer Prosa Mallarmés, „Conflit“, in der der Dichter eine Begegnung mit Arbeitern auf dem Land reflektiert. Statt die Arbeit mit dem Spaten der mit Schreibgerät einfach gleichzusetzen, wird ein „Konflikt“ entwickelt zwischen der Entbehrung der Arbeiter, dem Schuften für den Besitz fremder Herren, und der Gemeinschaft untereinander, die sich abzeichnet, und dem möglichen Gemeingut, das der von ihnen bestellte Boden sein könnte. Der Dichter wiederum muss Abstand halten: weder will er sich vorgeblich mit ihnen verbrüdern, ihren Zustand feiern, noch sich den Gutsherrn anheischig machen. Er verharrt in diesem Weder Noch und erhält damit eine Negative Dialektik in Gang, mit der sich die Befreiung von der Fron denken lässt, die Versöhnung mit der Natur. Kunst und Literatur sind „ursprünglich und wesentlich kollektive Institutionen und (sie) verlangen danach, ins Gesamt der Produktion eingebettet zu sein, weil sie nur im Gesamt der Gesellschaft produktiv bleiben“, so Ripplinger. Dass das auf Mallarmés Gedichte zutrifft, zeigt er, indem er ihre vermeintlich elitäre Abstraktion als potenziell egalitäre, auf die Zukunft gerichtete Offenheit auslegt: vielleicht als unbestelltes Feld, das sich der Besitznahme durch Einzelne entzieht.      

Ein Vorurteil gegenüber der sogenannten „Poésie Pure“ besteht darin, dass der „hohe Ton“ das Produkt einer Ansammlung möglichst erlesener Wörter wäre und das strenge Verbot von Sprachmaterial herrscht, das den Eindruck der Banalität aufkommen lassen könnte. Ripplinger stellt klar, dass es Mallarmé nicht um „Sprachreinigung“ ging à la „Die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen.“ Mallarmé ging es um die Verhältnisse: Und zwar um die der Wörter zueinander im Gedicht, in der (komplexen) Syntax. Sein Vokabular ist nicht eine gigantische Waren-Wörter-Ansammlung. Stattdessen geht es um den Umgang mit ihnen. Ripplinger beschäftigt sich etwa mit der Verwendung des Worts, der Silbe „Or“. Aber die Verhältnisse außerhalb der Texte, die gesellschaftlich, die ökonomisch geprägt sind, werden nicht einfach verklärt. Dass Mallarmé gut verstand, in welcher Zeit er lebte, belegen mehrere Begriffe. Mallarmé erkennt die unaufhebbare Kontingenz, im Kapitalismus an Stelle des Schicksals. Ausführlich legt Ripplinger das in einer Deutung des berühmten Würfelwurf-Gedichts dar.
    Für ihn richtet sich Mallarmés Poetik sowohl gegen die Autonomie-Ästhetik, denn die Mitwirkung von Lesern bzw. Zuhörern ist für das Gedicht unerlässlich. Gleichfalls redet er auch keiner Wirkungsästhetik das Wort, denn er sei nicht auf „Überwältigung“ aus, wie man es einem herrischen Dichterfürsten vielleicht unterstellen könnte. Die Abstraktion, die seine Poesie anstrebt, der Aufschub oder Mangel an klar benennbarem Inhalt, ist für Ripplinger so zu verstehen, dass der Dichter „alle Grenzen dem Unendlichen, der unendlichen Gesellung, dem unendlichen Gespräch“ öffnet. Die Abstraktion verzichtet darauf, Vorstellungen und Empfindungen festzulegen, und hält damit die Möglichkeit offen, dass jeder sie mit seinen füllen kann. Die einzige Voraussetzung dafür ist, laut Ripplinger, ein „grundlegender Mangel an Existenz“.

Auf 130 Seiten, an Gedichten, Prosa, Briefen Mallarmés, mit genauer Kenntnis des Werks und der Zeit gelingt Stefan Ripplinger eine Interpretation Mallarmés, die sich nicht damit begnügt, auf Kosten der Gedichte eine irgendwie noch unbekannte „soziale“ Seite des Dichters zu zeigen, sondern stellt plausibel und gut lesbar dar, dass Mallarmé nicht in einen Schrein, nicht hinter die Vitrine gehört, sondern unvoreingenommen gelesen gehört. Jeder kann dabei nur etwas für sich gewinnen. Oder wie Mallarmé selbst schrieb:

„Die Menge, vor der nichts verborgen gehalten wird, da doch alles aus ihr hervorgeht, wird sich eines Tages in dem Werk wiedererkennen, das überlebt und an Reichtum nur hinzugewonnen hat.“


Stefan Ripplinger: Mallarmés Menge. Berlin (Matthes & Seitz) 2019. 144 Seiten. 14,00 Euro.
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